Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Theater

„Der positiven Entwicklung des Ihme-Zentrums werden Steine in den Weg gelegt“

Fast 2.000 Menschen wohnen im Ihme-Zentrum – bei rund 550 Eigentümer. Ein buntes Mosaik höchst unterschiedlicher Meinungen.

Ein halbes Jahr gibt es jetzt den Nachbarschaftstreff des Vereins Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum. Tausende Besucher und viele Veranstaltungen zeigen: Das Interesse an einer konstruktiven Entwicklung ist riesig. Und doch gibt es Menschen, die dies verhindern wollen – notfalls vor Gericht. Gerd Runge, Architekt und Mitbetreiber der Räume, über abstruse Drohungen, die die gesamte positive Entwicklung des Ihme-Zentrums gefährden.

Seit einem halben Jahr hat das Ihme-Zentrum zum ersten Mal einen Nachbarschaftstreff. Betrieben vom Verein und im Besitz von Bewohnern und externen Interessierten. Wie ist die Bilanz?
Gemischt: Einerseits läuft die Zukunftswerkstatt sehr gut. Wir hatten Tausende Besucher bei den Workshops, Konzerten, Theaterstücken, Märchenstunden oder Vorträgen. Darunter viele Bewohner, die sich bei den BewohnerCafés oder den Planungstreffen auch über ihre Rechte informieren und uns erzählen, welche Sorgen sie haben. Die Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt Hannover bei Veranstaltungen ist ebenfalls super! Das Interesse und der Bedarf sind also da.

Was läuft nicht so gut?
Wir erleben ein wirklich bizarres Schauspiel. Die Eigentümergemeinschaft Ihme-Zentrum, vertreten durch den Geschäftsführer der Hausverwaltungs-GmbH, Torsten Jaskulski, hat uns aufgefordert, die derzeitige Nutzung der Räume durch den Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum umgehend zu verhindern. Ohne dass es dazu eine Meinungsbildung bei einer Eigentümervollversammlung gegeben hätte.

Das kommt jetzt überraschend. Was ist denn die Begründung?
Es gebe keine Genehmigung durch die Wohnungseigentümer und durch die Hausverwaltung für die Vermietung an den Verein. Wir haben uns darüber sehr gewundert, schließlich hat der Hausverwalter Torsten Jaskulski bereits im Oktober 2016 als damaliger Bevollmächtigter der Vorbesitzerin den Mietvertrag selbst geschlossen. Der Mietvertrag ist beim Kauf durch uns 1 zu 1 an uns übergegangen. Dem Eigentümerwechsel hat Herr Jaskulski beim Notar zugestimmt – ohne Einwand.

Tausende Quadratmeter im Ihme-Zentrum stehen leer und wollen genutzt werden. Doch angesichts des aktuellen Konflikts steht die Frage im Raum, wie sicher Investitionen vor Ort sind.

Und wie argumentiert die Verwaltung?
Die Aufforderung basiert auf einer Vermutung, dass sich durch kulturelle Nutzung andere Teileigentümer gestört fühlen könnten. Das ist für uns überraschend, weil wir noch nie von Beschwerden anderer Eigentümer gehört haben. Deshalb gibt es in der Zukunftswerkstatt ja auch keine wilden Partys oder laute Musik, und wenn nur Klassik- oder Jazzkonzerte. Wir haben vor der Eröffnung außerdem mit professionell ausgebildeten Veranstaltungstechnikern alles überprüft, mehrere Lautstärketests gemacht und uns mit direkten Anwohnern ausgetauscht. Und wir sprechen uns immer mit dem Sicherheitsdienst vor Ort ab, dessen Mitarbeiter uns bislang auch keine Beschwerden weitergegeben haben.

