Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Stadtentwicklung

Mai 2016 – Das Ihmezentrum im Fernsehen

Bildschirmfoto 2016-05-24 um 15.10.57

Der NDR hat einen kleinen Bericht über die aktuellen Ereignisse im Ihmezentrum gemacht. Zu Wort kommen neben Bewohnerin Karin Menges und Initator der Kampagne „Das Ihmezentrum – ein neues Wahrzeichen für Hannover“ auch der Verwalter des Quartiers, Torsten Jaskulski. Der Beitrag zeigt: Es bewegt sich einiges im Zentrum. Lass uns gemeinsam weiter daran arbeiten. 🙂

Hier findet ihr den Bericht in der NDR Mediathek.

Das Ihme-Zentrum beim Platzprojekt

Wie wollen wir in Zukunft in unserer Stadt leben? In Hannover gibt es gerade das spannende Bürgerbeteiligungsprojekt „Mein Hannover 2030„, bei dem sich die Menschen in dieser Stadt äußern können, welche Themen ihnen am Herzen liegen und wie sie gerne die Stadt entwickeln möchten. Am Samstag, 11. Juli, bin ich zu einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Projekts eingeladen, um die Rolle des Ihme-Zentrums innerhalb einer nachhaltigen Stadtentwicklung zu beschreiben.

Das Ganze ist auf dem sehr spannenden Platzprojekt im Lindener Industriegebiet, beginnt um 16 Uhr und ist natürlich kostenlos. Kommt vorbei, diskutiert mit und schaut euch vor allem an, wie auf dem Platzprojekt gerade alternative Stadtentwicklungskonzepte ausprobiert werden.

Juni 2015 – „Wirklich großes Potenzial“

Ihme-Zentrum, 2014.

Als Wissenschaftlerin erforscht Professorin Christine Hannemann die Wechselwirkung von menschlichen Bedürfnissen, Interessen sowie Nutzungen und gebauter Umwelt. Ende Mai durfte ich ihr im Rahmen einer Veranstaltung der Akademie für Raumforschung und Landesplanung das Ihme-Zentrum zeigen. Im Interview erklärt sie, welches Potenzial sie für den Gebäudekomplex sieht und welche Probleme es geben könnte.

Frau Hannemann, Sie waren Ende Mai im Rahmen eines Expertengesprächs zur Zukunft des Ihme-Zentrums in Hannover zu Gast. Welchen Eindruck hatten Sie von der Stadt vorher?
Nur ein paar Tage vor dem Podiumsgespräch hatte ich das Glück den städtischen Baudezernenten Uwe Bodemann in einem Vortrag zu erleben. Er hat uns die Entwicklung der Stadt Hannover mit allen Erfolgen und Herausforderungen beschrieben. Demnach hat sich die Stadt in den vergangenen Jahren ja stark zum Positiven entwickelt. Doch das Ihme-Zentrum hat er nicht mit einem Wort erwähnt. Das fand ich angesichts der Größe der Probleme in dem Stadtviertel eher ungewöhnlich.

Der Umbau beginnt...

Im Rahmen Ihres Besuches in Hannover habe ich Ihnen das Ihme-Zentrum gezeigt. Welchen Eindruck macht der Komplex auf Sie?
Ich finde die Summe der Probleme dort schon immens. Aber offensichtlich funktioniert das Wohnen ja gut. Also muss vor allem der gewerbliche Bereich umgestaltet werden. Für mich hat das Ihme-Zentrum ein wirklich großes Potenzial zur Entwicklung.

Gibt es aus Ihrer Erfahrung denn andere sogenannte Problemstadtteile, bei denen ein Wandel, eine Transformation gelungen ist?
Ja, die gibt es. Wobei das auch immer daran liegt, wie die Eigentumsverhältnisse organisiert sind. Die Lage im Ihme-Zentrum – mit einem Investor, dem rund 83 Prozent gehört und rund 550 weiteren Einzelbesitzern – ist schon ungewöhnlich. Dabei würde mich vor allem interessieren, wie die Struktur der Bewohner aussieht. Also welchem Milieu sie entstammen, was ihre Bedürfnisse sind. Bislang weiß ich nur, dass es in dem ganzen Komplex keine Sozialwohnungen und einen hohen Anteil an Privatwohnungen gibt.

