Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Umbau

Juni 2015 – „Das Ihme-Zentrum wird zum Freizeit-Treffpunkt“

Leere.

Es gab eine Zeit, da wurden im Ihme-Zentrum Konzerte gespielt, Theater gemacht, Partys gefeiert. Da es in Hannover seit einigen Jahren immer schwieriger wird, Freiraum für Kreatives und Kultur zu finden, bietet sich das Zentrum mit seiner freien Fläche quasi an, bespielt zu werden. Dominique Schrader hat dabei schon eine konrekte Vision, wie der „Klotz“ zum Hotspot werden kann.

Welche Vision hast du für das Ihme-Zentrum?
Ich würde aus dem Gewerbegebiet gerne einen Freizeit-Treffpunkt in Form eines Skateparks machen. Hierzu würden sich dann noch Gastronomie und eine Event-Location anbieten. Das Thema Straßenkultur – also sei es Skaten, Sprayen oder irgendwo mit einem Kaffee rumsitzen und seine Freizeit genießen – wird ja von vielen Menschen immer als Lärmbelästigung und/oder Verschmutzung gesehen – aber es bringt gleichzeitig auch Leben in Stadtteile. Ein Skatepark würde also in vielerlei Hinsicht Probleme lösen: 1) Indem er die Straßenkultur auf einen zentralen Raum fokussiert, der Freiheiten bietet und es niemanden stört. Bislang müssen Skater entweder auf kleinen Plätzen fahren oder weite Wege in Kauf nehmen 2) Wenn der verlassene Gewerbeteil des Ihmezetrums sozial wiederbelebt wird, wird das auch konsequenter Weise die Wirtschaft stärken. 3) Durch eine solche soziale Wiederbelebung ist ein Image-Wandel viel einfacher zu schaffen als mit aufwändigen und teuren Image-Kampagnen.
Für den Skatepark an sich denke ich speziell an die alte Fläche von Saturn-Hansa – quasi über mehrere Stockwerke verteilt. So etwas gab es meines Wissens nach noch nicht und wäre eine echte Innovation.

Sonne.

Hast du in anderen Städten erlebt, dass eine Umnutzung funktioniert?
Ich habe nach meinem Studium erst in London und dann in Hamburg gelebt und habe in beiden Städten gesehen, dass eine kreative Nutzung von alten Flächen wahre Wunder bewirken kann. In London denke ich da als erstes immer an die Tate-Modern-Gallery, die ein altes Kraftwerk direkt an der Themse war – Architektonisch ein echter Klotz, der viel Sonne nimmt und in einem unansehnlichen Ocker erscheint. Aber dadurch, dass eine der besten Kunstgalerien Europas darin steckt, lebt dieser Klotz, zieht jede Menge Künstler und Interessierte an und wirkt als ein echter Treffpunkt. In Hamburg fällt mir sofort der Bunker am Millerntor ein:  Der dunkelgraue Klotz ist eigentlich ein echter Schandfleck. Aber dadurch, dass unten ein echt guter Musikladen und oben mit dem Uebel & Gefährlich einer der besten Live-Klubs der Stadt ist, lebt auch dieses Gebäude und wird mit positiven Emotionen in Verbindung gebracht. So etwas will ich für Hannover auch.

