Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: sozial

April 2017 – Das Ihme-Zentrum bekommt einen Begegnungsort

230qm für bunte, kreative Ideen und eine lebendige Nachbarschaft: die Zukunftswerkstatt am Ihmeplatz.

Am 11. Juni eröffnet der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum einen Ort der Begegnung im Quartier. Die 230 Quadratmeter stehen der Nachbarschaft zur Verfüfung, aber auch Interessierten von außen. Egal ob Kultur, Sport, Kreatives, Zusammentreffen, Geburtstage oder sonstige kleine Feiern – alles ist möglich. Der Verein selbst wird die Räume auch als Zentrum für ein Bürgerbeteiligungsprojekt nutzen. Neben privaten Spendern gibt die Landeshauptstadt Hannover eine zweijährige Teilförderung für die Räume im Rahmen einer Kulturkooperation.

Wer sich für die Räume interessiert: Am Samstag, 29. April, findet ab 15 Uhr ein Tag der offenen Tür und Baustellenbesichtung vor Ort am Ihmeplatz 7E statt. Der Verein stellt dabei seine Arbeit vor, es gibt Solibier und Spendenlimonade. Kommt vorbei und bringt eure Ideen für ein nachhaltiges und kreatives Ihme-Zentrum mit!

Hier ist die Facebook-Veranstaltung für den Termin.

November 2016 – „Der Raum ist da, es müsste nur möglich sein, ihn auch zu nutzen“

 

Mehr Transparenz, mehr Beteiligung, eine bessere Kommunikation und ein Konzept abseits von 0815-Einkaufszentren – so könnte eine Revitalisierung des Ihme-Zentrums gelingen. Das ist eines der Ergebnisse von Catharina Hagemann, die das Viertel in ihrer Uni-Abschlussarbeit untersucht hat. Für sie ist das Quartier ein Möglichkeitsraum mit viel Potenzial.

Du hast deine Bachelor-Arbeit über das Ihme-Zentrum geschrieben. Was hast du genau untersucht?
Ich habe mich in meiner Arbeit mit dem Leitbild der nachhaltigen Quartiersentwicklung beschäftigt und geprüft, inwieweit mit Hilfe dieses Leitbildes ein Revitalisierungskonzept für das Ihme-Zentrum aufgestellt werden kann. Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema und besonders bei Projekten, bei deren Planung der Nachhaltigkeitsaspekt noch keine große Rolle gespielt hat, wie damals beim Ihme-Zentrum, finde ich es spannend, diese auf ein modernes Leitbild zu übertragen.

Wie bist du genau vorgegangen?
Ich habe mich zuerst mit dem theoretischen Leitbild der nachhaltigen Quartiersentwicklung auseinandergesetzt und Ziele rausgearbeitet, die mit einem Revitalisierungskonzept erreicht werden müssen. Hier handelte es sich sowohl um wirtschaftliche, aber auch ökologische, soziale und kulturelle Ziele. Mit Hilfe von Experteninterviews konnte ich dann ein Konzept erarbeiten, das zeigt, wie eine nachhaltige Revitalisierung aussehen könnte.

Und welches Ergebnis hast du erarbeitet?
Beim Ihme-Zentrum gibt es sehr großen Handlungsbedarf auf verschiedenen Ebenen. Vieles ist in der Vergangenheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit passiert, sodass sich Gerüchte und Vorurteile gebildet haben. Hier wäre zunächst einmal Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit von Seiten der Verantwortlichen wie Eigentümer und Verwaltung wichtig, um die Meinung der Hannoveraner zum Ihme-Zentrum zu verbessern und die aktuelle Situation zu verstehen. Des Weiteren müssen sich die Wohneigentümer und der Großeigentümer einig werden, um gemeinsam Veränderungen möglich zu machen. Aber auch nutzungsstrukturelle und bauliche Maßnahmen sind nötig, um die alten, nicht mehr zeitgenössischen Strukturen aufzubrechen. Ich denke nicht, dass Linden an dieser Stelle ein riesiges 0815-Einkaufszentrum braucht.

 

Gibt es denn Alternativen?
Ja, es herrscht eine ganz besondere kreativwirtschaftliche Lokalökonomie, die genutzt werden kann, um das Ihme-Zentrum modern und zukunftsweisend zu revitalisieren. Dabei sind kleinteilige Strukturen und die Förderung von Start-ups besonders wichtig. Die Nähe zum Wasser bietet viel Potenzial für eine Renaturierung und Naherholung, wie es auf der anderen Flussseite bei der Glocksee bereits der Fall ist. Das Ihme-Zentrum bietet unglaublich viel Potenzial, es müssen nur Mittel und Wege gefunden werden, diese zu nutzen.