Eingang

Sie beschäftigen sich an der Universität Stuttgart mit Aspekten und Dimensionen der Wechselwirkung von menschlichen Bedürfnissen, Interessen sowie Nutzungen und gebauter Umwelt. Welches Entwicklungspotenzial sehen Sie denn im Ihme-Zentrum?
Das Ihme-Zentrum bietet im Prinzip eine wunderbare Möglichkeit, um hier einen sozial und ökologisch nachhaltigen Stadtteil mit Innenstadtlage, also auch fußgänger- und fahrradfreundlich, zu etablieren. Die Frage ist nur: Wollen das die Bewohner und der Investor? Und, wie engagiert sich die Stadt?

Christine Hannemann

Prof. Dr. Christine Hannemann leitet das Fachgebiet Architektur- und Wohnsoziologie
am Institut für Wohnen und Entwerfen der Universität Stuttgart.

Juni 2015 – „Und die Blätter leuchten golden…“

Die Kulturszene in Hannover wäre um einiges ärmer ohne sie: Claudia Pahl hat nicht nur jahrelang am Staatstheater gearbeitet, mit Feinkost Lampe führt sie auch einen der schönsten Klubs der Stadt. Und sie hat eine bunte, lebenslustige Vision für das Ihme-Zentrum.

Ich hole eine Freundin von der Haltestelle Küchengarten ab, und wir gehen, mit Badesachen beladen, zurück zum Ihme-Zentrum um bei dem schönen Frühsommerwetter am IZ-Strand abzuhängen. Entlang des gesamten Untergeschosses des grün-bunten Komplexes zieht sich seit zwei Jahren ein feiner Sandstrand samt entspannter kleiner Beach-Bars, Liegestühlen und Hängematten zwischen kunstvoll gestalteten Stahlpalmen.

Wie immer erfreue ich mich an dem sichtbaren Wandel, den dieser einst desolate Koloss genommen hat. Schon von Weiten weiß man gar nicht, wo man am liebsten hinschaut: auf die fast dschungelartig begrünten Dachflächen und Zwischenebenen, wo Urban-Gardening-Projekte für den Eigenbedarf der Bewohner*innen und für die tägliche Volksküche Gemüse und Obst anpflanzen. Oder lässt man sich von den vielfältigen Fassadenkünsten faszinieren, die dem einst grauem Waschbeton neue Strukturen, Farbgestaltungen und Konturen verleihen. Ein Großteil der ehemaligen Wohnungen in den Hochhaustürmen sind nun selbstbestimmte Wohnprojekte ganz unterschiedlicher Art.

Hier leben intergenerativ und im Sinne der Inklusion Künstler*innen, Flüchtlinge, Studis, Behinderte, Familien und alte Menschen zusammen. Fast jede Etage hat sich ihr eigenes Format des Miteinanders erdacht. Allen gemeinsam ist, dass sie aus diesem Ort ein bezahlbares Zuhause für kreative Menschen und Ideen geschaffen haben.

In den ehemaligen Geschäftsräumen zwischen und unter den Wohngebäuden findet man jetzt die künstlerischen Studiengänge der Hochschule samt Studiobühne, Ateliers, Probe- und Werkstatträumen. Daneben hat das Theater „Fenster zur Stadt“, die eigentlichen Pioniere, was die kulturelle Nutzung dieses Ortes angeht, eine alt-neue feste Heimat gefunden, und gegenüber residiert das „Orchester im Treppenhaus“ in einem licht gestalteten Konzerthaus, wo sie auch viele internationale zeitgenössische KomponistInnen präsentieren.

Auch das in Hannover bisher eher unterrepräsentierte Tanztheater hat hier endlich ein eigenes Zuhause gefunden. Unter der Leitung des Choreographen Felix Landerer und Tanztheaterfestivalchefin Christiane Winter ist hier ein international angesehenes Podium für modernen Tanz entstanden. Es gibt überhaupt viele „Artists in Residence“, die in den Studios mit angeschlossenen Gästewohnungen für einige Monate im IZ leben und arbeiten und ihre Werke hier präsentieren oder uraufführen. Daher schwirren im Inneren des IZ auch die Sprachen durcheinander, das es eine Freude ist. Die Hauptsprache ist hier zumeist Englisch, dann klappt’s am besten mit Nachbarin und Nachbar.

