Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: schutz

Bewohner im Ihme-Zentrum starten Unterschriftenaktion

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Bewohner im Ihme-Zentrum haben Ende November eine Unterschriften-Aktion gestartet. Das Ziel: Der Verwalter Torsten Jaskulski soll so schnell es geht eine Vollversammlung der Eigentümer organisieren. In dem Schreiben werden drei Themen erwähnt, die auf so einer Versammlung besprochen werden sollen: Die Nebenkostenabrechnung von 2016 und der Wirtschaftsplan 2018 sowie die Förderung des Bundesbauministeriums (Artikel in der HAZ).

Bislang ist nur wenig bekannt über das Projekt: Die Stadtverwaltung und die Ratsfraktionen haben das letzte Mal vor der Sommerpause öffentlich darüber diskutiert. Weder der Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD), noch der Großeigentümer Intown haben sich bislang zu dem Programm geäußert, zu dem u.a. die Verbesserung des Tunnels zwischen Ida-Arenhold-Brücke und Blumenauerstrasse gehört.

Die Bewohnerschaft fordern daher mehr Informationen und eine Meinungsbildung.

Dieser Artikel wird fortlaufend aktualisiert.  Er entstand im Rahmen der Netzwerk-Recherche-Projektförderung Grow. In dem Projekt erforschen Constantin Alexander und weitere, wie hyperlokaler, konstruktiver und nachhaltig verwalteter Journalismus funktionieren kann. Die Ergebnisse werden auf der Netzwerk-Recherchere-Jahreskonferenz am 29./30. Juni 2018 beim NDR in Hamburg und bei der Veranstaltungsreihe #ihmezentrum2025 im Frühjahr 2018 vorgestellt.

September 2017 – Erneut Gebäude von Intown geräumt

 

Der Hannibal-Komplex in Dortmund. Foto: Ralf Hüls

Nach der Räumung eines Hochhauses in Wuppertal und großen Problemen in Schwerin ist Intown (Großeigentümer im Ihme-Zentrum) erneut in den Schlagzeilen: In Dortmund musste am Donnerstag ein Gebäude mit rund 800 Menschen innerhalb kürzester Zeit geräumt werden. Wie mehrere Medien berichteten, habe die Stadt Dortmund die Räumung der mehr als 400 Wohnungen angeordnet, weil „Gefahr für Leib und Leben“ bestehe. Konkret gebe es ein erhebliches Risiko wegen des mangelhaften Brandschutzes. Der zuständige Dortmunder Baudezernent Ludger Wilde sprach in einer Pressekonferenz von drei wesentlichen Gründen für die Räumung: Die Tiefgarage habe keinen Brandschutz. Viele Leerschächte seien nicht brandsicher, und es gebe in dem Haus keinen Rettungsweg. Die Bewohnenden seien für die erste Nacht in Notunterkünften oder privat untergekommen. „Wie lange das Gebäude evakuiert bleiben muss, kann derzeit nicht sicher beantwortet werden“, so Wilde laut Rheinischer Post.

Großeigentümer Intown sieht keinen Grund für die Räumung und hält die „Maßnahme der Räumung des Wohnkomplexes für nicht rechtens, für unangemessen und ermessensfehlerhaft“, so Sascha Hettrich, Geschäftsführer von Intown, gegenüber den  Medien. Der Mieterverein Dortmund sieht die Evakuierung dagegen als notwendig, auch weil die Mängel seit Jahren bekannt seien. So habe es immer wieder Beschwerden und Mitteilungen über den Zustand des Gebäudes gegeben, das Intown vor rund sieben Jahren gekauft hat. „Seitdem die Berliner Firma Intown Properties die Immobilie gekauft hat, sind bekannte Probleme nicht ausreichend behoben worden“, so Rainer Stücker, Geschäftsführer des Mitervereins, gegenüber dem Nachrichtenportal Dortmund24. Laut Medienberichten will Baudezernent Ludger Wilde Intown die anfallenden Kosten für die Evakuierung und die Unterbringung der betroffenen Bewohnenden in Rechnung stellen. Bei dem Räumungseinsatz seien Hunderte Einsatzkräfte im Einsatz gewesen.

