Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: schostok

Die neue Haltestelle am Küchengarten ist eine Chance

Copyright: Gerd Runge

Ineffizient und nervig für alle Verkehrsteilnehmer: Die Verkehrsführung am Küchengarten aktuell.

Die Straßenbahnhaltestelle am Küchengarten/Ihme-Zentrum muss umgebaut werden. Die Region Hannover überprüft derzeit mehrere Möglichkeiten. Am 30. November ist in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum ein Runder Tisch für die Planung.

Ob Autofahrer, Radfahrer, Bus- und Bahnfahrer oder Fußgänger – der Küchengarten in Hannover-Linden ist eine Herausforderung. Das Verkehrskonzept für den Küchengarten in Hannover-Linden entstand im Zusammenhang mit dem Ihme-Zentrums am Ende der 1960er-Jahre. Typisch für diese Zeit sind die großen Straßen, ähnlich wie Autobahnen. Der öffentliche Nahverkehr, Rad- oder Fußwege spielten dabei keine wichtige Rolle. Wichtig war den Verkehrsplanern eine neue, direkte Verbindung von Blumenauer Straße und Elisenstraße Dort sollten zwei große Parkhäuser entstehen.

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Mehr Ordnung, schnellere Wege für alle und Wohnungsbau am Küchengarten. So könnte die Zukunft aussehen.

Diese Verbindung sorgte in den vergangenen Jahrzehnten für große Probleme: An der kompliziertesten Stelle der neuen Kreuzung wurden zusätzlich Stadtbahn- und Buslinien quer über die Fössestraße gebaut. Um das Ihme-Zentrum, Linden-Mitte und Linden-Nord miteinander zu verbinden wurden die Stadtteile mit einer Brücke verbunden, die 2008 abgerissen wurde. Wer dort heute mit Bus oder Bahn fährt, muss beim Umsteigen lange Strecken gehen. Fahrradfahrer und Fußgänger müssen lange Wartezeiten und vielen Ampeln erdulden.

Die Stadt Hannover möchte die Nahverkehr und umweltfreundliche Mobilität fördern: Radfahrer und Nutzende von Bahn und Bus sollen es leichter haben auf der Straße. Um dies am Küchengarten zu erreichen, muss der Platz und sein Umfeld umgebaut werden. Das hängt mit der richtigen Platzierung des Hochbahnsteigs zusammen.

Am 30. November wird das Thema bei einem Runden Tisch in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, (Ihmeplatz 7e) besprochen. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Vertreter der Region Hannover und weitere betroffene Unternehmen und Institutionen wurden persönlich eingeladen. Der Infoabend beginnt um 19 Uhr.

Statikakten des Ihme-Zentrums gerettet

Eine Gruppe von 27 Bewohnern des Ihme-Zentrums, Architekten und engagierten Bürgern von Hannover hat das einzige vollständige Set Statikakten vom Ihme-Zentrum gekauft. Der Großeigentümer und der Vertreter der Wohnungseigentümer wollten sie nicht. 

Für manche ist das Ihme-Zentrum kein reines Wohnviertel, sondern eine Aneinanderreihung von menschlichen Schicksalen, die in dieser ursprüngliche urbanen Utopie eine tragische Entwicklung genommen haben. Der Werdegang des ursprünglichen Statikers gehört dazu: Der Ingenieur hatte in den 1970er-Jahren die Berechnungen für den Bauherrn gemacht und wurde deshalb vom damaligen Großeigentümer Carlyle angeheuert, der 2006 anfing, das Ihme-Zentrum umzubauen.

Doch das Projekt scheiterte, und der Statiker beendete sein Leben. Seine Witwe wurde durch die Insolvenz des Unternehmens mittellos und musste ihr Haus und vieles mehr verkaufen. Das Statikbüro blieb ein Jahrzehnt leer. Die Statikakten, das einzige komplette Set, das noch vorhanden ist, verstaubte jahrelang im Keller.