Für uns heißt es jetzt erstmal „be idle“ am IZ-Strand, kleinen Feierabenddrink und Sonnenbrand. Und dann unseren wöchentlichen Freiwilligendienst in der veganen VoKü. Um von Küchenchefin B.B. mal wieder ein paar sensationelle Geheimnisse für die eigenen Kochtöpfe zu lernen. Und für ein sehr leckeres Abendessen. Und dann noch auf die Vernissage von Studio Level 2. Und dann mal sehen, auf welchem Level wir noch landen!

Soweit unsere Pläne, als wir die kleine baumflankierte Allee erreichen, die ins Innere des Ihme-Zentrums führt und die Blätter leuchten, golden natürlich….

Claudia PahlClaudia Pahl betreibt den Klub Feinkost Lampe und
organisiert zahlreiche Kulturveranstaltungen in Hannover.

April 2015 – „Oben ist ja alles schön!“

Stufe eins

So sieht das Ihme-Zentrum von Süden betrachtet bislang aus. Alle Fotos von Frank Eittorf

Für den Architekten und Dozenten Frank Eittorf hat das Ihme-Zentrum Potenzial, um nachhaltige Baugeschichte zu schreiben. Ein Gespräch über die Herausforderungen, mögliche Probleme und das Ziel einer Umgestaltung des Zentrums.

Du hast vor einiger Zeit einen Impulsrundgang durch das Ihme-Zentrum gemacht, wie war dein Eindruck?

Ich würde es als Wechselbad der Gefühle beschreiben. Ein Wechselspiel zwischen Spannung, Faszination und Entsetzen, letzteres überwog. 
Ich habe mir einen Nachmittag die Zeit genommen, den „öffentlichen“ beziehungsweise „zugänglichen“ Raum des Ihme-Zentrums zu „durchlaufen“.  Angefangen habe ich in den, nur teilweise genutzten, Tiefgaragen. Mein Fokus galt jedoch den Ebenen 0 und 1. Es ist dunkel, unübersichtlich und unangenehm. 
Die bestehenden Hauseingänge sind schwer zu finden. Gäste finden ihre Gastgeber nicht, trauen sich nicht durch das Dunkel des „gefühlten“ Untergrunds. Die Folge: Gastgeber holen ihre Gäste am Küchengarten oder der Blumenauerstraße ab. Wenn man dann mal in einer Wohnung ist, überzeugt diese durch gute Grundrisse mit Weitblick. Oben ist ja alles schön!

Durchblick: Im Erdgeschoss wird Freiraum geschaffen. Die Ihme rückt näher an Linden heran.

Durchblick: Im Erdgeschoss wird Freiraum geschaffen. Die Ihme rückt näher an Linden heran.

Als Architekt und Dozent hast du Erfahrung mit der Umnutzung von vermeintlichen Bauruinen wie Luftschutzbunkern gesammelt. Hättest du auch eine Idee, wie das Ihme-Zentrum neu umgebaut werden könnte?

Definitiv – daher mein Wechselbad. Als Architekt bin ich fasziniert von der Idee der kompakten Stadt: Zentrales Wohnen mit einer hohen Dichte verkürzt die täglichen Wege, spart Ressourcen. Die Idee von Nachhaltigkeit im pursten Sinne – und das nicht erst seit den 70er-Jahren. Die heutige Diskussion von Nachhaltigkeit  geht am eigentlichen Thema vorbei: Es geht nicht mehr um zentrales Wohnen, die Innenstädte sind entvölkert, Siedlungen werden ins Grüne gebaut. Weite Wege und Flächenfraß sind die Folge. Auch geht es anscheinend nicht mehr um die kompakte Bauform. Im Gegenteil: Je mehr Einfamilienhäuser, desto mehr Gebäudevolumen, desto mehr Fassade, desto mehr Fläche gilt es mit „Sondermüll“ zu tapezieren, desto mehr Wärmedämmung wird verkauft. Als gelernter Maurer sehe ich das besonders kritisch.