Licht

Warum denkst du, dass Hannover so ein Freizeit- und Sportzentrum gebrauchen kann?
Wie ich oben schon kurz erwähnt habe, gibt es in Hannover nicht gerade viele Optionen für Skater – in der Region Hannover schon gar nicht. Ich bin in einem Vorort groß geworden, wo verärgerte Anwohner uns Sonntags vom Skateplatz gescheucht hatten, weil sie ihre Ruhe wollten. Dabei haben wir noch nicht mal Musik gehört. Die Konsequenz ist, dass du irgendwann keinen Bock mehr auf Skaten hast. Außerdem: Wenn es regnet, ist das Thema sowieso gegessen. Wer einmal auf einer nassen Rampe stand, weiß, wie gefährlich das sein kann.
Momentan gibt es neben dem 2er-Skateplatz auch noch die Yard-Skatehall, die den Skatern ein Dach überm Kopf bietet. Die ist in Empelde. Das ist für viele „nicht mal eben hin“, sondern eine echt weite Reise, welche mit dem Ihme-Zentrum deutlich verkürzt würde. Dabei darf man nicht vergessen, dass neben Skateboarden ja auch noch Inline-Fahrer und BMXler einen Anspruch auf eine solche Halle hätten.
Außerdem gibt es Eltern die Möglichkeit, dass ihre Kinder den Sport unter Aufsicht lernen und sich so einfach sicherer fühlen als irgendwo in der Pampa über eine selbstgebaute Rampe zu springen.
Was Sprayer angeht: Wenn man diesen die Möglichkeit gibt, sich kreativ auszuleben, kommen dabei meist bessere Kunstwerke raus, als wenn diese Menschen von der Polizei gejagt werden. Man kann ja gerade auch am Klagesmarkt bewundern, wie cool Sprayen aussehen kann – von der Bahnstation Sedanstraße ganz zu schweigen.

So wie du das planst wird das ja auch Menschen von außen anlocken. Hat das Ihme-Zentrum für dich touristisches Potenzial?
Auf jeden fall! Wenn man sich vorstellt, dass man eine riesige Skatehalle über mehrere Etagen hat, die gleichzeitig noch Kulturzentrum ist, wo abends von Tanzveranstaltungen bis zu Konzerten viel stattfinden kann – warum sollte sowas keine Leute anlocken? Man sieht ja auch immer wieder, wie viele Menschen auf einmal zusammenkommen, wenn Profis anreisen und an einem Contest teilnehmen (beispielsweise die X-Games oder die Simple-Sessions von Red Bull). Warum kann denn sowas nicht in Hannover stattfinden – mitten in der Stadt?

Dominique Schrader

Dominique Schrader

Juni 2015 – „Wirklich großes Potenzial“

Ihme-Zentrum, 2014.

Als Wissenschaftlerin erforscht Professorin Christine Hannemann die Wechselwirkung von menschlichen Bedürfnissen, Interessen sowie Nutzungen und gebauter Umwelt. Ende Mai durfte ich ihr im Rahmen einer Veranstaltung der Akademie für Raumforschung und Landesplanung das Ihme-Zentrum zeigen. Im Interview erklärt sie, welches Potenzial sie für den Gebäudekomplex sieht und welche Probleme es geben könnte.

Frau Hannemann, Sie waren Ende Mai im Rahmen eines Expertengesprächs zur Zukunft des Ihme-Zentrums in Hannover zu Gast. Welchen Eindruck hatten Sie von der Stadt vorher?
Nur ein paar Tage vor dem Podiumsgespräch hatte ich das Glück den städtischen Baudezernenten Uwe Bodemann in einem Vortrag zu erleben. Er hat uns die Entwicklung der Stadt Hannover mit allen Erfolgen und Herausforderungen beschrieben. Demnach hat sich die Stadt in den vergangenen Jahren ja stark zum Positiven entwickelt. Doch das Ihme-Zentrum hat er nicht mit einem Wort erwähnt. Das fand ich angesichts der Größe der Probleme in dem Stadtviertel eher ungewöhnlich.

Der Umbau beginnt...

Im Rahmen Ihres Besuches in Hannover habe ich Ihnen das Ihme-Zentrum gezeigt. Welchen Eindruck macht der Komplex auf Sie?
Ich finde die Summe der Probleme dort schon immens. Aber offensichtlich funktioniert das Wohnen ja gut. Also muss vor allem der gewerbliche Bereich umgestaltet werden. Für mich hat das Ihme-Zentrum ein wirklich großes Potenzial zur Entwicklung.

Gibt es aus Ihrer Erfahrung denn andere sogenannte Problemstadtteile, bei denen ein Wandel, eine Transformation gelungen ist?
Ja, die gibt es. Wobei das auch immer daran liegt, wie die Eigentumsverhältnisse organisiert sind. Die Lage im Ihme-Zentrum – mit einem Investor, dem rund 83 Prozent gehört und rund 550 weiteren Einzelbesitzern – ist schon ungewöhnlich. Dabei würde mich vor allem interessieren, wie die Struktur der Bewohner aussieht. Also welchem Milieu sie entstammen, was ihre Bedürfnisse sind. Bislang weiß ich nur, dass es in dem ganzen Komplex keine Sozialwohnungen und einen hohen Anteil an Privatwohnungen gibt.

