Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Pflanzen

„Das Ihme-Zentrum sollte ein urbanes Labor werden“

Welche Rollen könnten die brach liegenden, offenen Flächen im Ihme-Zentrum spielen? Wenn es nach dem Team von Hannover VOIDS geht, dann würden dort Gemeinschaftsgärten und Begegnungsorte entstehen. Das ganze Quartier eignet sich für die kreativen Freiraumplaner ideal, um kreative und nachhaltige Experimente durchzuführen. Im Interview erklärt Mitinitiatorin Kendra Busche, wie Bewohnerinnen und Bewohner von einer (Wieder-)Belebung der Flächen profitieren und das ganze Umfeld dadurch aufblühen würde.

Was ist Hannover VOIDS und was möchtet ihr in der Stadt bewegen?
Hannover VOIDS macht Möglichkeitsräume in der Stadt sichtbar und stiftet zu Experimentierfreude und Kreativität im urbanen Raum an. Dem Ziel der „Stadt für alle“ möchten wir uns gemeinsam auf zwei Weisen nähern: digital im Netz, sowie physisch in der Stadtlandschaft. Hannover VOIDS zeigt untergenutze (Frei-)räume und ihre Charakteristika in Hannover auf. Das digitale Schaufenster ist als offene Sammlung ausgelegt und kann durch die HannoveranerInnen fortlaufend ergänzt werden.
Neben dem VOID-Atlas starten wir auch Vor-Ort-Aktionen. In Kooperation mit unseren Komplizen möchten wir Orte aktivieren, die sonst häufig im Alltag übersehen werden. Viele HannoveranerInnen besitzen Bedürfnisse an (Frei-)Raum, die es sich lohnt zu testen! Dieses räumliche und soziale Potential Hannovers möchten wir gemeinsam nutzen.

Beton statt Grün – momentan sehen viele Dächer, Höfe und ehemalige Gartenbereiche im Ihme-Zentrum noch sehr trostlos aus. Doch das Potenzial für Gärten ist riesig.

Am 14. und 15. April beschäftigt ihr euch mit dem Ihme-Zentrum. Dort gibt es viele Brachflächen. Was könnte man daraus aus eurer Sicht im Rahmen von Grüner Stadt machen?
Aus unserer „(landschafts-)architektonischen und städtebaulichen Sicht“ sollte die Entwicklung des Ihme-Zentrums Ziele einer nachhaltigen Stadtentwicklung verfolgen. Das heißt soziale Teilhabe ermöglichen, ökologischen Aspekten gerecht werden und dabei seine Eigenart bewahren. Große Potenziale liegen in der Wiederbelebung der „grünen Nachbarschaftstreffpunkte“ und der ökologischen Funktion von Wasserkanten, Fassaden und Dachflächen. Eine Entwicklung von Habitaten für Tiere und Pflanzen kann neben der Schaffung von Ruhe- und Bewegungsräumen für Anwohnende und NutzerInnen zur Wiederbelebung des Ihme-Zentrums beitragen. Auch die Kontaktstellen zur umgebenen Stadtstruktur stellen ein großes Potenzial dar. So könnte das Ihme-Zentrum in Zukunft wieder stärker als Transitraum für Spaziergänger und Radfahrer genutzt werden.

Hast du eine positive Vision vom Ihme-Zentrum im Jahr 2025?
Aus meiner Sicht besaß das Ihme-Zentrum schon immer positive Eigenschaften. Es verfügt über ein enormes (Raum-)Potenzial, um als ein urbanes Labor wahrgenommen und genutzt werden zu können. In diesem urbanen Labor spielen die BewohnerInnen des Ihme-Zentrums nicht die Rolle der „Labormäuse“, sondern werden Nachbarn sein, die von der neuen Vielfalt im Ihme-Zentrum profitieren. Die derzeitig verwahrlosten Ebenen im Sockelbereich übernehmen dabei eine verknüpfende Funktion. Integrative Kultur- und Lernräume, sowie gewerbliche Einrichtungen entstehen sukzessive. Kreative Experimentierräume werden geschaffen. Lokal verankerte Kaufleute und Gastronomen hauchen den Geschäftszeilen wieder Leben ein. Das Ihme-Zentrum hat für alle einen Platz im Herzen (von Hannover).

Kendra Busche ist Wissenschaftlerin an der Leibniz Universität Hannover und Mitinitiatorin von Hannover VOIDS.

Hannover VOIDS stellen am 15. April im Rahmen des Events „Grüne Stadt“ ihr Konzept der kreativen Brachflächenentwicklung vor. Daneben gibt es Impulsvorträge zu Permakultur und Gärten als soziale Räume. Im Anschluss werden in Workshops Ideen für eine grüne Entwicklung des Quartiers gesammelt und erarbeitet. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Reihe #ihmezentrum2025 statt, die vom Innovationsfonds Landeshauptstadt Hannover gefördert wird. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung Niedersachsen / Stiftung Leben und Umwelt statt. Weitere Partnerinnen sind Himmelbeet, das Institut für Freiraumentwicklung der Leibniz Universität, Transition Town Hannover sowie h1.

