Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Utopie

„Das Ihme-Zentrum ist ein Möglichkeitsraum“

Wie funktioniert kreative und nachhaltige Stadtentwicklung? Ein Forscherteam der Leuphana Universität Lüneburg hat in den vergangenen Jahren untersucht, welche Möglichkeitsräume es in Hannover gibt. Am 21. April präsentieren sie ihre Ergebnisse im Ihme-Zentrum. Im Interview erklärt Professor Volker Kirchberg, was Visionen und Utopien ausmacht und warum die Entwicklung des Ihme-Zentrums eine Strahlkraft über die Stadtgrenzen hinaus hätte.

Was ist ein Möglichkeitsraum genau?
Möglichkeitsräume werden auch als Freiräume, Intentional Communities, Experimentierräume oder Heterotopien bezeichnet. Es sind physische, aber auch soziale und mentale Räume, in denen gewünschte Zukunftsentwicklungen für die Stadt angedacht und/ oder angelegt werden. Sie erlauben verschiedenen Grade der Entfaltung und können dabei offen und geschlossen sein: Offen, weil sie im Austausch mit der Gesellschaft stehen, geschlossen, weil sie um den experimentellen Prozess einen geschützten Raum bilden können.
Diese Räume sind Orte der utopischen Praxis, insbesondere „Räume der Hoffnung“ (so der Geograph David Harvey) oder „Reale Utopien“ (so der Soziologe Erik Olin Wright). Gerade dieser letzte Begriff hat es uns angetan, nachdem wir uns solche Orte in Hannover angesehen haben. Dabei ist „Ort“ begrifflich sehr flexibel zu verstehen, denn Orte der utopischen Praxis sind auch Initiativen, Projekte und Kampagnen, deren Wirkung man nicht auf einen bestimmten geografischen Ort begrenzen kann.
Diese Möglichkeitsräume oder Orte der realen Utopie experimentieren mal mehr und mal weniger radikal mit Modellen einer positiven (also nachhaltigen) Stadtentwicklung, die mit ihrer Wirkung auf städtische Teilgebiete oder auch auf die Stadt als Ganzes ausstrahlen sollen, von kleinen Schritten der Veränderung einer unmittelbaren Nachbarschaft bis hin zur sozialen Transformation der ganzen Gesellschaft.
Eine „reale Utopie“ zeichnet sich dabei aus durch Antworten auf drei Fragen: „Was wird gewünscht?“, „Was ist machbar?“ und „Was ist umsetzbar?“. Es gibt entsprechend der Antworten auf diese Fragen also drei Typen „realer Utopien“, je nachdem wie weit sich das Utopische oder Visionäre vom Möglichen unterscheidet. Das illustriere ich im Workshop mit acht Beispielen aus Hannover.

 

Ihr habt in den vergangenen Jahren untersucht, welche Möglichkeitsräume in Hannover es gibt. Was habt ihr herausgefunden?
Es führt an dieser Stelle zu weit, alle Ergebnisse in ihrer interdisziplinären Diversität hier aufzuführen. Die Breite und Tiefe der Ergebnisse umfasst zum Beispiel die künstlerischen Initiativen, die vorbildhaft eher als „Möglichkeitsinitiativen“ und „Möglichkeitsaktionen“ denn als „Möglichkeitsräume“ agieren; dazu kann Sacha Kagans Film „HANOTHER“ Auskunft geben, den wir ja auch zeigen werden. Oder unsere Analyse der Akteure einer nachhaltigen Stadtentwicklung Hannovers als „Change Agents“, denn sie nutzen und schaffen durch ihre vernetzten Aktivitäten konkrete Impulse für die nachhaltige Stadtentwicklung. Sie stoßen durch ihre kreative Praxis auch neue Formen der Kommunikation zwischen Einrichtungen der Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Bildung und den Initiativen, Gruppen und Projekten der lokalen Zivilgesellschaft an.
Die Analyse der Vernetzung und der Kommunikation zwischen diesen unterschiedlichen Akteuren und Einrichtungen ergibt spannende Ergebnisse zu den Übersetzungen zwischen Zivilgesellschaft und Staat und zwischen „Mind Set“ (= Imagination der Welt, wie sie uns umgibt/ wie sie sein sollte) und „Work Set“ (= tatsächliche Handlungsmuster und -grenzen beim Versuch der Umsetzung einer nachhaltigen Stadtwelt). Die Imagination des (scheinbar) Möglichen und (scheinbar) Unmöglichen in der Stadt(teil)entwicklung und im Stadt(teil)leben hat sich zu einem zentralen Gegenstand unserer Forschung kristallisiert, zum Beispiel auch bei der Erforschung des kreativen Schreibprojektes „Linden Fiction 2050“.
Was bewerten die Akteure in Hannover als möglich, was wird darüber hinaus als Vision in Betracht gezogen, und was wird vielleicht gar nicht mehr weitergedacht, weil es als zu „utopisch“ den Bereich des „Realen“ verlässt? Oder gibt es eine Angst vor einer dystopischen Zukunft, die uns die Fähigkeit zum besseren Umgestalten nimmt? Dies sind allerdings Fragen, die nicht alle auf einem Workshop behandelt werden können: Deshalb gibt es ja mehrere Veranstaltungen zum Projekt und auch eine Buchveröffentlichung, die für das Ende des Jahres geplant ist.