Was findest du interessant an dem Quartier?
Mit seiner Größe und Bauweise ist es so innenstadtnah in Hannover einfach einzigartig. Ich wohne selbst in unmittelbarer Nähe des Ihme-Zentrums, sodass ich es ständig im Blick habe. Es ist ein Stück Heimat, und ich freue mich immer, wenn ich es nach längerer Abwesenheit wieder vor Augen habe. Das ursprüngliche Konzept „Stadt in der Stadt“ mit der angedachten Nutzungsmischung finde ich spannend. Die Idee, innerhalb eines Quartiers zu wohnen, zu arbeiten, sich zu versorgen und seine Freizeit zu gestalten ist sehr zukunftsweisend und so ist es umso trauriger zu sehen, dass es hier aus verschiedenen Gründen nicht funktioniert. Gerade weil es so viel Potenzial gibt. Wenn ich mir vorstelle, was im Ihme-Zentrum alles möglich wäre, habe ich direkt Lust, mitzuarbeiten und ein neues, modernes Ihme-Zentrum mit aufzubauen und so geht es vielen. Der Raum ist da, es müsste nur möglich sein, ihn auch zu nutzen.

Hast du eine Vision, wie ein nachhaltiges und kreatives Ihme-Zentrum 2030 aussehen könnte?
Es wäre bunt, voller Menschen aller Nationalitäten, jeden Alters, aller Lebensformen, die man sich vorstellen kann. Es gäbe ein durchmischtes, kleinteiliges Angebot an Geschäften und Kultur- und Bildungseinrichtungen. Die Fassaden könnten neu bemalt und alles grün und naturnah gestaltet werden. Es sollte ein Ort werden, an dem viele verschiedene Interessen zusammenkommen und umgesetzt werden können. Ich habe dabei kein genaues Bild vor Augen, das sollten wir alle zusammen gestalten.

Catharina Hagemann

Catharina Hagemann hat Kultur-und Sozialgeographie an der Leibniz Universität Hannover studiert und ihre Bachelor-Arbeit über das Ihme-Zentrum geschrieben. Sie ist Mitglied im Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum wohnt seit 2009 in Hannover.

Dezember 2015 – Abriss? Nein, danke!

Im Sommer schlug eine hannoversche Politikerin vor, dass das Ihme-Zentrum zu einem Denkmal werden sollte. Aus Sicht der Menschen, die sich eine Transformation des Quartiers wünschen, wirkte dieser Vorschlag wie ein Schlag in die Magengrube: Sobald ein Gebäude Denkmal ist, darf es in seiner äußeren und inneren Form nicht verändert werden. Das ist nicht das Interesse der Bewohnerinnen und Bewohner, der Menschen, die hier arbeiten und der vernünftigen Architekten und Stadtplaner. Gut also, dass dieser Vorschlag abgelehnt wurde, wie die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ berichtet.

Ein Blick in die Kommentare der Zeitung zeigt dann wieder das Unwissen und den Hass der Menschen auf dieses unverstandene Stadtviertel: Immer wieder fordern die Wutbürger den Abriss des Ihme-Zentrums. Zeit also, ihnen zu erklären, warum das nicht möglich ist.

Als Teil meiner wissenschaftlichen Umweltanalyse des Ihme-Zentrums habe ich am Anfang natürlich auch untersucht, warum das Ihme-Zentrum nicht abgerissen wurde oder wird. Dafür gibt es mehrere Gründe, die ich auf Basis der drei Sphären der Nachhaltigkeit – Ökologie, Soziales, Ökonomie – hier aufführen möchte:

Ökologie:
Das Ihme-Zentrum ist das größte zusammenhängende Betonfundament Europas. In den Kabelschächten wurde – ganz zeitgemäß für die 1970er-Jahre – Asbest mit verbaut. Dieser stört die Bewohner nicht, solange er drin bleibt. Die Menge an Müll und Feinstaub, die durch einen Abriss entstehen würde, wäre riesig und eine hohe Belastung für Umwelt und Menschen. Auch aus energetischen Gründen ist es Quatsch, so ein Stadtviertel abzureißen: Der größte Teil der Energie steckt in dem Gebäude. Jeder vernünftige Architekt empfiehlt daher, Gebäude nicht abzureißen, sondern umzubauen.

Soziales:
Das Ihme-Zentrum ist Heimat von mehreren tausend Menschen. Viele leben hier in Eigentumswohnungen, die meisten davon seit vielen Jahren. Ihnen nun die Lebensgrundlage wegzunehmen ist nicht nur moralisch verkehrt. Ein Abriss würde all diese Menschen wohnungslos machen und aus ihrer Heimat vertreiben. Hannover und speziell der Stadtteil Linden boomt auf dem Immobilienmarkt. In direkter Nähe zum Ihme-Zentrum findet man häufig nur noch Wohnungen über einen Makler. Angesichts der angespannten Lage ist es also höchstgradig verwerflich, diesen kostbaren Wohnraum zu vernichten.

