Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Umbauen

Mai 2017 – Der Umbau der Zukunftswerkstatt ist fertig

Knapp zwei Wochen vor der Eröffnung der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum ist der Umbau des neuen Nachbarschafts- und Kulturzentrums nahezu fertig. Im Interview erklärt Thomas Wolters, was genau gebastelt werden musste, was in Zukunft in den Räumen passiert und welche Vision der Geschäftsführer des Ökobaumarktes Umbau für das Ihme-Zentrum hat.

Du baust derzeit die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum um. Was ist alles schon geschehen und was habt ihr noch vor?
In den Räumlichkeiten sind zunächst umfangreiche Abbrucharbeiten vorgenommen worden. So wurden z.B. drei Wände entfernt, um einen großen Veranstaltungsraum zu schaffen. Unsere Arbeit bestand vor allem darin, einen neuen Fußboden einzubauen. Hierfür mussten wir erst den Untergrund aufwendig vorbereiten, d.h. die Risse im alten Estrich schließen und danach den Boden auf ca. 230m² vollflächig spachteln. Hierzu wurde eine zementäre Spachtelmasse 3-5mm dick aufgetragen. Diese Spachtelmasse war nötig, um einen glatten Untergrund für das Linoleum zu schaffen.

Welche Baumaterialien habt ihr dafür verwendet?
Wir hatten uns für diesen Bodenbelag entschieden, weil er zu 95 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt wird, sehr robust und leicht zu pflegen ist. Es gibt kaum einen ökologischeren Baustoff. Die, leider sehr hässliche, Decke im großen Raum konnten wir aus technischen Gründen nicht entfernen. Vielleicht bauen wir das aber noch um. Dennoch war es möglich, die Decke „aufzuhübschen“, inden wir sie mit einer ökologischen Farbe übergestrichen haben. Diese Farbe wird auch ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und hat dennoch ein hohes Deckungsvermögen. Zum Schluß haben wir noch Sockelleisten aus Massivholz montiert.

Du bist selbst mal Mieter im Ihme-Zentrum gewesen, könntest du dir vorstellen, wieder einzuziehen?
Ich könnte mir sehr gut vorstellen, wieder im Ihmezentrum zu wohnen, und auch meinen Laden sehe ich eigentlich perfekt positioniert im Ihme-Zentrum.

Hast du eine Vision vom Ihme-Zentrum 2025?
Meine Vision für das Ihmezentrum 2025  ist zweigeteilt: Meine große Hoffnung und auch mein Wunsch wäre es, dass die Politik sich endlich bewegen würde um eine durchgreifende Sanierung des Ihme-Zentrums zu ermöglichen. Dann könnte aus dem Ihme-Zentrum eine grüne Stadt in der Stadt werden, an einem der begehrtesten Standorte der Stadt. Die zweite, nicht so positive, Vision ist, dass bis 2025 noch nicht so viel passiert ist. Ist ja nicht mehr so lange bis dahin, und man weiß ja wie lange politische Entscheidungen brauchen. Naja, aber dann gehen meine Wünsche für das Ihme-Zentrum eben erst 2030 oder 2035 in Erfüllung.

Thomas Wolters ist Geschäftsführer vom Ökobaumarkt Umbau und Mitglied im Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum.

Januar 2017 – Das Ihme-Zentrum als Teil einer besseren Verkehrsinfrastruktur

Foto: @kommyt

Foto: @kommyt

Das Ihme-Zentrum wirkt für viele wie eine verschlossene Burg. Mehr Verbindungen zum Umfeld und angenehmere Wege durch das Quartier für Fußgänger und Fahrradfahrer würden die Lebensqualität für alle verbessern. Welche Ideen es für eine bessere Verkehrsinfrastruktur gibt, erklärt Oliver Thiele vom Aktionsbündnis Platzda! im Interview.

