Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Zukunft

„Das Ihme-Zentrum sollte ein urbanes Labor werden“

Welche Rollen könnten die brach liegenden, offenen Flächen im Ihme-Zentrum spielen? Wenn es nach dem Team von Hannover VOIDS geht, dann würden dort Gemeinschaftsgärten und Begegnungsorte entstehen. Das ganze Quartier eignet sich für die kreativen Freiraumplaner ideal, um kreative und nachhaltige Experimente durchzuführen. Im Interview erklärt Mitinitiatorin Kendra Busche, wie Bewohnerinnen und Bewohner von einer (Wieder-)Belebung der Flächen profitieren und das ganze Umfeld dadurch aufblühen würde.

Was ist Hannover VOIDS und was möchtet ihr in der Stadt bewegen?
Hannover VOIDS macht Möglichkeitsräume in der Stadt sichtbar und stiftet zu Experimentierfreude und Kreativität im urbanen Raum an. Dem Ziel der „Stadt für alle“ möchten wir uns gemeinsam auf zwei Weisen nähern: digital im Netz, sowie physisch in der Stadtlandschaft. Hannover VOIDS zeigt untergenutze (Frei-)räume und ihre Charakteristika in Hannover auf. Das digitale Schaufenster ist als offene Sammlung ausgelegt und kann durch die HannoveranerInnen fortlaufend ergänzt werden.
Neben dem VOID-Atlas starten wir auch Vor-Ort-Aktionen. In Kooperation mit unseren Komplizen möchten wir Orte aktivieren, die sonst häufig im Alltag übersehen werden. Viele HannoveranerInnen besitzen Bedürfnisse an (Frei-)Raum, die es sich lohnt zu testen! Dieses räumliche und soziale Potential Hannovers möchten wir gemeinsam nutzen.

Beton statt Grün – momentan sehen viele Dächer, Höfe und ehemalige Gartenbereiche im Ihme-Zentrum noch sehr trostlos aus. Doch das Potenzial für Gärten ist riesig.

Am 14. und 15. April beschäftigt ihr euch mit dem Ihme-Zentrum. Dort gibt es viele Brachflächen. Was könnte man daraus aus eurer Sicht im Rahmen von Grüner Stadt machen?
Aus unserer „(landschafts-)architektonischen und städtebaulichen Sicht“ sollte die Entwicklung des Ihme-Zentrums Ziele einer nachhaltigen Stadtentwicklung verfolgen. Das heißt soziale Teilhabe ermöglichen, ökologischen Aspekten gerecht werden und dabei seine Eigenart bewahren. Große Potenziale liegen in der Wiederbelebung der „grünen Nachbarschaftstreffpunkte“ und der ökologischen Funktion von Wasserkanten, Fassaden und Dachflächen. Eine Entwicklung von Habitaten für Tiere und Pflanzen kann neben der Schaffung von Ruhe- und Bewegungsräumen für Anwohnende und NutzerInnen zur Wiederbelebung des Ihme-Zentrums beitragen. Auch die Kontaktstellen zur umgebenen Stadtstruktur stellen ein großes Potenzial dar. So könnte das Ihme-Zentrum in Zukunft wieder stärker als Transitraum für Spaziergänger und Radfahrer genutzt werden.

Hast du eine positive Vision vom Ihme-Zentrum im Jahr 2025?
Aus meiner Sicht besaß das Ihme-Zentrum schon immer positive Eigenschaften. Es verfügt über ein enormes (Raum-)Potenzial, um als ein urbanes Labor wahrgenommen und genutzt werden zu können. In diesem urbanen Labor spielen die BewohnerInnen des Ihme-Zentrums nicht die Rolle der „Labormäuse“, sondern werden Nachbarn sein, die von der neuen Vielfalt im Ihme-Zentrum profitieren. Die derzeitig verwahrlosten Ebenen im Sockelbereich übernehmen dabei eine verknüpfende Funktion. Integrative Kultur- und Lernräume, sowie gewerbliche Einrichtungen entstehen sukzessive. Kreative Experimentierräume werden geschaffen. Lokal verankerte Kaufleute und Gastronomen hauchen den Geschäftszeilen wieder Leben ein. Das Ihme-Zentrum hat für alle einen Platz im Herzen (von Hannover).

Kendra Busche ist Wissenschaftlerin an der Leibniz Universität Hannover und Mitinitiatorin von Hannover VOIDS.

