Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Stadtplanung

Hochbahnsteige werden ohne Ihme-Zentrum geplant

Copyright: Gerd Runge

So ineffektiv verläuft derzeit der Verkehr am Küchengarten / Ihme-Zentrum

Alle Straßenbahn-Haltestellen in Hannover sollen barrierefrei werden. Diese gute Idee sorgt in Linden derzeit für Streit. Es herrscht Uneinigkeit über die genaue Planung der Haltestellen der Linie 10. Und auch die Menschen im Ihme-Zentrum sollen bei der Planung nicht berücksichtigt werden. Timon Dzienus (Grüne) fordert deshalb ein Umdenken und einen echten Runden Tisch.

Derzeit wird der Hochbahnsteig am Anfang der Limmerstraße/Küchengarten in einem runden Tisch neu geplant. Viele sehen die neue Haltestelle als eine mögliche Verbindung zwischen Linden-Nord, Linden-Mitte sowie dem Ihme-Zentrum. Wie ist da der aktuelle Stand?
Für die Planung der Hochbahnsteige rund um die Limmerstraße gibt es mehrere Vorschläge, die aktuell diskutiert werden. Die von der Verwaltung und vom Runden Tisch 2011 vorgelegten Varianten haben einige Probleme: die Erreichbarkeit, die Abstände, die Barrierefreiheit. Daher müssen wir neue Vorschläge diskutieren. Der Bezirksrat hat deshalb ein eigenes Konzept vorgeschlagen: Einen Hochbahnsteig direkt vors Ihme-Zentrum (Spinnereistraße), einen am Anfang der Limmerstraße (vor Rossmann) und einen, direkt nach der Fußgängerzone am Ende der Limmerstraße (vor der Post).
Ob es noch einen Hochbahnsteig näher am FZH Linden geben soll, oder ob der vor dem Ihme-Zentrum gebaut werden soll, ist dabei strittig. Als weitere Planungsvariante wurde außerdem einen neue Bahnstrecke entlang des Ihme-Zentrums (Blumenauerstraße) diskutiert. Hier könnte eine neue Linie über den Schwarzen Bär Richtung Tunnel lang laufen.

Copyright: Gerd Runge

Mehr Ordnung, schnellere Wege für alle und Wohnungsbau am Küchengarten. So könnte die Zukunft aussehen.

Ihr und weitere VertreterInnen im Bezirksrat Linden-Limmer habt euch dafür ausgesprochen, dass auch VertreterInnen aus dem Ihme-Zentrum beim runden Tisch mitmachen sollten. Wie wurde das von der Region Hannover aufgenommen?
Leider nicht sehr gut. Wir finden, es muss mit allen Beteiligten und Betroffenen diskutiert werden. Gerade die Belange des Ihme-Zentrums sind uns wichtig. Für uns ist der Runde Tisch daher aktuell nicht ganz so rund. Mit REWE und dem Optiker soll gesprochen werden, mit der Apotheke und den Menschen aus dem Ihme-Zentrums aber nicht? Wir fordern die Region hier zum Umdenken auf!

Welche Wünsche bzw. Forderungen habt ihr als Fraktion im Bezirksrat bei dem Thema?
Besonders wichtig ist uns neben der Barrierefreiheit, der Erreichbarkeit und die Anbindung an die besiedelten Stadtteile, dass alle Verkehrsteilnehmer*innen, wie Radfahrer*innen in den Blick genommen werden. Hochbahnsteige dürfen daher nicht dem Radverkehr im Weg stehen, und alle müssen mit Rampen auf beiden Seiten ausgestattet sein. Außerdem dürfen die neuen Haltestellen im Stadtteil mit der höchsten Besiedlung nicht 600-700 m entfernt voneinander sein. Daher fordern wir mindestens einen weiteren Hochbahnsteig zu den jetzigen Haltestellen.

Timon Dzienus sitzt für die Grünen im Bezirksrat Linden-Limmer. Er ist außerdem Sprecher der Grünen Jugend Niedersachsen.