Dem Ihme-Zentrum fehlt nicht viel, um als gebaute Utopie zu funktionieren. Lediglich die Ebenen 0 und 1 sind problematisch. In meiner Studie habe ich zunächst diese beiden Ebenen frei geräumt, zudem den Deckel der Shopping Mall über der Ebene 0 entfernt. Das Resultat sind Licht, freie Blicke und Wege zur Calenberger Neustadt, zur Ihme. Das Wichtigste sind die nun freien und hellen Eingänge in die oberen Geschoße der bestehenden Wohnungen. Sämtliche Nutzergruppen bekommen ihren Eingang, ihre Adresse zurück. Die restlichen Flächen würde ich als Bauland anbieten. Das Achsmaß beträgt etwa acht Meter, daher würden die Parzellen acht Meter breit, 24 bis ca. 48 Meter tief und rund acht Meter hoch sein.
 Es müsste ein Masterplan entwickelt werden, der Vorgaben und Besonderheiten des Ihme-Zentrums berücksichtigt und thematisiert. Baulinien und -höhen sowie der Umgang mit der bestehenden Tiefgarage seien da mal als Stichworte genannt. 
Die Idee: Mein Haus, mein Garten, mein Auto, meine Tiefgarage. 
Um eine dichte und zugleich heterogene Architektur zu gewährleisten, müssten die Parzellen einzeln oder in überschaubaren Teilstücken vermarktet werden. Ein gutes Beispiel für Kompakte Vielfalt ist der Masterplan Von West 8, Borneo Sporenborg in Amsterdam.

Im entstandenen Freiraum ließen sich kleine Wohn- und Arbeitseinheiten schaffen und vermarkten.

Im entstandenen Freiraum ließen sich kleine Wohn- und Arbeitseinheiten schaffen und vermarkten.

Was müsste passieren, damit das Ihme-Zentrum in Hannover und überregional als Chance und nicht mehr nur als Bausünde gesehen wird?
Das Ihme-Zentrum müsste zu einer Erfolgsstory werden. Wir müssten den Mut und Willen der Erbauer zurückgewinnen, die Fehlversuche begraben und als Optimisten mit dem Gelernten an die Planung gehen. Es gibt ein paar Stellschrauben die fix sind – andere Dinge müssen flexibel bleiben. 
Das Wichtigste: Es muss sich auch für einen Investor rechnen. Das Bauland bringt das Geld, um die Ebenen 0 und 1 frei- bzw. aufzuräumen. Der Investor vermarktet lediglich die Parzellen. Im besten Fall koordiniert er Planung und Bau, wo er insbesondere jungen und kreativen Architekten die Chance gibt, sich mit dieser besonderen Aufgabe auseinander zu setzen. Abhängig von der Lage der Parzelle sollte ein Planungs- oder Architekturbüro ein Doppelhaus oder ein Reihenhaus entwickeln und bauen. Als Zielgruppe eignen sich junge Familien, die gerne zentral wohnen und arbeiten wollen.

Der Erfolg der Vision Ihme-Zentrum hängt von der Summe individueller Architekturen ab. Nur die gebaute Vielfalt hat genug Kraft, sich gegen ein starkes Oben zu behaupten. Nur dem individuellen Bewohner und Eigentümer liegt etwas an seinem direkten Umfeld, ob das der Vorgarten, Garten, Platz oder Bürgersteig ist. 
Heute wohnen die Leute gerne oben im Ihme-Zentrum. Morgen auch unten: Unter dem Ihme-Zentrum an der Ihme in Hannover-Linden.

Am Ende der Planung von Frank Eittorft ist das  Ihme-Zentrum bunt.

Am Ende der Planung von Frank Eittorf ist das Ihme-Zentrum bunt.