Hannover VOIDS stellen am 15. April im Rahmen des Events „Grüne Stadt“ ihr Konzept der kreativen Brachflächenentwicklung vor. Daneben gibt es Impulsvorträge zu Permakultur und Gärten als soziale Räume. Im Anschluss werden in Workshops Ideen für eine grüne Entwicklung des Quartiers gesammelt und erarbeitet. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Reihe #ihmezentrum2025 statt, die vom Innovationsfonds Landeshauptstadt Hannover gefördert wird. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung Niedersachsen / Stiftung Leben und Umwelt statt. Weitere Partnerinnen sind Himmelbeet, das Institut für Freiraumentwicklung der Leibniz Universität, Transition Town Hannover sowie h1.

Was: „Grüne Stadt“ – Vorträge und Workshop
Wann: Sonntag, 15. April, 14 Uhr
Wo: Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Ihmeplatz 7e
Wie viel: Eintritt frei

Wie Permakultur die Revitalisierung des Ihme-Zentrums unterstützen kann

Wie kann aus einem kaputten System eine gesunde und nachhaltige Kreislaufwirtschaft werden? Permakultur zeigt, wie innovativ und erfolgreich ganzheitliches Denken im Gartenbau und in der Landwirtschaft wirkt. Und das Konzept ist auch auf die Stadtentwicklung übertragbar: Die Wissenschaftlerin und Permakultur-Expertin Sonja Lepper erklärt im Interview, warum dieser Ansatz so wichtig für eine nachhaltige Stadtentwicklung ist und wie zum Beispiel das Ihme-Zentrum davon profitieren könnte.

Zum Einstieg: Was ist Permakultur?
Permakultur (engl. permanent [agri]culture) ist eine ökologisch, sozial und ökonomisch robuste Planungsstrategie, deren Schwerpunkt auf komplexen, sich selbst erhaltenden Landnutzungssystemen liegt. Permakultur erschafft bewusst gestaltete Landschaften, die die Muster und Zusammenhänge der Natur nachahmen und gleichzeitig eine Fülle von Nahrungsmitteln, nachwachsenden Roh­stof­fen und Energie liefern. Ursprünglich von permanent agriculture abgeleitet, wurde sie als permanent culture neu definiert, weil sie sich zunehmend auch mit gesellschaftlichen Fragestellungen (Soziale Permakultur) befasst.

Was ist das Besondere an der Permakultur?
Permakultur ist prozessorientiert (im Gegensatz zu zielorientiert) und versucht, Selbstorganisation zu implementieren, statt sich auf vordefinierte Pfade zu konzentrieren. Permakultur versucht, durch genaue Beobachtung und Reflexion von Prozessen in natür­lichen Ökosystemen zu einem ganzheitlichen Systemverständnis zu kommen. Als Richtschnur für den Pla­nungs­prozess wurden sogenannte Gestaltungsprinzipien entwickelt. Diese Prinzipien können innerhalb eines methodisch ausgestalteten Planungsprozesses angewendet werden. Als holistischer Ansatz kann Permakultur auch auf andere kom­ple­xe Planungsprozesse innerhalb einer nachhaltigen gesell­schaftlichen Entwicklung übertragen werden.

Viele der ehemaligen Höfe im Ihme-Zentrum liegen brach. Wo früher Kinder spielten nagt jetzt nur noch das Wetter an der Bausubstanz.

Und warum ist Permakultur wichtig für eine grüne Stadtentwicklung?
Städte lassen sich wie Ökosysteme als komplexe Systeme beschreiben. Sie bestehen aus vielen Elementen, die miteinander auf häufig nicht sichtbare Weise wechselwirken. Ihre Dynamik lässt sich nicht immer vorhersagen, und bisweilen lassen sich überraschende Entwicklungen erst im Anschluss an die Beobachtung beschreiben. Für eben solche Systeme bietet die Permakultur Werkzeuge und Methoden des planerischen Umgangs. Förderung von Selbstorganisation dient dabei dem Aufzeigen von Partizipationsmöglichkeiten, und das Schließen von Kreisläufen wirkt dem Ressourcenverbrauch entgegen, um nur zwei Beispiele für die Anwendung von Permakultur zu nennen.

