Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Permakultur

Bewohner und Forscher entwickeln Ideen für ein grüneres Ihme-Zentrum

Ein Wochenende lang haben Bewohnerschaft, Forschende und Interessierte bei dem Event  „Grüne Stadt“ gemeinsam Ideen entwickelt, wie das Ihme-Zentrum ökologisch nachhaltiger werden kann. Zu den Ideen gehörten Kinderspielplätze, Projekte für eine bessere Versickerung des Wassers, Dachgärten oder auch bepflanzte Fassaden. Am Sonntag kamen alle Teilnehmenden in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum zusammen, um die Ergebnisse zu sammeln.

Vorab stellten Expertinnen die Konzepte integrative Stadtteilgärten, Permakultur und kreative Brauchflächenentwicklung vor. Im anschließenden Workshop entwickelten Bewohner, Interessierte und Forscher gemeinsam Ideen für eine grüne Entwicklung des Quartiers. Die Ergebnisse werden demnächst auf dieser Website präsentiert.

Danke an der Stelle auch an die Verwaltung des Ihme-Zentrums, die die Aktionen auf den verschiedenen Plätzen im Quartier erlaubte und sich sehr interessiert zeigte an den Ideen. Das Team will die Konzepte zeitnah überreichen.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe #ihmezentrum2025 statt, die vom Innovationsfonds Landeshauptstadt Hannover gefördert wird. „Grüne“ war eine Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung Niedersachsen / Stiftung Leben und Umwelt statt. Weitere Partnerinnen waren Hannover VOIDS, das Institut für Freiraumentwicklung der Leibniz, Universität und Transition Town Hannover.

Ostern 2015 – Wachsen und Gedeihen

Schärfe aus dem Ihme-Zentrum: Die ersten Chili-Samen haben Triebe und werden umgepflanzt.

Es ist jetzt Frühling im Ihme-Zentrum. Ich habe ein paar Pflanzen ausgesät und plane gemeinsam mit meinem guten Freund Coco ein Experiment: Auf einem Südbalkon im Ihme-Zentrum legen wir in den kommenden Wochen einen Minigarten an. Als Beet dient uns unter anderem eine alte Badewanne. Erde, Samen und Dünger sind nachhaltig und ökologisch abbaubar. Die Materialien sind zum größten Teil Second Hand und ebenfalls nachhaltig. Ich werde auf dem Blog den Fortschritt dokumentieren.

Das Ziel ist die Ernte von Gemüse, Obst und Kräutern und so der Beweis, dass Urban Gardening und sogar Urban Farming im Ihme-Zentrum möglich sind. Die Balkone und die Dachgärten meiner Nachbarn zeigen das ja auch schon seit Jahrzehnten.

Warum das wichtig ist? Weil der Mensch nicht nur von Pflanzen lebt: Er braucht sie auch in seiner Nähe, wie eine aktuelle Untersuchung der University of Pennsylvania beweist. Die Ärzte kamen zu dem Ergebnis, dass wer beim Spazieren an gepflegtem Grün vorbeikommt oder in seiner direkten Wohnungsumgebung kleine Naturflecken hat, einen niedrigeren Puls hat. Man fühlt sich weniger gestresst, ist achtsamer. Kleine Gärten sind also nicht nur schöner, bringen Lebensmittel und verbessern die Atmosphäre durch Photosynthese, sie haben auch direkt positive Auswirkungen auf die Gesundheit.

Im Ihme-Zentrum gibt es ein paar Ecken, in denen Platz wäre für Urbane Gärten, teilweise stehen dort jetzt schon Beete und Kästen, die aber weitestgehend verwildert sind. Warum nicht diese Orte aufwerten und den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Interessierten zum Gärtnern anbieten?

März 2015 – „Die Natur ist ein Teil des Zentrums“

Foto von Alisa Schafferschick

Von meinem Arbeitszimmer aus kann ich die Möwen über der Stadt sehen. Manchmal schwirren sie einfach nur in der Luft, lassen sich fallen und geben ihre Laute von sich. Oder sie kämpfen miteinander. Um Brot oder vielleicht auch um Aufmerksamkeit.