Als der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum im Herbst 2016 anfing, Räume für sein soziokulturelles Nachbarschaftszentrum zu suchen, fand die Gruppe mit dem ehemaligen Statikbüro die ideale Immobilie. Man einigte sich schnell. Damit der Verein die Räume langfristig mieten kann, kaufte eine Gruppe von 27 Bewohnern im Ihme-Zentrum, Architekten und Stadtentwicklern, Wirtschaftsexperten und engagierten Bürgern aus Hannover das ehemalige Büro und ließ es nach nachhaltigen Kriterien umbauen.

Um mit dieser für sie traurigen Phase ihres Lebens vollends abzuschließen und damit die Statikakten nicht verloren gehen, bot die Witwe diese Akten dem Großeigentümer Intown zum Kauf an. Dieser zeigte trotz Umbaupläne und zum Entsetzen vieler Fachleute kein Interesse. Ohne Informationen zur Statik kann das Unternehmen keinen Bauantrag bei der Stadt einreichen. Diese Informationen nachträglich bestimmen zu lassen ist sehr teuer. Auch der Vertreter der Wohungseigentümer lehnte es ab, die Akten im Namen der Bewohner zu kaufen.

Um die Akten vor dem Verlust zu schützen und für die Bewohnerschaft und die Gewerbetreibenden im Ihme-Zentrum bereit zu stellen, hat die Initiative sie gekauft. Die Gesellschaft versteht sich als Treuhänder für dieses wichtige kollektive Gedächtnis des Ihme-Zentrums: Sie wird die Unterlagen allen interessierten Eigentümer bzw. deren beauftragten Planungsbüros bei Bedarf zur Nutzung für Umbauplanungen zur Verfügung stellen. Bei Fragen, einfach eine E-Mail schreiben.

Hier gibt es mehr zur GmbH.

August 2017 – Der Sommer im Ihme-Zentrum

Das Hochwasser Ende Juli 2017 hat aus der Ihme einen richtigen Strom gemacht. Foto: Hans Dieter Keyl.

Trotz eines durchwachsenen Sommers gibt es viele gute Entwicklungen im Ihme-Zentrum: Das Quartier und seine Herausforderungen werden außerhalb Hannovers immer bekannter. Das neue Nachbarschaftszentrum entwickelt sich zu einem lebendigen Treffpunkt, und viele Bewohner verbessern aktiv mit Grünpflege und Nachbarschaftshilfen die Lebensqualität vor Ort.

Der Juli im Ihme-Zentrum war durchwachsen. Ein heftiger Regen nagte für mehrere Tage an der Fassade und den Dächern und offenbarte manche schwache Stelle. Die Ihme trat über die Ufer und schwemmte ganze Baumstämme vorbei. Kein Wetter, bei dem man gerne nach draußen geht. Doch mit dem August ändert sich so langsam die Großwetterlage im Quartier. Nach dem letzten reinigenden Gewitter wird es jetzt wieder wärmer und die Pflanzen blühen, und das Spazierengehen macht wieder Freude.

 

Manch einer nutze das Hochwasser am Ihme-Zentrum zum Surfen. Foto: Hans Dieter Keyl

Indes hat das schlechte Wetter die Menschen nicht davon abgehalten, dem Ihme-Zentrum einen Besuch abzustatten. Zu mehreren Rundgängen kamen rund 200 Menschen, um sich das Quartier und das im Juni eröffnete und von der Kulturverwaltung der Stadt Hannover geförderte soziokulturelle Nachbarschaftszentrum Zukunftswerkstatt am Ihmeplatz 7E anzuschauen. Mit den Spenden rückt die vollständige Finanzierung der barrierefreien Toilette in den Räumen immer näher. Seit Anfang August ist außerdem mit dem Künstler Sebastian Stein der zweite Dauermieter neben dem Orchester im Treppenhaus eingezogen. Das BewohnerCafé, ein Treffpunkt für alle Bewohnerinnen und Bewohner jeden Dienstag, entwickelt sich zu einem lebendigen Stammtisch.

