Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: strom

März 2017 – „Wenn enercity auszieht, was soll aus uns werden?“

So sieht der hannoversche Künstler Jan Cido Heidemann die Hochhäuser im Ihme-Zentrum. Links das enercity-Haus.

Die Entscheidung von enercity, das Ihme-Zentrum verlassen, macht vielen Bewohnern Angst. Denn das kommunale Energieunternehmen ist neben der Landeshauptstadt der wichtigste Mieter in dem Quartier. Sie befürchten durch den Auszug eine negative Spirale, an dessen Ende das ganze Viertel leiden könnte. Eine Bewohnerin, die nicht namentlich erwähnt werden möchte, möchte jetzt ein Zeichen setzen und hat ihren Vertrag mit enercity gekündigt. Warum sie diesen Schritt wählt und was sie sich fürs Ihme-Zentrum wünscht, erklärt sie im Interview.

Wie haben Sie darauf reagiert, dass enercity als wichtiger Mieter das Ihme-Zentrum verlassen will?
Wir haben das ja seit Jahren erwartet, schließlich gab es immer wieder die Drohungen. Aber als es dann offiziell wurde, hatte ich im ersten Moment schon Angst. Schließlich weiß man nicht, was mit dem Auszug alles passieren wird.

Können Sie denn die Entscheidung von enercity verstehen?
Ja, das Gebäude ist schließlich total kaputt. Ich habe mal mit einer Angestellten von enercity gesprochen, die hat mir von den katastrophalen Verhältnissen dort erzählt. Ich würde da auch nicht arbeiten wollen. Aber trotzdem fühlt man sich von denen im Stich gelassen.

Der Großeigentümer Intown hat doch angekündigt, das Zentrum zu modernisieren. Denken Sie nicht, dass das  ohne Mieter einfacher sein wird?
Wenn der wirklich Interesse an dem Ihme-Zentrum hätte, würde der sich doch auch mal mit der Bewohnerschaft in Verbindung setzen. Macht er aber nicht. Für mich ist das ein Spekulant, so wie Carlyle und Engel vorher. In der Bewohnerschaft glaubt wirklich niemand mehr daran, dass der hier was bauen wird.

Sie haben Ihren Vertrag mit enercity gekündigt – aus Protest. Warum?
Weil ich das nicht einfach so hinnehmen möchte. Ich denke mir, wenn die hier nicht mehr für Stabilität sorgen, dann möchte ich denen nicht mehr mein Geld geben. Im Gespräch mit meinen Nachbarn spüre ich großes Verständnis für diese Entscheidung. Es gibt inzwischen viele, die das Gleiche vorhaben. Irgendwie müssen wir doch ein Zeichen setzen.

Haben Sie denn eine Vision für eine bessere Zukunft im Ihme-Zentrum?
Ich habe so oft erlebt, dass hier große Versprechungen gemacht wurden, da bin ich über die Jahre sehr vorsichtig geworden. Ich wünsche mir im Grunde, dass hier wieder Leben reinkommt. Dass ich hier ein bisschen einkaufen kann, vielleicht auch ein Kiosk. Aber auch ein Arzt wäre praktisch. Das sind keine großen Träume, es reicht ja schon, wenn sich endlich ein Eigentümer findet, der verantwortungsbewusst ist und sich an der Instandhaltung beteiligt.

Die Bewohnerin ist 51 Jahre alt und wohnt sei vielen Jahren im Ihme-Zentrum. Sie möchte anonym bleiben.

 

Februar 2017 – Ein Garten im Ihme-Zentrum

Ein Garten blüht

Im Frühjahr 2016 startete eine Gruppe motivierter Gärtnerinnen und Gärtner einen Palettengarten im Ihme-Zentrum. Das Projekt zog schnell große Aufmerksamkeit auf sich und lockte Bewohner, aber auch Interessierte von außerhalb des Quartiers an. Nach dem Winterschlaf geht es nun weiter. Was genau das Team vorhat, erklärt Garten-Sprecherin Isa im Interview.

Ihr habt im vergangenen Jahr einen Palettengarten im Ihme-Zentrum eingerichtet. Was ist das und was habt ihr alles geschafft?

