Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Wohnen

Februar 2015 – Schöner scheitern

Reihenhaus vor Hochhaus

Das Ihme-Zentrum ist ein einfaches Opfer. Es ist leicht, sich über Aspekte der architektonischen und städtebaulichen Fehlplanung aufzuregen. Die Außenfassade ist hässlich, keine Frage. Und es gibt auch einen Investitionsstau, was die Infrastruktur angeht. Doch nervt es die Bewohner und Liebhaber ungemein, wenn Außenstehende nur eine Möglichkeit zur Lösung der Probleme sehen: den kompletten Abriss. Denn das ist kurzsichtig, dumm und unnachhaltig.

Ende Januar gab es einen Artikel auf Spiegel Online, bei dem Nutzer die Bausünden ihrer Städte vorstellten. Daraus wurde schnell eine schöne Bildstrecke gezimmert, damit die Klickzahlen hochgehen, und außerdem teilt sich Content mit Aufreger-Potenzial auch so schön. Auch ich bekam von vielen Menschen den Link zu dem Artikel. Mal mit Kommentaren wie „Siehste, scheiße bei dir“, meist aber mit Sätzen wie „Dieses Bashing nervt“. Denn nichts anderes ist es ja: billiges Beleidigen. Und ja, es nervt.

Ich überlege seitdem, ob ich Führungen durch das Zentrum anbieten soll, um dem letzten kritischen Menschen zu zeigen, wie toll es hier ist zu wohnen und zu leben. Und warum das Ihme-Zentrum aus meiner Sicht metaphorisch dafür steht, wie sich Hannover in den kommenden Jahrzehnten entwickelt. Ob die Stadtverwaltung, die Gesellschaft, die Beteiligten der Kultur, Wirtschaft, Sport und vielen anderen Teilbereichen den Klotz als das sehen, was er ist: ein mögliches Leuchtturmprojekt für ein neues urbanes Leben. Aber das geht nur, wenn das sinnlose Bashing aufhört, was ja nicht nur das Ihme-Zentrum angeht. Aber dazu braucht man keinen billigen Zynismus, sondern Ideen, Visionen, die Bereitschaft, zusammen zu arbeiten und natürlich Mut. Und wenn es so etwas in dieser Stadt nicht gibt, dann muss ich mir überlegen, ob es die richtige Stadt für mich ist.

P.S. Einen Screenshot von der SpOn-Seite habe ich nicht eingefügt, wegen der Art und Weise, wie Medien wie SpOn mit Bildrechten gegenüber Bloggern und Abmahnungen umgehen. Auch einen Link dazu wird es hier aus den gleichen Gründen nicht geben. Wen es interessiert, findet das Ganze durch eine einfache Google-Suche.

Dezember 2014 – „Wir wissen um unser Ihme-Zentrum“

Eingang

Waltraud und Horst Suckow wohnen seit 36 Jahren im Ihme-Zentrum. Und das sehr gerne. Deswegen ignorieren sie auch die Kritik von Menschen an dem Komplex. Ein Gespräch über traumhafte Blicke, Ärgernisse und was das Leben im Zentrum lebenswert macht.

Liebe Frau Suckow, lieber Herr Suckow. Vor 36 Jahren sind Sie ins Ihme-Zentrum gezogen. Warum?
Da wir aus Sarstedt zugezogen sind und schon immer gerne im Ihme-Zentrum gewohnt haben, fiel uns der Entschluss leicht, hier eine Eigentumswohnung zu kaufen. Und wir haben es bis heute auch nicht bereut. Das Zentrum hat eine fantastische Verkehrsanbindung, es ist stadtnah, und wir dürfen in einer traumhaften Maisonettenwohnung mit Ihmeblick leben. Stadtnah.

Wenn Sie jemanden von Außerhalb erklären müssten, was das Ihme-Zentrum ist, wie würden Sie dies beschreiben?
Schwer zu erklären: eine Stadt in der Stadt. Mit hoher Wohnqualität und fehlender Infastruktur, fehlender Geschäfte. Aber die liegen ja alle im Umkreis von wenigen hundert Metern.

Wie erleben Sie den Verfall des Einkaufszentrums?
Das Thema beschäftigt uns schon seit sechs Jahren, und die Umstände sind ja allen bekannt. Da wir noch Kriegsgeneration sind, schockt uns dieser Anblick aber nicht nicht.