Doch nach dem Regen folgte Anfang August die Sonne.

Gleichzeitig waren das Quartier und seine Herausforderungen Thema mehrerer überregionaler Workshops und Vorträge. Mit großem Interesse verfolgten im Juni Vertreterinnen und Vertreter des Bundesbauministeriums und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumplanung im Rahmen des „Stadt von Übermorgen“ Treffens, wie der Verein Zukunftswerkstatt Ihmezentrum aus der vermeintlichen Ruine einen positiven Möglichkeitsort geschaffen und sich somit das Image gewandelt hat. Die Expertinnen und Experten bewerteten demokratische Teilhabe und kreative Problemlösungen als wichtig für eine positive Entwicklung des Ihme-Zentrums, wie auch für alle Kommunen. Dies entspräche auch der UN mit seinem Plan für „Nachhaltige Städte und Kommunen“.

Die Bewohnerschaft kümmert sich vor Ort intensiv um die Beflanzung im öffentlichen Bereich.

Anfang Juli präsentierten Studierende der Universität Hannover ihre Forschungsarbeiten, die sie im Sommersemester mit der Architektin Karin Kellner und dem Stadforscher Herbert Schubert entwickelt haben. Dabei waren viele gute Arbeiten, die sich mit einer angenehmeren Gestaltung vor Ort beschäftigen. Viele der von den Studierenden entwickelten technischen Lösungen sind gar nicht teuer und relativ schnell umzusetzen. Die Wissenschaftlerin Silke Hüper zeigte außerdem ihre Untersuchungen, wie die Zeitungen den Ruf des Quartiers in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich mit geprägt haben. In ein paar Monaten wird sie das Ganze noch einmal in der Zukunftswerkstatt vorstellen.

Das Quartier entwickelt sich in Hannover, aber auch außerhalb immer mehr zu einem Thema, über das man spricht.

Im späten Juli wurde das Ihme-Zentrum im Münsteraner Freihaus bei „100 Stunden Brutalismus“ als mögliches Leuchtturmprojekt besprochen. Aus ganz Deutschland kamen Interessierte und Experten aus den Bereichen Architektur, Stadtentwicklung und Kreativwirtschaft zu dem interdisziplinären Event im Rahmen der Ruhrmoderne und der Skulptur Projekte. Alexandra Apfelbaum und Yasemin Utku stellten ihre Forschungsarbeit „Mit den Riesen auf Augenhöhe“ über große Brutalismuskomplexen in Nordrhein-Westfalen vor und zeigten, dass diese oftmals wunderbare Orte zum Wohnen sind und für ihre Bewohnerinnen und Bewohnern geliebte Heimat – wie im Ihme-Zentrum auch. Jan Kampshoff erklärte, wieso frühere urbane Utopien durch Immobilienspekulation scheitern und die erfolgreichen immer auch die Menschen vor Ort integrierten. Am 13. August wird außerdem die Ihme-Zentrums-Dokumentation „Traum Ruine Zukunft“ im Apollokino in Hannover-Lindem gezeigt und am 30. August beim „Architektur.Film.Sommer 2017“ im Museumsquartier in Wien.

November 2016 – Der Streit ums Ihme-Zentrum eskaliert

Park statt Leerstand?

Die Eigentümerversammlung im Ihme-Zentrum am Dienstag ist eskaliert. Großeigentümer Intown gab unkonkrete Versprechungen ab und bat erneut um Geduld. Die Stadt sah wenig Fortschritt und kaum Hoffnung auf eine Einigung. Ein angedrohter Auszug der städtischen Einrichtungen scheint nun immer konkreter zu werden. Doch es gebe Alternativen.