Haben die Hausverwaltung oder Eigentümervertreter vor dem Brief denn ein Gespräch zu dem Thema gesucht?
Nein! Es wird auch schon seine Gründe haben, wenn die Hausverwaltung oder Eigentümervertreter keinen Wert auf eine konstruktive Konfliktbewältigung legen und – anstatt direkt mit uns zu reden – lieber Anwälte vorschicken. Das zeigt sich auch schon an der Art, wie wir diese Aufforderung erhalten haben.

Wie meinst du das?
Das Anwaltsschreiben ist am 27. Dezember bei uns eingegangen, mit einer Frist bis zum 29. Dezember um 12 Uhr. Wenn wir in dieser extrem kurzen Zeit nicht dem Verein die Nutzung untersagen, wird uns mit Klage gedroht. Ich finde, schon anhand dieser Fristsetzung zeigt sich, dass es wohl um Klage geht. Dazu muss man kein Anwalt sein. Offenbar sollen der Vereinsarbeit Steine in den Weg gelegt werden. Ein wirtschaftlicher Schaden der Betreiber der Räumlichkeiten wird dabei bewusst in Kauf genommen. Das ist bedauerlich und auch kein gutes Zeichen für andere Unternehmen, die im Ihme-Zentrum investieren und arbeiten wollen! Die werden dadurch eventuell abgeschreckt.

Warum dann dieser unnötige Konflikt? Wer hat denn ein Interesse, dass der Verein nicht mehr arbeiten kann und die Bewohner des Ihme-Zentrums ihren einzigen Treffpunkt verlieren?
Das ist eine gute Frage, die auch bei einer Vollversammlung aller Eigentümer mal besprochen werden sollte. Meine Interpretation geht so: Es findet derzeit ein Wandel im Ihme-Zentrum statt. Nach Jahren des Stillstandes ist im vergangenen Jahr sehr viel Positives passiert. Immer mehr Menschen besuchen das Ihme-Zentrum und verstehen, dass es eine bessere Zukunft verdient hat. Es ziehen außerdem immer mehr junge Menschen und Familien her. Auch die Stadt engagiert sich immer stärker und schaut genau hin. Dieser Wandel passt nicht jedem. Die Interessen einiger weniger werden offenbar vor das Gemeinwohl gestellt. Doch wir lassen uns nicht einschüchtern. Natürlich darf der Verein in den Räumen weiter arbeiten!

Gerd Runge

Gerd Runge ist Architekt und Eigentümer im Ihme-Zentrum.

Dieses Interview wurde im Rahmen der Netzwerk-Recherche-Projektförderung Grow geführt. In dem Projekt wird erforscht, wie hyperlokaler, konstruktiver und nachhaltig verwalteter Journalismus funktionieren kann. Die Ergebnisse werden auf der Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz am 29./30. Juni 2018 beim NDR in Hamburg und bei der Veranstaltungsreihe #ihmezentrum2025 im Frühjahr 2018 vorgestellt.

Weihnachtsmarkt verzaubert das Ihme-Zentrum

Warmes Licht, tolle Musik, leckere Snacks und schmackhafter Glühwein – mit einem bunten Programm hat am Wochenende der Weihnachtsmarkt das Ihme-Zentrum belebt. Viele hundert Bewohner und Interessierte kamen, um sich begeistern zu lassen, was passiert, wenn bunte Lichter den sonst leer stehenden Sockelbereich des Ihme-Zentrums in eine vorweihnachtliche Stimmung versetzen.

Die Organisatoren rund um die Vereine Transition Town Hannover und der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum zeigten sich sehr zufrieden mit der Veranstaltung. „Die Stimmung war zu jeder Zeit super“, so einer der Organisatoren. „Viele Besucher kamen zum ersten Mal ins Viertel und wollten sehr viel über die aktuelle Situation und die Herausforderungen im Viertel lernen.“ Ein gutes Zeichen, das zeige, wie aufmerksam die Menschen in Hannover und aus ganz Niedersachsen beobachteten, was im Ihme-Zentrum passiert. „Wir mussten lange zittern, ob wir den Markt überhaupt machen können“, so eine Organisatorin. „Obwohl wir die Veranstaltung bereits im Sommer ordnungsgemäß angemeldet hatte, kam die Erlaubnis der Verwaltung wieder erst wenige Tage vor dem Beginn.“ Ein Konzert am Samstag wurde sogar ganz verboten.