Dich interessiert die Aufwertung und Umgestaltung von städtischen Räumen. Würde Hannover als Stadt von einem Umbau des Ihme-Zentrums profitieren?
Im Allgemeinen profitiert jede Stadt von der Aufwertung öffentlicher Räume. Dabei hat jede Stadt ihre eigenen und individuellen Stadträume – so auch Hannover. Nehmen wir die Passerelle am Hauptbahnhof. Eine höhenversetzte Einkaufspassage bringt meist Risiken mit sich. Erinnern wir uns an das Scheitern der höher gelegten Einkaufspassage im Ihme-Zentrum: 
In der Innenstadt ist das anders. Richtung Kröpcke funktioniert die tiefliegende Passerelle aufgrund der zentralen Lage, der optimalen Anbindung an Nah- und Fernverkehr sehr gut. Die Faktoren, um viele Menschen anzuziehen sind gegeben. Daher lohnt es sich für die Stadt, zu investieren. Einzelhandel, Gastronomie und Hotels profitieren von gestalteten und gepflegten Stadträumen.

Richtung List und Oststadt ist das ein wenig anders. Die Menschen fehlen, der Einzelhandel fehlt. Die Motivation, zu investieren, fehlt aufgrund der fehlenden Nutzer.
 Ähnlich verhält es sich mit dem Ihme-Zentrum. Der Unterschied ist lediglich, dass hier nicht die Stadt, sondern die Investoren die Verantwortung tragen. Mehr noch als die Stadt muss auch hier wirtschaftlich gerechnet werden. Der Fokus ist aber ein anderer. Es gilt, bezahlbaren, zugleich individuellen Wohnraum zu schaffen. Die Herausforderung wird wohl der Umgang mit einem Bestand der besonderen Art. So wie die Passerelle zwischen Kröpcke und Hauptbahnhof als individuelle Hannover-Lösung geglückt ist, gilt es, eine individuelle, am Bestand des Ihme-Zentrums orientierte Lösung zu finden. Das größte Fundament Europas ist bereits gebaut. Jetzt gilt es, lediglich das Konzept an diesen Bestand anzupassen. Ein weiteres Mal würde Hannover mit einer individuellen Lösung nachhaltige Baugeschichte schreiben.

Frank Eittorf

Frank Eittorf ist Architekt und Uni-Dozent.

Das Ihme-Zentrum auf der re:publica 2015

Am 7. Mai habe ich das Projekt „Experiment Ihmezentrum“ auf der re:publica 2015 in Berlin vorgestellt. Hier geht es zum Video. Um das Potenzial dieser Arbeit noch weiter auszutesten, gibt es seit vergangener Woche außerdem ein Instagram-Konto zum Ihme-Zentrum: http://instagram.com/ihmezentrum/

März 2015 – „Brach liegen lassen wäre ein fatales Signal“

Die taz Sonderbeilage zu Hannover

Im Februar brachte die taz eine Sonderbeilage über Hannover. Der Journalist Jens Fischer schrieb darin auch einen Artikel über das Ihme-Zentrum. Für ihn ist der Komplex ein Mahnmal, aber auch ein Symbol für die Stadtenwicklung.

Ist das Ihme-Zentrum repräsentativ für Hannover? Politisch, architektonisch, als positive oder negative PR.
Meiner Ansicht nach ist das Ihme-Zentrum sowohl architektonisch wie auch stadtentwicklungspolitisch negative Hannover-PR. Repräsentativ ist es nicht, da die Planungen, weitere solcher gen Himmel strebenden Stadtteile zu bauen, ja nicht realisiert wurden. Repräsentativ ist es allerdings für die verfehlte Stadtentwicklungspolitik Hannovers – und wenn man so will auch ein Mahnmal für die architektonische Ödnis des Hannoveraner Wiederaufbaus.

Der Artikel von Jens Fischer

Halten Sie eine nachhaltige Modernisierung für möglich?
Das ist schwer vorstellbar, aber warum nicht? Fachlich bin ich dem Punkt allerdings Laie.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die Entwicklung solcher Immobilien für die Großstädte in Europa?
Natürlich sehr wichtig, da sie zentrale Räume besetzen, soziales Klima und – ich nenn’s mal – urbane Atmosphäre mitbestimmen, allein durch ihre Größe großer Aufmerksamkeit auf sich ziehen und für das Image einer Stadt im guten wie schlechten Beispiel bedeutsam sind. Brach liegen lassen wäre ja ein fatales Signal, das die Stadt ihren Bürgern und nach draußen senden würde. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: abreißen – oder grundlegend eine neue Identität erschaffen.

