Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: nachhaltig

März 2017 – Bund gibt 2 Millionen für bessere Wege im Zentrum

Copyright: Gerd Runge

Bessere Wege durchs Zentrum – davon profitiert die ganze Stadt.

Das Bundesministerium für Bau hat das Ihme-Zentrum als ein „Nationales Projekte des Städtebaus“ anerkannt und fördert nun die Entwicklung des Quartiers. Wie die HAZ berichtet werden 2 Millionen Euro für eine bessere Durchwegung bereit gestellt und dabei explizit das Engagement der Bürger im Zentrum gewürdigt. „Die monumentale Großstruktur des Ihme-Zentrums gehört zu den Hinterlassenschaften des Städtebaus der 1960er- und 70er-Jahre“, so das Ministerium in der Pressemitteilung. „Die Erdgeschosszonen erhalten eine Durchwegung und damit eine Durchlässigkeit zum Fluss Ihme.“

„Das ist ein gutes Zeichen – für das Ihme-Zentrum, aber auch für die gesamte Stadt“, so der Vorstandsvorsitzender des Vereins Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Constantin Alexander. „Jetzt kommt es darauf an, dass der Großeigentümer Intown die Sanierung dieses Bereiches kurzfristig voranbringt und die Stadt das Thema Bürgerbeteiligung ernster nimmt und dabei mit den Bewohnern und dem Verein zusammenarbeitet.“ Sowohl die Verwaltung als auch die Ratsmehrheit haben gerade einen Antrag der Zukunftswerkstatt auf Förderung einer Bürgerbeteiligung beim Ihme-Zentrum abgelehnt. „Dass die Stadt den Antrag bei dem Bundesministerium gestellt hat, ist jedoch sehr positiv“, so Constantin Alexander. „Wenn nun die Bedürfnisse und Interessen der Menschen vor Ort beim Umbau der Durchwegung beachtet werden, dann profitiert ganz Hannover.“

Die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum hat im vergangenen Jahr ein Konzept vorgestellt, wie das Ihme-Zentrum besser ins Umfeld integriert wird. Eine bessere Durchwegung ist dabei ein elementarer Aspekt.

September 2016 – Ein Picknick im Ihme-Zentrum

Bewohner und Vereinsmitglied Jan-Philippe Lücke hat allen Bewohner im Ihme-Zentrum eine Einladung vorbeigebracht.

Bewohner und Vereinsmitglied Jan-Philippe Lücke hat allen Bewohner im Ihme-Zentrum eine Einladung zum Picknick vorbeigebracht.


Am Sonnabend, 24. September, lädt die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum mit FreundInnen und Kooperationspartnern zum ersten Picknick für BewohnerInnen, FreundInnen und Kulturschaffende. Wir möchten mit Euch ab 15 Uhr zusammenkommen, um gemeinsam zu essen, trinken, klönen. Dafür stellen wir im zweiten Obergeschoss am Ihmeplatz Tische und Bänke auf und rufen zu einem interaktiven Kaffeekränzchen.

Der Ort ist gut über einen der beiden Aufzüge zwischen Ihmeplatz 1 und Stadtwerke-Turm oder über die weiße Treppe auf dem Ihmeplatz zu erreichen. Jeder kann dabei einfach dazukommen und muss nichts weiter machen, als ein wenig Proviant mitzubringen.

Wie beim Bürgerbrunch lernt man sich bei Gesprächen besser kennen, kommt unverbindlich miteinander ins Gespräch und kann sich gegenseitig zu Kuchen, Salat & Fruchtcocktails einladen – was man auch immer mitbringen möchte. Natürlich kann man seinen Tisch auch festlich dekorieren! Oder minimalistisch gestalten.

Dazu stellt die Kultur AG der Zukunftswerkstatt Plakate auf, auf denen BewohnerInnen und Künstler festhalten können, welche Spielarten der Kultur dem Ihme-Zentrum grundsätzlich fehlen. Lesungen? Aktionen? Oder doch Ausstellungen samt Bildern aus dem Ihme-Zentrum selbst? Wir wollen mit Euch gemeinsam essen und ein wenig auf kulturelle Ideensammlung gehen.

Bringt Freunde mit! Bringt gutes Wetter mit(wir sind aber zur Not überdacht)! Und seid herzlich Willkommen!

