Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Urban Gardening

August 2016 – Das Ihme-Zentrum als Teil einer Theater-Wanderung

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Die Geschichte des Ihme-Zentrums könnte sicher Inhalt ein eigenes Theaterstück sein. Für die Theatergruppe Frl. Wunder AG des Freien Theater Hannover ist das Quartier schon jetzt ein spannender Ort, um Teil einer Wanderung durch Hannover zu sein. Mit-Initiator Micha Kranixfeld erzählt, warum das Zentrum ab morgen Teil einer Inszenierung ist:

Für unser Projekt „Wegefreiheit“ haben wir uns nicht nur auf die Suche nach ungewöhnlichen Routen durch Hannover begeben, sondern auch nach Orten gesucht, an denen sich Visionen von Arbeit und Freizeit manifestieren. Im Ihme-Zentrum werden die urbane Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieses Themas gleichzeitig sichtbar. Von der mechanischen Weberei des „Lindener Samts“ über den Beton gewordenen Traum von Arbeit, Wohnen und Freizeit in Einem bis hin zur Vision einer nachhaltigen neuen Zukunft, die der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum oder das Team des Palettengartens von Transition Town Hannover jetzt formulieren.

Die Theater-Wanderung der Frl. Wunder AG findet zwischen dem 13. August und 25. September an verschiedenen Terminen statt. Alle Infos und Tickets gibt es hier.

Ostern 2015 – Wachsen und Gedeihen

Schärfe aus dem Ihme-Zentrum: Die ersten Chili-Samen haben Triebe und werden umgepflanzt.

Es ist jetzt Frühling im Ihme-Zentrum. Ich habe ein paar Pflanzen ausgesät und plane gemeinsam mit meinem guten Freund Coco ein Experiment: Auf einem Südbalkon im Ihme-Zentrum legen wir in den kommenden Wochen einen Minigarten an. Als Beet dient uns unter anderem eine alte Badewanne. Erde, Samen und Dünger sind nachhaltig und ökologisch abbaubar. Die Materialien sind zum größten Teil Second Hand und ebenfalls nachhaltig. Ich werde auf dem Blog den Fortschritt dokumentieren.

Das Ziel ist die Ernte von Gemüse, Obst und Kräutern und so der Beweis, dass Urban Gardening und sogar Urban Farming im Ihme-Zentrum möglich sind. Die Balkone und die Dachgärten meiner Nachbarn zeigen das ja auch schon seit Jahrzehnten.

Warum das wichtig ist? Weil der Mensch nicht nur von Pflanzen lebt: Er braucht sie auch in seiner Nähe, wie eine aktuelle Untersuchung der University of Pennsylvania beweist. Die Ärzte kamen zu dem Ergebnis, dass wer beim Spazieren an gepflegtem Grün vorbeikommt oder in seiner direkten Wohnungsumgebung kleine Naturflecken hat, einen niedrigeren Puls hat. Man fühlt sich weniger gestresst, ist achtsamer. Kleine Gärten sind also nicht nur schöner, bringen Lebensmittel und verbessern die Atmosphäre durch Photosynthese, sie haben auch direkt positive Auswirkungen auf die Gesundheit.

Im Ihme-Zentrum gibt es ein paar Ecken, in denen Platz wäre für Urbane Gärten, teilweise stehen dort jetzt schon Beete und Kästen, die aber weitestgehend verwildert sind. Warum nicht diese Orte aufwerten und den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Interessierten zum Gärtnern anbieten?

März 2015 – „Die Natur ist ein Teil des Zentrums“

Foto von Alisa Schafferschick

Von meinem Arbeitszimmer aus kann ich die Möwen über der Stadt sehen. Manchmal schwirren sie einfach nur in der Luft, lassen sich fallen und geben ihre Laute von sich. Oder sie kämpfen miteinander. Um Brot oder vielleicht auch um Aufmerksamkeit.

