Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: schwerin

„Intown agiert nicht, die reagieren nur“

Rund 1.200 Wohnungen besitzt Intown in Schwerin – in überwiegend schlechtem Zustand.

Neben dem Ihme-Zentrum und dem Ex-Maritim-Hotel in Hannover gehören dem Großeigentümer Intown noch viele weitere Immobilien in Deutschland. In Schwerin eckt das Unternehmen mit seinem Verhalten immer wieder bei Mietern und der Stadtpolitik an. Im Sommer 2017 gründete sich deshalb dort eine Initiative von Intown-Betroffenen. Am 17. März erzählen zwei Vertretende in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, welche Erfahrung sie mit Intown gemacht haben. Dass diese überwiegend schlecht sind, erklärt Mitinitiator Maik Schoefer im Interview.

Wie agiert Intown in Schwerin, seitdem das Unternehmen dort Immobilien besitzt?
Intown agiert nicht wirklich, sondern reagiert auf auftretende Probleme. In Schwerin haben wir mittlerweile den Eindruck, dass Intown nur etwas macht, um den Eindruck zu erwecken, dass Sie etwas machen.

Gibt es besonders krasse Fälle?
Ein besonders krasser Fall war in der Newtonstraße 1: Dort wurden bei einem Aufgang die Wasserrohre saniert. Den Mietern wurde ein Sanitärcontainer hingestellt, der weder Strom hatte, noch warmes Wasser. Die Mieter mussten eine Woche lang kalt und ohne Licht in dem Container duschen. Und Intown hatte nur die Wasserleitungen saniert, damit die beiden Wohnungen im 4 Obergeschoss wieder vermietet werden konnten. Diese Wohnungen waren vom Wassernetz abgeklemmt.

Was ist Intown für dich? Ein Investor oder ein Spekulant?
Intown ist ein Spekulant, den es darum geht Geld auf dem sicheren Immobilienmarkt zu parken. Die Grundstückspreise in Städten mit einer gewissen Einwohnerzahl steigen ja. Zudem bin ich der Meinung, dass Intown bestimmte gekaufte Immobilien als Abschreibungsobjekte nutzt. Mehr Infos dazu gibt es im Schweriner Lokalblatt „Turmblick Schwerin“ auf Seite 15.

Maik Schoefer und weitere Betroffene von Intown aus Städten wie Schwerin oder Dortmund erzählen am 17. März in der Zukunftswerkstatt ihre Erfahrungen. Die Infoveranstaltung wird mit einem Vortrag über aktuelle Herausforderungen der Stadtentwicklung durch den Experten Andrej Holm eröffnet. Los geht es um 14 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Da die Plätze limitiert sind, wird um eine Anmeldung per E-Mail gebeten.

Ist der Ihme-Zentrum-Großeigentümer Intown ein Investor oder ein Spekulant?

Seit rund drei Jahren besitzt das Immobilienunternehmen Intown mehr als 80 Prozent des Ihme-Zentrums. Wird die Firma das Quartier umbauen und eine positive Wende in der bewegten Geschichte von Das Ihme-Zentrum bringen? Oder ist Intown ein Spekulant, der die Bewohner und die Mieter im Stich lassen wird?

Wir haben Betroffene und Mieter von Intown aus Städten wie Dortmund oder Schwerin eingeladen, damit sie von ihren Erfahrungen mit dem Unternehmen berichten.

Für den Überblick wird Andrej Holm einen Einführungsvortrag über Stadtentwicklung und Immobilienspekulation halten. Im Anschluss gibt es eine Podiumsdiskussion.

Intown – Investor oder Spekulant?
Samstag, 17. März, 14 Uhr
Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Ihmeplatz 7e
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten
Die Sitzplätze sind limitiert. Daher bitte per E-Mail an mail(at)ihmezentrum(.)org anmelden
Die Veranstaltung wird gefilmt, das Video später kostenlos online gestellt

Diese Veranstaltung findet im Rahmen von #ihmezentrum2025 statt. Bei der Event-Reihe geht es um eine positive und konstruktive Zukunft des Quartiers. Sie wird durch den Innovationsfonds des Kulturbüros der Landeshauptstadt Hannover gefördert. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen ist eine weitere Kooperationspartnerin.