Das Ihme-Zentrum bei der UNESCO

Foto: Ole Witt

Nach zwei Jahren mit dem Experiment Ihme-Zentrum zieht Constantin Alexander Bilanz: Das Image des Quartiers hat sich gewandelt, viele tolle Menschen engagieren sich inzwischen für eine nachhaltige und kreative Transformation und das Thema interessiert inzwischen auch außerhalb Hannovers: Im September stellt Constantin sein Projekt bei einer UNESCO-Konferenz in Schweden vor.

Genau vor zwei Jahren habe ich ein Experiment gestartet. Ich bin in ein Wohnviertel gezogen, das viele in meiner Heimatstadt Hannover als Schandfleck oder Ruine beschimpfen: das Ihme-Zentrum. Dieses einstige Leuchtturmprojekt aus den 1970er-Jahren steht für die Verwüstungen von globaler Immobilienspekulation, unnachhaltigem Wirtschaften und einer gestörten Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Es ist riesengroß, sieht aus wie ein Raumschiff und urbane Legenden darum drehen sich vor allem um Gewalt, Kriminalität und Verderben. Ich stellte mir ein Leben dort vor allem als ein Abenteuer vor.

Meine Freunde waren erst ungläubig, als ich ihnen erzählte, was ich vorhatte. „Dort wirst du doch sofort ausgeraubt“, warnten sie mich. „Da ist die ganze Zeit Stress.“ Manche machten Witze: „Bist du jetzt der Hipster, der dort einzieht und die Gentrifizierung startet?“ Andere wiederum wurden sofort aufmerksam und teilten mein Interesse an dem Quartier: „Geil, lädst du mich ein, sobald du drin bist?“

Am Anfang fand ich vor allem zwei Fragen spannend: Warum wurde das Ihme-Zentrum gebaut? Und: Warum sieht es in den unteren Geschossen eigentlich so kaputt aus? Ich sprach mit Nachbarn, Experten aus den Bereichen Architektur, Geschichte und Wissenschaft und recherchierte intensiv. Tagsüber und nachts nahm ich meine Taschenlampe und ging auf Erkundungstour. Nach einigen Monaten hatte ich einen Überblick und Antworten.

Das Ihme-Zentrum steht symbolisch für die Zeit, in der es entstanden ist: Die 1970er-Jahre waren das letzte Jahrzehnt, in dem die Zukunft positiv gesehen wurde. Menschen flogen zum Mond und machten sich die Erde endgültig Untertan. Alles, was technisch möglich war, wurde ausprobiert. Das Quartier wurde so groß, weil es so mehr Geld verdienen sollte. Doch der Bauherr ging vor der Eröffnung pleite. Seitdem ähnelt die Geschichte des Ihme-Zentrums einem Krimi oder einer Tragödie. Dass es so leer steht, liegt vor allem an der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 und daran, dass manche Unternehmen mehr Geld damit verdienen, etwas kaputt gehen zu lassen, als es zu erhalten.

Trotz der tragischen Geschichte des Quartiers war ich sofort fasziniert von meiner neuen Heimat. Meine Nachbarn waren von Anfang an super, ich wohnte nun über einem Fluss mit dem Blick über die Stadt, und das Ihme-Zentrum selbst wurde für mich immer mehr zu einem Raumschiff. Ich sah nicht mehr die Kaputtheit und den Schmutz vor meinem Eingang, sondern die Möglichkeiten, die sich hier boten. 100.000 Quadratmeter stehen hier leer, in der besten Lage einer aufstrebenden und liebenswerten Stadt. Da musste es doch Lösungen geben, wie das Ganze zu reparieren ist, dachte ich mir. Dieser schlafende Riese musste doch aufzuwecken sein…

Um mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen und Lösungen zu finden, fing ich im Winter 2014 an, Menschen ins Zentrum einzuladen. Und sie kamen: Am Anfang waren es vor allem Expertinnen und Experten und meine Freunde. Doch bald wurden es immer mehr, mit denen ich mich austauschen konnte. Ich fing an, kostenlose monatliche Rundgänge durch das Ihme-Zentrum zu machen. Bis heute kamen mehr als 4.000 Menschen. Ich traf den tollen Filmemacher Hendrik Millauer, wir wurden Freunde und fingen an, die bewegte Geschichte des Quartiers in einem Dokumentarfilm einzufangen. „Das Ihme-Zentrum – Traum Ruine Zukunft“ ist fast fertig. Im Oktober dürfen wir eine aktuelle Werkstattschau in der Kunsthalle Wien zeigen. Die Premiere in Hannover wird im Herbst sein.