Was: „Grüne Stadt“ – Vorträge und Workshop
Wann: Sonntag, 15. April, 14 Uhr
Wo: Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Ihmeplatz 7e
Wie viel: Eintritt frei

März 2015 – „Die Natur ist ein Teil des Zentrums“

Foto von Alisa Schafferschick

Von meinem Arbeitszimmer aus kann ich die Möwen über der Stadt sehen. Manchmal schwirren sie einfach nur in der Luft, lassen sich fallen und geben ihre Laute von sich. Oder sie kämpfen miteinander. Um Brot oder vielleicht auch um Aufmerksamkeit.

Unter meinem Fenster fließt die Ihme, dort quaken ab dem frühen Morgen die Enten. Am Anfang riss mich das Geräusch immer wieder aus dem Schlaf. Denn Enten quaken gerne am frühen Morgen. Seitdem führe ich eine Hassliebe mit ihnen.

Die Möwen leben das ganze Jahr über im oder am Ihme-Zentrum. Das hat mir der hannoversche Vogelkundler und Bieberexperte Golo Peters bei einem meiner kommentierten Spaziergänge erklärt. „Es sind übrigens Lachmöwen. Für sie ist aber in erster Regel der Fluss und nicht das Ihme-Zentrum relevant.“

Ich bin selbst immer wieder überrascht, dass ich wirklich direkt am Fluss lebe, keine zweihundert Meter von einem der tollsten Grünstreifen der Stadt entfernt: Der Leine-Ihme-Mündung mit der tollen Strandbar. Mitten in der Stadt habe ich ein Stück Natur vor dem Fenster. Menschen im Harz oder von der Nordsee würden mich sicherlich auslachen, wenn sie hörten, dass Hannover viel Natur hat. Doch so ist es ja.

Und die Natur erobert sich immer weiter Teile der Stadt zurück. Hannover war jahrzehntelang eine schmutzige, graue Stadt. Als das Ihme-Zentrum gebaut wurde, lag es beispielsweise mitten in einem ehemaligen Industriegebiet. Das Wasser in der Ihme war giftig. Dass eine Stadt wie Hannover nach einer langen Zeit wieder die Flüsse und Seen mitten in der Stadt entdeckt, in denen man inzwischen ohne Probleme baden kann, das schien während der Bauzeit des Zentrums undenkbar. Und deshalb ist das Gebäude auch komplett ohne Bezug zur Natur gebaut worden.

Am Wasser, in der Natur

Ein Architekt erklärte mir einmal, dass das Zentrum beispielsweise auf der falschen Seite des Flusses gebaut wurde – man guckt in den Wohnungen entweder nach Süden oder auf den Fluss. Und die Grünpflanzen, die auf den ursprünglichen Zeichnungen eine Rolle spielten – die fehlen komplett.

Dabei zeigen einzelne Bewohner, was möglich ist mit wenigen Quadratmetern Fläche. Ihnen gelingt es, dort mehr wachsen zu lassen als trostlose Stiefmütterchen. In manchen Dachgärten stehen sogar richtige Bäume. Und es gibt noch mehr Konzepte wie Urban Gardening, Urban Farming, Vertikale Gärten oder die Wiederentdeckung der Natur in der Stadt, die im Ihme-Zentrum eine Rolle spielen. Darüber werden hier auf dem Blog noch weitere Menschen tolle Geschichten erzählen. Wer jemanden kennt oder Vorschläge hat, kann mir auch gerne eine E-Mail schreiben.

Dass das Ihme-Zentrum von der Natur teilweise erobert wurde, wurde mir klar, als Vogelkundler Golo bei dem Rundgang zum ersten Mal in seiner Zeit in Hannover eine Bachstelze entdeckte: mitten im Zentrum. Für ihn ein Grund zur Freude. Denn aus Sicht des Naturschutzes und der Bevölkerung ist es natürlich super, wenn etwas seltenere Arten stadtnah brüten. „Wenn Kinder selten die Stadt verlassen, sind Vögel ja noch ein Stück Natur, das es zu entdecken gibt.“

Doch neben der Naturpädagogik gibt es aus städtebaulicher Sicht noch einen Vorteil, wenn sich Vögel wie Wanderfalken im Ihme-Zentrum ansiedeln würden: „Mehr Wanderfalken bedeutet weniger Tauben, die mit ihrem sauren Kot die Bausubstanz schädigen.“ Win-win nennt das wohl der Wirtschaftler.

Golo PetersGolo Peters ist Umweltwissenschaftler, Vogelexperte und Biberberater.