Eingang

Sie beschäftigen sich an der Universität Stuttgart mit Aspekten und Dimensionen der Wechselwirkung von menschlichen Bedürfnissen, Interessen sowie Nutzungen und gebauter Umwelt. Welches Entwicklungspotenzial sehen Sie denn im Ihme-Zentrum?
Das Ihme-Zentrum bietet im Prinzip eine wunderbare Möglichkeit, um hier einen sozial und ökologisch nachhaltigen Stadtteil mit Innenstadtlage, also auch fußgänger- und fahrradfreundlich, zu etablieren. Die Frage ist nur: Wollen das die Bewohner und der Investor? Und, wie engagiert sich die Stadt?

Christine Hannemann

Prof. Dr. Christine Hannemann leitet das Fachgebiet Architektur- und Wohnsoziologie
am Institut für Wohnen und Entwerfen der Universität Stuttgart.

April 2015 – „Das Zentrum muss zum Campus werden“

Copyright: Linda Iglesias Navarro und Elsa Berger

Das Ihme-Zentrum als Campus? Auf den Plänen von Linda Iglesias Navarro und Elsa Berger sieht die Idee schon sehr realistisch aus.

 

Das Ihme-Zentrum muss zum Uni-Campus werden. Die beiden Innenarchitektinnen Elsa Berger und Linda Iglesias Navarro haben in ihrer Abschlussarbeit untersucht, wie realistisch der Umzug der Hochschule Hannover ins Ihme-Zentrum ist. Das Ergebnis wäre ein Traum, nicht nur für Studierende.

Wie kamt ihr darauf, eure Bachelor-Arbeit über das Ihme-Zentrum zu machen?
Als wir vor viereinhalb Jahren für unser Innenarchitekturstudium nach Hannover zogen, hatten wir beide noch keine Ahnung, dass es das Ihme-Zentrum überhaupt gibt. Erst nach einigen Monaten ist es uns mit seinem massiven und kolossalen Erscheinungsbild aufgefallen. Nach und nach wurde es immer mehr zum ständigen Begleiter und Thema: „Was war da?“ oder „Was ist da?“
„Wieso nimmt sich diesem Gebäude eigentlich keiner an?“
Wir hörten immer mehr Geschichten über fertige U-Bahnstationen, geheime Partys, Junkies und Prostitution, und das Zentrum ließ neben einer gewissen Abscheu auch das Interesse wachsen.
Diese konträre Haltung ist ein wichtiger Punkt bei unserem Entschluss gewesen. Denn eine konträre und durchaus auch negative Meinung zu einem Thema ist – wie uns die Erfahrung lehrte – meist fruchtbarer und intensiver als eine positive oder neutrale Meinung. So wurde aus unseren anfänglichen Hirngespinsten ein ernstes Thema, das uns all die Studienjahre verfolgte und uns keine Ruhe ließ.
„Da kann man doch was draus machen!“
„Dieses Ihme-Zentrum hat Potenzial.“
„Man muss nicht alles, was alt und augenscheinlich hässlich ist, abreißen und vergessen. Man kann es doch nutzen und die Geschichte spürbar machen.“
„Mann, stell dir vor – unsere Hochschule im Ihme-Zentrum. Mitten in Linden! Wäre das nicht eine Idee?“

Der Campus

Auf den Entwürfen gut zu sehen: In Kuben wird gelernt oder auch mal Pause gemacht. Die Flure eignen sich für den Austausch.