„Es ist ernüchternd.“ Frank Herbert, Leiter des Büros von Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD),  fand deutliche Worte, um die Verhandlungen zwischen der Stadt und dem größten Eigentümer im Ihme-Zentrum, Intown, zu beschreiben. Seit Februar 2015 wartet die Stadt als größte Mieterin im Gewerbebereich und die rund 2.000 Bewohner auf konkrete Aussagen und Pläne des Eigentümers, der offiziell betont, ein „nachhaltiges Interesse“ an dem Stadtviertel zu haben. „Es gibt keinen Projektsteuerer vor Ort“, so Herbert in seinem Bericht vor den Eigentümern. „Wir als Stadt müssen Intown Druck machen, denn er hat einen Ruf zu verlieren.“ Wenn die Stadt und die Stadtwerke ausziehen und so keine Miete mehr zahlen, dann macht der Großeigentümer Verlust.

Intown reagierte und schickte zum ersten Mal überhaupt einen Vertreter zu einer Eigentümerversammlung. Der Asset-Manager des Ihme-Zentrums betonte dabei in seiner vorgeschriebenen Rede, dass dem Unternehmen an einer guten Kommunikation gelegen sei und sich nicht verstecken wolle. Kontaktaufnahmen von Seiten der Eigentümer verbat er sich jedoch und wies darauf hin, dass Intown ein renommiertes Architekturbüro für die Umbaupläne beauftragt habe. Aus hannoverschen Architektenkreisen war in den vergangenen Tagen jedoch zu hören, dass das beauftragte Architekturbüro Schulze & Partner, das im Sommer bereits Visualisierungen für eine neue Fassade präsentiert hatte, wegen fehlender Bezahlung die Arbeit bereits wieder eingestellt habe. Auch berichtete ein Eigentümer von Einzelnhändlern, die ein großes Interesse an einer Anmietung hätten, aber keine Antwort auf ihre Anfragen bei Intown bekämen. Der Hinweis des Intown-Vertreters, sein Unternehmen wolle dem Ihme-Zentrum „zum neuen Glanz verhelfen“ wurde so von den Anwesenden mit lautem Lachen quittiert.

Jürgen Oppermann, Vertreter der Wohnungseigentümer im Ihme-Zentrum, hat indes keine Geduld mehr mit Intown: „Der Großeigentümer hatte die Chance, ein Zeichen zu setzen.“ Es habe allein mehr als ein Jahr gedauert, bis Intown seinen Teil der Hauskosten fristgerecht bezahlen würde. „Es ist besser, er geht sofort, als dass unser Eigentümer weiter verkommt“, so Oppermann. Als ein erster Schritt beschloss die Eigentümerversammlung, den Großeigentümer zu einer Zahlung von 50 Millionen Euro zu verpflichten und dies – falls notwendig auch durch ein Gericht oder eine Zwangsvollstreckung geltend zu machen. Ob diese Forderung jedoch vor Gericht Bestand hat, zweifelten vor Ort mehrere Menschen an, zum Teil selbst Juristen.

Dabei gebe es eine Antwort auf all die Probleme im Ihme-Zentrum, die der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum in einem Konzept zusammengestellt hat. Mit einer Art Inventur werden dabei am Anfang die Missstände im baulichen Bereich, aber auch bei den Eigentumsverhältnissen überprüft und geschaut, ob das alles noch so funktioniert. Auf der Basis dieser Analyse, die durch ein unabhängiges Gremium durchgeführt wird, kann das Ihme-Zentrum dann zu einem besonderen Stadtumbaugebiet gewidmet werden. Für die baulichen Maßnahmen gibt es dann öffentliche Förderung von Stadt, Land, Bund und eventuell auch der Europäischen Union.