Unter meinem Fenster fließt die Ihme, dort quaken ab dem frühen Morgen die Enten. Am Anfang riss mich das Geräusch immer wieder aus dem Schlaf. Denn Enten quaken gerne am frühen Morgen. Seitdem führe ich eine Hassliebe mit ihnen.

Die Möwen leben das ganze Jahr über im oder am Ihme-Zentrum. Das hat mir der hannoversche Vogelkundler und Bieberexperte Golo Peters bei einem meiner kommentierten Spaziergänge erklärt. „Es sind übrigens Lachmöwen. Für sie ist aber in erster Regel der Fluss und nicht das Ihme-Zentrum relevant.“

Ich bin selbst immer wieder überrascht, dass ich wirklich direkt am Fluss lebe, keine zweihundert Meter von einem der tollsten Grünstreifen der Stadt entfernt: Der Leine-Ihme-Mündung mit der tollen Strandbar. Mitten in der Stadt habe ich ein Stück Natur vor dem Fenster. Menschen im Harz oder von der Nordsee würden mich sicherlich auslachen, wenn sie hörten, dass Hannover viel Natur hat. Doch so ist es ja.

Und die Natur erobert sich immer weiter Teile der Stadt zurück. Hannover war jahrzehntelang eine schmutzige, graue Stadt. Als das Ihme-Zentrum gebaut wurde, lag es beispielsweise mitten in einem ehemaligen Industriegebiet. Das Wasser in der Ihme war giftig. Dass eine Stadt wie Hannover nach einer langen Zeit wieder die Flüsse und Seen mitten in der Stadt entdeckt, in denen man inzwischen ohne Probleme baden kann, das schien während der Bauzeit des Zentrums undenkbar. Und deshalb ist das Gebäude auch komplett ohne Bezug zur Natur gebaut worden.

Am Wasser, in der Natur

Ein Architekt erklärte mir einmal, dass das Zentrum beispielsweise auf der falschen Seite des Flusses gebaut wurde – man guckt in den Wohnungen entweder nach Süden oder auf den Fluss. Und die Grünpflanzen, die auf den ursprünglichen Zeichnungen eine Rolle spielten – die fehlen komplett.

Dabei zeigen einzelne Bewohner, was möglich ist mit wenigen Quadratmetern Fläche. Ihnen gelingt es, dort mehr wachsen zu lassen als trostlose Stiefmütterchen. In manchen Dachgärten stehen sogar richtige Bäume. Und es gibt noch mehr Konzepte wie Urban Gardening, Urban Farming, Vertikale Gärten oder die Wiederentdeckung der Natur in der Stadt, die im Ihme-Zentrum eine Rolle spielen. Darüber werden hier auf dem Blog noch weitere Menschen tolle Geschichten erzählen. Wer jemanden kennt oder Vorschläge hat, kann mir auch gerne eine E-Mail schreiben.

Dass das Ihme-Zentrum von der Natur teilweise erobert wurde, wurde mir klar, als Vogelkundler Golo bei dem Rundgang zum ersten Mal in seiner Zeit in Hannover eine Bachstelze entdeckte: mitten im Zentrum. Für ihn ein Grund zur Freude. Denn aus Sicht des Naturschutzes und der Bevölkerung ist es natürlich super, wenn etwas seltenere Arten stadtnah brüten. „Wenn Kinder selten die Stadt verlassen, sind Vögel ja noch ein Stück Natur, das es zu entdecken gibt.“

Doch neben der Naturpädagogik gibt es aus städtebaulicher Sicht noch einen Vorteil, wenn sich Vögel wie Wanderfalken im Ihme-Zentrum ansiedeln würden: „Mehr Wanderfalken bedeutet weniger Tauben, die mit ihrem sauren Kot die Bausubstanz schädigen.“ Win-win nennt das wohl der Wirtschaftler.

Golo PetersGolo Peters ist Umweltwissenschaftler, Vogelexperte und Biberberater.

Februar 2015 – „Eine realisierbare Vision“

 

Sonne.

