Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: menschen

Der Oktober im Ihme-Zentrum

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Schöne Musik und intensive Kunstgespräche auf der einen Seite und Schweigen und beunruhigende Geschichten über den Großeigentümer Intown auf der anderen – der Oktober zeigt einmal mehr, wie kontrastreich das Leben im Ihme-Zentrum sein kann. Ein kleiner Zwischenstand aus dem ereignissreichen Herbst 2017.

Wohlige Klänge erfüllen die leere Betonwüste – es wird Jazz gespielt im Ihme-Zentrum. Was für ein Kontrast: Während der Regen und die letzten Blätter von den Bäumen pflückt und der Wind um die Ecken heult, spielen die Musiker mitreißende Rhythmen und Melodien und hauchen dem schlafenden Riesen wieder ein bisschen mehr Leben ein. Im Rahmen der Jazz Woche Hannover waren das Arne Jansen Trio und Bert in die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum gekommen, um das Nachbarschaftszentrum in einen Konzertsaal zu verwandeln. Sie sorgten für volles Haus und eine gute Stimmung, die noch weithin zu spüren und hören war.

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Für die Bewohnerschaft im Ihme-Zentrum sind solche positiven Klänge derzeit eine willkomene Abwechslung. Schließlich reißen die Negativmeldungen über den Großeigentümer Intown nicht ab. Zwei große Wohnhäuser im Besitz des Unternehmens wurden im Sommer geräumt. In Dortmundeskaliert der Streit zwischen Intown und der Stadtverwaltung, und auch in Hannover macht sich die Firma rar. Und weder die Vertreter im Beirat des Ihme-Zentrums, die Quartiersverwaltung, noch die Stadtpolitik von Hannover äußern sich öffentlich zur aktuellen Situation. Für viele Menschen im Ihme-Zentrum heißt das: Warten und Hoffen.

Heiß diskutiert wurde hingegen am Sonntag bei Ruine 2.2 in der Zukunftswerkstatt, bei dem der Intellektuelle Hans-Christian Dany über aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft und Popkultur referierte. Mehr zu der Reihe von Künstler Sebastian Stein im soziokulturellen Nachbarschaftstreff im Ihme-Zentrum gibt es hier.

März 2017 – Das Ihme-Zentrum in der Kestnergesellschaft

 

Was hat das Ihme-Zentrum mit Kurt Schwitters zu tun? Die Künstlerin Verena Issel sieht viele Parallelen zwischen den beiden hannoverschen Originalen und widmet ihnen eine eigene Ausstellung. Am 10. März  startet diese in der Kestnergesellschaft. Im Interview erklärt sie, was Besucher erwarten können.

Du hast dich in deiner Arbeit mit dem Ihme-Zentrum auseinandergesetzt. Was interessiert dich am meisten an dem Gebäude?
Wenn ich an Hannover denke, denke ich von der Kunst herkommend sofort an den von mir heiß geliebten Kurt Schwitters und seinen Merzbau: Sein 1923 begonnenes Lebenswerk, das er in seiner Privatwohnung in der hannoverschen Waldhausenstraße 5A errichtete. Der Raum wurde hier immer weiter zu- und umgebaut, geometrische und organische Gliederungen erstrecken sich nach innen, verschiedene Schwerpunkte und Themen hier und dort verstreut.
Schwitters hat meinen Begriff von Skulptur, Bau und Installation sehr geprägt.
Ich interessierte mich deshalb sehr dafür, welche anderen Bauwerke es  im heutigen Hannover, Wiege des Merz, gibt – eigentlich war ich eher auf der Suche nach anderen Innenausbauten a la KdeE, doch dann kommt man ja, sobald man mal in Hannover ist, gar nicht am Ihme-Zentrum vorbei.

Wieso?
Dieser brutalistische Riesenkoloss aus Beton, Europas größtes gegossenes Beton Fundament ist ebenso wie Schwitters‘ Merzbau eigentlich heutzutage eine Angelegenheit der Privatheit, schwer (nur über eine Brücke) zugänglich, als eine Art Gated Community geplant. Ein absolut faszinierendes utopisches Gebäude!