In eurer Arbeit ist das Ihme-Zentrum als ein Möglichkeitsraum gekennzeichnet. Warum, was macht diesen Ort aus für euch?
Das Ihme-Zentrum ist eines der acht Beispiele für eine „Reale Utopie“. Ich will hier nicht zu viel vorwegnehmen, aber es ist deshalb so interessant, weil es in seinen visionären Möglichkeiten nicht nur sehr groß ist, sondern weil es als Modell einer nachhaltigen Stadtentwicklung auf ganz Hannover austrahlen könnte – also mehr bewirken könnte als viele der kleineren realen Utopien. Über diese „Utopie“ im spezifischen Sinne – und deren Wirkung – möchte ich gerne in dem Workshop diskutieren – auch und gerade in Kontrast zu und Reflektion mit einem anderen Projekt, das Hannover als „Stadt als Möglichkeitsraum“ präsentiert, nämlich zum Stadtentwicklungskonzept „Mein Hannover 2030“ – und den auch visionären Potenzialen dieser höchst offiziellen Stadtkampagne.

Volker Kirchberg ist Professor für Soziologie der Künste an der Leuphana Universität Lüneburg.

Volker Kirchberg und weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen am 21. April ihre Forschung zu „Stadt als Möglichkeitsraum“ in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum (Ihmeplatz 7e) vor. Neben Vorträgen wird es konkrete Workshops geben sowie der Film „Hanother“ gezeigt. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Reihe #ihmezentrum2025 statt, die vom Innovationsfonds Landeshauptstadt Hannover gefördert wird. Das Forschungsprojekt „Stadt als Möglichkeitsraum“ wurde gefördert vom Niedersächsischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft.

Was: „Stadt als Möglichkeitsraum“, Vorträge, Workshop, Filmvorführung.
Wann: 21. April, 14 bis 18 Uhr
Wie viel: Eintritt frei
Wo: Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Ihmeplatz 7e, 30449 Hannover

August 2017 – Das Ihme-Zentrum wird Teil eines Computerspiels

Mehrere Monate lang hat das Team vom Pavillon Prison Break ein Computerspiel entwickelt. Es geht um eine düstere Vision von der Zukunft und wie es gelingt, ein übermächtiges, alles wissendes Unternehmen zu schlagen. Ein Level spielt im Ihme-Zentrum und wirde im Juni in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum entwickelt. Am Samstag, 13. August, feiert das Spiel Premiere.

Was: Premiere von Pavillon Prison Break
Wann: 13. August 2017, 12 Uhr
Wo: Pavillon, Lister Meile

 

Oktober 2015 – Das Projekt bei Science-Slams

Das Experiment Ihme-Zentrum geht auf Science-Slam-Tour:

Vorentscheid Ost für die Deutschen Science-Slam-Meisterschaften 2015
Am 21. Oktober um 19 Uhr in Leipzig – Werk2

Regionalwettbewerb West des Science-Slams im Wissenschaftsjahr
Am 27. Oktober um 20 Uhr in Essen – Casa (Schauspiel)

Weitere Termine folgen. Anfragen an wirtschaft(at)gmx(punkt)de

Info:

Ein Science-Slam ist ein Turnier, bei dem Wissenschaftler in zehn Minuten eigene Forschung präsentieren. Das Publikum entscheidet dabei über den Gewinner.