Mai 2016 – „Wir bieten uns als Dialogpartner an“

„Nach mehr als einem Jahr Gesprächen über die Zukunft des Ihme-Zentrums betrachtet die Landeshauptstadt Hannover ihre Erwartungen an den Investor als nicht erfüllt.“

Die Landeshauptstadt Hannover hat heute in einer offiziellen Pressemeldung mitgeteilt, dass sie dem Großeigentümer des Ihmezentrums, Intown, eine Frist bis zum Dezember 2016 gesetzt hat. „Im Ihme-Zentrum verbleiben kann die Landeshauptstadt nur dann, wenn eine Sanierung der Bürogebäude und des Umfeldes absehbar und gesichert ist. Hierfür ist ein leistungsfähiger und leistungsbereiter privater Investor zwingende Voraussetzung“, so Oberbürgermeister Stefan Schostok in dem Schreiben.

Der Verein Zukunftswerkstatt Ihmezentrum hat als Reaktion darauf der Landeshauptstadt und Intown sowie allen anderen Akteuren eine Kooperation angeboten. Hier das offizielle Statement:

Die Verhandlungen zwischen der Landeshauptstadt Hannover und dem Großeigentümer im Ihmezentrum, Intown, sind komplex und uns als Verein Zukunftswerkstatt Ihmezentrum im Detail nicht bekannt. Unabhängig vom Ausgang der Verhandlungen sind wir jedoch der Meinung, dass die Betrachtungsweise der Landeshauptstadt Hannover als Großmieterin für die Lösung des komplexen Problems zu kurz greift.

Wir bieten daher der Stadt, Intown und allen weiteren Akteuren im Ihmezentrum die Kooperation an.

Durch die Mitglieder, die sowohl Bewohnerinnen und Bewohner, als auch externe Experten aus den Bereichen Architektur, Stadtentwicklung, Wirtschaft, Politik, Kultur und Jura sind, entstünden für die alle Akteure wertvolle Synergien, um das Ihmezentrum nachhaltig, wirtschaftlich solide und mit hoher Lebensqualität zu entwickeln.

Der Verein möchte die gewaltigen Entwicklungspotentiale des Quartiers in den Fokus rücken. Auf Grundlage einer neuen Vision für das Ihmezentrum kann es gelingen, dass das Quartier mit der Umgebung zusammenwächst und dafür die komplexen Zusammenhänge (z. B. Nutzung, Stadtraum, Wegesysteme, Eigentumsrechte, Baurecht, Modernisierungsinvestitionen…) interdisziplinär gelöst werden.

Wir sind bereit, unseren Beitrag für eine nachhaltige, kreative und wirtschaftlich solide Transformation zu leisten und freuen uns auf einen Austausch mit allen Parteien.

Februar 2015 – „Eine realisierbare Vision“

 

Sonne.

Im Herbst 2014 führte ich für den NDR ein Interview mit Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) zum Ihme-Zentrum. Er sprach damals davon, dass das Ihme-Zentrum „eine realisierbare Vision“ bräuchte, zeigte sich aber auch sehr interessiert, dass das Gebäude lebenswert bleibt und nicht zu einem Spekulationsobjekt verkommt. Am Mittwoch (24. Februar 2015) wird wurde das Zentrum für 16,5 Millionen Euro
versteigert
. Ich weiß nicht, ob meine Vision realisierbar ist. Aber aus all den Gesprächen mit Bewohnern, Wissenschaftlern, Experten und Interessierten habe ich so etwas wie eine Essenz zusammengefasst. Und die lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Das Ihme-Zentrum ist kein Problem, sondern eine Herausforderung.

Was Hannover fehlt, sind bezahlbarer, stadtnaher Wohnraum und Freiräume für Kreativität und urbane Experimente. Für beides ist Platz in den leeren Flächen im Ihme-Zentrum. Sei es studentisches Wohnen, Flüchtlingsunterkünfte, Mehr-Generationen-WGs, inklusionsgerechtes Wohnen – alles das ist möglich.