Unter meinem Fenster fließt die Ihme, dort quaken ab dem frühen Morgen die Enten. Am Anfang riss mich das Geräusch immer wieder aus dem Schlaf. Denn Enten quaken gerne am frühen Morgen. Seitdem führe ich eine Hassliebe mit ihnen.

Die Möwen leben das ganze Jahr über im oder am Ihme-Zentrum. Das hat mir der hannoversche Vogelkundler und Bieberexperte Golo Peters bei einem meiner kommentierten Spaziergänge erklärt. „Es sind übrigens Lachmöwen. Für sie ist aber in erster Regel der Fluss und nicht das Ihme-Zentrum relevant.“

Ich bin selbst immer wieder überrascht, dass ich wirklich direkt am Fluss lebe, keine zweihundert Meter von einem der tollsten Grünstreifen der Stadt entfernt: Der Leine-Ihme-Mündung mit der tollen Strandbar. Mitten in der Stadt habe ich ein Stück Natur vor dem Fenster. Menschen im Harz oder von der Nordsee würden mich sicherlich auslachen, wenn sie hörten, dass Hannover viel Natur hat. Doch so ist es ja.

Und die Natur erobert sich immer weiter Teile der Stadt zurück. Hannover war jahrzehntelang eine schmutzige, graue Stadt. Als das Ihme-Zentrum gebaut wurde, lag es beispielsweise mitten in einem ehemaligen Industriegebiet. Das Wasser in der Ihme war giftig. Dass eine Stadt wie Hannover nach einer langen Zeit wieder die Flüsse und Seen mitten in der Stadt entdeckt, in denen man inzwischen ohne Probleme baden kann, das schien während der Bauzeit des Zentrums undenkbar. Und deshalb ist das Gebäude auch komplett ohne Bezug zur Natur gebaut worden.

Am Wasser, in der Natur

Ein Architekt erklärte mir einmal, dass das Zentrum beispielsweise auf der falschen Seite des Flusses gebaut wurde – man guckt in den Wohnungen entweder nach Süden oder auf den Fluss. Und die Grünpflanzen, die auf den ursprünglichen Zeichnungen eine Rolle spielten – die fehlen komplett.

Dabei zeigen einzelne Bewohner, was möglich ist mit wenigen Quadratmetern Fläche. Ihnen gelingt es, dort mehr wachsen zu lassen als trostlose Stiefmütterchen. In manchen Dachgärten stehen sogar richtige Bäume. Und es gibt noch mehr Konzepte wie Urban Gardening, Urban Farming, Vertikale Gärten oder die Wiederentdeckung der Natur in der Stadt, die im Ihme-Zentrum eine Rolle spielen. Darüber werden hier auf dem Blog noch weitere Menschen tolle Geschichten erzählen. Wer jemanden kennt oder Vorschläge hat, kann mir auch gerne eine E-Mail schreiben.

Dass das Ihme-Zentrum von der Natur teilweise erobert wurde, wurde mir klar, als Vogelkundler Golo bei dem Rundgang zum ersten Mal in seiner Zeit in Hannover eine Bachstelze entdeckte: mitten im Zentrum. Für ihn ein Grund zur Freude. Denn aus Sicht des Naturschutzes und der Bevölkerung ist es natürlich super, wenn etwas seltenere Arten stadtnah brüten. „Wenn Kinder selten die Stadt verlassen, sind Vögel ja noch ein Stück Natur, das es zu entdecken gibt.“

Doch neben der Naturpädagogik gibt es aus städtebaulicher Sicht noch einen Vorteil, wenn sich Vögel wie Wanderfalken im Ihme-Zentrum ansiedeln würden: „Mehr Wanderfalken bedeutet weniger Tauben, die mit ihrem sauren Kot die Bausubstanz schädigen.“ Win-win nennt das wohl der Wirtschaftler.

Golo PetersGolo Peters ist Umweltwissenschaftler, Vogelexperte und Biberberater.