Was fasziniert dich besonders am Ihme-Zentrum?
Wie der Merzbau auch ist das Ihme-Zentrum in viele verschiedene kleine Teile gegliedert. Eklektische Bauelemente wie unterschiedlich geformte und andersfarbige Fensterrahmen, Backsteine etc. werden zusammen geführt zu einem großen Ganzen, das ziemlich verrückt wirkt.
Das eine ist ein Raumschiff nach innen, das andere ein Raumschiff nach außen… Diese Dialektik in Hannover hat mich interessiert und zu meiner Installation inspiriert!

Wo siehst du Parallelen zwischen dem Ihme-Zentrum und dem Werk Schwitters‘?
Das Ihme-Zentrum ist Vandalismus und Zerstörung ausgesetzt, die sinnlosen Graffiti an den Wänden erinnern teils an Schwitters dadaistische Gedichte. Ich habe mich auch für die Historie des Ortes interessiert, die Tatsache, dass früher an Stelle des Ihme-Zentrums eine Brotfabrik beheimatet war, kommt mir fast grotesk vor angesichts der rauen Massen des Betons.
Ich habe deshalb das im Ihme-Zentrum aufgefundene Graffiti fotografiert und es aus Salzteig nachgebaut, kombiniert mit Zitaten aus dem Dadaismus.  So finde ich passt Schwitters „i-Gedicht“  (Siehe Grafik) ja schon sehr gut: „rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf.“
Ähnlich spontan und schnell wurde ja auch das brutalistische Monstrum von Ihme-Zentrum gebaut.
Auch die nächtliche Beleuchtung des Ihme-Zentrums, die es noch mehr als tagsüber wie ein Raumschiff wirken lässt, habe ich in der Ausstellung auf mehreren Ebenen versucht aufzugreifen. Auch Schwitters experimentierte in seinem Bau mit verschiedenen Beleuchtungen, und ich habe hier nun leuchtendes Graffiti mit einfließen lassen.

Du hast dich in deiner Arbeit mit dem Ihme-Zentrum auseinandergesetzt. Was interessiert dich am meisten an dem Gebäude?
Ich finde die Verdrängung von Kunst auf marginale vorstädtische Orte ein Problem in Deutschlands Metropolen. Künstler und andere Kulturschaffende können sich oft innenstädtische Räume nicht mehr leisten. Durch Gentrifizierung und Landflucht wird es immer teurer und somit schwieriger, einen Ausstellungs-, Konzert- oder Atelierraum zu unterhalten. Viele Leute, die ich in Hamburg oder Berlin kenne, arbeiten mittlerweile sehr weit an den Rändern der Vorstädte. Dass in Hannover innerstädtisch tatsächlich noch große Flächen leer stehen, ist eine große Chance für kulturelle Entwicklung. Ich würde anfangen, die leeren Flächen an Künstler als Ateliers zu vergeben. Ich würde Proberäume für Musiker einrichten und vielleicht auch einen Club und einen Ausstellungsraum eröffnen. So könnte das Ihme-Zentrum Ein kultureller Magnet für viele Menschen werden, der Teilhabe ermöglicht.

Und darüber hinaus?
Ich könnte mir auch vorstellen, dass eine Art Artist-in-Residency-Programm, mit dem man Künstler aus anderen Städten und Ländern einlädt, in Hannover Projekte zu realisieren, zu großem internationalen Austausch und einer interessanten kulturellen Auseinandersetzung in Hannover führen kann. Die Gastkünstler könnten im Ihme-Zentrum wohnen und arbeiten. Das wäre derart skurril und besonders, dass man sich bestimmt kaum vor Bewerbern retten könnte!  Die Stadt könnte auf diese Weise stark profitieren, dass Ihme-Zentrum könnte ein touristischer und kultureller Magnet für viele Menschen werden, das Gebäude an sich ist schon so faszinierend, und wenn es dann noch mit interessanten Inhalten gefüllt wäre, würden bestimmt viele Leute auch aus anderen Städten anreisen, um es kennen zu lernen. Und nicht zuletzt die Hannoveraner hätten wieder einen aktiven künstlerischen Hotspot!

Verena Issel

Verena Issel ist Künstlerin. Ihre Ausstellung im Rahmen des „vg Stipendiums 2017“ startet am 10. März in der kestnergesellschaft in Hannover mit einer Eröffnungsparty mit DJ ab 19h. Die Ausstellung läuft bis zum 7. Mai.