Der Stimmung geschadet hat es nicht – im Gegenteil: Die zahlreichen Gruppen an den Buden freuten sich über großes Interesse, zahlreiche Besucher in jedem Alter wandelten durch den Palettengarten und besuchten auch das Nachbarschaftszentrum Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum. Freitag und Sonntag verwandelte sich der Saal in eine Märchenstube: Zuerst war das Kindertheater „Willi und der Magische Adventskalender“ zu Gast, veranstaltet durch die Landeshauptstadt Hannover, Bereich Stadtteilkultur, Freizeitheim Linden. Am Sonntag dann verzauberte Ellen Maria Kienhorst „An den Nachtfeuern der Karawan-Serail – Alttürkische Märchen“ die Zukunftswerkstatt mit alten Märchen aus 1001 Nacht.

„Der Weihnachtsmarkt ist eine tolle Tradition, die die Stimmung im Ihme-Zentrum enorm verbessert hat“, so einer der Organisatoren. „Wir freuen uns schon bald, die Planung für 2018 zu starten.“

 

Juni 2016 – Das Ihme-Zentrum als Ort für Kultur

Slackliner im Ihme-Zentrum

Auch das ist Kreativität: Slackliner zwischen Ihme-Zentrum und dem anderen Ufer.

Das Ihme-Zentrum als Ort der Kultur und Kreativität? Für viele Menschen ist das eine natürliche Verbindung. Auch das Kulturdezernat von Hannover sieht das so und unterstützt deshalb Initiativen im Quartier. Im Interview erklärt Dezernent Harald Härke, was bereits passiert ist und welche Vision er für das Ihme-Zentrum hat.

Sie haben im Mai ein Netzwerktreffen mit der Kunst- und Kulturszene im Ihme-Zentrum veranstaltet: Was war der Auslöser?
Bei uns im Kulturdezernat häuften sich die Anfragen nach einer temporären oder dauerhaften kulturellen Nutzung im Ihme-Zentrum.  Die Idee war es, statt permanenter Einzelgespräche ein Netzwerktreffen mit allen Interessierten stattfinden zu lassen und somit Ideen in großer Runde auszutauschen. 
Die Veranstaltung sollte der erste Schritt sein, um gemeinsam eine kulturelle Transformation entstehen zu lassen. Dabei  ist es mir wichtig, dass wir die Kultur nicht selbst machen. Das Kulturdezernat hat  vielmehr die Rolle des Vermittlers und kann Rahmenbedingungen schaffen.

Die Teilnehmenden diskutierten über verschiedene Aspekte der Kultur im Ihme-Zentrum.

Was ist bei dem Netzwerktreffen passiert?
Zunächst gab es mit Impulsvorträgen ausreichend Input von Kulturmanagern anderer Städte, die einen ähnlichen Transformations- und Beteiligungsprozess begleitet haben. Im Anschluss haben wir alle Künstler und Kulturschaffende an Thementische gebeten, um sich mit ihren Ideen zur kulturellen Entwicklung des Ihme-Zentrums auszutauschen und dabei entweder konkrete Vorhaben zu benennen oder sich Gleichgesinnte zu suchen. Die Ideen wurden gesichtet und gesammelt, um damit weiterzuarbeiten.
Besonders gefreut habe ich mich über die positive Stimmung auf der Veranstaltung und die Euphorie der Teilnehmer, dass wir als Stadt (oder: Kulturdezernat) eine kulturelle Belebung des Ihme-Zentrums befürworten und auch unterstützen.

Früher war hier der Saturn Elektronikmarkt, nun könnten hier ganz viele andere tolle Dinge entstehen. Zum Beispiel Kultur.