Gibt es bekannte Beispiele von Gärten / Landwirtschaft aus dem Bereich Permakultur?
Eines der derzeit bekanntesten Beispiele ist die Farm Bec Hellouin in der Normandie, die schon in unterschiedlichen medialen Auftritten sowie durch verschiedene ökonomische und ökologische Studien die Vorzüge der Permakultur in einem landwirtschaftlichen Kontext aufgezeigt hat.
Auch in Deutschland gibt es eine ganze Reihe von Permakultur-Praxisorten, an denen die Anwendung von Permakultur praktisch erfahrbar wird. Oft sind es landwirtschaftliche Betriebe oder Selbstversorgerhöfe (z.B. Hof Luna im Leinebergland, Permakultur-Hof Stein-Häger in der Uckermark), da Permakultur aus dem Wunsch eine nachhaltige Landwirtschaft zu entwickeln, entstanden ist. Doch auch größere Gemeinschaften wie die Ökodörfer Sieben Linden und Schloss Tempelhof bieten ebenso Anschauungsbeispiele wie Gemeinschaftsgartenprojekte (z.B. Peace of Land in Berlin).
Die wohl bekannteste Anwendung der Permakultur in Städten ist die Transition Town Initiative, die vom Permakultur Designer Rob Hopkins ins Leben gerufen wurde und weltweit Projekte unterstützt, die gesellschaftlichen Wandel zu mehr lokaler Resilienz fördern.

In den Küchengärten Linden im Ihme-Zentrum zeigt Transition Town bereits, wie aus einer Brachfläche ein toller Garten werden kann.

Inwieweit lässt sich die Idee von Permakultur auf weitere Bereiche wie z.B. die Stadtentwicklung übertragen?
Auch wenn Permakultur aus der Anwendung auf (Agrar-)Ökosysteme entstanden ist, kann sie als Planungswerkzeug in allen Bereichen angewendet werden, in denen Planung eine Rolle spielt, so eben auch in der Stadtentwicklung. Auch um dies zu verdeutlichen, gibt es in diesem Sommersemester an der TU Braunschweig eine gemeinsame Lehrveranstaltung des Instituts für Geoökologie und des Instituts für Nachhaltigen Städtebau, in der eine gemischte Studierendengruppe die Permakultur als Werkzeug für interdisziplinäres Arbeiten in der Stadtplanung einsetzen wird.

Im Ihme-Zentrum stehen rund 100.00 Quadratmeter leer, und viele Dächer, ehemalige Gärten und Hofbereiche liegen brach. Welchen Beitrag könnte ein Permakultur-Garten bei einer kreativen und nachhaltigen Transformation leisten?
Mit Hilfe der Permakultur kann für die Entwicklung der Flächen im Ihme-Zentrum ein Konzept entwickelt werden, das häufig gemachte Planungsfehler vermeidet, während gleichzeitig die Methoden der Permakultur vielfach aus dem Design kommen und so kreative Lösungen fördern.
Ein wichtiger Faktor ist sicherlich, dass die Permakultur über den Garten hinausschaut und Begrenzungen und Ressourcen, die von außerhalb kommen oder durch soziale Gefüge entstehen, in den Planungsprozess einbezieht. Vor allem in einer problembehafteten Situation, wie sie im Ihme-Zentrum vorherrscht, ist das absolut notwendig.
Unabhängig von der Permakultur schafft ein Garten Verwurzelung, bei Pflanzen wie bei den Gärtner*innen. Einen Garten anzulegen fördert die Identifizierung mit dem Objekt und ist obendrein ein großer Gewinn für die Stadt-Ökologie.

Sonja Lepper von der TU Braunschweig

Sonja Lepper hält am Sonntag, 15. April, einen Vortrag über Permakultur und nachhaltige (Stadt-)Entwicklung im Rahmen des Events „Grüne Stadt“ in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum. Es gibt weitere Impulsvorträge zu kreativer Brachflächenentwicklung und Gärten als soziale Räume. Im Anschluss werden in Workshops Ideen für eine grüne Entwicklung des Quartiers gesammelt und erarbeitet. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Reihe #ihmezentrum2025 statt, die vom Innovationsfonds Landeshauptstadt Hannover gefördert wird. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung Niedersachsen / Stiftung Leben und Umwelt statt. Weitere Partnerinnen sind Himmelbeet, Hannover Voids, das Institut für Freiraumentwicklung der Leibniz Universität, Transition Town Hannover sowie h1.


Was: „Grüne Stadt“ – Vorträge und Workshop
Wann: Sonntag, 15. April, 15 Uhr
Wo: Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Ihmeplatz 7e
Wie viel: Eintritt frei

 

Mit dem Ihme-Zentrum und weiteren Riesen auf Augenhöhe

Warum sind Großbauten wie das Ihme-Zentrum so faszinierend? Die Architekturexpertinnen und Wissenschaftlerinnen Alexandra Apfelbaum und Yasemin Utku Großbauten haben mit ihrem Projekt „Mit den Riesen auf Augenhöhe“ Großkomplexe der 1960er und 1970er Jahre in Deutschland analysiert und portraitiert. Am 4. April kommen sie mit einem Fotovortrag in die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum.