Am 30. November findet ein Infotreffen zur Planung der Hochbahnsteige in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum (Ihmeplatz 7E) statt.
Es geht um 19.30 Uhr los. Hier mehr Infos bei Facebook.

März 2015 – „Die Bausubstanz entscheidet“

Bausubstanz 1

Marc Böhnke ist Architekt in Düsseldorf. Mit seinem Unternehmen Greeen Architects hat er sich auf ökologische, ganzheitliche und ethisch-soziale Architektur spezialisiert.

Wie schätzt du das Potenzial eines zum größten Teil ungenutzten Gebäudes wie das Ihme-Zentrum ein?
Es ist ökologisch ja oftmals besser, im Bestand zu bauen, anstatt ein Gebäude abzureißen und dort etwas Neues entstehen zu lassen, wenn die Bausubstanz dies zuläßt. Wir erleben ja gerade einen richtigen Run in den Städten auf die Flächen, die lange Zeit anders genutzt wurden oder nicht nutzbar waren: Beispielsweise alte Industriegebiete, still gelegte Bahntrassen oder wie bei uns in Düsseldorf schon seit langer Zeit der Hafen.

Findet da so etwas wie eine Wiederentdeckung statt? In Fachkreisen wird ja viel über die Urban Renaissance gesprochen, die Wiederbelebung der Städte.
Ja, das geschieht, auch wenn ich dem Trend ein wenig skeptisch gegenüber stehe. Aber der Bedarf an städtischen Flächen steigt klar. Lange Zeit gab es genug Flächen, auch weil der Trend bestimmte, in die Vorstädte zu ziehen. Doch seitdem die Städte wieder interessanter geworden sind, stürzen sich die Investoren und Projektentwickler auf alle verfügbaren Grundstücke in den Städten. Und irgendwann sind die alle weg. Dann musst du Grundstücke erfinden. Das ging vor einigen Jahren an vielen Orten los. Dazu kommt, dass die Städte generell ja ihre Grünflächen und vor allem das Wasser wieder entdeckt haben.
Und wenn die Kommunen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass diese Gebiete entwickelt werden, was ja häufig erst einmal eine umweltgerechte Umwandlung in Bauland bedeutet , dann springen darauf auch Investoren an. So entsteht eine Kettenreaktion mit großen Effekten.

Bausubstanz 2

Gebäude im Bestand umzubauen ist nachhaltiger, aber warum wird das so selten gemacht? Ist das technisch zu kompliziert?
Nein, die technischen Möglichkeiten gibt es schon seit Jahrzehnten. Und es gibt genug Beispiele, wo ein Umbau sehr gelungen ist. Dafür muss man sich nur den Medienhafen hier in Düsseldorf anschauen oder auch generell Berlin oder Leipzig. Die Herausforderung beim Umbau ist die Substanz. Wenn man Pech hat, dann ist die Substanz sehr schlecht oder birgt Problematiken, die man im Vorfeld nicht voll erfasst hat. Das wird dann richtig teuer. Ich habe von Unternehmen gehört, die deswegen schon pleite gegangen sind. Auch wenn du mit dem Vorhaben, im Bestand zu bauen, mit einer Kreditanfrage zum Bankberater gehst, bist du für die Bank meist ein nicht kalkulierbares Risiko.

Und die Unterstützung durch die Banken ist bei solchen Projekten sehr wichtig oder?
Ja, um solche Projekte zu realisieren, besorgt man sich fast immer eine Fremdfinanzierung. Da läuft vom ersten Tag an die Schiene aus Zins und Tilgung. Jeder Monat zählt. Natürlich sparst du Zeit, wenn du im Bestand baust – weil der Rohbau mit Fundament und Tragstruktur schon steht. Theoretisch kannst du viel eher nach Baustart vermieten, weil du ja nicht bei Null anfangen musst. Aber das Risiko, dass man in der Substanz mit konstruktiven, geometrischen oder anderen Problemen konfrontiert wird, die im Vorfeld nicht sichtbar waren, ist gegeben. Dafür brauchst du Spezialisten. Das ist ein Grund, warum das wenige Menschen machen. Neben der Lage ist die Substanz und die Projektidee entscheidend. Die Haut, die Außenhülle ist sekundär.