Weil wir kein Geld für den Film hatten, starteten wir eine Crowdfunding-Kampagne, die mit rund 10.000 Euro endete. Für die Entwicklung des Drehbuchs bekamen wir eine Förderung von Nordmedia. Die Designerin Corinna Lorenz gestaltete als Film-Merchandise wunderschöne Poster und Postkarten, die inzwischen in ihrem Laden immer mehr verkauft werden. Kai Schirmeyer vom kre-H-tiv Netzwerk für Kreativwirtschaftsförderung erkannte das Potenzial des Ihme-Zentrums für einen kreativen Hot-Spot und ließ mich die Analye Der Hannover-Effekt anfertigen. Und aus einem losen Gesprächskreis von den Architekten, Stadtplanern und Experten für Stadtsanierung, mit denen ich ins Gespräch gekommen war, wurde in diesem Frühjahr der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum. (Eine ganze Liste der Aktiven und alle Infos zum Verein gibt es hier.)

Der Verein ist bislang sehr aktiv: Die Expertinnen und Experten in der Arbeitsgruppe Räumliche Planung haben einen Zehn-Punkte-Plan zur planerischen und architektonischen Sanierung erarbeitet. Wir durften den Bund Deutscher Architekten bei der Durchführung ihrer „Architekturzeit“ im Quartier unterstützen. Wir vermittelten einen Platz für einen Palettengarten, den die Menschen von Transition Town Hannover liebevoll pflegen. Einer meiner Höhepunkte war die gemeinsam mit der exposive medien gruppe entwickelte Podiumsdiskussion mit den Vertretern der demokratischen Fraktionen im Stadtrat von Hannover. Vor der Kommunalwahl erklärten alle Politiker, dass sie die Punkte des Vereins unterstützen und eine bessere Zukunft für das Ihme-Zentrum wollen.

Es waren zwei wilde Jahre. Ich durfte lernen, dass sich Engagement lohnt und wie toll die Menschen in Hannover sind! Die Chancen stehen gut, dass das Ihme-Zentrum eine bessere Zukunft bekommt. Und ich habe gespürt, dass ich NICHT der Einzige bin, der die Arbeit dafür übernimmt. Wir sind viele, und es werden immer mehr. Und die Aufmerksamkeit kommt inzwischen auch von außerhalb der Stadt!

Am 13. September darf ich mein Experiment Ihme-Zentrum auf einer Konferenz über kreative und nachhaltige Ansätze bei der Regionalen Entwicklung von der UNESCO in Schweden präsentieren. Darauf freue ich mich sehr. Ich werde den Menschen erzählen, welche tollen Ideen es in Hannover gibt, wenn es darum geht, aus einer vermeintlichen Ruine ein neues Wahrzeichen für eine nachhaltige und kreative Stadt der Zukunft zu machen. Und ich werde sie einladen, nach Hannover zu kommen, um sich das Ihme-Zentrum anzuschauen, mit den Menschen dieser spannenden Stadt ins Gespräch zu kommen und uns zu helfen.

Danke für alle, die mich in den vergangenen zwei Jahren unterstützt haben! Ihr macht diese Stadt lebenswert!

Kommt am 24. September ins Ihme-Zentrum zum ersten öffentlichen Picknick der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum! Es geht um 15 Uhr los in der Passage auf der 2. Ebene. Der Weg vom Küchengarten dorthin wird ausgeschildert.

Im Rahmen meiner Arbeit habe ich eine Broschüre entwickelt: „Die nachhaltige Disruption“ hier zum kostenlosen Download.

Januar 2016 – „Wir machen daraus ein Kultzentrum“

Geometrie

Mit seiner Kamera ist der hannoversche Künstler Benny Rebel seit Jahrzehnten rund um den Globus unterwegs, um spektakuläre Fotos zu machen. Seine Aufnahmen aus Afrika sind heute weltberühmt. In seiner Heimat hat der Naturfotograf aber auch ein Herz fürs Ihme-Zentrum. Er teilt viele Ideen mit uns und ist so überzeugt vom Quartier, dass er in diesem Jahr einziehen wird.