Viele dieser Gebäude stehen seit Jahren in der Diskussion, zum Teil waren oder sind sie sogar vom Abriss bedroht. Diese Bauten prägen noch heute die Stadtstruktur vieler Städte und stehen für eine euphorische Phase in Stadtplanung und Bauwesen.

In einem Vortrag zeigen Apfelbaum und Utku die Qualitäten dieser Gebäude und wie sich deren Wahrnehmung wandelt. So wie bei Das Ihme-Zentrum in der Landeshauptstadt Hannover.

Als Einführung sprechen Prof. Ekkehard Bollmann (BDA Niedersachsen -Bund Deutscher Architekten Landesverband Niedersachsen-) und Prof. Wilhelm Meyer Grußworte.

4. April: „Mit den Riesen auf Augenhöhe“
19 bis ca. 22 Uhr, Eintritt frei
Vortrag der Architektinnen Alexandra Apfelbaum und Yasemin Utku über Großwohnsiedlungen wie das Ihme-Zentrum

Die Veranstaltung findet im Rahmen von #ihmezentrum2025 statt. Die Reihe beschäftigt sich mit Zukunftsszenarien für das umstrittenste Quartier Hannovers und wird gefördert vom Innovationsfonds des Kulturbüros der Landeshauptstadt Hannover. Weitere Partner bei dieser Veranstaltung sind der Verein zur Förderung der Baukunst und der Bürgersender h1.

Hier die zugehörige Event-Seite bei Facebook

„Es ist völlig unklar, was Intown umsetzen wird“

Der Großkomplex Hannibal 2 in Dortmund. Foto: Mieterverein Dortmund

Der Fall des Dortmunder Hochhauses Hannibal 2 geht seit Monaten durch die Presse in ganz Deutschland: Im September wurde das Gebäude, das mit Intown dem gleichen Großeigentümer wie beim Ihme-Zentrum und Ex-Maritim Hotel in Hannover gehört, innerhalb weniger Stunden mieterfrei. Tobias Scholz vom Mieterverein Dortmund erklärt im Interview, wie Intown in Dortmund agiert. Am 17. März ist Scholz mit weiteren Betroffenen von Intown aus anderen Städten zu Gast in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum.

Was macht Intown in Dortmund seitdem das Unternehmen dort Immobilien besitzt?
Wir kennen Intown über die in Berlin ansässige Objektgesellschaft Lütticher 49 Properties GmbH seit dem Dezember 2011. Damals wurde das Hochhaus Hannibal 2 mit 412 Wohnungen in Dortmund-Dorstfeld im Rahmen der Zwangsversteigerung in einer Bieterschlacht zu einem Preis von 7 Millionen Euro (Verkehrswert 3,7 Mio. Euro) erworben. Das Gebäude hatte zum damaligen Zeitpunkt einen riesigen Instandsetzungsstau und einen Leerstand von knapp 120 Wohnungen. Der Name Intown existierte damals noch nicht, zumindestens nicht in der Öffentlichkeit. Verknüpfungen konnten nur über die gleiche Geschäftsanschrift in Berlin und identische Personen in der Geschäftsführung gefunden werden. So erwarb die Intown-Gruppe  2015 ein Problemhaus-Portfolio in der Dortmunder Nordstadt. Über Immobilienanzeigen im Internet kann auch eine Reihe von Büro- und Handelsimmobilien in der Dortmunder City gefunden werden, die in Teilen große Leerstände aufweisen.

Gibt es besonders krasse Fälle?
Ja, die bereits erwähnte Wohnanlage Hannibal 2. Und diese war bereits vor der Räumung durch die Stadt Dortmund wegen unabweisbarer Brandschutzmängel im September 2017 ein krasser Fall. Instandhaltungsstau und Wohnungsmängel haben den Mietern das Leben schwer gemacht. Beispielhaft waren die immer wiederkehrenden Aufzugsausfälle. 2015 hat ein Mieter nach wiederholten Ausfällen erfolgreich auf die Instandsetzung des Aufzuges geklagt. Der Aufzug wurde erneuert. Die Aufzüge in den sieben anderen Häusern hätten es auch dringend nötig, wurden jedoch bisher nicht erneuert. Wir haben immer wieder beobachten können, wie neue Mieter erst begeistert von den Maisonette-Wohnungen und der Aussicht waren. Dann aber mit Wohnungsmängeln oder hohen Betriebskostennachzahlungen in unsere Rechtsberatung gekommen sind und den Hannibal wieder verlassen haben bzw. wieder ausziehen wollten– soweit der angespannte Wohnungsmarkt das zugelassen hat. Es gibt aber auch langjährige Mieterinnen und Mieter, die viel in die Renovierung ihrer Wohnungen investiert haben und dem Hannibal seit über 20 oder sogar 30 Jahre treu geblieben sind.