Du sagst ja selbst, dass die Innenstädte zum Wohnen wieder interessanter geworden sind. Gleichzeitig gibt es einen hohen Leerstand bei Gewerbe- und Büroflächen – wie im Ihme-Zentrum. Findet da irgendwann ein Umdenken statt?
Auf jeden Fall. Ich kenne einige Projekte, wo Bürogebäude aus den 1970er-Jahren in hochwertige Wohnhäuser umgebaut wurden. Das Bewusstsein ändert sich schon so langsam. Aber ich weiß nicht, ob das auch schon für Gebäude im Maßstab des Ihme-Zentrums gilt. Dafür brauchst du ja ganz andere Mittel und vor allem auch Mut. Wenn du dann keinen Profiinvestor hast, der sich mit Bauen auskennt, dann ist das Risiko des Scheiterns recht groß.

Marc Böhnke ist Architekt in Düsseldorf.

Januar 2015 – „Da herrscht nur: Liebe oder Ablehnung“

Rudern, langsam

Die Hannoveranerin Ninia LaGrande schreibt Geschichten, tritt bei Poetry-Slams auf und bloggt über ihren Alltag, Feminismus, urbane Entwicklung, Popkultur. Für den Blog „Les Flâneurs“ hat sie über das Ihme-Zentrum einen schönen Artikel geschrieben und den Klotz das „brutale Erbstück“ genannt.

Du schreibst, das Ihme-Zentrum habe den Ruf eines Außenseiters und ein Opfers. Siehst du das genauso?
Ich halte das Ihme-Zentrum in jedem Fall für einen Außenseiter. Aber nicht im negativen Sinne. Es sticht völlig aus der restlichen Stadtarchitektur heraus und fällt auf. Ich mag das. Daher sehe ich das Zentrum auch nicht als Opfer. Höchstens als Opfer seiner eigenen Geschichte und der Stadtplaner. Es verfällt ja immer mehr, und niemand fühlt sich zuständig oder kann finanziell einen Zerfall aufhalten.

Ist das Zentrum für dich eine Metapher des Scheiterns?
Absolut. Ich stelle mir immer vor, mit was für einer Motivation und was für Visionen das Zentrum damals gebaut wurde, und dann hat einfach nichts von dem geklappt, was sich die Planer vorgestellt haben. Es gibt ja auch kaum jemanden in Hannover, der oder die keine Meinung zum Zentrum hat. Da herrscht nur: Liebe oder Ablehnung.

Meinst du, dass Zentrum hat auch einen schlechten Ruf, weil der Architekturstil Brutalismus heißt?
Bevor ich mich in das Thema einlas und anfing, mich für die Geschichte des Zentrums zu interessieren, wusste ich nicht mal, dass der Stil Brutalismus heißt. Andererseits: Welche Bezeichnung würde besser passen als diese?! Ich glaube, dass die meisten nicht wissen, wie der Architekturstil genau heißt. Unabhängig vom Namen fällt diese Architektur natürlich komplett auf – es ist ja auch nicht wirklich schön, sondern interessant. Ich muss immer ein bisschen an den Film „A Clockwork Orange“ denken, wenn ich an dem Gebäude vorbeigehe. Das ist natürlich nicht die positivste Assoziation. Ich vermute, viele hätten dort lieber ansehnlichere oder modernere Bauten stehen. Dabei ist der gerade dieser Bruch an der Stelle der Stadt so besonders.

