Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: kreativität

Juni 2017 – „Die Ihme-Zentrum ist eine Stilikone“

Studierende von Professorin Ute Heuer der HsH Fakultät III arbeiten seit Ende März im Ihme-Zentrum. Die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum hat mit der Professorin und Künstlerin über die Studieninhalte, die Wichtigkeit des Ihme-Zentrums und die Bedeutung der Arbeit vor Ort gesprochen.

Wie kommt es, dass Sie mit Ihren Studierenden ausgerechnet im Ihme-Zentrum arbeiten?
Als Hochschule ist es selbstverständlich unser Anliegen, Studierende mit etablierten Persönlichkeiten aus dem künstlerischen Bereich zu vernetzen – Galeristen, Künstler, Kuratoren und so weiter. Dazu gehört auch das Erschließen von nutzbaren Räumlichkeiten. Fürs zweite Semester haben wir schönerweise die Möglichkeit bekommen, das Ihme-Zentrum zu nutzen.

Sie betonen das zweite Semester explizit.
Ja, in den Räumlichkeiten arbeiten seit März die 16 Studierenden eines neuen Studiengangs, die sich gerade im zweiten Semester befinden. Experimentelle Gestaltung heißt dieser Studiengang. Das ist eine Mischung aus Bühnenbild, Kostüm und Szenografie. Dabei bilden wir nicht im klassischen Sinne künstlerisch aus, um Persönlichkeiten zu schaffen, die auf dem Kunstmarkt aktiv werden und eigene Werke verkaufen. Sicher kann das auch passieren, aber es geht im Kern eher um gesellschaftlich integrierte künstlerische Prozesse, das Arbeiten mit Menschen und Orten…

… weshalb das Ihme-Zentrum für Sie bestimmt besonders interessant ist.
Richtig! Unsere Möglichkeiten in dem Raum sind zeitlich begrenzt. So können wir dort noch bis August arbeiten, danach sind wir in anderen Räumlichkeiten. Natürlich würden wir auch gern im Ihmezentrum bleiben, wenn es sich ergibt. Aber diese Fluktuation, dieses häufige Wechseln von Orten und sich Einlassen auf neue Situationen ist etwas, was die Studierenden lernen sollen. Von daher sind wir opportunistisch.

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Wie genau kann man sich das Arbeiten vorstellen?
Ganz unterschiedlich: Es gibt zum einen eine Ateliersituation. Zum anderen arbeiten die Studierenden am Raum selbst, bemalen beispielsweise die Wände. Unser Ziel ist ein umgestalteter Raum als Ausstellungsobjekt mit Skulpturen, Installationen, Farben und Bildern. Ende Juni wird das Ergebnis dann auch öffentlich zugänglich sein.

Wieso sind solche Räume für Sie und Ihre Studierenden wichtig?
Zum einen sind sie günstig. Zum anderen arbeiten wir mit jungen, offenen, freien Menschen. Möglichkeitsräume und Orte anzubieten, die Kreativität und Visionen anregen, sind essenziell bei der Entwicklung des künstlerischen Bewusstseins.

Wir haben die Studierenden reagiert, als es hieß, dass sie im Ihme-Zentrum arbeiten werden?
Die jetzige Generation geht da ganz gezielt hin, findet das klasse. Die wollten das sofort.

Und Sie persönlich? Sie haben seit 1990 immer mal wieder in Hannover gelebt, inzwischen sind Sie hier Sesshaft. Wie hat sich Ihr Bild vom „Betonklotz“ entwickelt?
Es tat mir zunehmend leid, wie das verkommen ist. Damals sagte ich noch: „Bombe rein und weg“ (lacht). Jetzt wo ich mich damit beschäftige, sage ich: „Nein, auf gar keinen Fall, das muss erhalten bleiben!“. Gerade nach meiner Zeit in London weiß ich, was man damit machen kann, dass die Lage fantastisch ist und welche für Möglichkeiten da liegen.

Eine letzte Frage: Was wünschen Sie sich als Dozentin und Künstlerin für den Komplex?
Ich wünsche mir, dass es als Stilikone erhalten bleibt und die hervorragende Anbindung an die Stadt besser genutzt wird, Studierenden Wohn- und Arbeitsraum geboten wird und dass das Ihme-Zentrum lebt. Es gab mal Studierende von der Expoplaza, die vorgeschlagen haben, ihre Fakultät dorthin zu verlegen. Das fände ich großartig: Verschiedene Design-Disziplinen an einem zentralen Ort. (Hier der Text dazu)

Ute Heuer ist Professorin an der Hochschule Hannover. Malerei, Studienschwerpunkt/ Sprecherin Experimentelle Gestaltung.