Der Großkomplex Hannibal 2 in Dortmund. Foto: Mieterverein Dortmund

Und im vergangenen Jahr ist das Ganze dann eskaliert?
Die Unbewohnbarkeitserklärung wegen der Brandschutzmängel durch die Stadt Dortmund hat dann eine Steigerung dargestellt, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Das Gebäude ist jetzt seit über einem halben Jahr unbewohnbar. Die Vielzahl der Verstöße beim Brandschutz im Gebäude ist erschreckend. Im Falle eines Brandes hätten selbst die Sicherheitstreppenräume und damit der Fluchtweg verrauchen können. Die dortigen Steigleitungen für Löschwasser seien nicht funktionsfähig. Es existieren weiterhin Brandschutzmängel an den kombinierten Lüftungs- und Versorgungsschächten. Über diese, aber auch über die Aufzugsschächte und nicht genehmigte, vertikale Durchbrüche zwischen den Technikräumen könnte sich Rauch über die Etagen ausbreiten. Wie Intown daher zu der Bewertung kommen konnte, im Bereich Brandschutz gäbe es keinen Handlungsbedarf, erschließt sich uns nicht. Mehr Infos gibt der Artikel „Schacht matt im Hannibal“ in den Ruhrnachrichten und das aktuelle Heft unserer Mieterzeitung.

Was ist Intown für Sie? Ein Investor oder ein Spekulant?
Die Investoren im Hintergrund scheinen Immobilien mit vielen Herausforderungen nicht abzuschrecken. Ganz im Gegenteil, wenn man sich das Portfolio und Ankäufe aus den vergangenen Jahren deutschlandweit ansieht. Dies scheint ja das Geschäftsmodell zu sein: Ob opportunistischer Investor oder Spekulant besser passt, ist zweitrangig. Es sind zwei Seiten einer Medaille. Intown hat vergangene Woche angekündigt, im Sommer 2018 eine Baugenehmigung für eine Sanierung des Gebäudes einzureichen und die Sanierung bereits Ende 2019 / Angang 2020 abzuschließen. Noch ist völlig unklar, welche Maßnahmen Intown am Gebäude umsetzen will. Wir informieren hier laufend zu den aktuellen Entwicklungen.

Tobias Scholz vom Mieterverein Dortmund wird mit weiteren Intown-Betroffenen am 17. März in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum von seinen Erfahrungen berichten. Zur Einführung wird Professor Andrej Holm, Experte für Stadtentwicklung, über aktuelle Herausforderungen berichten. Los geht es um 14 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Um Anmeldung per E-Mail wird gebeten. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Reihe #ihmezentrum2025 statt, die vom Innovationsfonds Landeshauptstadt Hannover gefördert wird. Weitere Kooperationspartner bei der Veranstaltung sind die Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen und h1.

„Eine nachhaltige Transformation des Ihme-Zentrums ist möglich“

Wie gelingt eine nachhaltige und kreative Transformation des Ihme-Zentrums: Henrike Aue hat das in ihrer Uni-Abschlussarbeit untersucht und eindeutige Ergebnisse gefunden: Es ist möglich, das Quartier positiv zu entwickeln. Welche Ansätze es gibt und wie der Wandel gelingen könnte erklärt sie im Interview.

Du hast deine Abschlussarbeit über das Ihme-Zentrum geschrieben. Was genau hast du untersucht?
Ich habe untersucht, inwieweit sich der Ansatz der nachhaltigen Stadtquartiersentwicklung auf den multifunktionalen Gebäudekomplex Ihme-Zentrum anwenden lässt und inwiefern dadurch eine nachhaltige Transformation und Revitalisierung des Ihme-Zentrums möglich ist.
Im Zuge der Arbeit habe ich Experteninterviews mit betroffenen Akteuren geführt, um einen multiperspektivischen Einblick in die Stärken und Schwächen des Ihme-Zentrums und die Chancen und Risiken hinsichtlich einer nachhaltigen Revitalisierung zu erlangen. Mein Ziel war es, mögliche Handlungsoptionen herauszuarbeiten und dabei auch bestehende Konzepte und Ideen zu analysieren.