Du schreibst, viele HannoveranerInnen würden sich ein stärkeres Engagement der Stadt wünschen. Du auch?
Ja, auf jeden Fall. Ich kenne einige BewohnerInnen aus dem Zentrum, und die lieben ihr Zentrum durchweg alle. Sie sind genervt von der ewigen Diskussion und wollen dort einfach leben. Es ist auf jeden Fall Aufgabe der Stadt, sich, neben den ganzen neuen Prestige- und modernen Wohnbauten, auch um das Ihme-Zentrum zu kümmern. Die BewohnerInnen werden mit dem Zerfall alleine gelassen und müssen immer mit der Angst leben, dass ein Investor irgendwann alles umbauen/abreißen wird. Es gibt viele tolle Engagements rund ums Zentrum – die müssten auf jeden Fall bekannter gemacht werden und unterstützt werden.

Für dich hat das Grobe des Zentrums Charme, wie du schreibst: Wie würdest du die Schönheit des Zentrums beschreiben?


Die Schönheit des Zentrums ist seine Unterschiedlichkeit. All seine BewohnerInnen, die Street-Art, irgendwie im Grünen gelegen, aber doch stadtnah, verwinkelte Ecken und riesige Ausblicke. Ich liebe das. Es wäre schade, wenn so ein Schmuckstück inmitten einer Stadt und inmitten eines tollen Viertels einfach stirbt.

Ninia LaGrandeDie Bloggerin und Autorin Ninia LaGrande.

Januar 2015 – „Die Größe des Problems ist beeindruckend“

Männchen, künstlerisch

Conrad von Meding ist seit zehn Jahren bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ für Stadtentwicklung und Architektur zuständig und leitet dort die Hannover-Redaktion. Aktuell berichtet er unter anderem über die Zwangsversteigerung des Ihme-Zentrums, in meinem Blog beantwortet er fünf Fragen zu der Großimmobilie.

Du schreibst, das Ihme-Zentrum sei ein „Synonym für die Großmannssucht von Investoren und gescheiterte Sanierungsversuche“. Hast du noch Hoffnung, dass das Zentrum irgendwann saniert wird?
Klar! Als Hannoveraner ist man schließlich immer Optimist. Ich hoffe auch, dass der Holländische Pavillon im Expo-Park und das Bredero-Hochhaus am Raschplatz irgendwann mal wieder zu den Highlights Hannovers zählen werden. Ich glaube aber, dass die Größe des Ihme-Zentrums ein spezifisches Problem darstellt. Man hat sich, als es in den siebziger Jahren immer größer und größer geplant wurde („Synonym für die Großmannsucht von Investoren“), leider nie Gedanken darüber gemacht, wie es mit solch einem Bau jemals zu Ende gehen kann. Ein Mehrfamilienhaus kann man abreißen, wenn es hoffnungslos veraltet ist und die Sanierungskosten irgendwann die Neubaukosten übersteigen. Beim Ihme-Zentrum, in dem außer dem multimillionenteuren Gewerbekomplex, der gerade insolvent ist, das private Eigentum von Hunderten Wohnungseigentümern steckt, wird es nie den für alle „richtigen“ Rückbauzeitpunkt geben – das ist ein echtes Problem. Sorry, das war etwas lang, stell mal eine einfachere Frage!

Ok, dann bekommst du diese Frage: Wenn du jemanden außerhalb Hannovers erklären müsstest, was das Zentrum ist: Was würdest du ihm oder ihr sagen?
Das Ihme-Zentrum ist eine tolle Idee, die – im aktuellen Zustand – leider eher trostlos aussieht. Die Idee war, einen komprimierten Stadtteil unter einem Dach zu schaffen, indem man für Tausende Menschen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit, Kinderbetreuung usw. in einer Immobilie anbietet. Eigentlich auch heute noch eine fortschrittliche Idee, weil sie dort, wo Flächen knapp sind – also urban in einer Großstadt –, alle notwendigen Funktionen bietet, indem in die Höhe statt in die Breite gebaut wird. Man stellt im Erdgeschoss sein Auto ab und bewegt sich dann für alle Funktionen in einem einzigen Haus – und das steht auch noch am Wasser und bietet von fast allen Wohnungen aus einen tollen Blick über den Fluss und die Stadt. Klasse Sache. Nur muss man aktuell leider, um zu den Wohnungen zu gelangen, durch eine riesige Bauruine gehen, wie mein Kollege Michael Soboll und ich in der HAZ-Digitalreportage zum Ihme-Zentrum beschreiben.