Intown besitzt rund 83 Prozent des Ihme-Zentrums sowie weitere Immobilien in Hannover, u.a. das ehemalige Maritim Hotel gegenüber dem Neuen Rathaus. Laut dem Eigentümer soll das Ihme-Zentrum bis 2022 fertig umgebaut werden. Die Stadt verhandelt derzeit über den Verbleib von mehreren hundert Mitarbeitern in dem Bürobereich. Ein Teil der Bewohnerschaft hat vor mehreren Monaten beim Amtsgericht Hannover eine Klage gegen Intown eingereicht. Hier gibt es eine Umfrage zum Thema Ihme-Zentrum und Intown.

Weitere Berichte zur Räumung des Gebäudes in Dortmund:

Bericht auf bild.de

Bericht auf faz.de

Bericht auf Süddeutsche.de

Bericht auf Spiegel Online

Text: Projektteam „Das Ihme-Zentrum – ein neues Wahrzeichen für Hannover“

Mai 2017 – Die Schwalben kehren zurück ins Ihme-Zentrum

Mehlschwalben leben im Ihme-Zentrum. Das ist ein gutes Zeichen. (Fotos: Uwe Vahldieck)

Im vergangenen Jahr brachte der BUND im Ihme-Zentrum Nisthilfen für die gefährdete Vogelart Mehlschwalben an. Auch im zweiten Jahr sind die Tiere zurückgekehrt, die Kolonie entwickelt sich sehr gut, erklärt Uwe Vahldieck vom BUND im Interview.

Herr Vahldieck, 2016 haben Sie im Ihme-Zentrum Brutkästen für die vom Aussterben bedrohten Mehlschwalben im Ihme-Zentrum angebracht. Wie hat sich das Ganze seitdem entwickelt?
Das erste Jahr war für den Anfang sehr gut. In einer Nisthilfe fand eine Brut statt, und in vier weiteren konnte ich Ein- und Ausflüge von Mehlschwalben in Nisthilfen beobachten. Das Annehmen von Kunstnestern durch Mehlschwalben ist normalerweise problematisch: Sie kennen keine Kunstnester. Darum war es sehr wichtig das die Schwalben die Nisthilfen gleich wahrgenommen und gebrütet haben.

Hatten die Tiere denn Schwierigkeiten?
Die Kolonie war einem Nesträuberangriff ausgesetzt. Alle 23 besetzten Naturnester wurden bis auf ein Nest und das Kunstnest zerstört. Es flogen keine Schwalben mehr am Ihme-Zentrum, und ich ging davon aus das es die Kolonie nicht mehr existiert. Jedoch kamen einige wieder, bauten Nester und brüteten erfolgreich.

Die Brutkästen und ihre Anbringung hat der BUND Region Hannover komplett selbst organisiert.

Sie haben erzählt, dass die Tiere in diesem Jahr zurückgekehrt sind. Wie geht es nun weiter?
Ich glaube und hoffe, dass wir die Nisthilfen zum richtigen Zeitpunkt angebracht haben. Denn wenn die Nesträuber einmal Erfolg hatten, kommen sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wieder. In den Nisthilfen sind die Tiere aber sicher.

Ist es aus Ihrer Sicht etwas Besonderes, dass sich die Mehlschwalben ausgerechnet das Ihme-Zentrum als Heimat ausgesucht haben?
Vielleicht ist diese Geschichte aus dem vergangenen Jahr und die weitere Entwicklung der Kolonie ein gutes Zeichen für das Ihme-Zentrum. Denn die Schwalben geben nicht auf!

Mehr Informationen zu den Nestern findet sich auf der Website des BUND Region Hannover.