Wie groß ist aus deiner Sicht das Potenzial für eine nachhaltige Transformation des Ihme-Zentrums?
Meiner Meinung nach und auch ausgehend von meinen Expertenbefragungen ist eine nachhaltige Transformation des Ihme-Zentrums auf jeden Fall möglich. Das Potenzial dafür ergibt sich vor allem aus den Stärken des Gebäudekomplexes: die zentrale Lage, die Zufriedenheit der Bewohner, die Barrierefreiheit im gesamten Gebäude, die Lage im Grünen direkt an der Ihme, die gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel. Angesichts des in Hannover herrschenden Wohnungs- und Büromangels glaube ich, dass das Ihme-Zentrum eine sinnvolle Option darstellt, um diesem Mangel entgegenzuwirken. Ich denke, weitere Chancen sind die Kombination der verschiedenen Daseinsgrundfunktionen an einem Ort und die dadurch entstehenden kurzen Wege, wodurch eine höhere Lebensqualität geschaffen werden kann. Momentan stellt das Ihme-Zentrum ein stark diskutiertes Thema in Hannover dar, um das sich viele verschiedene Akteure Gedanken machen. Diese Diskussion bringt viele Menschen zusammen, die gemeinsam versuchen, Lösungen zu erarbeiten.

Wie ist denn aus deiner Sicht die Einschätzung des Ihme-Zentrums bei den Menschen?
Das Ihme-Zentrum bietet durch die vielen ungenutzten Bereiche sehr viel Raum für die unterschiedlichsten Nutzungen. Es strahlt Faszination aus, vor allem bei Kulturschaffenden. Deswegen bin ich mir sicher, dass diese Stärken eine Vielzahl an Chancen eröffnen, das Ihme-Zentrum nachhaltig zu transformieren.

Hast du persönlich eine Vision von einem nachhaltigen und kreativen Ihme-Zentrum im Jahr 2025?
Mein Bild von einem nachhaltigen und kreativen Ihme-Zentrum im Jahr 2025 beruht vor allem darauf, dass das Ihme-Zentrum innerhalb der Bevölkerung von Hannover wieder ein positives Image bekommt. Es soll für viele verschiedene Menschen, vor allem für die Bewohner des Stadtteils eine Anlaufstelle für die unterschiedlichsten Nutzungen werden. Das Sockelgeschoss kann viele verschiedene kulturelle Angebote beherbergen, wie zum Beispiel Veranstaltungsräume, Räume für Start-up-Unternehmen, Ateliers, Galerien, Proberäume, Vereinsräume, Bildungseinrichtungen und vieles mehr. Ich denke auch, dass lokale Geschäfte im Erdgeschoss und nicht wie damals im 1.OG, angesiedelt werden sollten.
Außerdem würde ich mich freuen, wenn der Fluss Ihme noch weiter miteinbezogen wird. Es könnten weitere Freizeitangebote entlang des Flusses entstehen, wie beispielsweise ein Fahrradweg auf der Seite des Ihme-Zentrums. Eine weitere Idee von mir ist eine Aussichtsplattform auf dem Ihme-Zentrum, soweit dieses umsetzbar wäre. Ich glaube, so könnte die Akzeptanz des Gebäudekomplexes in Hannover gesteigert werden. Am wichtigsten ist jedoch meiner Meinung nach, dass eine nachhaltige Transformation die Interessen von allen Betroffenen, vor allem der Bewohner des Ihme-Zentrums berücksichtigt. Das Ihme-Zentrum bietet unglaublich viel Raum, der in jedem Fall in der Zukunft genutzt werden sollte, da sich so viele neue Chancen ergeben können.

Henrike Aue kommt aus der Region Hannover und studiert in Göttingen Französisch und Geographie auf Lehramt für das Gymnasium.
Ihre Bachelorarbeit hat sie über das Ihme-Zentrum in Hannover geschrieben.

Dieses Interview wurde im Rahmen der Netzwerk-Recherche-Projektförderung Grow geführt. In dem Projekt wird erforscht,
wie das Ihme-Zentrum zu einem Leuchtturm nachhaltiger Entwicklung werden kann.
Die Ergebnisse werden am 12. März beim US-Festival SXSW, auf der Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz am 29./30. Juni 2018 beim NDR in Hamburg
und bei der Veranstaltungsreihe #ihmezentrum2025 im Sommer 2018 vorgestellt.

Ist der Ihme-Zentrum-Großeigentümer Intown ein Investor oder ein Spekulant?

Seit rund drei Jahren besitzt das Immobilienunternehmen Intown mehr als 80 Prozent des Ihme-Zentrums. Wird die Firma das Quartier umbauen und eine positive Wende in der bewegten Geschichte von Das Ihme-Zentrum bringen? Oder ist Intown ein Spekulant, der die Bewohner und die Mieter im Stich lassen wird?