Frau, nachdenklich

Ist das Ihme-Zentrum aus deiner Sicht wichtig für die Entwicklung von Hannover generell?
Nö. Wegen seiner Größe ist natürlich auch die Größe des Problems beeindruckend. Aber ich glaube, außerhalb von Linden ist das Ihme-Zentrum eher ein Spottthema als ein echtes Problem. In den Stadtteilen, die genauso hipp sind wie Linden, in denen man nur nicht so viel darüber spricht, also Südstadt, Kirchrode, Oststadt oder Herrenhausen, ist das Ihme-Zentrum den meisten Menschen im Alltagsleben wohl eher egal.

Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) hat das Zentrum zur „Chefsache“ erklärt. Aber hat die Politik nicht schon alles probiert?
Genaugenommen hat sein Vorgänger das Ihme-Zentrum zur Chefsache erklärt. Schostok hat gegenüber der HAZ zugesagt, dass das bei ihm so bleibt, und wörtlich hinzugefügt: „Aber ich bete fast, dass das Ihme-Zentrum nicht in die Hand von Hasardeuren fällt.“ Er selbst vertraut also weniger der Verwaltung oder der Politik als einer höheren Macht. Aber im Ernst: Chefsache heißt, dass das Thema im Rathaus hochrangig angesiedelt wird und die Entscheidungen nicht in den Dezernaten vorbereitet werden, sondern im OB-Büro. Das ist ein wichtiges Signal auch an Investoren, die die Gespräche direkt mit dem OB führen dürfen und nicht erst bei den „einfachen“ Sachbearbeitern anfragen müssen.

Ist das Ihme-Zentrum aus deiner Sicht eine Katastrophe oder eine Chance für Hannover?
Mein journalistisches Schwerpunktthema ist die Stadtentwicklung. Da stellt sich jede Bauruine, jedes nicht zuende entwickelte Projekt, jede gescheiterte Zwangsversteigerung einen spannenden Themenfundus dar. Also: eine Chance für Hannover!

Conrad von Meding

Conrad von Meding, Redakteur der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“
und Experte für Stadtentwicklung.

Dezember 2014 – „Ich finde diesen Stil aus den 1970er-Jahren toll“

Ausgang

Ole Witt studiert Fotografie an der Hochschule Hannover. Für ein Studienprojekt hat er zahlreiche Bewohner des Ihme-Zentrums besucht und abgelichtet – auch mich. Ich sprach mit ihm über die Rolle des Zentrums für Hannover und über die Ästhetik des Betons.

Ole, wie kommst du dazu, ein Fotoprojekt über die Bewohner des Ihme-Zentrums zu machen?
Ich bin in Hannover groß geworden und habe das Ihme-Zentrum immer wahrgenommen. Früher war ich hier sogar einkaufen. Ich wollte wissen, was für Menschen hier leben. Was steckt dahinter. Und dann sind die Meinungen zum Zentrum ja so gesplittet zwischen totaler Ablehnung und großem Interesse, das finde ich interessant.

Was sind das für widersprüchliche Meinungen aus deiner Sicht?
Auf der einen Seite stehen die Menschen, die das Zentrum als absolute Bausünde sehen. Und auf der anderen Seite wird es als kulturell wichtig bewertet. Ich dachte mir: So unterschiedlich wie die Meinungen, so unterschiedlich sind sicher auch die Menschen, die im Zentrum leben.

Und ist das auch so?
Ja. Ich habe zahlreiche Menschen fotografiert – die Lebensweisen waren dabei so komplett verschieden. Und auch die Wohnungen sind sehr unterschiedlich. Von kleinen Künstlerwohnungen bis zum luxuriösem Loft. Das finde ich spannend.