Jens Fischer ist Journalist und schreibt für die taz.

März 2015 – „Wir stellen uns nicht in den Weg“

Sonne

Das Ihme-Zentrum hat ein Image-Problem, sagt Thomas Ganskow. Er ist Bewohner des Zentrums und aktiv in der Bürgerinitiative BLIZ, die sich für das Viertel einsetzt. Aus Erfahrung ist er vorsichtig, was die weitere Entwicklung angeht. Aber er hat Hoffnung.

Hat das Ihme-Zentrum ein Image-Problem?
Auf jeden Fall. Wenn ich beispielsweise in einen Kreis Menschen reinkomme und erzähle, dass ich im Ihme-Zentrum wohne, werde ich immer von oben nach unten gemustert, so nach dem Motto: „Du siehst gar nicht so aus, als ob du das müsstest.“ Die Vorurteile gegen das Zentrum sind leider immer noch sehr lebendig. Dabei ist das Leben hier ruhig, zentral, grün.

So ist das Image-Problem, das ich selbst spüre. Es gibt aber auch das Problem, das der Stadtteil Linden mit dem Ihme-Zentrum hat. Es wurde ja nie richtig angenommen, sondern als Trutzburg angesehen. Es ist ja auch schwer zugänglich und wirkt ablehnend. Und so, wie es seit ein paar Jahren aussieht, haben sich die Vorbehalte verstärkt.

Hätte man diese Ablehnung durch mehr Bürgerbeteiligung auffangen können?
Ich weiß ehrlich nicht, wie das in der Anfangszeit war, also ob man sich einbringen durfte. Aber zu der Zeit passte das auch gar nicht zur Kultur. Da beschränkte sich die Diskussion ja vor allem auf die Politik und die Verwaltung. Ich denke nicht, dass auf die Ideen aus der Bevölkerung groß eingegangen wurde. So etwas darf jetzt aber nicht mehr geschehen. Die Stadtgesellschaft muss mit eingebunden werden.

Glaubst du, dass es neben der infrastrukturellen Aufwertung also auch eine emotionale geben müsste?
Ja. Das Ihme-Zentrum muss seinen Platz in den Herzen der Lindener finden, dann würde eine Wiederbelebung auch sozial und wirtschaftlich funktionieren.

Wie stellst du dir denn eine ideale Wiederbelebung vor?
Ich denke schon, dass im unteren Teil Supermärkte und Läden gut passen würden. Aber nicht der gesamte Bereich. In der bisherigen Ladenebene würde ich mir eine Nutzung durch Gastronomie und Kultur wünschen, auch Indoor-Sport-Angebote könnten dort Platz finden. Es gab vor ein paar Jahren ja schon eine Phase, als die Revitalisierung angedacht wurde, und Künstlern Räume zur Verfügung gestellt wurden. Da kamen Musiker, Maler, Theatermenschen, und die sorgten alle auch für Zulauf. Ich denke schon, dass das Lindener Kulturleben hier einen Platz finden muss, damit das Potenzial des Ihme-Zentrums auch außerhalb Lindens angenommen wird. Denn nur ein Supermarkt reicht für einen Image-Wandel nicht aus, so einen finde ich ja an jeder Ecke.

Was hältst du denn von der Idee, einen Teil des Erdgeschosses luftiger umzubauen, dass der Fluss mehr an den Stadtteil Linden rückt?
Ich halte so etwas für sinnvoll. Und ein solcher Rückbau ist ja statisch nicht schwierig, das Gebäude ist schließlich in Skelettbauweise gebaut worden. Ich würde generell mehr Zugänge schaffen, besonders wenn sich in der ersten Etage etwas ansiedeln soll. Da müsste noch viel passieren. Da reicht es nicht, besondere Angebote zu haben, es muss auch einladend und leicht zugänglich sein.