Benny, wie würdest du das Ihme-Zentrum beschreiben?
Vor 28 Jahren bin ich nach Hannover gekommen und wohnte damals in der Calenberger Straße, ganz in der Nähe des Ihme-Zentrums. Täglich war ich in der Einkaufsmeile, um zu flanieren und einzukaufen. Es war schön, so ein gut sortiertes und interessantes Einkaufszentrum ganz in der Nähe zu haben. Von Lebensmitteln bis hin zu technischen Geräten wurde Vieles zum Kauf angeboten, und es machte mir Spaß, mich dort aufzuhalten. Ich habe schon damals davon geträumt, in einer der Wohnungen im Ihme-Zentrum hoch über den Dächern Hannovers zu wohnen und die fantastische Aussicht täglich aus meinem Fenster oder Balkon zu genießen. Jetzt hat es endlich geklappt, und im Herbst werde ich in eine der tollen Wohnungen ziehen.

Was sind denn für dich die Stärken des Ihme-Zentrums?
Das Ihme-Zentrum hat eine ausgezeichnete Lage in der Stadt und Wohnungen mit einer hervorragenden Sicht weit über den Dächern Hannovers. Die Geschäftsmeile des Zentrums kann eine blühende Zukunft bekommen, wenn der Investor, die Stadt Hannover und andere Beteiligte einen klugen Plan entwickeln und hoffentlich bald mit der Umsetzung beginnen. Es gibt bereits jetzt durchaus vielversprechende Pläne, die nur noch konkretisiert und in Auftrag gegeben werden müssen, damit der Stein der Revitalisierung des Zentrums ins Rollen kommen kann.

Crowdfunding

Wie könnte aus deiner Sicht eine nachhaltige Transformation gelingen?
Die bisherigen Bemühungen der vorherigen Inhaber / Investoren fanden ihre Konzentration hauptsächlich darin, Geschäftsinhaber bzw. Filialisten wieder zurück in das Zentrum zu holen, um damit auch Kunden anzulocken. Dass diese Pläne scheiterten, ist wohl jedem bekannt, der die Geschichte des Ihme-Zentrums mitverfolgt hat. Meiner Meinung nach braucht die Wiederbelebung des Geschäftsherzes zwei verschiedene Schrittmacher: Die verschiedenen Ladengeschäfte und die Filialisten gehören auch in meinem Plan zu den wichtigsten Faktoren, die dazu beitragen könnten, das Zentrum wieder mit Leben zu füllen.
Viel wichtiger jedoch sind kulturelle und vor allem künstlerische Aktivitäten in diesem Gebäudekomplex, um zwei wichtige Verbesserungsfaktoren gleichermaßen zu bedienen. Jede gut geplante und professionell organisierte künstlerische Aktivität bringt Menschen in das Zentrum, die die Aktion genießen, und gleichzeitig sorgt sie dafür, dass das Image des Zentrums aufpoliert wird. Und genau hier liegt meiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg! Wenn regelmäßig interessante kulturelle und künstlerische Angebote im Zentrum bereitgestellt werden, werden immer öfter und immer mehr Menschen dahinkommen und nach und nach Ihre Ängste und Vorurteile bezüglich des Gebäudekomplexes in einer Empathie und Sympathie für das Ganze umwandeln.

Man könnte vorerst in einem kleinen und  definierten und von den Investoren zur Verfügung gestellten Bereich verschiedene interessante kulturelle Angebote für die Besucher bereitstellen und somit Menschen dorthin locken, die von diesen entweder kostenlosen oder günstigen Angeboten Gebrauch machen möchten.

Fassade

Was stellst du dir konkret vor?
Diese Angebote können z.B. Fotoworkshops  oder Vorträge in vielen verschiedenen Versionen sein. Videoproduktionen, Musikproduktionen, Mal-Workshops, Tanz- und Gesangswettbewerbe, Musikveranstaltungen, Flohmärkte und unzählige andere kreative und interessante Möglichkeiten könnten dazu führen, dass immer mehr Menschen ins Zentrum kommen und das Gebäude bald als KULTZENTRUM bezeichnen werden. Sobald das erste Leben in die unteren Etagen des Gebäudekomplexes zurückkehrt, werden mit Sicherheit auch die ersten Geschäftsleute anklopfen, die dort Geld verdienen wollen und somit kommt auch die Ladenmeile nach und nach wieder zurück.