Januar 2017 – Wie das Ihme-Zentrum sicherer werden kann

Samuel Kirby www.samuelkirby.com

Bunt – so sah der britische Fotograf Samuel Kirby (www.samuelkirby.com) auf seiner Deutschlandreise 2015 das Ihme-Zentrum.

Für viele Außenstehende ist das Ihme-Zentrum ein gruseliger Ort. Und auch manche Bewohnerinnen und Bewohner fühlen sich an einigen Stellen nicht wohl. Doch es gibt Möglichkeiten, das Quartier sicher zu machen. Am 25. Januar erklären die Architektin Karin Kellner (Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung & Bund Deutscher Architekten) und der Stadtforscher Dr. Herbert Schubert (Sicherheitspartnerschaft im Städtebau Niedersachsen) bei einer Infoveranstaltung, wie ein besseres Sicherheitsgefühl im Ihme-Zentrum entstehen könnte. Worum es bei dem Thema geht, erklären die beiden bereits jetzt im Interview.

Sicherheit ist häufig ein subjektives Gefühl, wie misst man so etwas im Fall des Ihme-Zentrums?
Karin Kellner: Ob sich Menschen sicher fühlen oder nicht, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, die sich nur schwer messen oder empirisch darstellen lassen.  Gegenfrage: Wie misst man Schmerz? Die Mediziner bedienen sich einer Schmerzskala von 1-10, um ein Gefühl für die individuell gespürten Schmerzen eines Patienten bekommen zu können. Eine Skala anzulegen für die gefühlte Sicherheit im Ihme-Zentrum wäre in der Beantwortung dieser Frage vielleicht ganz hilfreich.

Herbert Schubert: Subjektive Sicherheit oder Unsicherheit stellt sich über die Wahrnehmung ein. In der Kriminologie wird von „Risikozeichen“ und von „Kontrollzeichen“ gesprochen, deren Wahrnehmung das Gefühl erzeugt. Typische Risikozeichen sind beispielsweise Unsauberkeit, Vandalismus, vernachlässigte Bausubstanz. Sie suggerieren, dass sich in dem Gebiet niemand um Ordnung kümmert, dass offensichtlich jede/r machen kann, was er/sie will – sich gehen lassen kann, weil sich eh niemand darum schert. Diese Risikozeichen haben im Ihme-Zentrum im Laufe der vergangenen Jahre beträchtlich zugenommen, weil sich der Haupteigentümer nicht richtig um das Quartier gekümmert hat. Typische Kontrollzeichen sind beispielsweise ein sauberer öffentlicher Raum, gepflegte Grünflächen – dies vermittelt den Eindruck: Hier kümmern sich die Leute um die Ordnung, hier muss ich mich quasi zusammenreißen. Wenn die Risikozeichen Überhand nehmen, leidet das Image des Quartiers und die Wege hindurch werden vermieden. Auch das ist kennzeichnend für den Verfall des Ihme-Zentrums im Laufe der vergangenen Jahrzehnte.

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In einer lebendigen Stadt sind rund um die Uhr Menschen unterwegs – zum Arbeiten, zum Wohnen, für Kultur und beim Ausgehen und um einfach dafür zu sorgen, dass der Laden läuft. So entsteht ein Gefühl von Nachbarschaft.

Wie würdet ihr das Thema Sicherheit im Ihme-Zentrum beschreiben?
Karin Kellner: Sicherheit ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Wenn dieses Grundbedürfnis in Bezug auf das Wohnumfeld außer acht gelassen wird, dann liegt ein Mangel vor, der sich auf viele Lebensbereiche der Bewohner negativ auswirken und mittel- bis langfristig auch Folgen für die Gesellschaft als Ganzes haben kann. Alleine die Durchwegung des Ihme-Zentrums wird zum Spießrutenlauf, dem man sich als Außenstehender nur ungern aussetzt, und in den Abend- und Nachtstunden lieber gänzlich meidet.