Ökonomie:
Viele Menschen verstehen nicht, dass das Ihme-Zentrum kein Haus ist, sondern ein Stadtviertel. Ein Abriss würde geschätzt 250 Millionen Euro kosten, plus die Entschädigungszahlungen an die Wohnungs- und Gewerbeflächeneigentümer. Das Grundstück ist keine 250 Millionen Euro wert. Man würde also draufzahlen.

Ein Abriss ist also nicht möglich. Aber ein Umbau in ein nachhaltiges, kreatives und lebenswertes Stadtviertel. Wie das gelingt, möchten wir in unserer Dokumentation „Das Ihme-Zentrum – Traum Ruine Zukunft“ zeigen. Damit uns das gelingt, brauchen wir eure Unterstützung: Hier könnt ihr uns beim Crowdfunding helfen.

Juni 2015 – „Wirklich großes Potenzial“

Ihme-Zentrum, 2014.

Als Wissenschaftlerin erforscht Professorin Christine Hannemann die Wechselwirkung von menschlichen Bedürfnissen, Interessen sowie Nutzungen und gebauter Umwelt. Ende Mai durfte ich ihr im Rahmen einer Veranstaltung der Akademie für Raumforschung und Landesplanung das Ihme-Zentrum zeigen. Im Interview erklärt sie, welches Potenzial sie für den Gebäudekomplex sieht und welche Probleme es geben könnte.

Frau Hannemann, Sie waren Ende Mai im Rahmen eines Expertengesprächs zur Zukunft des Ihme-Zentrums in Hannover zu Gast. Welchen Eindruck hatten Sie von der Stadt vorher?
Nur ein paar Tage vor dem Podiumsgespräch hatte ich das Glück den städtischen Baudezernenten Uwe Bodemann in einem Vortrag zu erleben. Er hat uns die Entwicklung der Stadt Hannover mit allen Erfolgen und Herausforderungen beschrieben. Demnach hat sich die Stadt in den vergangenen Jahren ja stark zum Positiven entwickelt. Doch das Ihme-Zentrum hat er nicht mit einem Wort erwähnt. Das fand ich angesichts der Größe der Probleme in dem Stadtviertel eher ungewöhnlich.

Der Umbau beginnt...

Im Rahmen Ihres Besuches in Hannover habe ich Ihnen das Ihme-Zentrum gezeigt. Welchen Eindruck macht der Komplex auf Sie?
Ich finde die Summe der Probleme dort schon immens. Aber offensichtlich funktioniert das Wohnen ja gut. Also muss vor allem der gewerbliche Bereich umgestaltet werden. Für mich hat das Ihme-Zentrum ein wirklich großes Potenzial zur Entwicklung.

Gibt es aus Ihrer Erfahrung denn andere sogenannte Problemstadtteile, bei denen ein Wandel, eine Transformation gelungen ist?
Ja, die gibt es. Wobei das auch immer daran liegt, wie die Eigentumsverhältnisse organisiert sind. Die Lage im Ihme-Zentrum – mit einem Investor, dem rund 83 Prozent gehört und rund 550 weiteren Einzelbesitzern – ist schon ungewöhnlich. Dabei würde mich vor allem interessieren, wie die Struktur der Bewohner aussieht. Also welchem Milieu sie entstammen, was ihre Bedürfnisse sind. Bislang weiß ich nur, dass es in dem ganzen Komplex keine Sozialwohnungen und einen hohen Anteil an Privatwohnungen gibt.

Eingang

Sie beschäftigen sich an der Universität Stuttgart mit Aspekten und Dimensionen der Wechselwirkung von menschlichen Bedürfnissen, Interessen sowie Nutzungen und gebauter Umwelt. Welches Entwicklungspotenzial sehen Sie denn im Ihme-Zentrum?
Das Ihme-Zentrum bietet im Prinzip eine wunderbare Möglichkeit, um hier einen sozial und ökologisch nachhaltigen Stadtteil mit Innenstadtlage, also auch fußgänger- und fahrradfreundlich, zu etablieren. Die Frage ist nur: Wollen das die Bewohner und der Investor? Und, wie engagiert sich die Stadt?

Christine Hannemann

Prof. Dr. Christine Hannemann leitet das Fachgebiet Architektur- und Wohnsoziologie
am Institut für Wohnen und Entwerfen der Universität Stuttgart.