Und was könntest du dazu beisteuern?
Es gibt einige Menschen in Hannover, zu denen ich selbst gehöre, die über ein großes Netzwerk von kreativen Machern verfügen. Wenn einige dieser Kreativen sich zusammenschließen, von den Investoren, der Stadt Hannover und von den Wohnungseigentümern unterstützt werden, dann bin ich felsenfest davon überzeugt, dass das Ihme-Zentrum aus dem Dornröschenschlaf erwachen und sich auf eine blühende Zukunft  zum KULTZENTRUM erfreuen kann. Mein Plan kann mit relativ geringen finanziellen Mitteln realisiert werden, und hierbei gibt es keinen Verlierer. In jeder Phase der Umsetzung des Plans gibt es nur Gewinner. Menschen, die von den kulturellen Angebote Gebrauch machen, Künstler, die ihre Ideen verwirklichen können, Investoren und Wohnungseigentümer, deren Immobilienwerte steigen werden und die Stadt Hannover, die ein Problem weniger haben wird – alle sind am Ende Gewinner! Abgesehen davon werden die Beteiligten ein KULTZENTRUM erschaffen, das noch Jahre nach unserem Tod Menschen ein angenehmes Zuhause und ein Wohlfühleinkaufszentrum bietet – ein kleines Paradies in einer Stadt.

Benny Rebel

Benny Rebel ist ein ausgezeichneter Naturfotograf, Autor von Büchern, Filmen, Multimedia-Shows und anderen Medien. Geboren 1968 im Iran, lebt er seit 1987 in Deutschland. Nach seiner Ausbildung zum Feinmechaniker und dem Abschluss seines Abiturs arbeitete er in den unterschiedlichsten Branchen, bis der passionierte Naturschützer die Fotografie und die Filmproduktion als Werbemittel für Umweltschutzprojekte entdeckte.

September 2015 – Ein nachhaltiges Haus

 Als das Ihme-Zentrum geplant und gebaut wurde, war an ressourcenschonendes Arbeiten und Leben noch nicht zu denken. Das Ergebnis: Das Zentrum ist an vielen Stellen energetisch veraltet, eine nachhaltige Modernisierung ist notwendig. Der Ingenieur Lev Yakushko hat einige Ideen, wie aus dem Zentrum ein Plusenergiehaus werden könnte.

Lev, du arbeitest im Bereich der Verfahrens- und Elektrotechnik und Ressourcen-Management. Ist das Ihme-Zentrum aus dieser Perspektive spannend?
Ja, definitiv. Das ganze Gebäude, so wie es da steht, hat noch sehr viel Potenzial. Ich kann mir vorstellen, dass es zu einem Energie-autarken Gebäude werden kann, wenn nicht gar zu einem Plusenergiehaus. Das heißt, es würde mehr Strom erzeugen, als es verbraucht.

Ist so etwas denn realistisch?
Das ist technisch möglich, wenn du einen richtigen Ingenieur dafür hast. Der Arbeitsaufwand ist enorm, das richtige Team, das das angeht, muss sich dessen bewusst sein.

Und wie würde man da vorgehen?
Ich würde erst einmal eine energetische Bilanz erstellen. Das heißt, ich schaue: Was kommt rein, was geht raus? Wie viel Strom, Wasser, Gas und andere Energieträger gehen rein? Und, ganz wichtig: Wo geht was verloren? Wie wird die Energie verwendet? Das Gebäude ist ja in einer Zeit gebaut worden, in der Energieeffizienz, richtiges Heizen oder Stromsparen keine primäre Rollen gespielt haben.

Sobald die Bilanz steht, würde ich das im Detail untersuchen: Wie viel geht zu den Wohnungen, die ja funktionieren und bewohnt sind. Was geht in die Büros, die beispielsweise die Stadt gemietet hat? Und was wird im leer stehenden Gewerbebereich verschwendet? Wo wird beispielsweise Strom verbraucht, um einen Raum zu heizen oder zu kühlen, der eigentlich leer steht? Dafür muss das Rad nicht neu erfunden werden. Es gibt bereits diverse Normen, um Gebäude energetisch zu bilanzieren.

 

Und was wäre dann der nächste Schritt?
Ich würde schauen, welche Möglichkeiten es gibt, um den Verbrauch des Gebäudes zu senken beziehungsweise wo man Energie einsparen kann. Und wo man beispielsweise Solarmodule oder kleinere Windkraftanlagen aufstellen könnte. Es ist technisch möglich, dass das Gebäude Strom ins Netz einspeist.

Was ist mit Biogasanlagen, betrieben mit dem Biomüll aus dem Komplex?
Der Ansatz ist gut. Die Anwendung in dem Fall wiederum halte ich für unrealistisch. Eine Biogasanlage ist bei 1.500 Bewohnern, auch wenn alle vorbildlich den Biomüll trennen, nicht wirklich leistungsfähig. Eine dezentrale Anlage halte ich in diesem Fall für unwirtschaftlich. Dazu sind größere Mengen Biomasse notwendig.