Herbert Schubert: Verschärfend kommt für das Ihme-Zentrum das hohe Maß an Unübersichtlichkeit durch die Komplexität der Gebäudestruktur hinzu. Transparente Quartiere mit klaren Sichtachsen vermitteln eher ein Sicherheitsgefühl, unübersichtliche Flächen mit tausend Ecken und sichtbehindernden Einbauten, wie das auf dem Gewerbeetage des Ihme-Zentrums der Fall ist, wirken beunruhigender. Wenn die unübersichtlichen und teilweise verwahrlosten Treppenauf- und -abgänge mit in Betracht gezogen werden, verschärft sich diese Wahrnehmung.

Copyright: Gerd Runge

Gute Zugänge, eine barrierefreie Durchfahrt und eine Möglichkeit, von Linden entspannt an die Ihme zu kommen. Das sind nur ein paar Ideen für eine Verbesserung des Ihme-Zentrums.

 

Warum ist es wichtig, dass es ein gutes Sicherheitsgefühl in einem Wohngebiet gibt?
Herbert Schubert: Als sicher wahrgenommene Räume werden gern aufgesucht, dort halten sich Menschen gern auf. Diese Belebung der Räume wiederum verstärkt die Sicherheitswahrnehmung, denn wo „viele Augen“ sind, verhalten sich Menschen überwiegend regelkonform. Der wesentliche Grund, warum es wichtig ist, dass es ein gutes Sicherheitsgefühl im Quartier gibt, ist das Image. In einem unsicheren Quartier besteht die Gefahr einer Abstiegsspirale: Dort will niemand leben, bestimmte Bevölkerungsgruppen wandern ab und weniger attraktive Gruppen ziehen hinzu, ein Preis- und Wertverfall kann einsetzen. Es ist schwierig und sehr aufwändig, wieder aus das Image der „NoGo“-Area loszuwerden, wie wir aus vielen Stadterneuerungsprojekten in Großwohnsiedlungen wissen.

Karin Kellner: Ich persönlich kenne aus meinem Umfeld niemanden, der für sich und seine Familie nicht in Anspruch nimmt, an einem Ort leben zu wollen, der uns die Sicherheit vermittelt, die wir zum Leben brauchen.

Nun gibt es Menschen, die fordern Kameraüberwachung für mehr Sicherheit. Ist das denn sinnvoll?
Karin Kellner: Aus eigenem Erleben möchte ich hierzu nur sagen, dass mir die physische Anwesenheit von Menschen, denen ich mich in Not bemerkbar machen kann, weit mehr Sicherheit verleiht, als eine Vielzahl von Kameras.

Herbert Schubert: Eine vollständige Kameraüberwachung ist nicht sinnvoll. Wo es möglich ist, muss die natürliche soziale Kontrolle der vielen Augen gestärkt werden. An neuralgischen Punkten, wo das nicht möglich ist, helfen oftmals nur Videokameras. Gute Erfahrungen wurden damit gemacht, wenn eine Concierge oder ein Doormann im Zugangsbereich die Monitore im Blick hat, so dass zeitnah interveniert werden kann.

Ein Garten blüht

Ein erstes Beispiel einer neuen Belebung im Ihme-Zentrum: Der Küchengarten, den einige Aktivisten seit April 2016 am Ihmeplatz 1 betreiben.

Was gibt es konkret für Möglichkeiten, im Ihme-Zentrum mehr Sicherheit herzustellen?
Karin Kellner: Diese Möglichkeiten ergeben sich durch die Umgestaltungen, die im Ihme-Zentrum stattfinden werden. Die Planungen sollten dabei zuvorderst die Menschen in den Fokus der Betrachtung rücken. Menschen, die sich in ihrer Umgebung sicher und damit wohl fühlen, bleiben auch. Alles andere wäre auf Dauer unwirtschaftlich und auch gesellschaftlich nicht tragbar.

Herbert Schubert: In der Veranstaltung werden wir Möglichkeiten aufzeigen, wie die Sicherheitswahrnehmung im Ihme-Zentrum verbessert werden kann. Zentrale Aspekte sind: die Verbesserung der Orientierung, eine klarere Abstufung zwischen öffentlichen und privaten Flächen, Transparenz und Überschaubarkeit, die Beleuchtung am Abend und die Rolle von „Kümmerern“ im Quartier.