Ihr engagiert euch für eine nachhaltige Verkehrsführung in Linden und der gesamten Stadt. Welche Rolle spielt das Ihme-Zentrum für eine bessere Infrastruktur?
Die hohe Bebauungsdichte und die ursprünglich gemischte Nutzung bot den Bewohnern die Chance, sich zu Fuß fortzubewegen. Die Wege im funktionierenden Ihme-Zentrum waren kurz. Die Bewohner sollten zukünftig ihren täglichen Bedarf an Lebensmitteln, Medikamente, Besuchen von Bekannten, Arztterminen usw. zum Teil wieder innerhalb des Ihme-Zentrums decken können. Diese Form von Erreichbarkeit der infrastrukturellen Einrichtungen auch im umliegenden Stadtteil Linden ist aus unserer Sicht nachhaltiger Verkehr; weniger Verkehrslärm schont die Nerven und weniger Abgase die Gesundheit.
Die ungenutzten Tiefgaragen könnten als Stadtteilgaragen dienen. Das gewonnene Mehr an Raum durch weniger abgestellte Fahrzeuge würde die Möglichkeit bieten, breitere Fuß- und Radwege in Linden anzulegen. Fahren mehr Menschen zu Fuß oder mit dem Rad, begegnen wir uns häufiger auf Augenhöhe im Stadtteil, sind entspannter und kommen ins Gespräch, was für den Zusammenhalt einer (Stadtteil-)Gemeinschaft eine hohe Bedeutung hat. Über Venedig, die Stadt der Fußgänger, wird gesagt, eine Verspätung von einer Viertelstunde ist allgemein akzeptiert, da die Menschen auf ihrem Weg zu einem Termin immer einen oder mehrere Bekannte treffen und sich unterhalten. Was für ein schöner Gedanke.

Copyright: Gerd Runge

Am Küchengarten und an der Gartenallee bieten sich gute Möglichkeiten für mehr Verbindung zum Umfeld. Idee: Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum.

Wie ließe sich der Radverkehr im Ihme-Zentrum und seiner Umgebung aus deiner Sicht verbessern?
Durch die zentrale Lage des Ihme-Zentrums haben die Bewohner unter gewissen Voraussetzungen die Gelegenheit, das Fahrrad häufiger zu nutzen und ihre Wege in Linden und der Stadt bequem per Rad zurückzulegen. Sichere und gut beleuchtete Fahrradabstellplätze, die in unmittelbarer Nähe der Aufzüge oder Treppenanlagen liegen, und natürlich gut ausgebaute Radwege dorthin sind einige dieser Voraussetzungen. Ein wieder erstarkendes Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen im Ihme-Zentrum und dem Stadtteil, das leider in den letzten Jahren verloren gegangen ist, könnte die Folge sein.
Die Durchquerung bzw. die Wege entlang des Ihme-Zentrums sind wichtige Punkte zur Verbesserung des Radverkehrs im und am Quartier. Die dunkle, schmuddelige Passage von der Blumenauer Straße, die an der Brücke hinüber zum Peter-Fechter-Ufer mündet, müsste gerader geführt und besser beleuchtet werden. Zudem wäre eine eindeutige Trennung zwischen Fußgängern und Radfahrern mit rot eingefärbten Radweg und baulicher Trennung durch Poller o. ä. wünschenswert, um Konflikte und Unfälle zu vermeiden. Der Weg nach Linden mit dem Rad, aus der Passage kommend, in die Gartenallee hinein fahrend, sollte direkt und mit einer eigenen Grünphase für Radfahrer diagonal über die Kreuzung auf einen Radweg in der Gartenallee möglich sein. Auch Abstellplätze oder -boxen für Lastenräder von Lindenern, die in der Nähe wohnen, wären denkbar.

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Angenehme und barrierefreie Durchgänge im Ihme-Zentrum für mehr Lebensqualität für die Bewohner und alle in der Stadt. Eine Idee des Vereins Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum.