 

Wie seid ihr bei eurer Untersuchung vorgegangen?
Zunächst haben wir versucht, das Gebäude zu begreifen. Dazu gehörte neben der Ortsbegehung auch das Sichten der Pläne. Diese bekamen wir vom Verwalter Jaskulski zur Verfügung gestellt, neben vielen Informationen zu Verwaltungsstrukturen und Hintergründen. Eine ausgiebige Recherche sollte das Fundament unserer Entwurfsarbeit sein und uns natürlich in erster Linie darüber aufklären, weshalb das Ihme-Zentrum als Einkaufszentrum gescheitert ist und was in dem Gebäudekomplex die architektonischen Probleme darstellt.
In der Entwurfsarbeit konzentrierten wir uns in erster Linie auf die leerstehenden Flächen und vor allem auf die Straßenebene. Primäres Ziel war es, die Zugänglichkeit zu erleichtern und öffentliche Aufenthaltszonen zu schaffen, die für Hochschule und Bürger gleichermaßen dienlich sind. Die Hochschulräume sollten so konzipiert sein, dass sie den Studierenden eine vielfältige und individuelle Arbeitsweise ermöglichen und einen starken Außenbezug haben.

Der Campus

Bislang müssen die Studierenden noch raus zum Expo-Gelände fahren. Im Ihme-Zentrum könnten sie mitten in der Stadt lernen.

 

Wie realistisch ist es, die Hochschule ins Ihme-Zentrum zu verlegen?
Das Ihme-Zentrum verfügt aufgrund seiner Lage über eine sehr gute Infrastruktur sowie über eine schnelle Verbindung innerhalb der Stadt und würde somit einen idealen Standort bieten. Die Leibniz Universität, Bibliotheken und Mensen sind nicht weit entfernt, wodurch ebenfalls ein Austausch zwischen weiteren Studierenden stattfinden könnte.
Von der Größe des Gebäudes her wäre es durchaus möglich, Teile der Hochschule Hannover in das Ihme-Zentrum zu verlegen und somit einen attraktiven Campus für die Studenten zu schaffen, der auch Anwohnern und Interessierten offen stünde. Damit diese Idee eines Tages Realität wird, müssen wir allerdings noch mehr Menschen von unserem Konzept begeistern und einen geeigneten Investor finden.

Der Campus

Transparent: Die Aufenthaltsräume sollen nicht nur für Studierende sein, sondern auch für die Anwohner und Interessierte.

 

Hat sich eure Meinung zum Ihme-Zentrum geändert, nachdem ihr euch so lange damit beschäftigt habt?
Mit der Zeit haben wir immer mehr Potenzial in dem Gebäude gesehen. Bei jeder Besichtigung kamen uns neue Ideen, und wir entdeckten weitere interessante Stellen, die man bearbeiten könnte. Der große unübersichtliche Bau verschmolz immer mehr mit unserem Konzept, und unsere Vision wurde immer konkreter.
Für viele ist das Ihme-Zentrum ein nutzloser Schandfleck, für uns ist es jedoch ein Ort, der Geschichten erzählt und der mit der richtigen Idee zu einem neuen Wahrzeichen der Stadt werden könnte – und zwar im positiven Sinne.

Linda Iglesias-Navarro und Elsa Berger Linda Iglesias Navarro (links) und Elsa Berger sind Innenarchitektinnen

Interesse an einem Rundgang durch das Ihme-Zentrum?

April 2015 – „Oben ist ja alles schön!“

Stufe eins

So sieht das Ihme-Zentrum von Süden betrachtet bislang aus. Alle Fotos von Frank Eittorf

Für den Architekten und Dozenten Frank Eittorf hat das Ihme-Zentrum Potenzial, um nachhaltige Baugeschichte zu schreiben. Ein Gespräch über die Herausforderungen, mögliche Probleme und das Ziel einer Umgestaltung des Zentrums.

Du hast vor einiger Zeit einen Impulsrundgang durch das Ihme-Zentrum gemacht, wie war dein Eindruck?