 

September 2017 – Erneut Gebäude von Intown geräumt

 

Der Hannibal-Komplex in Dortmund. Foto: Ralf Hüls

Nach der Räumung eines Hochhauses in Wuppertal und großen Problemen in Schwerin ist Intown (Großeigentümer im Ihme-Zentrum) erneut in den Schlagzeilen: In Dortmund musste am Donnerstag ein Gebäude mit rund 800 Menschen innerhalb kürzester Zeit geräumt werden. Wie mehrere Medien berichteten, habe die Stadt Dortmund die Räumung der mehr als 400 Wohnungen angeordnet, weil „Gefahr für Leib und Leben“ bestehe. Konkret gebe es ein erhebliches Risiko wegen des mangelhaften Brandschutzes. Der zuständige Dortmunder Baudezernent Ludger Wilde sprach in einer Pressekonferenz von drei wesentlichen Gründen für die Räumung: Die Tiefgarage habe keinen Brandschutz. Viele Leerschächte seien nicht brandsicher, und es gebe in dem Haus keinen Rettungsweg. Die Bewohnenden seien für die erste Nacht in Notunterkünften oder privat untergekommen. „Wie lange das Gebäude evakuiert bleiben muss, kann derzeit nicht sicher beantwortet werden“, so Wilde laut Rheinischer Post.

Großeigentümer Intown sieht keinen Grund für die Räumung und hält die „Maßnahme der Räumung des Wohnkomplexes für nicht rechtens, für unangemessen und ermessensfehlerhaft“, so Sascha Hettrich, Geschäftsführer von Intown, gegenüber den  Medien. Der Mieterverein Dortmund sieht die Evakuierung dagegen als notwendig, auch weil die Mängel seit Jahren bekannt seien. So habe es immer wieder Beschwerden und Mitteilungen über den Zustand des Gebäudes gegeben, das Intown vor rund sieben Jahren gekauft hat. „Seitdem die Berliner Firma Intown Properties die Immobilie gekauft hat, sind bekannte Probleme nicht ausreichend behoben worden“, so Rainer Stücker, Geschäftsführer des Mitervereins, gegenüber dem Nachrichtenportal Dortmund24. Laut Medienberichten will Baudezernent Ludger Wilde Intown die anfallenden Kosten für die Evakuierung und die Unterbringung der betroffenen Bewohnenden in Rechnung stellen. Bei dem Räumungseinsatz seien Hunderte Einsatzkräfte im Einsatz gewesen.

Intown besitzt rund 83 Prozent des Ihme-Zentrums sowie weitere Immobilien in Hannover, u.a. das ehemalige Maritim Hotel gegenüber dem Neuen Rathaus. Laut dem Eigentümer soll das Ihme-Zentrum bis 2022 fertig umgebaut werden. Die Stadt verhandelt derzeit über den Verbleib von mehreren hundert Mitarbeitern in dem Bürobereich. Ein Teil der Bewohnerschaft hat vor mehreren Monaten beim Amtsgericht Hannover eine Klage gegen Intown eingereicht. Hier gibt es eine Umfrage zum Thema Ihme-Zentrum und Intown.

Weitere Berichte zur Räumung des Gebäudes in Dortmund:

Bericht auf bild.de

Bericht auf faz.de

Bericht auf Süddeutsche.de

Bericht auf Spiegel Online

Text: Projektteam „Das Ihme-Zentrum – ein neues Wahrzeichen für Hannover“

Juli 2017 – Schweriner gründen Initiative gegen Intown

Kaputte Heizungen, immer wieder Wasserrohrbrüche, kaputte Fahrstühle, Brandstiftungen und kein wirkliches Konzept – seitdem Ihme-Zentrums-Großeigentümer Intown in Schwerin Wohnungen betreibt, leiden Tausende Menschen. Maik Schoefer von der Intown-Mieterinitiative Schwerin erklärt im Interview, wie schlimm die Situation vor Ort ist und warum er wenig Hoffnung hat.