Juni 2015 – „Und die Blätter leuchten golden…“

Die Kulturszene in Hannover wäre um einiges ärmer ohne sie: Claudia Pahl hat nicht nur jahrelang am Staatstheater gearbeitet, mit Feinkost Lampe führt sie auch einen der schönsten Klubs der Stadt. Und sie hat eine bunte, lebenslustige Vision für das Ihme-Zentrum.

Ich hole eine Freundin von der Haltestelle Küchengarten ab, und wir gehen, mit Badesachen beladen, zurück zum Ihme-Zentrum um bei dem schönen Frühsommerwetter am IZ-Strand abzuhängen. Entlang des gesamten Untergeschosses des grün-bunten Komplexes zieht sich seit zwei Jahren ein feiner Sandstrand samt entspannter kleiner Beach-Bars, Liegestühlen und Hängematten zwischen kunstvoll gestalteten Stahlpalmen.

Wie immer erfreue ich mich an dem sichtbaren Wandel, den dieser einst desolate Koloss genommen hat. Schon von Weiten weiß man gar nicht, wo man am liebsten hinschaut: auf die fast dschungelartig begrünten Dachflächen und Zwischenebenen, wo Urban-Gardening-Projekte für den Eigenbedarf der Bewohner*innen und für die tägliche Volksküche Gemüse und Obst anpflanzen. Oder lässt man sich von den vielfältigen Fassadenkünsten faszinieren, die dem einst grauem Waschbeton neue Strukturen, Farbgestaltungen und Konturen verleihen. Ein Großteil der ehemaligen Wohnungen in den Hochhaustürmen sind nun selbstbestimmte Wohnprojekte ganz unterschiedlicher Art.

Hier leben intergenerativ und im Sinne der Inklusion Künstler*innen, Flüchtlinge, Studis, Behinderte, Familien und alte Menschen zusammen. Fast jede Etage hat sich ihr eigenes Format des Miteinanders erdacht. Allen gemeinsam ist, dass sie aus diesem Ort ein bezahlbares Zuhause für kreative Menschen und Ideen geschaffen haben.

In den ehemaligen Geschäftsräumen zwischen und unter den Wohngebäuden findet man jetzt die künstlerischen Studiengänge der Hochschule samt Studiobühne, Ateliers, Probe- und Werkstatträumen. Daneben hat das Theater „Fenster zur Stadt“, die eigentlichen Pioniere, was die kulturelle Nutzung dieses Ortes angeht, eine alt-neue feste Heimat gefunden, und gegenüber residiert das „Orchester im Treppenhaus“ in einem licht gestalteten Konzerthaus, wo sie auch viele internationale zeitgenössische KomponistInnen präsentieren.

Auch das in Hannover bisher eher unterrepräsentierte Tanztheater hat hier endlich ein eigenes Zuhause gefunden. Unter der Leitung des Choreographen Felix Landerer und Tanztheaterfestivalchefin Christiane Winter ist hier ein international angesehenes Podium für modernen Tanz entstanden. Es gibt überhaupt viele „Artists in Residence“, die in den Studios mit angeschlossenen Gästewohnungen für einige Monate im IZ leben und arbeiten und ihre Werke hier präsentieren oder uraufführen. Daher schwirren im Inneren des IZ auch die Sprachen durcheinander, das es eine Freude ist. Die Hauptsprache ist hier zumeist Englisch, dann klappt’s am besten mit Nachbarin und Nachbar.

Für uns heißt es jetzt erstmal „be idle“ am IZ-Strand, kleinen Feierabenddrink und Sonnenbrand. Und dann unseren wöchentlichen Freiwilligendienst in der veganen VoKü. Um von Küchenchefin B.B. mal wieder ein paar sensationelle Geheimnisse für die eigenen Kochtöpfe zu lernen. Und für ein sehr leckeres Abendessen. Und dann noch auf die Vernissage von Studio Level 2. Und dann mal sehen, auf welchem Level wir noch landen!

Soweit unsere Pläne, als wir die kleine baumflankierte Allee erreichen, die ins Innere des Ihme-Zentrums führt und die Blätter leuchten, golden natürlich….

Claudia PahlClaudia Pahl betreibt den Klub Feinkost Lampe und
organisiert zahlreiche Kulturveranstaltungen in Hannover.