Ich würde es als Wechselbad der Gefühle beschreiben. Ein Wechselspiel zwischen Spannung, Faszination und Entsetzen, letzteres überwog. 
Ich habe mir einen Nachmittag die Zeit genommen, den „öffentlichen“ beziehungsweise „zugänglichen“ Raum des Ihme-Zentrums zu „durchlaufen“.  Angefangen habe ich in den, nur teilweise genutzten, Tiefgaragen. Mein Fokus galt jedoch den Ebenen 0 und 1. Es ist dunkel, unübersichtlich und unangenehm. 
Die bestehenden Hauseingänge sind schwer zu finden. Gäste finden ihre Gastgeber nicht, trauen sich nicht durch das Dunkel des „gefühlten“ Untergrunds. Die Folge: Gastgeber holen ihre Gäste am Küchengarten oder der Blumenauerstraße ab. Wenn man dann mal in einer Wohnung ist, überzeugt diese durch gute Grundrisse mit Weitblick. Oben ist ja alles schön!

Durchblick: Im Erdgeschoss wird Freiraum geschaffen. Die Ihme rückt näher an Linden heran.

Durchblick: Im Erdgeschoss wird Freiraum geschaffen. Die Ihme rückt näher an Linden heran.

Als Architekt und Dozent hast du Erfahrung mit der Umnutzung von vermeintlichen Bauruinen wie Luftschutzbunkern gesammelt. Hättest du auch eine Idee, wie das Ihme-Zentrum neu umgebaut werden könnte?

Definitiv – daher mein Wechselbad. Als Architekt bin ich fasziniert von der Idee der kompakten Stadt: Zentrales Wohnen mit einer hohen Dichte verkürzt die täglichen Wege, spart Ressourcen. Die Idee von Nachhaltigkeit im pursten Sinne – und das nicht erst seit den 70er-Jahren. Die heutige Diskussion von Nachhaltigkeit  geht am eigentlichen Thema vorbei: Es geht nicht mehr um zentrales Wohnen, die Innenstädte sind entvölkert, Siedlungen werden ins Grüne gebaut. Weite Wege und Flächenfraß sind die Folge. Auch geht es anscheinend nicht mehr um die kompakte Bauform. Im Gegenteil: Je mehr Einfamilienhäuser, desto mehr Gebäudevolumen, desto mehr Fassade, desto mehr Fläche gilt es mit „Sondermüll“ zu tapezieren, desto mehr Wärmedämmung wird verkauft. Als gelernter Maurer sehe ich das besonders kritisch.

Dem Ihme-Zentrum fehlt nicht viel, um als gebaute Utopie zu funktionieren. Lediglich die Ebenen 0 und 1 sind problematisch. In meiner Studie habe ich zunächst diese beiden Ebenen frei geräumt, zudem den Deckel der Shopping Mall über der Ebene 0 entfernt. Das Resultat sind Licht, freie Blicke und Wege zur Calenberger Neustadt, zur Ihme. Das Wichtigste sind die nun freien und hellen Eingänge in die oberen Geschoße der bestehenden Wohnungen. Sämtliche Nutzergruppen bekommen ihren Eingang, ihre Adresse zurück. Die restlichen Flächen würde ich als Bauland anbieten. Das Achsmaß beträgt etwa acht Meter, daher würden die Parzellen acht Meter breit, 24 bis ca. 48 Meter tief und rund acht Meter hoch sein.
 Es müsste ein Masterplan entwickelt werden, der Vorgaben und Besonderheiten des Ihme-Zentrums berücksichtigt und thematisiert. Baulinien und -höhen sowie der Umgang mit der bestehenden Tiefgarage seien da mal als Stichworte genannt. 
Die Idee: Mein Haus, mein Garten, mein Auto, meine Tiefgarage. 
Um eine dichte und zugleich heterogene Architektur zu gewährleisten, müssten die Parzellen einzeln oder in überschaubaren Teilstücken vermarktet werden. Ein gutes Beispiel für Kompakte Vielfalt ist der Masterplan Von West 8, Borneo Sporenborg in Amsterdam.

Im entstandenen Freiraum ließen sich kleine Wohn- und Arbeitseinheiten schaffen und vermarkten.

Im entstandenen Freiraum ließen sich kleine Wohn- und Arbeitseinheiten schaffen und vermarkten.