Infoveranstaltung: Gefühlte Sicherheit im Ihme-Zentrum
Wann: 25. Januar 2017, 19.30h
Wo: Seminarräume von Ostland, Ecke Gartenallee/Blumenauerstraße
Eintritt frei

September 2015 – Ein nachhaltiges Haus

 Als das Ihme-Zentrum geplant und gebaut wurde, war an ressourcenschonendes Arbeiten und Leben noch nicht zu denken. Das Ergebnis: Das Zentrum ist an vielen Stellen energetisch veraltet, eine nachhaltige Modernisierung ist notwendig. Der Ingenieur Lev Yakushko hat einige Ideen, wie aus dem Zentrum ein Plusenergiehaus werden könnte.

Lev, du arbeitest im Bereich der Verfahrens- und Elektrotechnik und Ressourcen-Management. Ist das Ihme-Zentrum aus dieser Perspektive spannend?
Ja, definitiv. Das ganze Gebäude, so wie es da steht, hat noch sehr viel Potenzial. Ich kann mir vorstellen, dass es zu einem Energie-autarken Gebäude werden kann, wenn nicht gar zu einem Plusenergiehaus. Das heißt, es würde mehr Strom erzeugen, als es verbraucht.

Ist so etwas denn realistisch?
Das ist technisch möglich, wenn du einen richtigen Ingenieur dafür hast. Der Arbeitsaufwand ist enorm, das richtige Team, das das angeht, muss sich dessen bewusst sein.

Und wie würde man da vorgehen?
Ich würde erst einmal eine energetische Bilanz erstellen. Das heißt, ich schaue: Was kommt rein, was geht raus? Wie viel Strom, Wasser, Gas und andere Energieträger gehen rein? Und, ganz wichtig: Wo geht was verloren? Wie wird die Energie verwendet? Das Gebäude ist ja in einer Zeit gebaut worden, in der Energieeffizienz, richtiges Heizen oder Stromsparen keine primäre Rollen gespielt haben.

Sobald die Bilanz steht, würde ich das im Detail untersuchen: Wie viel geht zu den Wohnungen, die ja funktionieren und bewohnt sind. Was geht in die Büros, die beispielsweise die Stadt gemietet hat? Und was wird im leer stehenden Gewerbebereich verschwendet? Wo wird beispielsweise Strom verbraucht, um einen Raum zu heizen oder zu kühlen, der eigentlich leer steht? Dafür muss das Rad nicht neu erfunden werden. Es gibt bereits diverse Normen, um Gebäude energetisch zu bilanzieren.

 

Und was wäre dann der nächste Schritt?
Ich würde schauen, welche Möglichkeiten es gibt, um den Verbrauch des Gebäudes zu senken beziehungsweise wo man Energie einsparen kann. Und wo man beispielsweise Solarmodule oder kleinere Windkraftanlagen aufstellen könnte. Es ist technisch möglich, dass das Gebäude Strom ins Netz einspeist.

Was ist mit Biogasanlagen, betrieben mit dem Biomüll aus dem Komplex?
Der Ansatz ist gut. Die Anwendung in dem Fall wiederum halte ich für unrealistisch. Eine Biogasanlage ist bei 1.500 Bewohnern, auch wenn alle vorbildlich den Biomüll trennen, nicht wirklich leistungsfähig. Eine dezentrale Anlage halte ich in diesem Fall für unwirtschaftlich. Dazu sind größere Mengen Biomasse notwendig.