Im Gebäude selbst ist der städtische Stromversorger Enercity einer der größten Mieter. Die sind verpflichtet in den kommenden Jahrzehnten die ganze Region Hannover mit 100 Prozent Erneuerbaren Energien zu versorgen. Könnten die sich also nicht beispielsweise dazu verpflichten, ihr eigenes Gebäude zum Plus-Energie-Haus zu machen?
Das wäre sensationell. Auch wenn das vorgegebene Ziel sehr ambitioniert ist, wäre das einerseits ein Schritt in die richtige Richtung. Des Weiteren würde Enercity damit sein derzeit nicht wirklich „grünes“ Image deutlich aufbessern und in Hannover ein deutliches Zeichen setzen, dass der städtische Energieversorger an der Energiewende auch interessiert ist.

Lohnt sich so etwas wirtschaftlich?
Ja. Der sogenannte Break-Even-Point, also der Punkt, ab dem man Gewinn macht, liegt vielleicht in 20 Jahren. Aber das kann man ja gegenfinanzieren. Und außerdem liegt es ja zurecht im Trend, klüger und bewusster mit Ressourcen umzugehen.

Welchen Vorteil hätten denn die Bewohner und Nutzer des Ihme-Zentrums neben der Aussicht, Geld damit zu verdienen?
Das wäre für ganze Stadt ein großer Vorteil. Hannover hat einerseits das Image, die grünste Stadt Norddeutschlands zu sein, allein schon wegen der Parks. Andererseits ist Hannover auch bekannt als Industriestandort und Autostadt. Mit so einem Konzept könnte sich aber der Ruf der ganzen Region ändern, hin zu einem grünen Image und ein Leuchtturmprojekt innerhalb der Energiewende werden. Die Stadt würde so attraktiver, mehr Menschen würden hier Urlaub machen oder ganz herziehen.


Was müsste passieren, damit so ein Umbau realisiert werden würde?
Der Investor und die Bewohner müssten sich dazu entschließen. Vielleicht auch mit der Unterstützung der Stadt. Es ginge darum, ein Zeichen zu setzen. Und das Ihme-Zentrum wäre das erste Gebäude dieser Art auf der Welt und würde nach überallhin ausstrahlen.

Du hältst also nichts davon, das Ihme-Zentrum einfach abzureißen und etwas Neues zu bauen, wie manche vorschlagen?
Es geht nicht darum, neu zu bauen, sondern klug zu sanieren. Das ist nachhaltig.

 

Lev Yakushko ist geboren und aufgewachsen in Dnipropetrovsk, Ukraine. Seit 17 Jahren lebt er in Deutschland. Seit gut acht Jahren ist selbstständig im Bereich der Veranstaltungstechnik. Als Ingenieur für Verfahrenstechnik hat er für Unternehmen wie Continental und ProMaqua im Bereich der Forschung und Entwicklung gearbeitet. Im Bereich der Veranstaltungstechnik war er in mehreren Ländern der Welt bereits im Einsatz. Derzeit beendet er sein Master-Studium Nachwachsende Rohstoffe und Erneuerbare Energien. 

Juni 2015 – Das Ihme-Zentrum bei der Tedx Konferenz

Wie ist das Ihme-Zentrum zu dem geworden, was es heute ist? Und wie könnten wir die Herausforderungen angehen und die Probleme lösen? Als ich vor knapp einem Jahr eingezogen bin, wollte ich die Theorie aus meinem Nachhaltigkeitsmanagement-Studium einmal praktisch ausprobieren und habe mich in den Gebäudekomplex verliebt. Deswegen freue ich mich über jede Mail, jedes nette Wort, jede Idee und Vision für den „Klotz“. Das Ihme-Zentrum ist ein Symbol für so manche Verfehlung der europäischen Stadtentwicklung, aber es ist kein Slum, keine Bausünde und vor allem sind alle Mängel technologisch lösbar.

Am Mittwoch, 10. Juni, erkläre ich an der Leuphana Universität Lüneburg im Rahmen der Tedx Konferenz, warum ich das Ganze mache, warum ich eine Nachhaltigkeitsanalyse anwende und was mein Projekt mit Embedded Journalism oder dem Gonzo-Journalismus eines Hunter S. Thompson zu tun hat. Das Ganze wird aufgezeichnet, ich werde das Video dann an dieser Stelle posten.

Hier gibt es den Livestream. Los geht es um 17 Uhr.