Was müsste passieren, damit das Ihme-Zentrum in Hannover und überregional als Chance und nicht mehr nur als Bausünde gesehen wird?
Das Ihme-Zentrum müsste zu einer Erfolgsstory werden. Wir müssten den Mut und Willen der Erbauer zurückgewinnen, die Fehlversuche begraben und als Optimisten mit dem Gelernten an die Planung gehen. Es gibt ein paar Stellschrauben die fix sind – andere Dinge müssen flexibel bleiben. 
Das Wichtigste: Es muss sich auch für einen Investor rechnen. Das Bauland bringt das Geld, um die Ebenen 0 und 1 frei- bzw. aufzuräumen. Der Investor vermarktet lediglich die Parzellen. Im besten Fall koordiniert er Planung und Bau, wo er insbesondere jungen und kreativen Architekten die Chance gibt, sich mit dieser besonderen Aufgabe auseinander zu setzen. Abhängig von der Lage der Parzelle sollte ein Planungs- oder Architekturbüro ein Doppelhaus oder ein Reihenhaus entwickeln und bauen. Als Zielgruppe eignen sich junge Familien, die gerne zentral wohnen und arbeiten wollen.

Der Erfolg der Vision Ihme-Zentrum hängt von der Summe individueller Architekturen ab. Nur die gebaute Vielfalt hat genug Kraft, sich gegen ein starkes Oben zu behaupten. Nur dem individuellen Bewohner und Eigentümer liegt etwas an seinem direkten Umfeld, ob das der Vorgarten, Garten, Platz oder Bürgersteig ist. 
Heute wohnen die Leute gerne oben im Ihme-Zentrum. Morgen auch unten: Unter dem Ihme-Zentrum an der Ihme in Hannover-Linden.

Am Ende der Planung von Frank Eittorft ist das  Ihme-Zentrum bunt.

Am Ende der Planung von Frank Eittorf ist das Ihme-Zentrum bunt.

Dich interessiert die Aufwertung und Umgestaltung von städtischen Räumen. Würde Hannover als Stadt von einem Umbau des Ihme-Zentrums profitieren?
Im Allgemeinen profitiert jede Stadt von der Aufwertung öffentlicher Räume. Dabei hat jede Stadt ihre eigenen und individuellen Stadträume – so auch Hannover. Nehmen wir die Passerelle am Hauptbahnhof. Eine höhenversetzte Einkaufspassage bringt meist Risiken mit sich. Erinnern wir uns an das Scheitern der höher gelegten Einkaufspassage im Ihme-Zentrum: 
In der Innenstadt ist das anders. Richtung Kröpcke funktioniert die tiefliegende Passerelle aufgrund der zentralen Lage, der optimalen Anbindung an Nah- und Fernverkehr sehr gut. Die Faktoren, um viele Menschen anzuziehen sind gegeben. Daher lohnt es sich für die Stadt, zu investieren. Einzelhandel, Gastronomie und Hotels profitieren von gestalteten und gepflegten Stadträumen.

Richtung List und Oststadt ist das ein wenig anders. Die Menschen fehlen, der Einzelhandel fehlt. Die Motivation, zu investieren, fehlt aufgrund der fehlenden Nutzer.
 Ähnlich verhält es sich mit dem Ihme-Zentrum. Der Unterschied ist lediglich, dass hier nicht die Stadt, sondern die Investoren die Verantwortung tragen. Mehr noch als die Stadt muss auch hier wirtschaftlich gerechnet werden. Der Fokus ist aber ein anderer. Es gilt, bezahlbaren, zugleich individuellen Wohnraum zu schaffen. Die Herausforderung wird wohl der Umgang mit einem Bestand der besonderen Art. So wie die Passerelle zwischen Kröpcke und Hauptbahnhof als individuelle Hannover-Lösung geglückt ist, gilt es, eine individuelle, am Bestand des Ihme-Zentrums orientierte Lösung zu finden. Das größte Fundament Europas ist bereits gebaut. Jetzt gilt es, lediglich das Konzept an diesen Bestand anzupassen. Ein weiteres Mal würde Hannover mit einer individuellen Lösung nachhaltige Baugeschichte schreiben.

Frank Eittorf

Frank Eittorf ist Architekt und Uni-Dozent.

Februar 2015 – „Eine realisierbare Vision“

 

Sonne.