Wärme

Ein Teil der Gewerbefläche ist als Einkaufsbereich sinnvoll für die Nahversorgung. Dass es dafür Interessenten aus dem Einzelhandel gibt, zeigte sich über die Jahre immer wieder. Doch nicht der gesamte Raum sollte aus meiner Sicht dafür benutzt werden. Um das ganze Areal nach und nach zu modernisieren, stelle ich mir eine kreative Zwischennutzung vor: Ateliers, Theater, Klubs, Kino, Food-Trucks, Proberäume etc. Dazu Urban-Gardening- und Urban-Farming-Projekte, Sportflächen für Skateboarding oder Parkours, Begegnungsstätten.

Warum nicht auch eine Artist Residency einrichten, bei der Handwerker, Künstler und Nachhaltigkeitsexperten für eine gewisse Zeit kostenlos im Zentrum leben und es dafür im Gegenzug umgestalten, anmalen, nachhaltig modernisieren, erneuern, lebenswerter machen.

Auch eine energetische Sanierung, eine Versorgung des Zentrums mit erneuerbaren Energien durch vertikale Windkraftanlagen sowie moderne Mobilitätskonzepte sind möglich. Dazu bessere Zugänge zum Wasser und mehr Grün. Aus der abweisenden Burg kann so eine beschauliche Insel werden, die in ihre Umgebung sinnvoll integriert ist.

Himmel

Es könnte ein ökologisches, kreatives und nachhaltiges Vorzeigeprojekt für ganz Deutschland sein. Denn in nahezu jeder Großstadt gibt es solche mehr oder weniger brach liegenden Quartiere. Im Gegenzug gibt es auf der ganzen Welt Projekte wie das Barbican Centre in London, wo gezeigt wurde, dass neue Ansätze der Städteplanung und -entwicklung möglich sind, von den Bewohnern angenommen werden und sich zu touristischen Hot-Spots entwickeln. Jeder kennt den Bilbao-Effekt, warum nicht das Ihme-Zentrum nutzen, um den Hannover-Effekt zu erzeugen?!

Welche Visionen für das Ihme-Zentrum noch möglich sind, das werde ich in den kommenden Wochen zeigen: Denn ich habe mit vielen Menschen mit ganz tollen Ideen gesprochen, denen ich hier im Blog Raum für ihre Einfälle einräumen möchte. Denn Ideen, Kreativität und Motivation sind auf jeden Fall vorhanden, um Hannovers „Bausünde“ in ein modernes, nachhaltiges und lebenswertes urbanes Zentrum zu verwandeln. Lasst es uns gemeinsam wach küssen.

Für Interessierte und Skeptiker werde ich einen kommentierten Spaziergang durch das Ihme-Zentrum anbieten. Der nächste Termin ist am Sonntag, 8. März, um 15 Uhr.
Treffpunkt ist das Capitol-Hochhaus am Schwarzen Bär.

Januar 2015 – „Die Größe des Problems ist beeindruckend“

Männchen, künstlerisch

Conrad von Meding ist seit zehn Jahren bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ für Stadtentwicklung und Architektur zuständig und leitet dort die Hannover-Redaktion. Aktuell berichtet er unter anderem über die Zwangsversteigerung des Ihme-Zentrums, in meinem Blog beantwortet er fünf Fragen zu der Großimmobilie.

Du schreibst, das Ihme-Zentrum sei ein „Synonym für die Großmannssucht von Investoren und gescheiterte Sanierungsversuche“. Hast du noch Hoffnung, dass das Zentrum irgendwann saniert wird?
Klar! Als Hannoveraner ist man schließlich immer Optimist. Ich hoffe auch, dass der Holländische Pavillon im Expo-Park und das Bredero-Hochhaus am Raschplatz irgendwann mal wieder zu den Highlights Hannovers zählen werden. Ich glaube aber, dass die Größe des Ihme-Zentrums ein spezifisches Problem darstellt. Man hat sich, als es in den siebziger Jahren immer größer und größer geplant wurde („Synonym für die Großmannsucht von Investoren“), leider nie Gedanken darüber gemacht, wie es mit solch einem Bau jemals zu Ende gehen kann. Ein Mehrfamilienhaus kann man abreißen, wenn es hoffnungslos veraltet ist und die Sanierungskosten irgendwann die Neubaukosten übersteigen. Beim Ihme-Zentrum, in dem außer dem multimillionenteuren Gewerbekomplex, der gerade insolvent ist, das private Eigentum von Hunderten Wohnungseigentümern steckt, wird es nie den für alle „richtigen“ Rückbauzeitpunkt geben – das ist ein echtes Problem. Sorry, das war etwas lang, stell mal eine einfachere Frage!