In Schwerin hat sich in den vergangenen Monat eine Mietergruppe gegründet, bestehend aus Betroffenen von Intown-Wohnungen. Was genau ist bei euch los?
Intown besitzt etwa 1.200 Wohnungen in Schwerin. 1040 davon haben sie 2015 von der städtischen Wohnungsgesellschaft WGS übernommen. Es handelt sich dabei fast ausschließlich um Plattenbauten, viele von ihnen in einem sehr maroden Zustand. Einige Blöcke stehen leer.

Wie ist Intown damals aufgetreten?
Sie haben insgesamt rund 5,5 Millionen Euro für die Wohnungen bezahlt, pro Quadratmeter sind das etwas mehr als 100 Euro. Der niedrige Kaufpreis hängt mit dem baulich schlechten Zustand und der angeschlagenen Finanzlage der WGS zusammen. Zudem verursachten die Immobilien hohe Betriebskosten – aufgrund des Leerstandes und der häufig austretenden Probleme mit der Haustechnik. Die Wohnungsgesellschaft fühlte sich gezwungen, deshalb zu verkaufen. Und sie hatten quasi keine Wahl, an wen sie es verkaufen.
Jedoch war die WGS der Meinung, dass man mit Intown einen zuverlässigen und starken Partner gefunden hatte. Es wurde eine Art Sozialcharta und Verpflichtungen zur Modernisierung mit den den Kaufvertrag aufgenommen.

Gab es Auflagen von Seiten der Politik für den Verkauf?
Ja. Wie bereits erwähnt, gibt es wohl eine Sozialcharta. Zudem hat sich Intown verpflichtet, die Wohnungen zehn Jahre im Bestand zu halten und Investitionen in einer bestimmten Höhe zu tätigen. Nach fünf Jahre muss eine Summe X investiert sein und nach zehn Jahren eine Summe Y. Wenn sie das nicht einhalten, müssen sie erhebliche Strafen zahlen. Interessant wäre, einmal den Kaufvertrag lesen zu können, ob tatsächlich diese Vereinbarungen festgehalten sind.

Die Miete für die Bewohner zahlt überwiegend die Arbeitsagentur. Ein sicheres Geschäft.

Und was genau ist seitdem passiert?
Quasi nichts Gutes. Seitdem Intown diese Wohnungen besitzt, kam es immer wieder zu schlimmen Havarien. Im Winter sind in mehreren Blöcken Heizungen ausgefallen und wurden teils erst Wochen später repariert. Es gibt immer wieder Wasserrohrbrüche, die nur behelfsmäßig repariert werden. Auf Anfragen von Mietern wird generell mit einem „Wir kümmern uns drum“ geantwortet. Sanierungsmaßnahmen wurden bis jetzt nicht getroffen.

Wie wird das begründet?
Zu den Vorwürfen der Mieter das Intown sich um Heizungsausfälle nicht kümmere, hieß es das es Sabotage gabt. Jeder Vorwurf, den es von Mietern gab, wurde auf Fehler anderer geschoben: Intown hätte sein Job gemacht. Ich persönlich glaube Intown kein Wort. Es geht nur um Rendite auf Kosten der Mieter.

Und wie fühlt sich das Ganze für die Menschen vor Ort an?
Ich persönlich würde es als menschenunwürdiges Wohnen bezeichnen. In meinem Block kam es in kürzester Zeit zu zwei schweren Bränden, wobei einer vorsätzlich gelegt wurde. Dadurch ist die Haustechnik kaputt gegangen. Dadurch konnte der Fahrstuhl fast zwei Monate nicht benutzt werden. Besonders für ältere Menschen ist das kritisch. Es gibt Bewohner die wohnen im 5 Obergeschoss und sind körperlich beeinträchtigt. Für Sie waren die 2 Monate ohne Fahrstuhl eine Tortur, allein wenn es nur um den Einkauf ging. In anderen Bereichen regnet es rein, in Lüftungsschächten schimmelt es, die Lichter auf den langen Fluren funktionierten über einem Monat nicht, und die Gegensprechanlagen sind seit einem dreiviertel Jahr defekt und werden einfach nicht repariert. Das führt dazu, dass Pflegedienste nicht zu den älteren Menschen kommen, die auf Betreuung angewiesen sind oder das die Eingänge von den Häusern offen stehen und dadurch für jeden zugänglich sind.