Juni 2016 – „Wir fordern eine vorbereitende Untersuchung“

Der Himmel über dem Quartier

Die Überlegung der Landeshauptstadt Hannover, das Ihme-Zentrum abzureißen, führt zu Angst und Wut bei den Bewohnern. Angesichts der Situation fordert der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum vom Stadtrat die Abstimmung für eine vorbereitende Untersuchung. Dies käme einer Inventur aller Missstände gleich. Doch auch der  Großeigentümer Intown sollte endlich Pläne für die Revitalisierung des Quartiers vorzeigen. Ein Überblick über die aktuelle Situation.

Seit einigen Tagen fühlt sich das Leben im Ihme-Zentrum an, als sei eine Bombe explodiert. Anfang Juni hat die Verwaltung der Landeshauptstadt Hannover dem Großeigentümer im Ihme-Zentrum, dem Unternehmen Intown, eine Frist gesetzt, bis wann dieser ein Konzept für die Sanierung abgeben muss. Andernfalls sucht sich die Stadt für die rund 1.000 Beschäftigten, die in verschiedenen Fachbereichen im Ihme-Zentrum arbeiten, neue Büroräume. Am Donnerstag, 9. Juni, ist dazu um 13.30 Uhr eine Sitzung des Stadtrats und des zuständigen Bezirksrats Linden-Limmer geplant. Das Ganze findet im Rathaus statt. Hier alle Infos.

Das ehemalige Einkaufszentrum

Zusammen mit der Frist-Ankündigung wurde außerdem alle Details zu den Mietverhandlungen der Stadt öffentlich zugänglich gemacht. Auch das schlimmste Szenario kommt da vor: der Arbiss des Quartiers. Auch wenn diese Alternative höchst unwahrscheinlich ist, wie ich hier schon aufgeführt habe: Die Menschen im Ihme-Zentrum haben Angst. Mehrmals am Tag unterhalte ich mich mit Nachbarn, die entweder geschockt sind oder wütend. Die nicht hinnehmen wollen, dass ihre Heimat abgerissen werden könnte und die nicht verstehen, warum der Eigentümer hier seit anderthalb Jahren nichts macht, außer altes Mobiliar aus einem anderen Haus „zwischenlagert“.

Sie haben Verständnis für die Stadt, die als Mieterin und Arbeitgeberin die unhaltbaren Zustände in den Bürobereichen nicht mehr tragen kann und will. Aber sie fühlen sich allein gelassen. „Unsere Wohnungen sind auf einmal wertlos geworden“, erzählt eine langjährige Bewohnerin. Ein anderer: „Die Politik darf uns doch nicht im Stich lassen, hier leben Tausende Menschen.“ Viele machen in ihrer Wut den Großeigentümer Intown verantwortlich, der rund 83 Prozent des Viertels besitzt und seit dem Kauf im Februar 2015 kein Konzept für eine Revitalisierung des Ihme-Zentrums vorgelegt hat.

Wasser

Unterdessen fordert der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum in einem offiziellen Statement vom 8. Juni eine vorbereitende Untersuchung: „Der Verein sieht die Entscheidung des Oberbürgermeisters, nach alternativen Standorten zu suchen als richtig und fordert vom Großeigentümer die kurzfristige Vorlage eines realistischen Sanierungskonzeptes. Gleichzeitig muss sich die Landeshauptstadt Hannover ihrer sozialen Verantwortung bewusst sein: Ein Abriss des Ihme-Zentrums ist keine Alternative. Um die infrastrukturellen und juristischen Probleme im Quartier zu lösen, fordert der Verein eine formelle, vorbereitende Untersuchung, die im Stadtrat beschlossen werden muss.

Wir wünschen uns von den Mitgliedern im Stadtrat eine Entscheidung FÜR die im Städtebaurecht verankerte, sogenannte vorbereitende Untersuchung im Ihme-Zentrum. Dies kommt einer Inventur aller Missstände im Quartier gleich – sowohl auf der baulichen und technischen Ebene als auch bei den schwierigen Eigentumsverhältnissen.

Gleichzeitig fordern wir den Großeigentümer auf, endlich seine Planung mit konkreten Zeitschritten für die Sanierung des Gebäudebestandes vorzulegen, damit sowohl die Stadt als Mieterin, als auch die mehr als 2.500 Bewohner Klarheit über ihre Zukunft bekommen“, schreiben die beiden Mitglieder des Vereins, Karin Kellner und Gerd Runge.

Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum fordert vorbereitende Untersuchung

Januar 2016 – „Wir machen daraus ein Kultzentrum“

Geometrie

Mit seiner Kamera ist der hannoversche Künstler Benny Rebel seit Jahrzehnten rund um den Globus unterwegs, um spektakuläre Fotos zu machen. Seine Aufnahmen aus Afrika sind heute weltberühmt. In seiner Heimat hat der Naturfotograf aber auch ein Herz fürs Ihme-Zentrum. Er teilt viele Ideen mit uns und ist so überzeugt vom Quartier, dass er in diesem Jahr einziehen wird.

Benny, wie würdest du das Ihme-Zentrum beschreiben?
Vor 28 Jahren bin ich nach Hannover gekommen und wohnte damals in der Calenberger Straße, ganz in der Nähe des Ihme-Zentrums. Täglich war ich in der Einkaufsmeile, um zu flanieren und einzukaufen. Es war schön, so ein gut sortiertes und interessantes Einkaufszentrum ganz in der Nähe zu haben. Von Lebensmitteln bis hin zu technischen Geräten wurde Vieles zum Kauf angeboten, und es machte mir Spaß, mich dort aufzuhalten. Ich habe schon damals davon geträumt, in einer der Wohnungen im Ihme-Zentrum hoch über den Dächern Hannovers zu wohnen und die fantastische Aussicht täglich aus meinem Fenster oder Balkon zu genießen. Jetzt hat es endlich geklappt, und im Herbst werde ich in eine der tollen Wohnungen ziehen.

Was sind denn für dich die Stärken des Ihme-Zentrums?
Das Ihme-Zentrum hat eine ausgezeichnete Lage in der Stadt und Wohnungen mit einer hervorragenden Sicht weit über den Dächern Hannovers. Die Geschäftsmeile des Zentrums kann eine blühende Zukunft bekommen, wenn der Investor, die Stadt Hannover und andere Beteiligte einen klugen Plan entwickeln und hoffentlich bald mit der Umsetzung beginnen. Es gibt bereits jetzt durchaus vielversprechende Pläne, die nur noch konkretisiert und in Auftrag gegeben werden müssen, damit der Stein der Revitalisierung des Zentrums ins Rollen kommen kann.

Crowdfunding

Wie könnte aus deiner Sicht eine nachhaltige Transformation gelingen?
Die bisherigen Bemühungen der vorherigen Inhaber / Investoren fanden ihre Konzentration hauptsächlich darin, Geschäftsinhaber bzw. Filialisten wieder zurück in das Zentrum zu holen, um damit auch Kunden anzulocken. Dass diese Pläne scheiterten, ist wohl jedem bekannt, der die Geschichte des Ihme-Zentrums mitverfolgt hat. Meiner Meinung nach braucht die Wiederbelebung des Geschäftsherzes zwei verschiedene Schrittmacher: Die verschiedenen Ladengeschäfte und die Filialisten gehören auch in meinem Plan zu den wichtigsten Faktoren, die dazu beitragen könnten, das Zentrum wieder mit Leben zu füllen.
Viel wichtiger jedoch sind kulturelle und vor allem künstlerische Aktivitäten in diesem Gebäudekomplex, um zwei wichtige Verbesserungsfaktoren gleichermaßen zu bedienen. Jede gut geplante und professionell organisierte künstlerische Aktivität bringt Menschen in das Zentrum, die die Aktion genießen, und gleichzeitig sorgt sie dafür, dass das Image des Zentrums aufpoliert wird. Und genau hier liegt meiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg! Wenn regelmäßig interessante kulturelle und künstlerische Angebote im Zentrum bereitgestellt werden, werden immer öfter und immer mehr Menschen dahinkommen und nach und nach Ihre Ängste und Vorurteile bezüglich des Gebäudekomplexes in einer Empathie und Sympathie für das Ganze umwandeln.

Man könnte vorerst in einem kleinen und  definierten und von den Investoren zur Verfügung gestellten Bereich verschiedene interessante kulturelle Angebote für die Besucher bereitstellen und somit Menschen dorthin locken, die von diesen entweder kostenlosen oder günstigen Angeboten Gebrauch machen möchten.