Ästhetisch wird dem Zentrum häufig Hässlichkeit vorgeworfen. Wie siehst du das?
Es gibt ja den Spruch „Im Ihme-Zentrum sind die schönsten Wohnungen Hannovers, weil man von dort das Zentrum selbst nicht sehen kann“. Das sehe ich nicht so. Ich finde diesen Stil aus den 1970er-Jahren toll. Ich habe aber auch keinen Bezug zu der Zeit, in der es gebaut wurde. Dafür bin ich mit meinen 22 Jahren zu jung. Und ich kann mir vorstellen, dass die Menschen, die seit Jahrzehnten im Zentrum leben, das alles als veraltet ansehen.

Hat sich deine Meinung zum Zentrum positiv verändert seit deinem Projekt?
Nein, ich fand es vorher auch schon gut. Und es gehört einfach zu Hannover dazu.

Ole Witt

Ole Witt, Fotograf und Student aus Hannover.

Dezember 2014 – „Der schlafende Drache“

nachts

Jan Fischer ist Journalist und Autor und hat einen tollen Artikel und eine Kurzgeschichte über das Ihme-Zentrum geschrieben. Ich habe mich mit ihm über die spannenden Seiten des Komplexes unterhalten. Ein Interview über gescheiterte Utopien, die Chancen durch Kultur und eine mögliche Zukunftsperspektive.

Jan, was macht das Ihme-Zentrum für dich als Journalisten und Autoren so spannend?
Es ist ein verdammt beeindruckendes Gebäude, in jeder Hinsicht. Ich finde das Zentrum faszinierend. Und jeder in Hannover kennt es und hat eine Geschichte oder Legende darüber zu erzählen. Es wirkt dabei wie in einer anderen Realität. Komplett anders als der Rest des Stadtteils drumherum.

Könntest du dir vorstellen, selbst da zu wohnen?
Ja. Als ich vor ein paar Jahren nach Hannover zog, habe ich mir sogar auch eine Wohnung angeschaut – sie war aber zu klein. Dafür hatte sie eine beheizbare Wanne – das war damals
modern.

Du wohnst in Linden-Nord. Welche Rolle spielt das Zentrum in deinem Alltag?
Ich fahre daran immer vorbei. Und ich habe mich dort öfter umgeschaut und mir den Verfall angesehen. Als ich im ehemaligen Einkaufszentrum stand, dachte ich, ich muss da etwas drüber machen.

Du hast ja auch eine Kurzgeschichte darüber geschrieben, die wirkt sogar ein wenig düster.
Ja, ich habe mich da sicher ein wenig von H. P. Lovecraft inspirieren lassen. Für mich ist das Ihme-Zentrum ein schlafender Drache. Man hat ein wenig Angst, dass er wach wird.

Die Geschichte des Zentrums ist ja komplex, wie hast du dich damals auf deine Reportage vorbereitet?
Ich habe mich viel mit der Stadtplanung beschäftigt. Hannover ist ja nach dem Zweiten Weltkrieg als „Autogerechte Stadt“ geplant worden, was klar in die Hose gegangen ist. Doch die Ideen hinter dem Zentrum waren damals super. Die Planer haben sich viele moderne Konzepte angeschaut – ein Einkaufszentrum unten, und darüber Wohnraum für Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten. Es hat niemand was richtig falsch gemacht damit. Doch dann wendete sich die Stimmung, und der Aufbruch in die Zukunft ist völlig schief gegangen. Das sieht man ja auch gut auf der Seite der Bürgerinitiative, wo man ja generell viele Informationen findet.