Wir haben Betroffene und Mieter von Intown aus Städten wie Dortmund oder Schwerin eingeladen, damit sie von ihren Erfahrungen mit dem Unternehmen berichten.

Für den Überblick wird Andrej Holm einen Einführungsvortrag über Stadtentwicklung und Immobilienspekulation halten. Im Anschluss gibt es eine Podiumsdiskussion.

Intown – Investor oder Spekulant?
Samstag, 17. März, 14 Uhr
Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Ihmeplatz 7e
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten
Die Sitzplätze sind limitiert. Daher bitte per E-Mail an mail(at)ihmezentrum(.)org anmelden
Die Veranstaltung wird gefilmt, das Video später kostenlos online gestellt

Diese Veranstaltung findet im Rahmen von #ihmezentrum2025 statt. Bei der Event-Reihe geht es um eine positive und konstruktive Zukunft des Quartiers. Sie wird durch den Innovationsfonds des Kulturbüros der Landeshauptstadt Hannover gefördert. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen ist eine weitere Kooperationspartnerin.

 

Mit Humor gegen Hass – das Arabische ArtCafé im Ihme-Zentrum

„Wenn man das Gefühl hat, etwas nicht zu kennen, bekommt man durch diese Unbekanntheit vielleicht Angst. Kann man damit nicht umgehen, wird daraus Hass. Humor und positives Engagement sind gute Mittel dagegen. Es gehe darum, mit Hass gegen Humor und Zynismus vorzugehen.“

So fasst die Hannoversche Allgemeine Zeitung die erste Veranstaltung des Arabischen ArtCafés Anfang Februar zusammen.

Hier findet ihr den ganzen Artikel zu der tollen Veranstaltung.

Das Ihme-Zentrum im Kino

Am 13. Februar läuft die Doku über das Ihme-Zentrum das nächste Mal im Apollokino in Hannover-Linden.

45 Minuten, 5 Euro

„Das Ihme-Zentrum ist einer der verheißungsvollsten Orte“

Volles Haus, ausgelassene, freudige Stimmung und ein tolles deutsch-arabisches Kulturprogramm: Am 2. Februar startete das Arabische ArtCafé in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum. Im Interview erklärt Janika Millan vom Kulturbüro der Landeshauptstadt Hannover, warum die Stadt das Ganze unterstützt und wieso das Ihme-Zentrum genau der richtige Ort dafür ist.

Warum unterstützt das Kulturbüro der Landeshauptstadt Hannover das Arabische Artcafé?
Anfang 2016 haben wir im Kulturbüro die Initiative Welcome Artists gestartet. Damit wollten wir neu in Hannover angekommene, evlt. geflüchtete Kulturschaffende willkommen heißen und dabei unterstützen, ihre Arbeit hier in Hannover fortzusetzen. Zum Beispiel durch Netzwerke, Beratung, organisatorische und auch finanzielle Unterstützung für eigene künstlerische Projekte oder durch Kooperationsprojekte. Mit der Initiative möchten wir den einzelnen Künstlerinnen und Künstlern beim Neustart in einer noch fremden Stadt helfen und dadurch gleichzeitig auch, gewissermaßen ganz eigennützig, Hannovers Kulturszene international bereichern und kulturell vielfältiger machen. Wir haben die Initiative dann nach und nach ausgeweitet und richten uns mittlerweile an internationale Kulturschaffende allgemein.

Zum Start der Initiative Welcome Artists gab es zwei Auftaktveranstaltungen im Kulturzentrum Pavillon und dort haben wir u.a. den syrischen Filmemacher Meedo Salem kennen gelernt. Er hatte die Idee für ein Arabisches Artcafé mit jungen syrischen KünstlerInnen, wie den Videobloggern GermanLifeStyle, in gemütlicher Atmosphäre mit arabischen Süßigkeiten und Tee. Diese Idee fanden wir großartig und haben das zusammen weiterentwickelt und organisatorisch unterstützt. Mit dem Oud-Spieler Mohamad Almansour, dem Gründer des Syrian Heritage Ensembles und der Kunstausstellung von Ahmad Salma und Ola Kabani haben wir nun ein tolles Programm für den Abend mit Beiträgen aus verschiedenen Sparten auf die Beine gestellt. Und Meedos Frau, Halla Sari, hat den Flyer gestaltet.

Auf Grund des Krieges gibt es eine syrische Kulturszene bald nur noch im Exil. Deshalb ist Meedos Gedanke, einen Ort für Zusammenarbeit und Austausch zu schaffen, so wichtig. Auch deshalb hat das Kulturbüro diese Veranstaltung unterstützt.