Fassade

Was stellst du dir konkret vor?
Diese Angebote können z.B. Fotoworkshops  oder Vorträge in vielen verschiedenen Versionen sein. Videoproduktionen, Musikproduktionen, Mal-Workshops, Tanz- und Gesangswettbewerbe, Musikveranstaltungen, Flohmärkte und unzählige andere kreative und interessante Möglichkeiten könnten dazu führen, dass immer mehr Menschen ins Zentrum kommen und das Gebäude bald als KULTZENTRUM bezeichnen werden. Sobald das erste Leben in die unteren Etagen des Gebäudekomplexes zurückkehrt, werden mit Sicherheit auch die ersten Geschäftsleute anklopfen, die dort Geld verdienen wollen und somit kommt auch die Ladenmeile nach und nach wieder zurück.

Und was könntest du dazu beisteuern?
Es gibt einige Menschen in Hannover, zu denen ich selbst gehöre, die über ein großes Netzwerk von kreativen Machern verfügen. Wenn einige dieser Kreativen sich zusammenschließen, von den Investoren, der Stadt Hannover und von den Wohnungseigentümern unterstützt werden, dann bin ich felsenfest davon überzeugt, dass das Ihme-Zentrum aus dem Dornröschenschlaf erwachen und sich auf eine blühende Zukunft  zum KULTZENTRUM erfreuen kann. Mein Plan kann mit relativ geringen finanziellen Mitteln realisiert werden, und hierbei gibt es keinen Verlierer. In jeder Phase der Umsetzung des Plans gibt es nur Gewinner. Menschen, die von den kulturellen Angebote Gebrauch machen, Künstler, die ihre Ideen verwirklichen können, Investoren und Wohnungseigentümer, deren Immobilienwerte steigen werden und die Stadt Hannover, die ein Problem weniger haben wird – alle sind am Ende Gewinner! Abgesehen davon werden die Beteiligten ein KULTZENTRUM erschaffen, das noch Jahre nach unserem Tod Menschen ein angenehmes Zuhause und ein Wohlfühleinkaufszentrum bietet – ein kleines Paradies in einer Stadt.

Benny Rebel

Benny Rebel ist ein ausgezeichneter Naturfotograf, Autor von Büchern, Filmen, Multimedia-Shows und anderen Medien. Geboren 1968 im Iran, lebt er seit 1987 in Deutschland. Nach seiner Ausbildung zum Feinmechaniker und dem Abschluss seines Abiturs arbeitete er in den unterschiedlichsten Branchen, bis der passionierte Naturschützer die Fotografie und die Filmproduktion als Werbemittel für Umweltschutzprojekte entdeckte.

November 2015 – „Unser Land braucht Leuchttürme“

Ein Herz fürs Ihme-Zentrum

Als Jörg Singer nach Jahren im Ausland zurück in seine Heimat Helgoland kam, ging es Deutschlands einziger Hochseeinsel schlecht: Schulden, Abwanderung, sinkende Touristenzahlen. Das zuständige Bundesland Schleswig-Holstein überlegte sogar, aus Helgoland ein Naturpark für Robben zu machen. Seit 2011 ist Singer Bürgermeister und hat erfolgreich einen Transformationsprozess eingeleitet. Ich habe mit ihm über die Notwendigkeit von Wandel gesprochen, und warum es Leuchttürme braucht.

In welcher Situation befand sich Helgoland, als Sie Bürgermeister wurden?
Die Bevölkerung, die Schülerzahlen hatten sich seit den 90-er Jahren ebenso wie der Tourismus nahezu halbiert. Viele hatten die Hoffnung auf eine gute Zukunft auf Helgoland verloren. Die Gemeinde Helgoland hat verschiedene Überlegungen angestellt. Als ich 2010 auf „meine Insel“ zurückkehrte, lagen Zukunftskonzepte mit über 75 Vorhaben auf den Tisch. Eine davon war die Verbindung beider Inseln. Dieser Vorschlag, der weltweit Beachtung fand, sollte mit mehr Freiraum ein neues Helgoland schaffen. Mir war wichtig, dass alle Insulaner in diesen Findungsprozeß eingebunden wurden. Die wichtigste Frage mündete ich einem Bürgerentscheid, der für Klarheit und das Momentum des neuen Kurses in die Zukunft sorgte.