Früher war hier der Saturn Elektronikmarkt, nun könnten hier ganz viele andere tolle Dinge entstehen. Zum Beispiel Kultur.

Was machen Sie mit den Ergebnissen?
Die Ergebnisse der Thementische stellen wird allen Teilnehmern zur Verfügung. Ich hoffe, dass wir alle Anwesenden motiviert haben, sich im Ihme-Zentrum kulturell zu engagieren. Wir werden weiterhin Back-up geben und wenn es erforderlich ist, die entsprechende Vermittlertätigkeit ausfüllen.  Mit dem neu gegründeten Verein „Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum“  wird es eine Kooperation geben. 
Gerade sind wir dabei, weitere Veranstaltungen und Schritte zu planen, damit wir den positiven Geist dieser Veranstaltung aufrecht erhalten und eine kulturelle Belebung des Ihme-Zentrums tatsächlich realisiert werden kann.

Allen war eine Nachhaltigkeit der Kultur sehr wichtig.

Welche Vision haben Sie persönlich für das Ihmezentrum?
Ich wünsche mir natürlich, dass die Idee eines spartenübergreifenden Kulturzentrums im Ihme-Zentrum realisiert wird. Dabei ist es wichtig, „Kultur mit allen“ in die Tat umzusetzen und soviel Teilhabe dafür zu schaffen, wie es möglich ist. Eine gute Mischung aus sogenannter Hochkultur und Off-Szene in Kombination mit ganz neuen, innovativen Formaten. Ich finde es spannend, einen solchen Prozess zu begleiten und die Kunst- und Kulturszene dabei zu unterstützen, das Ihme-Zentrum zu erobern und hier etwas Wertvolles und Nachhaltiges zu schaffen.

Harald Härke, Personaldezernent Landeshauptstadt Hannover.Harald Härke ist Kultur- und Personaldezernent der Stadt Hannover

Februar 2016 – Das Ihme-Zentrum wird zum Theaterstück

Das Ihme-Zentrum ist auch für Theatermacherinnen und Macher ein Ort der Inspiration. Vor rund zehn Jahren hatte hier das Theater Fenster zur Stadt seine Dependance. Im Mai 2015 zeigte das Theater in der Glocksee hier eine neue Version von „Titanic“, und am Montag, 22. Februar, beschäftigt sich das Team der „Montagsbar“ des Staatsschauspiels Hannover mit dem Thema. Milena Fischer hat einen dritten Teil ihrer Reihe „Geschichten aus dem Ihme-Zentrum“ erarbeitet. Im Vorfeld des Stücks habe ich mit der Regisseurin gesprochen.

Was hast du am 22. Februar vor?
Einen Theaterabend, der einen Blick in die Zukunft des Ihme-Zentrums wagt. Genauer gesagt ins Jahr 2030.

Was genau ist deine Vision?
Im Ihme-Zentrum wird ein Staat im Staat entstehen, in dem ein neues Gesellschaftsmodell erprobt wird. Auf Null-Wachstum, garantiertes Grundeinkommen und Bienenzucht zu setzen geht schließlich so gut auf, dass es nicht nur Wahrzeichen der Stadt, sondern Vorbild für Nachahmer in der ganzen Welt wird.

Eine Utopie

Aber das ist nicht deine erste Arbeit zum Quartier: Was hast Du in der Vergangenheit schon zum Thema gemacht?
Seit zwei Jahren bin ich mit der/den Geschichte/n, der Gegenwart und der Zukunft des Ihme-Zentrums beschäftigt und erforsche mit den Mitteln des Theaters, was passiert ist und passieren könnte. Zwei Abende habe ich bisher dazu gemacht und jetzt folgt er dritte.

Was hat sich in den zwei Jahren aus deiner Sicht geändert?
Seit es den neuen Investor gibt, nehme ich – bei den Leuten, die ich zum Thema befrage – einen Funken Hoffnung wahr, dass jetzt etwas los gehen könnte.