Wir haben angefangen, Hochbeete auf einem brach liegenden Teil des Ihme-Zentrums gegenüber vom Küchengartenplatz zu bauen. Das Gartenprojekt ist für alle offen, und wir freuen uns über immer mehr Menschen, die Lust haben ihren Teil zum Garten beizutragen. So ist unsere Gartengruppe stetig mit dem Garten gewachsen. Gemeinsam haben wir in den Beeten hauptsächlich Gemüse angepflanzt und einen Ort geschaffen, an dem sich wieder gerne aufgehalten wird. So entstand langsam aber sicher eine Gartenoase auf dem zuvor ungenutzten und grauen Betonplatz.

Harte Arbeit

Was kommt in diesem Jahr?
Wir werden den Winter über weiterhin regelmäßige Gartengruppentreffen abhalten, das nächste ist am 17. Februar. Dabei wollen wir das Jahr planen. Der Garten soll auf jeden Fall wieder geöffnet werden, und wir hoffen, dass er weiterhin so toll von den Menschen angenommen wird und viele Lust haben, mitzumachen. Wie genau das aussehen wird, wissen wir noch nicht. Bei der Planung sind den Ideen auf jeden Fall keine Grenzen gesetzt. Unsere Gruppe ist auch nach wie vor offen für neue Gesichter. Man kann uns einfach über die Transition Town Hannover Facebookseite kontaktieren, sich in den Verteiler für die Gartengruppe aufnehmen lassen und schwupps, ist man bei dem nächsten Treffen dabei.

Wie kann man euch unterstützen?
Wir können grundsätzlich immer wieder Sach- und Geldspenden gebrauchen. Aber am meisten freuen wir uns, wenn viele Menschen mit ihren verschiedensten Fähigkeiten den Garten mitgestalten und sich so einbringen. Das nächste Treffen der Gartengruppe ist am 17. Februar um 18h. Interessierte melden sich bitte hier.

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Isabel (links) studiert Soziale Arbeit und kümmert ist mit Kim zusammen verantwortlich für den Palettengarten im Ihme-Zentrum. Beim Gärtnern kann jeder mitmachen.

September 2015 – Ein nachhaltiges Haus

 Als das Ihme-Zentrum geplant und gebaut wurde, war an ressourcenschonendes Arbeiten und Leben noch nicht zu denken. Das Ergebnis: Das Zentrum ist an vielen Stellen energetisch veraltet, eine nachhaltige Modernisierung ist notwendig. Der Ingenieur Lev Yakushko hat einige Ideen, wie aus dem Zentrum ein Plusenergiehaus werden könnte.

Lev, du arbeitest im Bereich der Verfahrens- und Elektrotechnik und Ressourcen-Management. Ist das Ihme-Zentrum aus dieser Perspektive spannend?
Ja, definitiv. Das ganze Gebäude, so wie es da steht, hat noch sehr viel Potenzial. Ich kann mir vorstellen, dass es zu einem Energie-autarken Gebäude werden kann, wenn nicht gar zu einem Plusenergiehaus. Das heißt, es würde mehr Strom erzeugen, als es verbraucht.

Ist so etwas denn realistisch?
Das ist technisch möglich, wenn du einen richtigen Ingenieur dafür hast. Der Arbeitsaufwand ist enorm, das richtige Team, das das angeht, muss sich dessen bewusst sein.

Und wie würde man da vorgehen?
Ich würde erst einmal eine energetische Bilanz erstellen. Das heißt, ich schaue: Was kommt rein, was geht raus? Wie viel Strom, Wasser, Gas und andere Energieträger gehen rein? Und, ganz wichtig: Wo geht was verloren? Wie wird die Energie verwendet? Das Gebäude ist ja in einer Zeit gebaut worden, in der Energieeffizienz, richtiges Heizen oder Stromsparen keine primäre Rollen gespielt haben.

Sobald die Bilanz steht, würde ich das im Detail untersuchen: Wie viel geht zu den Wohnungen, die ja funktionieren und bewohnt sind. Was geht in die Büros, die beispielsweise die Stadt gemietet hat? Und was wird im leer stehenden Gewerbebereich verschwendet? Wo wird beispielsweise Strom verbraucht, um einen Raum zu heizen oder zu kühlen, der eigentlich leer steht? Dafür muss das Rad nicht neu erfunden werden. Es gibt bereits diverse Normen, um Gebäude energetisch zu bilanzieren.