Wie sind Sie die Transformation angegangen? Gab es so etwas wie ein Leuchtturmprojekt?
Neben der Bildung von Arbeitsgruppen und einer Vernetzung der Interessensvetreter und Förderer bis nach Berlin sah ich die erste und zugleich größte Herausforderung in der Verbesserung der Verkehrsanbindung. Dies war auch der größte Wunsch der Helgoländer. Allerdings fiel die Idee eines neuen Schiffes nicht einmal bei den Reedereien auf fruchtbaren Boden. Die neu gebaute, in Kürze in Betrieb gehende und umweltfreundliche „MS Helgoland“ markiert nun für alle Hochseeinselfreunde einen neuen hoffnungsreichen Lebenszyklus. Dieses Vorhaben ist eingebunden in ein Manifest mit einer Festschreibung der wichtigsten Werte und einem Projektfahrplan 2020.

Guck mal

Warum ist es wichtig, unsere Städte und die Gesellschaft weiter zu entwickeln?
Viele Kommunen und Städte sind oder kommen in eine neue grundlegende Modernisierungsphase nach der Wiederaufbauzeit der 50er-Jahre. Und unsere Gesellschaft hat sich weiterentwickelt und sucht und lebt heute mit veränderten Werten. Das betrifft alle Lebensbereiche und das Miteinander aller Gesellschaftsschichten. Daher ist eine grundlegende Debatte in den Kommunen so wichtig und ein Wir heute viel sinnstiftender als noch vor 20 Jahren.

Ich kümmere mich ja um eine neue Wahrnehmung des Ihme-Zentrums. Von außen betrachtet: Welches Potenzial hat so ein Gebäude in einer wachsenden Stadt wie Hannover?
Von Außen gibt es zwar Erfolgsbeispiele aber keine Patentrezepte oder „die“ Wahrheit. Letztendlich sind es die Menschen, die den Unterschied machen. Und machen kommt von machen. Erst braucht es den Blick in den Rückspiegel „Was war, ist und wird gut und wichtig sein!“ Darauf ist zu bauen. Dann: Wie werden Megatrends auf uns wirken, als Chance und als Risiko? Wie verbünden sich die Akteure für das Ihme-Zentrum 2.0? Wie können Kooperationen gebildet werden? Welche ersten Projekte sorgen für Zuversicht und stiften zum Mitmachen an?
Unser Land braucht Leuchttürme im Wandel der Gesellschaft! Wenn BürgerInnen schlüssige Lösungen (anstatt Probleme beklagen) vorschlagen, ist der Rückenwind aus der Politik sicher!

Foto: Susanne Beck

Foto: Susanne Beck

Jörg Singer ist Bürgermeister von Helgoland. Vor seiner Rückkehr auf die Insel hat er als Wirtschaftsingenieur u.a. in den USA gearbeitet.

September 2015 – Das Ihme-Zentrum wird ein jugendgerechtes Viertel

 

Das Ihme-Zentrum als Beitrag für eine Stadt der Jugend und der Zukunft – beim Stadtjugendtag 2015 am Samstag, 26. September, wird genau dieses Potenzial diskutiert. Stadtjugendpfleger Volker Rohde spricht im Interview über das Zentrum als Chance und wie wichtig es ist, eine Stadt für Kinder und Jugendliche zu gestalten. 

Was genau geschieht an diesem Stadtjugendtag?
Der Stadtjugendtag ist in erster Linie eine (große) Beteiligungsveranstaltung für Jugendliche im Rahmen von „Mein Hannover 2030“. Jugendliche sollen sich im Rahmen dieser Veranstaltung und in Bezug auf „Mein Hannover 2030“ im Rahmen von den zwei folgenden groben Fragestellungen äußern: Was soll diese Stadt im Jahr 2030 für Jugendliche bieten und sein? Was soll diese Stadt für mich, als dann ca. 30 Jährige/n bieten. Dabei ist 2030, zumindest was den ersten Teil der Frage betrifft, natürlich nur ein Synonym. Die Ideen und Wünsche der Jugendlichen müssen natürlich unmittelbar und kurzfristig aufgenommen werden. Beide Fragestellungen sind zudem sehr abstrakt oder auch etwas uncool. Deshalb sollen sie von den Jugendlichen auf ihre Art gestellt und beantwortet werden.