Im Herbst 2014 führte ich für den NDR ein Interview mit Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) zum Ihme-Zentrum. Er sprach damals davon, dass das Ihme-Zentrum „eine realisierbare Vision“ bräuchte, zeigte sich aber auch sehr interessiert, dass das Gebäude lebenswert bleibt und nicht zu einem Spekulationsobjekt verkommt. Am Mittwoch (24. Februar 2015) wird wurde das Zentrum für 16,5 Millionen Euro
versteigert
. Ich weiß nicht, ob meine Vision realisierbar ist. Aber aus all den Gesprächen mit Bewohnern, Wissenschaftlern, Experten und Interessierten habe ich so etwas wie eine Essenz zusammengefasst. Und die lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Das Ihme-Zentrum ist kein Problem, sondern eine Herausforderung.

Was Hannover fehlt, sind bezahlbarer, stadtnaher Wohnraum und Freiräume für Kreativität und urbane Experimente. Für beides ist Platz in den leeren Flächen im Ihme-Zentrum. Sei es studentisches Wohnen, Flüchtlingsunterkünfte, Mehr-Generationen-WGs, inklusionsgerechtes Wohnen – alles das ist möglich.

Wärme

Ein Teil der Gewerbefläche ist als Einkaufsbereich sinnvoll für die Nahversorgung. Dass es dafür Interessenten aus dem Einzelhandel gibt, zeigte sich über die Jahre immer wieder. Doch nicht der gesamte Raum sollte aus meiner Sicht dafür benutzt werden. Um das ganze Areal nach und nach zu modernisieren, stelle ich mir eine kreative Zwischennutzung vor: Ateliers, Theater, Klubs, Kino, Food-Trucks, Proberäume etc. Dazu Urban-Gardening- und Urban-Farming-Projekte, Sportflächen für Skateboarding oder Parkours, Begegnungsstätten.

Warum nicht auch eine Artist Residency einrichten, bei der Handwerker, Künstler und Nachhaltigkeitsexperten für eine gewisse Zeit kostenlos im Zentrum leben und es dafür im Gegenzug umgestalten, anmalen, nachhaltig modernisieren, erneuern, lebenswerter machen.

Auch eine energetische Sanierung, eine Versorgung des Zentrums mit erneuerbaren Energien durch vertikale Windkraftanlagen sowie moderne Mobilitätskonzepte sind möglich. Dazu bessere Zugänge zum Wasser und mehr Grün. Aus der abweisenden Burg kann so eine beschauliche Insel werden, die in ihre Umgebung sinnvoll integriert ist.

Himmel

Es könnte ein ökologisches, kreatives und nachhaltiges Vorzeigeprojekt für ganz Deutschland sein. Denn in nahezu jeder Großstadt gibt es solche mehr oder weniger brach liegenden Quartiere. Im Gegenzug gibt es auf der ganzen Welt Projekte wie das Barbican Centre in London, wo gezeigt wurde, dass neue Ansätze der Städteplanung und -entwicklung möglich sind, von den Bewohnern angenommen werden und sich zu touristischen Hot-Spots entwickeln. Jeder kennt den Bilbao-Effekt, warum nicht das Ihme-Zentrum nutzen, um den Hannover-Effekt zu erzeugen?!

Welche Visionen für das Ihme-Zentrum noch möglich sind, das werde ich in den kommenden Wochen zeigen: Denn ich habe mit vielen Menschen mit ganz tollen Ideen gesprochen, denen ich hier im Blog Raum für ihre Einfälle einräumen möchte. Denn Ideen, Kreativität und Motivation sind auf jeden Fall vorhanden, um Hannovers „Bausünde“ in ein modernes, nachhaltiges und lebenswertes urbanes Zentrum zu verwandeln. Lasst es uns gemeinsam wach küssen.

Für Interessierte und Skeptiker werde ich einen kommentierten Spaziergang durch das Ihme-Zentrum anbieten. Der nächste Termin ist am Sonntag, 8. März, um 15 Uhr.
Treffpunkt ist das Capitol-Hochhaus am Schwarzen Bär.