Wann, wo, mit wem wird deine Arbeit zu sehen sein?
In der Reihe „Montagsbar“ am 22. Februar im Schauspiel Hannover, genauer in der Cumberlandschen Galerie. Der Abend heißt „Geschichten aus dem Ihme-Zentrum – Vol. III“. Los geht es um 21 Uhr. Spielen werden Johanna Bantzer, Sarah Franke, Sophie Krauß, Jakob Benkhofer, Yves Dudziak, Günther Harder und Henning Hartmann. Hier sind alle Infos zum Abend.

Milena Fischer

Milena Fischer ist Regisseurin und verantwortlich für die Reihe „Montagsbar“ am Staatsschauspiel Hannover.

Juni 2015 – „Und die Blätter leuchten golden…“

Die Kulturszene in Hannover wäre um einiges ärmer ohne sie: Claudia Pahl hat nicht nur jahrelang am Staatstheater gearbeitet, mit Feinkost Lampe führt sie auch einen der schönsten Klubs der Stadt. Und sie hat eine bunte, lebenslustige Vision für das Ihme-Zentrum.

Ich hole eine Freundin von der Haltestelle Küchengarten ab, und wir gehen, mit Badesachen beladen, zurück zum Ihme-Zentrum um bei dem schönen Frühsommerwetter am IZ-Strand abzuhängen. Entlang des gesamten Untergeschosses des grün-bunten Komplexes zieht sich seit zwei Jahren ein feiner Sandstrand samt entspannter kleiner Beach-Bars, Liegestühlen und Hängematten zwischen kunstvoll gestalteten Stahlpalmen.

Wie immer erfreue ich mich an dem sichtbaren Wandel, den dieser einst desolate Koloss genommen hat. Schon von Weiten weiß man gar nicht, wo man am liebsten hinschaut: auf die fast dschungelartig begrünten Dachflächen und Zwischenebenen, wo Urban-Gardening-Projekte für den Eigenbedarf der Bewohner*innen und für die tägliche Volksküche Gemüse und Obst anpflanzen. Oder lässt man sich von den vielfältigen Fassadenkünsten faszinieren, die dem einst grauem Waschbeton neue Strukturen, Farbgestaltungen und Konturen verleihen. Ein Großteil der ehemaligen Wohnungen in den Hochhaustürmen sind nun selbstbestimmte Wohnprojekte ganz unterschiedlicher Art.

Hier leben intergenerativ und im Sinne der Inklusion Künstler*innen, Flüchtlinge, Studis, Behinderte, Familien und alte Menschen zusammen. Fast jede Etage hat sich ihr eigenes Format des Miteinanders erdacht. Allen gemeinsam ist, dass sie aus diesem Ort ein bezahlbares Zuhause für kreative Menschen und Ideen geschaffen haben.

In den ehemaligen Geschäftsräumen zwischen und unter den Wohngebäuden findet man jetzt die künstlerischen Studiengänge der Hochschule samt Studiobühne, Ateliers, Probe- und Werkstatträumen. Daneben hat das Theater „Fenster zur Stadt“, die eigentlichen Pioniere, was die kulturelle Nutzung dieses Ortes angeht, eine alt-neue feste Heimat gefunden, und gegenüber residiert das „Orchester im Treppenhaus“ in einem licht gestalteten Konzerthaus, wo sie auch viele internationale zeitgenössische KomponistInnen präsentieren.

Auch das in Hannover bisher eher unterrepräsentierte Tanztheater hat hier endlich ein eigenes Zuhause gefunden. Unter der Leitung des Choreographen Felix Landerer und Tanztheaterfestivalchefin Christiane Winter ist hier ein international angesehenes Podium für modernen Tanz entstanden. Es gibt überhaupt viele „Artists in Residence“, die in den Studios mit angeschlossenen Gästewohnungen für einige Monate im IZ leben und arbeiten und ihre Werke hier präsentieren oder uraufführen. Daher schwirren im Inneren des IZ auch die Sprachen durcheinander, das es eine Freude ist. Die Hauptsprache ist hier zumeist Englisch, dann klappt’s am besten mit Nachbarin und Nachbar.