Demzufolge sollte der Stadtjugendtag von vornherein eine Veranstaltung von Jugendlichen für Jugendliche werden. Wir haben deshalb viel Wert darauf gelegt, dass die gesamte Veranstaltung sich auch sehr jugendgerecht entwickelt. Dementsprechend besteht dieser Tag nicht nur aus Foren und Diskussionsrunden, wie vielleicht in anderen Beteiligungszusammenhängen. Viel mehr wollen wir Jugendlichen auch die Gelegenheit geben, sich mit ihren Aktivitäten und Interessen an diesem Tag umfassend zu präsentieren. Folgerichtig hat sich der Stadtjugendtag damit mehr  zu einem Festival entwickelt. Diese Entwicklung finden wir großartig und freuen uns darauf, was dabei herauskommt.

Das Festival findet ja in einer dynamischen Atmosphäre zwischen Glocksee und Ihme-Zentrum statt. In wieweit ist dieser Rahmen geeignet für den Stadtjugendtag?
Die Fläche ist hervorragend geeignet. Da ist zum einen, das seit über 40 Jahren bestehende Unabhängige Jugendzentrum Glocksee. Es steht für die Tradition von Selbstorganisation und Partizipation, aber auch für Party, Spaß und Ausprobieren von Jugendlichen. Die neugestaltete Fläche zwischen Glocksee und Ihme steht wiederum für die Interessen von Jugendlichen, den öffentlichem Raum in ihrem Sinne zu nutzen und auch temporär zu gestalten. Nicht zuletzt bietet das Ihme-Zentrum mit seinem ambivalenten Charme eine besondere, durchaus jugendgerechte Kulisse und ist nicht nur deshalb ein wichtiger Bestandteil der Veranstaltung.

Stadtjugendtag 2015

Könnte aus Ihrer Sicht das Ihme-Zentrum eine jugendgerechtes Quartier werden?
Auf den ersten Blick eine vielleicht etwas abwegige Frage. Allerdings nur auf den ersten Blick. Mit der Verbindung von der Glocksee und der Freifläche an der Ihme hat das Ihme-Zentrum großes Potenzial für einen jugendgerechten Ort. Auch der ambivalente Charme könnte dazu beitragen, denn Jugendliche mögen mit Einschränkung eher das etwas Unaufgeräumte und Unstrukturierte und weniger Saubere, wenn es um die Nutzung öffentlicher Räume geht. Solche Räume bieten viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten und bieten eine Alternative zur der aus der Sicht von Jugendlichen, nach wie vor als „spießig“ und um Sauberkeit und Ordnung bemühten Erwachsenengesellschaft. Warum sollte sich durch verschiedene Aktivitäten nicht ausgerechnet das Ihme-Zentrum zu einem ganz besonderem jugendgerechten Quartier entwickeln. Im Übrigen vielleicht sogar, was bezahlbaren Wohnraum in einem „hippen“ Stadtteil betrifft.

Wie ist Ihr persönlicher Bezug zum Stadtteil?
Ich wohne seit fast 30 Jahren in Linden und liebe diesen Stadtteil in seiner ganzen Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Meine Kinder sind hier geboren und bevölkern als noch Jugendliche die öffentliche Räume des Stadtteils. Ich genieße am Wochenende den Stadtteilspaziergang an Leine und Ihme. Das Ihme-Zentrum ist mir in seiner ganzen Entwicklung sehr vertraut. Zum einem arbeite ich seit fast zehn Jahren im Ihme-Zentrum und konnte unmittelbar die Entwicklung oder auch Nichtentwicklung unmittelbar mitverfolgen. Zum anderen kenne ich das Ihme-Zentrum seit Jahrzenten als Einkaufs- und Aufenthaltsort, zu Zeiten als hier noch HUMA oder Saturn-Hansa die Käufer/innen anzogen. Leider ist das mit dem Einkaufs- und Aufenthaltsort in den letzten Jahren etwas schwieriger geworden.

Stadtjugendtag 2015

Wie kann man sich an der Veranstaltung beteiligen?
Alle Interessierten können am Samstag um 18.40 Uhr ins Forum kommen zur Diskussion „Das Diskussion als jugendgerechter Ort – was fehlt?“ Das Forum ist auf der Glockseewiese zwischen Glocksee und Ida-Arenhold-Brücke.

Volker Rohde ist Stadtjugendpfleger Hannover