Wo siehst du denn das Potenzial für das Ihme-Zentrum?
Ich habe mich für den Artikel mit ein Künstler unterhalten, der meinte, dass man das Zentrum in ein autonomens, sich selbst versorgendes Stadtviertel umbauen sollte. Mit Gärten, Solarzellen und eigener Wasserversorgunf. Aber ich weiß nicht, ob sowas funktioniert. Und teuer wäre es ja auch.
Ich finde aber, dass man im jetzigen Zustand dort Theater oder einen Technoklub machen sollte. Einfach zwei Berghain-DJs einfliegen lassen, eine fette Anlage – und fertig. Die Ästhetik gibt das einfach her. Und der Platz ist ja da. In anderen Städten funktioniert so etwas ja auch!

Meinst du denn, dass sich auf lange Sicht etwas ändern wird?
Das muss es ja! Linden wird drumherum gerade so gentrifiziert, dass wir den Platz im Zentrum in absehbarer Zukunft brauchen werden. Und dann wäre es besser, wenn jemand mit Ideen das in die Hand nimmt. Und niemand, der nur schnell Geld verdienen will.

Jan Fischer

Jan Fischer schreibt einen Blog und twittert unter @nichtsneues.

 

Oktober 2014 – Die Neugier

Sonnenlicht.

„Erzähl mal, wie ist es im Ghetto?“ „Welches Ghetto?“ „Na, du wohnst doch jetzt im Ihme-Zentrum.“ „Ja, das stimmt. Aber das ist kein Ghetto oder Slum.“ „Ja, aber das ist schon abgefuckt da, oder?“ „Ne, da wo ich wohne, nicht.“ „Ja, aber es sieht doch schon richtig scheiße aus.“ „Ja, hübsch ist es im Erdgeschoss nicht, aber da wohne ich ja nicht.“ „Okay, dafür stehen da doch total viele Wohnungen leer.“ „Nein. Soweit ich weiß, sind nahezu alle Wohnungen belegt. Nur die Gewerbeflächen stehen leer.“ „Also ist das gar nicht so krass.“ „Nein, aber das schreibe ich doch immer wieder in meinem Blog.“ „Okay? Aber warum denken dass denn alle?“

Wasser.

So oder so ähnliche Gespräche führe ich seit meinem Umzug immer wieder. Das Ihme-Zentrum ist in den Augen der Hannoveraner entweder ein Schandfleck oder es ist der Beweis für Fehlplanung, Gewalt und Kriminalität in der Großstadt. Und weil Menschen gerne ihre eigenen Vorurteile bestätigt sehen, wird auch nur über die negativen Aspekte gesprochen. Oder man fragt die Bewohner nur darüber, wie „schrecklich“ es in dem Wohnkomplex ist.

Wald?

Ob in den Medien, auf Podiumsdiskussionen oder auf politischen Foren dürfen die Bewohner dann immer nur in einer Rolle auftreten: als Opfer. Wenn sie aber dann darüber berichten, wie lebenswert es im Zentrum ist, wie sehr sie ihre Wohnungen lieben und dass sie es sich nicht vorstellen können, woanders zu leben, werden sie komisch angeguckt. Dass sie aber vor allem wie Zootiere begutachtet werden, fällt den wenigsten auf. Dabei ist die Neugier nach Horrorgeschichten genau das: Eine Leidenschaft, Menschen, die in vermeintlich schlechten Zuständen leben müssen, als Opfer zu betrachten und ihnen vor allem Mitleid zu schenken.

Untergrund.

„Ich habe schon lange keine Lust mehr, über das Zentrum zu sprechen“, sagte mir neulich meine eine Nachbarin. Sie war es leid, sich immer für etwas rechtfertigen, dass andere Menschen in ihr Leben reininterpretieren und das so gar nicht der Wahrheit entspricht. Und genau das ist eines der Probleme des Ihme-Zentrums: Das seine Bewohner als Opfer gesehen werden, die hier leben „müssen“ und die es doch bestimmt woanders besser hätten. Solange die Stadtgesellschaft und die Medien nicht erkennen, dass das im überwiegenden Fall nicht der Wahrheit entspricht, solange wird sich am Ruf des Ihme-Zentrums auch nichts ändern.