Im Gebäude selbst ist der städtische Stromversorger Enercity einer der größten Mieter. Die sind verpflichtet in den kommenden Jahrzehnten die ganze Region Hannover mit 100 Prozent Erneuerbaren Energien zu versorgen. Könnten die sich also nicht beispielsweise dazu verpflichten, ihr eigenes Gebäude zum Plus-Energie-Haus zu machen?
Das wäre sensationell. Auch wenn das vorgegebene Ziel sehr ambitioniert ist, wäre das einerseits ein Schritt in die richtige Richtung. Des Weiteren würde Enercity damit sein derzeit nicht wirklich „grünes“ Image deutlich aufbessern und in Hannover ein deutliches Zeichen setzen, dass der städtische Energieversorger an der Energiewende auch interessiert ist.

Lohnt sich so etwas wirtschaftlich?
Ja. Der sogenannte Break-Even-Point, also der Punkt, ab dem man Gewinn macht, liegt vielleicht in 20 Jahren. Aber das kann man ja gegenfinanzieren. Und außerdem liegt es ja zurecht im Trend, klüger und bewusster mit Ressourcen umzugehen.

Welchen Vorteil hätten denn die Bewohner und Nutzer des Ihme-Zentrums neben der Aussicht, Geld damit zu verdienen?
Das wäre für ganze Stadt ein großer Vorteil. Hannover hat einerseits das Image, die grünste Stadt Norddeutschlands zu sein, allein schon wegen der Parks. Andererseits ist Hannover auch bekannt als Industriestandort und Autostadt. Mit so einem Konzept könnte sich aber der Ruf der ganzen Region ändern, hin zu einem grünen Image und ein Leuchtturmprojekt innerhalb der Energiewende werden. Die Stadt würde so attraktiver, mehr Menschen würden hier Urlaub machen oder ganz herziehen.


Was müsste passieren, damit so ein Umbau realisiert werden würde?
Der Investor und die Bewohner müssten sich dazu entschließen. Vielleicht auch mit der Unterstützung der Stadt. Es ginge darum, ein Zeichen zu setzen. Und das Ihme-Zentrum wäre das erste Gebäude dieser Art auf der Welt und würde nach überallhin ausstrahlen.

Du hältst also nichts davon, das Ihme-Zentrum einfach abzureißen und etwas Neues zu bauen, wie manche vorschlagen?
Es geht nicht darum, neu zu bauen, sondern klug zu sanieren. Das ist nachhaltig.

 

Lev Yakushko ist geboren und aufgewachsen in Dnipropetrovsk, Ukraine. Seit 17 Jahren lebt er in Deutschland. Seit gut acht Jahren ist selbstständig im Bereich der Veranstaltungstechnik. Als Ingenieur für Verfahrenstechnik hat er für Unternehmen wie Continental und ProMaqua im Bereich der Forschung und Entwicklung gearbeitet. Im Bereich der Veranstaltungstechnik war er in mehreren Ländern der Welt bereits im Einsatz. Derzeit beendet er sein Master-Studium Nachwachsende Rohstoffe und Erneuerbare Energien. 

Januar 2015 – „Da herrscht nur: Liebe oder Ablehnung“

Rudern, langsam

Die Hannoveranerin Ninia LaGrande schreibt Geschichten, tritt bei Poetry-Slams auf und bloggt über ihren Alltag, Feminismus, urbane Entwicklung, Popkultur. Für den Blog „Les Flâneurs“ hat sie über das Ihme-Zentrum einen schönen Artikel geschrieben und den Klotz das „brutale Erbstück“ genannt.

Du schreibst, das Ihme-Zentrum habe den Ruf eines Außenseiters und ein Opfers. Siehst du das genauso?
Ich halte das Ihme-Zentrum in jedem Fall für einen Außenseiter. Aber nicht im negativen Sinne. Es sticht völlig aus der restlichen Stadtarchitektur heraus und fällt auf. Ich mag das. Daher sehe ich das Zentrum auch nicht als Opfer. Höchstens als Opfer seiner eigenen Geschichte und der Stadtplaner. Es verfällt ja immer mehr, und niemand fühlt sich zuständig oder kann finanziell einen Zerfall aufhalten.