Ok, dann bekommst du diese Frage: Wenn du jemanden außerhalb Hannovers erklären müsstest, was das Zentrum ist: Was würdest du ihm oder ihr sagen?
Das Ihme-Zentrum ist eine tolle Idee, die – im aktuellen Zustand – leider eher trostlos aussieht. Die Idee war, einen komprimierten Stadtteil unter einem Dach zu schaffen, indem man für Tausende Menschen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit, Kinderbetreuung usw. in einer Immobilie anbietet. Eigentlich auch heute noch eine fortschrittliche Idee, weil sie dort, wo Flächen knapp sind – also urban in einer Großstadt –, alle notwendigen Funktionen bietet, indem in die Höhe statt in die Breite gebaut wird. Man stellt im Erdgeschoss sein Auto ab und bewegt sich dann für alle Funktionen in einem einzigen Haus – und das steht auch noch am Wasser und bietet von fast allen Wohnungen aus einen tollen Blick über den Fluss und die Stadt. Klasse Sache. Nur muss man aktuell leider, um zu den Wohnungen zu gelangen, durch eine riesige Bauruine gehen, wie mein Kollege Michael Soboll und ich in der HAZ-Digitalreportage zum Ihme-Zentrum beschreiben.

Frau, nachdenklich

Ist das Ihme-Zentrum aus deiner Sicht wichtig für die Entwicklung von Hannover generell?
Nö. Wegen seiner Größe ist natürlich auch die Größe des Problems beeindruckend. Aber ich glaube, außerhalb von Linden ist das Ihme-Zentrum eher ein Spottthema als ein echtes Problem. In den Stadtteilen, die genauso hipp sind wie Linden, in denen man nur nicht so viel darüber spricht, also Südstadt, Kirchrode, Oststadt oder Herrenhausen, ist das Ihme-Zentrum den meisten Menschen im Alltagsleben wohl eher egal.

Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) hat das Zentrum zur „Chefsache“ erklärt. Aber hat die Politik nicht schon alles probiert?
Genaugenommen hat sein Vorgänger das Ihme-Zentrum zur Chefsache erklärt. Schostok hat gegenüber der HAZ zugesagt, dass das bei ihm so bleibt, und wörtlich hinzugefügt: „Aber ich bete fast, dass das Ihme-Zentrum nicht in die Hand von Hasardeuren fällt.“ Er selbst vertraut also weniger der Verwaltung oder der Politik als einer höheren Macht. Aber im Ernst: Chefsache heißt, dass das Thema im Rathaus hochrangig angesiedelt wird und die Entscheidungen nicht in den Dezernaten vorbereitet werden, sondern im OB-Büro. Das ist ein wichtiges Signal auch an Investoren, die die Gespräche direkt mit dem OB führen dürfen und nicht erst bei den „einfachen“ Sachbearbeitern anfragen müssen.

Ist das Ihme-Zentrum aus deiner Sicht eine Katastrophe oder eine Chance für Hannover?
Mein journalistisches Schwerpunktthema ist die Stadtentwicklung. Da stellt sich jede Bauruine, jedes nicht zuende entwickelte Projekt, jede gescheiterte Zwangsversteigerung einen spannenden Themenfundus dar. Also: eine Chance für Hannover!

Conrad von Meding

Conrad von Meding, Redakteur der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“
und Experte für Stadtentwicklung.