Das Interview führte Mike Wonsikiewicz für die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum e.V.


Februar 2016 – Ein kreativer Hot-Spot

Bei einem Rundgang im Sommer 2015 führte ich junge Kreative aus der ganzen Republik durchs Ihme-Zentrum. Sie waren begeistert von dem Quartier und dessen Möglichkeiten und gleichzeitig verblüfft, dass das Zentrum nicht schon längst ein Hot-Spot für Kreative und Kultur sei. „Wenn das Ihme-Zentrum in Berlin, Leipzig oder Hamburg stünde, würden alle hier arbeiten und leben wollen“, sagte eine der Vertreterinnen, eine Expertin für Stadtentwicklung. Auch Kai Schirmeyer vom kreHtiv Netzwerk vertritt die Meinung, dass das Ihme-Zentrum als Hot-Spot für Kreativität bis über die Stadtgrenzen hinaus wirken würde.

Lesung mit Ninia

Viele Menschen in Hannover sehen das auch so. Deswegen gab es seit vergangenem Jahr ein Theaterstück, eine Kunstausstellung, mehrere Pop-up-Dinner und nun auch die erste Wohnzimmerlesung. Am 13. Februar kam die tolle hannoversche Autorin und Moderatorin Ninia LaGrande in mein Wohnzimmer, als Teil der Crowdfunding-Kampagne für unsere Dokumentation „Das Ihme-Zentrum – Traum Ruine Zukunft“. 20 Menschen hatten als Spende ein Ticket für diese exklusive Lesung bekommen, und es war toll. Danach waren sich alle einig: So eine Lesung im Ihme-Zentrum muss unbedingt wiederholt werden. Das finde ich auch.

Mai 2015 – Das Ihme-Zentrum wird zur Theaterbühne

Das Ihme-Zentrum wird zur Theaterbühne

Am 30. Mai zeigt das Ensemble des Theaters an der Glocksee ein besonderes Stück: Die Balkone des Ihme-Zentrums, der gesamte Uferbereich und der Park werden zum Set. Los geht es um 16 Uhr. Ich habe mit Lena vom Theater gesprochen, was sie genau vor hat und warum das Ihme-Zentrum aus Sicht der Künstlerinnen so wichtig ist.

Was habt ihr als Theater genau vor?
Wir probieren von Mai bis Juli ein neues Format mit dem Übertitel WILDWECHSEL. Wir wollen neue andere Theaterformen ausprobieren und den öffentlichen Raum zurückerobern. Dafür habe ich mir Unterstützung von zwei Kolleginnen aus Hamburg und Berlin geholt. Als „Das wundersame Akitonsbündnis der Tante Trottoir“ haben wir uns vorgenommen, jeden Samstag im Mai eine Aktion in Hannover zu starten, mal politisch, mal poetisch motiviert. Für den 30. Mai haben wir uns das Ihme-Zentrum als Objekt vorgenommen, das wir von 16 bis 18 Uhr bespielen wollen. Unser Überthema ist (bisher) „Titanic – der Film“. Wobei die Ihme zum weiten Meer und das Ihme-Zentrum zum Schiff wird. Es wird kein durchinszeniertes Stück, sondern eine Performance, die wir vom anderen Ihme-Ufer unterhalb der Glocksee als „Regie-Tanten“ anleiten werden. Vielleicht kann man sich das als Live-Filmdreh vorstellen, an dem auch die Regisseurinnen verzweifeln, weil natürlich nicht alles so läuft, wie man will. Wir sind selber Teil der Performance. Es wird sowohl eingeweihte Bewohner geben, als auch zufällige Situationen am anderen Ufer, die wir für uns umwandeln wollen. Es wird eine Blaskapelle geben und Gesang vom Balkon.