Ist das Zentrum für dich eine Metapher des Scheiterns?
Absolut. Ich stelle mir immer vor, mit was für einer Motivation und was für Visionen das Zentrum damals gebaut wurde, und dann hat einfach nichts von dem geklappt, was sich die Planer vorgestellt haben. Es gibt ja auch kaum jemanden in Hannover, der oder die keine Meinung zum Zentrum hat. Da herrscht nur: Liebe oder Ablehnung.

Meinst du, dass Zentrum hat auch einen schlechten Ruf, weil der Architekturstil Brutalismus heißt?
Bevor ich mich in das Thema einlas und anfing, mich für die Geschichte des Zentrums zu interessieren, wusste ich nicht mal, dass der Stil Brutalismus heißt. Andererseits: Welche Bezeichnung würde besser passen als diese?! Ich glaube, dass die meisten nicht wissen, wie der Architekturstil genau heißt. Unabhängig vom Namen fällt diese Architektur natürlich komplett auf – es ist ja auch nicht wirklich schön, sondern interessant. Ich muss immer ein bisschen an den Film „A Clockwork Orange“ denken, wenn ich an dem Gebäude vorbeigehe. Das ist natürlich nicht die positivste Assoziation. Ich vermute, viele hätten dort lieber ansehnlichere oder modernere Bauten stehen. Dabei ist der gerade dieser Bruch an der Stelle der Stadt so besonders.

Du schreibst, viele HannoveranerInnen würden sich ein stärkeres Engagement der Stadt wünschen. Du auch?
Ja, auf jeden Fall. Ich kenne einige BewohnerInnen aus dem Zentrum, und die lieben ihr Zentrum durchweg alle. Sie sind genervt von der ewigen Diskussion und wollen dort einfach leben. Es ist auf jeden Fall Aufgabe der Stadt, sich, neben den ganzen neuen Prestige- und modernen Wohnbauten, auch um das Ihme-Zentrum zu kümmern. Die BewohnerInnen werden mit dem Zerfall alleine gelassen und müssen immer mit der Angst leben, dass ein Investor irgendwann alles umbauen/abreißen wird. Es gibt viele tolle Engagements rund ums Zentrum – die müssten auf jeden Fall bekannter gemacht werden und unterstützt werden.

Für dich hat das Grobe des Zentrums Charme, wie du schreibst: Wie würdest du die Schönheit des Zentrums beschreiben?


Die Schönheit des Zentrums ist seine Unterschiedlichkeit. All seine BewohnerInnen, die Street-Art, irgendwie im Grünen gelegen, aber doch stadtnah, verwinkelte Ecken und riesige Ausblicke. Ich liebe das. Es wäre schade, wenn so ein Schmuckstück inmitten einer Stadt und inmitten eines tollen Viertels einfach stirbt.

Ninia LaGrandeDie Bloggerin und Autorin Ninia LaGrande.

Januar 2015 – „Die Größe des Problems ist beeindruckend“

Männchen, künstlerisch

Conrad von Meding ist seit zehn Jahren bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ für Stadtentwicklung und Architektur zuständig und leitet dort die Hannover-Redaktion. Aktuell berichtet er unter anderem über die Zwangsversteigerung des Ihme-Zentrums, in meinem Blog beantwortet er fünf Fragen zu der Großimmobilie.

Du schreibst, das Ihme-Zentrum sei ein „Synonym für die Großmannssucht von Investoren und gescheiterte Sanierungsversuche“. Hast du noch Hoffnung, dass das Zentrum irgendwann saniert wird?
Klar! Als Hannoveraner ist man schließlich immer Optimist. Ich hoffe auch, dass der Holländische Pavillon im Expo-Park und das Bredero-Hochhaus am Raschplatz irgendwann mal wieder zu den Highlights Hannovers zählen werden. Ich glaube aber, dass die Größe des Ihme-Zentrums ein spezifisches Problem darstellt. Man hat sich, als es in den siebziger Jahren immer größer und größer geplant wurde („Synonym für die Großmannsucht von Investoren“), leider nie Gedanken darüber gemacht, wie es mit solch einem Bau jemals zu Ende gehen kann. Ein Mehrfamilienhaus kann man abreißen, wenn es hoffnungslos veraltet ist und die Sanierungskosten irgendwann die Neubaukosten übersteigen. Beim Ihme-Zentrum, in dem außer dem multimillionenteuren Gewerbekomplex, der gerade insolvent ist, das private Eigentum von Hunderten Wohnungseigentümern steckt, wird es nie den für alle „richtigen“ Rückbauzeitpunkt geben – das ist ein echtes Problem. Sorry, das war etwas lang, stell mal eine einfachere Frage!