Was sind für Sie die größten Ärgernisse des Zentrums?
Graffiti-Geschmiere und der immer stärker zunehmende Verkehr am Ihmeufer, der ja bereits zu Unfällen geführt hat.

Und was ist dagegen das Schönste für Sie am Leben im Zentrum?
Die herrliche Lage, der wunderschöne Blick, Radwege vor der Tür in alle Richtungen. Die Nähe zur Stadt.

Nervt es Sie, dass das Zentrum in Hannover so einen schlechten Ruf hat?
Uns nervt es nicht. Wir wissen um unser Ihme-Zentrum. Kritik wird meistens laut von denen, die nicht hier leben und nur von der Situation gehört haben. Aber wir hoffen auf eine positive Veränderung in 2015.

September 2014 – Der Ausblick

Der Ausblick nach Norden

Um 23 Uhr geht die Leuchtschrift am Hochhaus der Allianz aus. Im 14. Stock des Uni-Hochhauses leuchtet einsam der Süßigkeitenautomat, den ich noch aus meinem Studium kenne. Auf der Brücke der Spinnereistraße fährt die Stadtbahn der Linie 10. Gegenüber in der Glocksee treffen so langsam die abendlichen Gestalten ein. Ein paar Menschen mit Hunden sind im Park auf der anderen Seite der Ihme unterwegs. Zwei Minuten auf meinem Balkon in Richtung Norden.

Wenn ich auf meinen Balkon im Süden steige, habe ich das Raumschiff vor Augen. Oder den Klotz, wie er von der RAF genannt wurde, die in den 1970er-Jahren hier eine konspirative Wohnung hatte. Das ehemalige Einkaufszentrum, die Ihmepassage, unter mir hat vor einigen Jahren ein neues Dach bekommen, die Büros gegenüber sind leer, die Wohnungen alle belebt. Der Hausmeister sagte mir beim Einzug, dass ich in einem der besseren Blöcke wohne, dort gebe es kein Problem mit Kriminalität oder den Bewohnern generell. „Aber von anderen Häusern könnte ich Ihnen Geschichten erzählen, da würden Sie staunen!“ Es sind die Legenden, die sich Hannover seit der Eröffnung erzählt: Gewalt, Drogen, Kriminalität, Prostitution. Alles stimmt irgendwie, alles ist aber für einen Wohnblock in der Großstadt nicht besonders. „Und den Puff gibt es auch nicht mehr. Den haben sie vor Kurzem geschlossen“, erzählt mir einer der Hausmeister. „Die Nachbarn hatten sich vor allem darüber beschwert, dass durch die ganzen Besucher die Nebenkosten vom Fahrstuhl etc hochgingen. Außerdem war das wohl eher das niedrige Segment der Dienstleistenden, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Ansonsten würde hier auch nicht mehr abgehen, als im Rest von Linden. „Nur unten im Parkdeck 2 treffen sich manchmal die Jungs mit den Kampfhunden. Da wäre ich vorsichtig!

Die Passage

Auf die Frage, welche Vision er für das Zentrum hat, blüht der Hausmeister auf. „Die Wohnungen sind ja nahezu belegt, da müsste nur mal investiert werden.“ Neue Wasserrohre, neue Elektrik, vielleicht mal ein bisschen Farbe an die Wände. Sonst sehe das aber gar nicht so schlecht aus. „Innen sind die meisten Wohnungen ja gut. Modern geschnitten, groß, mit tollem Ausblick.“ Das Problem sei der gewerbliche Teil. Und da hat er die gleiche Position wie die meisten Menschen, mit denen ich über das Zentrum gesprochen habe. „Wenn ich das Geld übrig hätte, würde ich den Mittelteil, die Passage abreißen und vor allem alles luftiger gestalten. Hier fehlt ein Empfangsbereich.“

Auch was die Bedürfnisse der Bewohner angeht hat er konkrete Ideen. „Die meisten Menschen hier sind älter. Denen fehlt das Einkaufen und vielleicht ein Café. Ich wüsste schon genau, was ich hier alles ändern würde. Ich befürchte nur, dass die zukünftigen Investoren das anders sehen werden.“ Die große Angst im Zentrum ist, dass ein neuer Investor einfach gar nichts macht. Die zugesicherte Miete der Stadtwerke und der städtischen Behörden einstreicht und danach das Ganze weiterverkauft. „Aber aufgeben würde ich das Zentrum nicht. Hier steckt doch ein wahnsinniges Potenzial drin.“