Wasser und Brutalismus 1

Was können die Bewohner machen, um euch zu unterstützen?
Wer einen Balkon hat, der von der Glocksee-Seite gut zu sehen ist, kann sich bei uns melden unter info(at)theater-an-der-glocksee.de oder (05 11) 1 61 39 36. Von dort aus kann man in das Geschehen mit eingebunden werden. Zum Beispiel mit einem Banner, der vom Balkon hängt oder einer Fahne, die geschwenkt wird – wenn man möchte. Man kann aber auch nur den Ort zur Verfügung stellen, z.B für eine Sängerin. Die Bewohner können auch anonym bleiben. Außerdem kann man am Samstag von 16 bis 18 Uhr aus dem Fenster schauen, winken und als Passagier der Titanic agieren, Seifenblasen pusten, mit Taschentüchern winken oder ähnliches. Hierbei verbieten sich rassistische, sexistische, sich selbst und sich selbst und andere gefährdende Aktionen von selbst. Anweisungen gibt es auch per Zuruf von den „Regie-Tanten“ am anderen Ufer.

Warum ist das Ihme-Zentrum für euch ein geeigneter Rahmen für eine Theater-Performance?
Es ist ein geliebt-gehasster Ort für viele Hannoveraner. Für uns ist es alltägliche Kulisse, im Zusammenhang mit dem oft dreckigen Glocksee-Areal wirkt es auch teilweise abschreckend auf Besucher, die sich Theater immer an einem anderen Ort vorstellen als an diesem. Seit ich mich mit dem Gebäude näher beschäftige, habe ich es auf eine schräge Art lieb gewonnen. So geht es uns doch mit vielen Dingen im Leben, oder? Was man liebgewinnt, das will man von nun an auch anders bewahren und spürt eine andere Verantwortung in sich. Das wir nun das Thema Titanic genommen haben, bezieht sich auch auf den Hochmut zu Zeiten des Erbauens, seine Größe, die Hoffnung, die hineingesteckt wurden als Stadt in der Stadt, die Kosten und nun der „Bausünde“-Stempel und das „Wrack“, dass es von außen, und in den unteren Ebenen auch von innen, ist. Aber wir werden am 30. Mai unser eigenes Drehbuch schreiben und – versprochen – das Ihmezentrum wird nicht untergehen. Ich denke, es würde sich wohl auch strikt weigern.

Wasser und Brutalismus 2

Welches Potenzial hat der Komplex für euch als Kulturschaffende?
Ein großes. Ehrlich gesagt wundert es mich, dass es nicht viel mehr Aktionen wie die unsrige gibt. Vielleicht habe ich sie auch nicht mitbekommen. Berliner Freunde flippen jedes Mal im positiven Sinne aus, wenn sie das Ihme-Zentrum sehen. Bühnenbildner jubilieren, Fotografen juchzen aufgrund dieser vermeintlichen Anti-Schönheit an der Ihme, in der sie vielleicht eine Wahrheit, ein Scheitern, eine Zerissenheit und eine Sturheit erkennen, die sie anrührt. Der Hannoveraner verbindet eine andere Geschichte mit dem Zentrum und vielleicht etwas weniger Selbstbewusstsein im Hinblick auf das Potenzial des Gebäudes. Oder man ist des Kampfes müde, was ich auch verstehen kann.

Künstler sind oft die ersten, die sich in Stadtgebieten ansiedeln, die nicht mehr gut angesehen sind oder es vielleicht noch nie waren. Das kann man in vielen Städten beobachten. Vielleicht liegt das am fehlenden Euro in der Tasche – oder an einem Blick auf die Dinge, der nicht nur sieht, was NICHT möglich ist, sondern, was MÖGLICH ist. Sie setzen sich über Unbequemlichkeiten hinweg, sie nehmen Dinge nicht hin, sondern probieren, Neues zu (er)-schaffen. Sie machen diese Stadtteile wieder urbar. Es folgen Cafés, Klubs, Zuschauer, Mieter usw. Das darauf immer eine Gentrifizierung folgt, muss ja nicht zum Naturgesetz werden, wenn wir es nicht wollen.

Wir alle können viel mehr bewirken als wir glauben, oft sind wir nur viel zu eingeschüchtert aufgrund der Größe der Welt und ihrer Probleme. Bei so etwas Großem und Komplexem wie dem Ihme-Zentrum legen wir lieber die Hände in den Schoß, da fühlt man sich geradezu ohnmächtig. Dabei war es auch mal nur eine Idee in einem Kopf…