Was hältst du denn von dem Vorurteil, dass es hier besonders viel Verbrechen gibt?
Das ist ein Gerücht. Es gibt ja beispielsweise eine Kriminalitätsstudie von 2014 für den Bereich Linden-Limmer, in dem klar erkennbar ist, dass im Ihme-Zentrum nicht mehr Kriminalität passiert als im Rest des Stadtteils. Und die hat ja auch meist nichts mit den Bewohnern selbst zu tun. Ich sag dazu immer: Kein Vogel scheißt vor’s eigene Nest. Aber natürlich kann ich verstehen, wenn anderen beim Durchgang durch das Gebäude mulmig wird. Das passiert aber auch in anderen komischen Ecken wie Tunnel oder dunklen Gebieten in dieser Stadt.

Du bist auch Sprecher einer kleinen Eigentümergemeinschaft im Ihmezentrum. Habt ihr schon Kontakt zum neuen Besitzer aufgenommen, der Projekt Steglitzer Kreisel Berlin Grundstücks GmbH?
Zumindest haben wir es versucht. Es ist ja gar nicht so einfach, den tatsächlichen Investor zu kontaktieren. Und wir wollten so schnell es geht einen Kontakt herstellen. Dazu haben die Wohnungseigentümer durch den Verwaltungsbeirat des Ihmezentrums ganz klassisch erst einmal einen Brief aufsetzen lassen. Schließlich möchten wir ja wissen, was geplant ist: Was stellt sich der neue Eigentümer vor? Es ist ja auch ein falsches Vorurteil, dass die Eigentümer und Bewohner sich der Modernisierung verweigern. So haben beispielsweise mehr als 90 Prozent einer Änderung der Nutzungsbestimmung zugestimmt, was für uns effektiv weniger Rechte und mehr finanzielle Beteiligung am Unterhalt bedeutet. Wir wollen unseren Teil beitragen und stellen uns nicht in den Weg. Das ist ja unsere Heimat.

Thomas Ganskow

Thomas Ganskow ist Vertreter der BLIZ – einer Gruppe von rund
100 Eigentümern und Freunden des Ihme-Zentrums.

November 2014 – Die Umwelt

Küchengarten

Morgens werde ich von dem Geschnatter der Enten unter meinem Fenster wach. Ich lebe im fünften oder sechsten Stock, so genau lässt sich das nicht sagen, bei all den Zwischengeschossen des Monsters Ihme-Zentrum. Bis zu mir dringt das wilde Gequake der Tiere, das sich im Laufe des Tages mit dem Kreischen der Möwen und dem Gurren der Tauben mischt. Manchmal taucht eine Ratte aus dem Wasser auf. Es gibt sogar Gerüchte, dass ein Waschbär hier in der Nähe leben soll. Eine Nachbarin erzählte mir, dass sie ihn neulich beim Räubern an der Mülltonne gesehen hätte. Kann stimmen.

Als das Ihme-Zentrum hier in den 1960er-Jahren gebaut wurde, war die Natur hier nur ein kläglicher Rest ihrer einstigen Pracht. Die Ihme und die Leine ein paar Meter weiter wurden mit Abwasser aus der umliegenden Industrie vollgepumpt. Fische aus den Flüssen waren quasi Sondermüll und nichts, was man essen konnte. An Baden war gar nicht zu denken. Als der Park direkt gegenüber meiner Wohnung wegen einem Hochwasserprojekt umgegraben werden musste, ging das meiste Geld für die fachgerechte Entsorgung des kontaminierten Erdreichs drauf.

Jetzt wird ein paar Meter weiter wieder gebadet. Ruderer erfrischen sich ohne Nachzudenken mit einer Handvoll Wasser aus der Ihme, ja sogar die Fische sollen wieder genießbar sein. Im Sommer füllt sich der Grünstreifen am Wasser zwischen Linden und dem Norden mit Tausenden Sonnenhungrigen. Nur der Betonklotz ragt immer noch gräulich in den Himmel. Dabei ließen sich hier die schönsten Projekte im Bereich Erneuerbare Energien, Urban Gardening und Farming, Vertikale Gärten und Umwelt-Stadtentwicklung realisieren. Aber dazu später mehr – denn es gibt in dieser Stadt Ideen, die aus dem Zentrum ein ökologisches und nachhaltiges Paradies machen könnten…