Hast du eine Vision vom Ihme-Zentrum und dem Stadtteil für 2030?
Die völlig überdimensionierte und beileibe nicht hoch frequentierte Blumenauer Straße ist zurück gebaut, die Parkplätze sind verschwunden. Stattdessen führt ein breiter, grüner Boulevard, vergleichbar einer spanischen Rambla, auf der Linden zugewandten Seite entlang des Ihme-Zentrums. Der Großeigentümer hat das Buch „Städte für Menschen“ von Jan Gehl gelesen und verstanden, dass gut funktionierende Einkaufsstraßen eine kleinteilige Struktur brauchen. Daher befinden sich im Erdgeschoss des Ihme-Zentrums kleine Geschäfte, die sich in ihrem Angebot ergänzen, Cafés und städtische Einrichtungen wie ein Seniorentreff, eine Polizeiwache, ein Kindergarten usw. Auf der anderen Seite schwimmen Pontons auf der Ihme, die ein Fluss-Schwimmbecken mit Rutschen und Sprungtürmen umrahmen. Ruderboote und Kajaks liegen an Stegen und Ruheorte für alle Bewohner der Stadt oberhalb des Ufers laden zum Verweilen und Zuschauen ein. Eine Vision halt, aber was wären wir ohne sie?

Am 9. Februar um 18.30h lädt die Platzda!-Initiative ins Lindener Rathaus zur Infoveranstaltung „Wie wollen wir leben in unseren Stadtteilen (und Städten)?“. Die Initiative betreibt außerdem derzeit ein Crowdfunding auf Hannovermachen: https://projekte.hannovermachen.de/invest/platzda.

Oliver Thiele

Oliver Thiele wohnt seit 25 Jahren in Linden, ist Architekt und hat drei Kinder. Vor gut einem Jahr hat er die PlatzDa!-Initiative ins Leben gerufen. Mehr Infos: http://www.hannovercyclechic.wordpress.com

Dezember 2015 – „Ein Vorzeigeprojekt“

Monika Stadtmüller ist Vorsitzende des Seniorenbeirats der Landeshauptstadt Hannover. Für sie könnte das Ihme-Zentrum zu einem „Vorzeigeprojekt“ für generationsgerechtes Leben werden. Egal wie alt, egal, ob reich oder arm, egal, welcher Herkunft – Monika Stadtmüller wünscht sich ein lebendiges Ihme-Zentrum. Die Voraussetzungen dafür sind gut, schließlich ist ein Großteil der Wohnungen im Ihme-Zentrum bereits heute barrierefrei, die Lage perfekt für eine Mobilität ohne Autos, und das verdichtete Bauen könnte eine tolle Nachbarschaftlichkeit (wieder) entstehen.

Diese und viele weitere Ideen sammeln wir für das Filmprojekt „Das Ihme-Zentrum – Traum Ruine Zukunft“, ein Mini-Dokumentarfilm über die bewegte Geschichte des Quartiers und eine mögliche bunte, kreative und nachhaltige Zukunft. Wenn ihr das Ihme-Zentrum auch als eine Chance seht, dann unterstützt uns bei der Produktion des Films: startnext.com/ihmezentrum.

März 2015 – „Die Bausubstanz entscheidet“

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Marc Böhnke ist Architekt in Düsseldorf. Mit seinem Unternehmen Greeen Architects hat er sich auf ökologische, ganzheitliche und ethisch-soziale Architektur spezialisiert.

Wie schätzt du das Potenzial eines zum größten Teil ungenutzten Gebäudes wie das Ihme-Zentrum ein?
Es ist ökologisch ja oftmals besser, im Bestand zu bauen, anstatt ein Gebäude abzureißen und dort etwas Neues entstehen zu lassen, wenn die Bausubstanz dies zuläßt. Wir erleben ja gerade einen richtigen Run in den Städten auf die Flächen, die lange Zeit anders genutzt wurden oder nicht nutzbar waren: Beispielsweise alte Industriegebiete, still gelegte Bahntrassen oder wie bei uns in Düsseldorf schon seit langer Zeit der Hafen.