In der ZDF Sendung „Frontal21“ wird das Geschäftsgebaren von Intown in Schwerin und in anderen Städten thematisiert. Die Sendung ist aktuell noch in der Mediathek anzuschauen. (Stand: 4.7.2017)

Wie ist denn generell die Mietpolitik von Intown?
Es stehen mehrere Blöcke leer, die saniert werden sollen. Im Internet findet man teilweise auch schon Angebote dafür, für 8 Euro den Quadratmeter. Angesichts des Mietniveaus hier in der Stadt ist das untragbar für die bisherigen Bewohner. Auch werden die Wohnungen an Geflüchtete vergeben. Da Intown, neben der WGS, das einzige große Wohnungsunternehmen in Schwerin ist, dass noch an Flüchtlinge mit Bleiberecht vermietet.

In den Wohnungen in Schwerin leben überwiegend finanziell schwache Mieter.

Gibt es so etwas wie ein Konzept?
Es gibt ein Sanierungskonzept und einen Entwurf von einem Architekturbüro, doch dies wurde nur in einer geschlossenen Sitzung vorgestellt. Nur auf erheblichen Druck wurden überhaupt zwei Vertreter unserer Mietergemeinschaft eingeladen.

Ihr habt ja eine Mietergemeinschaft gegründet. Wie ist denn die Zusammenarbeit mit Intown?
Die Mieter werden generell vertröstet. Erst seitdem die Medien über die unhaltbaren Zustände berichten, wird hier langsam reagiert.

Und die Politik? Wie behandeln die Parteien das Thema?
Seitdem es Druck gibt von den Mietern und das Thema in den Medien ist, gibt es immer wieder Aufforderungen seitens zweier Fraktionen, die sich für die Mieter einsetzen. Zudem bietet die städtische Wohnungsgesellschaft den Bewohnern der Intown-Häuser ganz unbürokratisch Unterstützung an. Wer sich dort meldet, bekommt innerhalb kürzester Zeit eine Ausweichswohnung. Eine Mietminderung können die Bewohner jedoch nur selbst beantragen, und viele schaffen das nicht allein.

Was wünscht du dir in der jetzigen Situation?
Ich wünsche mir eine Aufarbeitung, warum damals an Intown verkauft wurde. Und dass die Mieter Unterstützung bekommen für Mietkürzungen. Was den Zustand der Wohnungen angeht, verlange ich noch nicht mal eine große Modernisierung aller 1.200 Einheiten, sondern dass einfach der Mietstandard eingehalten wird.

Glaubst du, das ist realistisch?
Ich bin skeptisch. Ich habe mir angeschaut, wie Intown in anderen Städten agiert und bekomme da so meine Zweifel. Ich habe natürlich Befürchtungen, dass sie hier in Schwerin ebenfalls auf Kosten der Menschen nur Gewinne einstreichen wollen, ohne zu investieren. Und selbst wenn sie sanieren, wird es sich kein einziger Mieter leisten können, in diesen Wohnungen zu wohnen.

Du selbst ziehst aus deiner Intown-Wohnung aus. Warum?
Ich halte das einfach nicht mehr aus. Im Herbst ist mein Nachbar gestorben, seine Leiche wurde erst nach 14 Tagen von der Feuerwehr geborgen, aber bis heute ist keine Desinfektion und Reinigung der Wohnung erfolgt. Selbst die Möbel und das Bett auf dem mein Nachbar verstorben ist, sind noch in der Wohnung. Intown weiß das, aber gibt vor das sie bis heute nicht den Schlüssel vom Nachlassverwalter bekommen haben. Da war für mich die Schmerzgrenze erreicht. Ich werde mich aber weiterhin engagieren.

Maik Schoefer, aktiv in der Mietergemeinschaft Intown Schwerin