Volles Haus bei der ersten Ausgabe des arabischen Artcafés.

Warum ist es toll, dass es im Ihme-Zentrum stattfindet?
Das Ihme-Zentrum ist zur Zeit einer der verheißungsvollsten Orte in Hannover. Viel ungenutzter Platz mitten in der Stadt direkt am Fluss. Hier könnte auch kulturell in Zukunft noch viel mehr geschehen. Zum Beispiel gibt es in Hannover schon lange den Wunsch nach einem Haus für internationale Kultur, einem „Haus der Kulturen“. Mit den Räumen der Zukunftswerkstatt gibt es jetzt einen ersten Veranstaltungsort im Ihme-Zentrum, eine Keimzelle für Kreativität sozusagen. Deshalb ist das Arabische Artcafé dort genau an der richtigen Stelle!

Janika Millan arbeitet im Kulturbüro der Landeshauptstadt Hannover
im Sachgebiet Internationale Kultur. Sie betreut gemeinsam mit ihrer
Kollegen Hülya Häseler das Arabische Artcafé.

Dieses Interview wurde im Rahmen der Netzwerk-Recherche-Projektförderung Grow geführt. In dem Projekt wird erforscht, wie hyperlokaler, konstruktiver und nachhaltig verwalteter Journalismus funktionieren kann. Die Ergebnisse werden auf der Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz am 29./30. Juni 2018 beim NDR in Hamburg und bei der Veranstaltungsreihe #ihmezentrum2025 im Frühjahr 2018 vorgestellt.

„Das Ihme-Zentrum könnte für einen Neuanfang stehen“

Mit dem Arabischen ArtCafé erfüllt sich der syrische Filmemacher Meedo Salem einen kleinen Traum: Am dem 2. Februar startet er mit dem Event für die Hochkulturdiaspora ein Forum für Kulturschaffende und -liebhaber mit und ohne Migrationshintergrund. Im Interview erklärt er, wieso das Ihme-Zentrum dabei für ihn der ideale Ort ist.

Am 2. Februar organisierst du zum ersten Mal gemeinsam mit dem Kulturbüro Hannover das Arabische ArtCafé. Was genau ist das? Und was können Besucher erwarten?
Ich lebe nun seit 2015 in Deutschland und fühle mich sehr wohl hier. Da möchte ich etwas zurück geben. Mir ist aufgefallen, dass es in Hannover keinen Ort gibt, wo sich die Hochkultur-Diaspora aus der arabischen Welt treffen kann: Um sich auszutauschen und gemeinsam mit allen Menschen (ob mit oder ohne Migrationshintergrund) Kultur zu genießen.
Es wird eine lockere Reihe, zu der wir immer mal wieder Künstler einladen. So auch am 2. Februar: Mohamad Alansour vom Syrian Heritage Ensemble wird uns musikalisch auf der Oud begleiten. Der Künstler Ahmad Salma stellt seine Werke aus und die Videoblogger „GermanLifeStyle“ Abdul Abbasi und Allaa Faham zeigen uns in ihrer kulturellen Satire, wie skurril und lustig mitunter der Austausch zwischen arabischen Migranten und Deutschen sein kann.

Du gehst mit deiner Reihe gezielt ins Ihme-Zentrum. Warum?
Das Ihme-Zentrum begeistert mich, seitdem ich in Hannover bin. Jeder Mensch, der mir die Stadt zeigt, hat mir seine tragische und bewegte Geschichte erzählt. Irgendwann war diese Geschichte in meinem Herzen. Nun erzähle ich sie anderen syrischen Geflüchteten. Es ist wie eine Märchenburg. Ich hatte in den vergangenen Jahren sehr viel Glück. Ich möchte daher mit unserem Café einen kleinen Beitrag zur positiven Wiederbelebung des Quartiers leisten.

Hast du eine positive Vision für die Zukunft des Ihme-Zentrums?
Ja, wir alle schaffen einen Neustart für diese Märchenburg. Vielleicht etablieren wir dort sogar einen festen Treffpunkt für Künstler aus aller Welt. Das wäre mein Traum – mit Filmen, Musik, Literatur und Essen und Trinken.

Der Eintritt ist frei. Da die Plätze begrenzt sind ist eine Teilnahme nur per Voranmeldung unter internationale-kulturarbeit(At)hannover-stadt.de möglich.

Hier gibt es eine Facebook-Veranstaltungsseite zum Event.

Meedo Salem ist Filmemacher.