Findet da so etwas wie eine Wiederentdeckung statt? In Fachkreisen wird ja viel über die Urban Renaissance gesprochen, die Wiederbelebung der Städte.
Ja, das geschieht, auch wenn ich dem Trend ein wenig skeptisch gegenüber stehe. Aber der Bedarf an städtischen Flächen steigt klar. Lange Zeit gab es genug Flächen, auch weil der Trend bestimmte, in die Vorstädte zu ziehen. Doch seitdem die Städte wieder interessanter geworden sind, stürzen sich die Investoren und Projektentwickler auf alle verfügbaren Grundstücke in den Städten. Und irgendwann sind die alle weg. Dann musst du Grundstücke erfinden. Das ging vor einigen Jahren an vielen Orten los. Dazu kommt, dass die Städte generell ja ihre Grünflächen und vor allem das Wasser wieder entdeckt haben.
Und wenn die Kommunen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass diese Gebiete entwickelt werden, was ja häufig erst einmal eine umweltgerechte Umwandlung in Bauland bedeutet , dann springen darauf auch Investoren an. So entsteht eine Kettenreaktion mit großen Effekten.

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Gebäude im Bestand umzubauen ist nachhaltiger, aber warum wird das so selten gemacht? Ist das technisch zu kompliziert?
Nein, die technischen Möglichkeiten gibt es schon seit Jahrzehnten. Und es gibt genug Beispiele, wo ein Umbau sehr gelungen ist. Dafür muss man sich nur den Medienhafen hier in Düsseldorf anschauen oder auch generell Berlin oder Leipzig. Die Herausforderung beim Umbau ist die Substanz. Wenn man Pech hat, dann ist die Substanz sehr schlecht oder birgt Problematiken, die man im Vorfeld nicht voll erfasst hat. Das wird dann richtig teuer. Ich habe von Unternehmen gehört, die deswegen schon pleite gegangen sind. Auch wenn du mit dem Vorhaben, im Bestand zu bauen, mit einer Kreditanfrage zum Bankberater gehst, bist du für die Bank meist ein nicht kalkulierbares Risiko.

Und die Unterstützung durch die Banken ist bei solchen Projekten sehr wichtig oder?
Ja, um solche Projekte zu realisieren, besorgt man sich fast immer eine Fremdfinanzierung. Da läuft vom ersten Tag an die Schiene aus Zins und Tilgung. Jeder Monat zählt. Natürlich sparst du Zeit, wenn du im Bestand baust – weil der Rohbau mit Fundament und Tragstruktur schon steht. Theoretisch kannst du viel eher nach Baustart vermieten, weil du ja nicht bei Null anfangen musst. Aber das Risiko, dass man in der Substanz mit konstruktiven, geometrischen oder anderen Problemen konfrontiert wird, die im Vorfeld nicht sichtbar waren, ist gegeben. Dafür brauchst du Spezialisten. Das ist ein Grund, warum das wenige Menschen machen. Neben der Lage ist die Substanz und die Projektidee entscheidend. Die Haut, die Außenhülle ist sekundär.

Du sagst ja selbst, dass die Innenstädte zum Wohnen wieder interessanter geworden sind. Gleichzeitig gibt es einen hohen Leerstand bei Gewerbe- und Büroflächen – wie im Ihme-Zentrum. Findet da irgendwann ein Umdenken statt?
Auf jeden Fall. Ich kenne einige Projekte, wo Bürogebäude aus den 1970er-Jahren in hochwertige Wohnhäuser umgebaut wurden. Das Bewusstsein ändert sich schon so langsam. Aber ich weiß nicht, ob das auch schon für Gebäude im Maßstab des Ihme-Zentrums gilt. Dafür brauchst du ja ganz andere Mittel und vor allem auch Mut. Wenn du dann keinen Profiinvestor hast, der sich mit Bauen auskennt, dann ist das Risiko des Scheiterns recht groß.

Marc Böhnke ist Architekt in Düsseldorf.