Ok, dann bekommst du diese Frage: Wenn du jemanden außerhalb Hannovers erklären müsstest, was das Zentrum ist: Was würdest du ihm oder ihr sagen?
Das Ihme-Zentrum ist eine tolle Idee, die – im aktuellen Zustand – leider eher trostlos aussieht. Die Idee war, einen komprimierten Stadtteil unter einem Dach zu schaffen, indem man für Tausende Menschen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit, Kinderbetreuung usw. in einer Immobilie anbietet. Eigentlich auch heute noch eine fortschrittliche Idee, weil sie dort, wo Flächen knapp sind – also urban in einer Großstadt –, alle notwendigen Funktionen bietet, indem in die Höhe statt in die Breite gebaut wird. Man stellt im Erdgeschoss sein Auto ab und bewegt sich dann für alle Funktionen in einem einzigen Haus – und das steht auch noch am Wasser und bietet von fast allen Wohnungen aus einen tollen Blick über den Fluss und die Stadt. Klasse Sache. Nur muss man aktuell leider, um zu den Wohnungen zu gelangen, durch eine riesige Bauruine gehen, wie mein Kollege Michael Soboll und ich in der HAZ-Digitalreportage zum Ihme-Zentrum beschreiben.

Frau, nachdenklich

Ist das Ihme-Zentrum aus deiner Sicht wichtig für die Entwicklung von Hannover generell?
Nö. Wegen seiner Größe ist natürlich auch die Größe des Problems beeindruckend. Aber ich glaube, außerhalb von Linden ist das Ihme-Zentrum eher ein Spottthema als ein echtes Problem. In den Stadtteilen, die genauso hipp sind wie Linden, in denen man nur nicht so viel darüber spricht, also Südstadt, Kirchrode, Oststadt oder Herrenhausen, ist das Ihme-Zentrum den meisten Menschen im Alltagsleben wohl eher egal.

Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) hat das Zentrum zur „Chefsache“ erklärt. Aber hat die Politik nicht schon alles probiert?
Genaugenommen hat sein Vorgänger das Ihme-Zentrum zur Chefsache erklärt. Schostok hat gegenüber der HAZ zugesagt, dass das bei ihm so bleibt, und wörtlich hinzugefügt: „Aber ich bete fast, dass das Ihme-Zentrum nicht in die Hand von Hasardeuren fällt.“ Er selbst vertraut also weniger der Verwaltung oder der Politik als einer höheren Macht. Aber im Ernst: Chefsache heißt, dass das Thema im Rathaus hochrangig angesiedelt wird und die Entscheidungen nicht in den Dezernaten vorbereitet werden, sondern im OB-Büro. Das ist ein wichtiges Signal auch an Investoren, die die Gespräche direkt mit dem OB führen dürfen und nicht erst bei den „einfachen“ Sachbearbeitern anfragen müssen.

Ist das Ihme-Zentrum aus deiner Sicht eine Katastrophe oder eine Chance für Hannover?
Mein journalistisches Schwerpunktthema ist die Stadtentwicklung. Da stellt sich jede Bauruine, jedes nicht zuende entwickelte Projekt, jede gescheiterte Zwangsversteigerung einen spannenden Themenfundus dar. Also: eine Chance für Hannover!

Conrad von Meding

Conrad von Meding, Redakteur der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“
und Experte für Stadtentwicklung.