Für uns heißt es jetzt erstmal „be idle“ am IZ-Strand, kleinen Feierabenddrink und Sonnenbrand. Und dann unseren wöchentlichen Freiwilligendienst in der veganen VoKü. Um von Küchenchefin B.B. mal wieder ein paar sensationelle Geheimnisse für die eigenen Kochtöpfe zu lernen. Und für ein sehr leckeres Abendessen. Und dann noch auf die Vernissage von Studio Level 2. Und dann mal sehen, auf welchem Level wir noch landen!

Soweit unsere Pläne, als wir die kleine baumflankierte Allee erreichen, die ins Innere des Ihme-Zentrums führt und die Blätter leuchten, golden natürlich….

Claudia PahlClaudia Pahl betreibt den Klub Feinkost Lampe und
organisiert zahlreiche Kulturveranstaltungen in Hannover.

Mai 2015 – Das Ihme-Zentrum wird zur Theaterbühne

Das Ihme-Zentrum wird zur Theaterbühne

Am 30. Mai zeigt das Ensemble des Theaters an der Glocksee ein besonderes Stück: Die Balkone des Ihme-Zentrums, der gesamte Uferbereich und der Park werden zum Set. Los geht es um 16 Uhr. Ich habe mit Lena vom Theater gesprochen, was sie genau vor hat und warum das Ihme-Zentrum aus Sicht der Künstlerinnen so wichtig ist.

Was habt ihr als Theater genau vor?
Wir probieren von Mai bis Juli ein neues Format mit dem Übertitel WILDWECHSEL. Wir wollen neue andere Theaterformen ausprobieren und den öffentlichen Raum zurückerobern. Dafür habe ich mir Unterstützung von zwei Kolleginnen aus Hamburg und Berlin geholt. Als „Das wundersame Akitonsbündnis der Tante Trottoir“ haben wir uns vorgenommen, jeden Samstag im Mai eine Aktion in Hannover zu starten, mal politisch, mal poetisch motiviert. Für den 30. Mai haben wir uns das Ihme-Zentrum als Objekt vorgenommen, das wir von 16 bis 18 Uhr bespielen wollen. Unser Überthema ist (bisher) „Titanic – der Film“. Wobei die Ihme zum weiten Meer und das Ihme-Zentrum zum Schiff wird. Es wird kein durchinszeniertes Stück, sondern eine Performance, die wir vom anderen Ihme-Ufer unterhalb der Glocksee als „Regie-Tanten“ anleiten werden. Vielleicht kann man sich das als Live-Filmdreh vorstellen, an dem auch die Regisseurinnen verzweifeln, weil natürlich nicht alles so läuft, wie man will. Wir sind selber Teil der Performance. Es wird sowohl eingeweihte Bewohner geben, als auch zufällige Situationen am anderen Ufer, die wir für uns umwandeln wollen. Es wird eine Blaskapelle geben und Gesang vom Balkon.

Wasser und Brutalismus 1

Was können die Bewohner machen, um euch zu unterstützen?
Wer einen Balkon hat, der von der Glocksee-Seite gut zu sehen ist, kann sich bei uns melden unter info(at)theater-an-der-glocksee.de oder (05 11) 1 61 39 36. Von dort aus kann man in das Geschehen mit eingebunden werden. Zum Beispiel mit einem Banner, der vom Balkon hängt oder einer Fahne, die geschwenkt wird – wenn man möchte. Man kann aber auch nur den Ort zur Verfügung stellen, z.B für eine Sängerin. Die Bewohner können auch anonym bleiben. Außerdem kann man am Samstag von 16 bis 18 Uhr aus dem Fenster schauen, winken und als Passagier der Titanic agieren, Seifenblasen pusten, mit Taschentüchern winken oder ähnliches. Hierbei verbieten sich rassistische, sexistische, sich selbst und sich selbst und andere gefährdende Aktionen von selbst. Anweisungen gibt es auch per Zuruf von den „Regie-Tanten“ am anderen Ufer.