Im Herbst 2014 führte ich für den NDR ein Interview mit Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) zum Ihme-Zentrum. Er sprach damals davon, dass das Ihme-Zentrum „eine realisierbare Vision“ bräuchte, zeigte sich aber auch sehr interessiert, dass das Gebäude lebenswert bleibt und nicht zu einem Spekulationsobjekt verkommt. Am Mittwoch (24. Februar 2015) wird wurde das Zentrum für 16,5 Millionen Euro
versteigert
. Ich weiß nicht, ob meine Vision realisierbar ist. Aber aus all den Gesprächen mit Bewohnern, Wissenschaftlern, Experten und Interessierten habe ich so etwas wie eine Essenz zusammengefasst. Und die lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Das Ihme-Zentrum ist kein Problem, sondern eine Herausforderung.

Was Hannover fehlt, sind bezahlbarer, stadtnaher Wohnraum und Freiräume für Kreativität und urbane Experimente. Für beides ist Platz in den leeren Flächen im Ihme-Zentrum. Sei es studentisches Wohnen, Flüchtlingsunterkünfte, Mehr-Generationen-WGs, inklusionsgerechtes Wohnen – alles das ist möglich.

Wärme

Ein Teil der Gewerbefläche ist als Einkaufsbereich sinnvoll für die Nahversorgung. Dass es dafür Interessenten aus dem Einzelhandel gibt, zeigte sich über die Jahre immer wieder. Doch nicht der gesamte Raum sollte aus meiner Sicht dafür benutzt werden. Um das ganze Areal nach und nach zu modernisieren, stelle ich mir eine kreative Zwischennutzung vor: Ateliers, Theater, Klubs, Kino, Food-Trucks, Proberäume etc. Dazu Urban-Gardening- und Urban-Farming-Projekte, Sportflächen für Skateboarding oder Parkours, Begegnungsstätten.

Warum nicht auch eine Artist Residency einrichten, bei der Handwerker, Künstler und Nachhaltigkeitsexperten für eine gewisse Zeit kostenlos im Zentrum leben und es dafür im Gegenzug umgestalten, anmalen, nachhaltig modernisieren, erneuern, lebenswerter machen.

Auch eine energetische Sanierung, eine Versorgung des Zentrums mit erneuerbaren Energien durch vertikale Windkraftanlagen sowie moderne Mobilitätskonzepte sind möglich. Dazu bessere Zugänge zum Wasser und mehr Grün. Aus der abweisenden Burg kann so eine beschauliche Insel werden, die in ihre Umgebung sinnvoll integriert ist.

Himmel

Es könnte ein ökologisches, kreatives und nachhaltiges Vorzeigeprojekt für ganz Deutschland sein. Denn in nahezu jeder Großstadt gibt es solche mehr oder weniger brach liegenden Quartiere. Im Gegenzug gibt es auf der ganzen Welt Projekte wie das Barbican Centre in London, wo gezeigt wurde, dass neue Ansätze der Städteplanung und -entwicklung möglich sind, von den Bewohnern angenommen werden und sich zu touristischen Hot-Spots entwickeln. Jeder kennt den Bilbao-Effekt, warum nicht das Ihme-Zentrum nutzen, um den Hannover-Effekt zu erzeugen?!

Welche Visionen für das Ihme-Zentrum noch möglich sind, das werde ich in den kommenden Wochen zeigen: Denn ich habe mit vielen Menschen mit ganz tollen Ideen gesprochen, denen ich hier im Blog Raum für ihre Einfälle einräumen möchte. Denn Ideen, Kreativität und Motivation sind auf jeden Fall vorhanden, um Hannovers „Bausünde“ in ein modernes, nachhaltiges und lebenswertes urbanes Zentrum zu verwandeln. Lasst es uns gemeinsam wach küssen.

Für Interessierte und Skeptiker werde ich einen kommentierten Spaziergang durch das Ihme-Zentrum anbieten. Der nächste Termin ist am Sonntag, 8. März, um 15 Uhr.
Treffpunkt ist das Capitol-Hochhaus am Schwarzen Bär.