 

Und was wäre dann der nächste Schritt?
Ich würde schauen, welche Möglichkeiten es gibt, um den Verbrauch des Gebäudes zu senken beziehungsweise wo man Energie einsparen kann. Und wo man beispielsweise Solarmodule oder kleinere Windkraftanlagen aufstellen könnte. Es ist technisch möglich, dass das Gebäude Strom ins Netz einspeist.

Was ist mit Biogasanlagen, betrieben mit dem Biomüll aus dem Komplex?
Der Ansatz ist gut. Die Anwendung in dem Fall wiederum halte ich für unrealistisch. Eine Biogasanlage ist bei 1.500 Bewohnern, auch wenn alle vorbildlich den Biomüll trennen, nicht wirklich leistungsfähig. Eine dezentrale Anlage halte ich in diesem Fall für unwirtschaftlich. Dazu sind größere Mengen Biomasse notwendig.

Im Gebäude selbst ist der städtische Stromversorger Enercity einer der größten Mieter. Die sind verpflichtet in den kommenden Jahrzehnten die ganze Region Hannover mit 100 Prozent Erneuerbaren Energien zu versorgen. Könnten die sich also nicht beispielsweise dazu verpflichten, ihr eigenes Gebäude zum Plus-Energie-Haus zu machen?
Das wäre sensationell. Auch wenn das vorgegebene Ziel sehr ambitioniert ist, wäre das einerseits ein Schritt in die richtige Richtung. Des Weiteren würde Enercity damit sein derzeit nicht wirklich „grünes“ Image deutlich aufbessern und in Hannover ein deutliches Zeichen setzen, dass der städtische Energieversorger an der Energiewende auch interessiert ist.

Lohnt sich so etwas wirtschaftlich?
Ja. Der sogenannte Break-Even-Point, also der Punkt, ab dem man Gewinn macht, liegt vielleicht in 20 Jahren. Aber das kann man ja gegenfinanzieren. Und außerdem liegt es ja zurecht im Trend, klüger und bewusster mit Ressourcen umzugehen.

Welchen Vorteil hätten denn die Bewohner und Nutzer des Ihme-Zentrums neben der Aussicht, Geld damit zu verdienen?
Das wäre für ganze Stadt ein großer Vorteil. Hannover hat einerseits das Image, die grünste Stadt Norddeutschlands zu sein, allein schon wegen der Parks. Andererseits ist Hannover auch bekannt als Industriestandort und Autostadt. Mit so einem Konzept könnte sich aber der Ruf der ganzen Region ändern, hin zu einem grünen Image und ein Leuchtturmprojekt innerhalb der Energiewende werden. Die Stadt würde so attraktiver, mehr Menschen würden hier Urlaub machen oder ganz herziehen.


Was müsste passieren, damit so ein Umbau realisiert werden würde?
Der Investor und die Bewohner müssten sich dazu entschließen. Vielleicht auch mit der Unterstützung der Stadt. Es ginge darum, ein Zeichen zu setzen. Und das Ihme-Zentrum wäre das erste Gebäude dieser Art auf der Welt und würde nach überallhin ausstrahlen.

Du hältst also nichts davon, das Ihme-Zentrum einfach abzureißen und etwas Neues zu bauen, wie manche vorschlagen?
Es geht nicht darum, neu zu bauen, sondern klug zu sanieren. Das ist nachhaltig.

 

Lev Yakushko ist geboren und aufgewachsen in Dnipropetrovsk, Ukraine. Seit 17 Jahren lebt er in Deutschland. Seit gut acht Jahren ist selbstständig im Bereich der Veranstaltungstechnik. Als Ingenieur für Verfahrenstechnik hat er für Unternehmen wie Continental und ProMaqua im Bereich der Forschung und Entwicklung gearbeitet. Im Bereich der Veranstaltungstechnik war er in mehreren Ländern der Welt bereits im Einsatz. Derzeit beendet er sein Master-Studium Nachwachsende Rohstoffe und Erneuerbare Energien.