Warum ist das Ihme-Zentrum für euch ein geeigneter Rahmen für eine Theater-Performance?
Es ist ein geliebt-gehasster Ort für viele Hannoveraner. Für uns ist es alltägliche Kulisse, im Zusammenhang mit dem oft dreckigen Glocksee-Areal wirkt es auch teilweise abschreckend auf Besucher, die sich Theater immer an einem anderen Ort vorstellen als an diesem. Seit ich mich mit dem Gebäude näher beschäftige, habe ich es auf eine schräge Art lieb gewonnen. So geht es uns doch mit vielen Dingen im Leben, oder? Was man liebgewinnt, das will man von nun an auch anders bewahren und spürt eine andere Verantwortung in sich. Das wir nun das Thema Titanic genommen haben, bezieht sich auch auf den Hochmut zu Zeiten des Erbauens, seine Größe, die Hoffnung, die hineingesteckt wurden als Stadt in der Stadt, die Kosten und nun der „Bausünde“-Stempel und das „Wrack“, dass es von außen, und in den unteren Ebenen auch von innen, ist. Aber wir werden am 30. Mai unser eigenes Drehbuch schreiben und – versprochen – das Ihmezentrum wird nicht untergehen. Ich denke, es würde sich wohl auch strikt weigern.

Wasser und Brutalismus 2

Welches Potenzial hat der Komplex für euch als Kulturschaffende?
Ein großes. Ehrlich gesagt wundert es mich, dass es nicht viel mehr Aktionen wie die unsrige gibt. Vielleicht habe ich sie auch nicht mitbekommen. Berliner Freunde flippen jedes Mal im positiven Sinne aus, wenn sie das Ihme-Zentrum sehen. Bühnenbildner jubilieren, Fotografen juchzen aufgrund dieser vermeintlichen Anti-Schönheit an der Ihme, in der sie vielleicht eine Wahrheit, ein Scheitern, eine Zerissenheit und eine Sturheit erkennen, die sie anrührt. Der Hannoveraner verbindet eine andere Geschichte mit dem Zentrum und vielleicht etwas weniger Selbstbewusstsein im Hinblick auf das Potenzial des Gebäudes. Oder man ist des Kampfes müde, was ich auch verstehen kann.

Künstler sind oft die ersten, die sich in Stadtgebieten ansiedeln, die nicht mehr gut angesehen sind oder es vielleicht noch nie waren. Das kann man in vielen Städten beobachten. Vielleicht liegt das am fehlenden Euro in der Tasche – oder an einem Blick auf die Dinge, der nicht nur sieht, was NICHT möglich ist, sondern, was MÖGLICH ist. Sie setzen sich über Unbequemlichkeiten hinweg, sie nehmen Dinge nicht hin, sondern probieren, Neues zu (er)-schaffen. Sie machen diese Stadtteile wieder urbar. Es folgen Cafés, Klubs, Zuschauer, Mieter usw. Das darauf immer eine Gentrifizierung folgt, muss ja nicht zum Naturgesetz werden, wenn wir es nicht wollen.

Wir alle können viel mehr bewirken als wir glauben, oft sind wir nur viel zu eingeschüchtert aufgrund der Größe der Welt und ihrer Probleme. Bei so etwas Großem und Komplexem wie dem Ihme-Zentrum legen wir lieber die Hände in den Schoß, da fühlt man sich geradezu ohnmächtig. Dabei war es auch mal nur eine Idee in einem Kopf…