Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: investment

„Der positiven Entwicklung des Ihme-Zentrums werden Steine in den Weg gelegt“

Fast 2.000 Menschen wohnen im Ihme-Zentrum – bei rund 550 Eigentümer. Ein buntes Mosaik höchst unterschiedlicher Meinungen.

Ein halbes Jahr gibt es jetzt den Nachbarschaftstreff des Vereins Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum. Tausende Besucher und viele Veranstaltungen zeigen: Das Interesse an einer konstruktiven Entwicklung ist riesig. Und doch gibt es Menschen, die dies verhindern wollen – notfalls vor Gericht. Gerd Runge, Architekt und Mitbetreiber der Räume, über abstruse Drohungen, die die gesamte positive Entwicklung des Ihme-Zentrums gefährden.

Seit einem halben Jahr hat das Ihme-Zentrum zum ersten Mal einen Nachbarschaftstreff. Betrieben vom Verein und im Besitz von Bewohnern und externen Interessierten. Wie ist die Bilanz?
Gemischt: Einerseits läuft die Zukunftswerkstatt sehr gut. Wir hatten Tausende Besucher bei den Workshops, Konzerten, Theaterstücken, Märchenstunden oder Vorträgen. Darunter viele Bewohner, die sich bei den BewohnerCafés oder den Planungstreffen auch über ihre Rechte informieren und uns erzählen, welche Sorgen sie haben. Die Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt Hannover bei Veranstaltungen ist ebenfalls super! Das Interesse und der Bedarf sind also da.

Was läuft nicht so gut?
Wir erleben ein wirklich bizarres Schauspiel. Die Eigentümergemeinschaft Ihme-Zentrum, vertreten durch den Geschäftsführer der Hausverwaltungs-GmbH, Torsten Jaskulski, hat uns aufgefordert, die derzeitige Nutzung der Räume durch den Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum umgehend zu verhindern. Ohne dass es dazu eine Meinungsbildung bei einer Eigentümervollversammlung gegeben hätte.

Das kommt jetzt überraschend. Was ist denn die Begründung?
Es gebe keine Genehmigung durch die Wohnungseigentümer und durch die Hausverwaltung für die Vermietung an den Verein. Wir haben uns darüber sehr gewundert, schließlich hat der Hausverwalter Torsten Jaskulski bereits im Oktober 2016 als damaliger Bevollmächtigter der Vorbesitzerin den Mietvertrag selbst geschlossen. Der Mietvertrag ist beim Kauf durch uns 1 zu 1 an uns übergegangen. Dem Eigentümerwechsel hat Herr Jaskulski beim Notar zugestimmt – ohne Einwand.

Tausende Quadratmeter im Ihme-Zentrum stehen leer und wollen genutzt werden. Doch angesichts des aktuellen Konflikts steht die Frage im Raum, wie sicher Investitionen vor Ort sind.

Und wie argumentiert die Verwaltung?
Die Aufforderung basiert auf einer Vermutung, dass sich durch kulturelle Nutzung andere Teileigentümer gestört fühlen könnten. Das ist für uns überraschend, weil wir noch nie von Beschwerden anderer Eigentümer gehört haben. Deshalb gibt es in der Zukunftswerkstatt ja auch keine wilden Partys oder laute Musik, und wenn nur Klassik- oder Jazzkonzerte. Wir haben vor der Eröffnung außerdem mit professionell ausgebildeten Veranstaltungstechnikern alles überprüft, mehrere Lautstärketests gemacht und uns mit direkten Anwohnern ausgetauscht. Und wir sprechen uns immer mit dem Sicherheitsdienst vor Ort ab, dessen Mitarbeiter uns bislang auch keine Beschwerden weitergegeben haben.

Haben die Hausverwaltung oder Eigentümervertreter vor dem Brief denn ein Gespräch zu dem Thema gesucht?
Nein! Es wird auch schon seine Gründe haben, wenn die Hausverwaltung oder Eigentümervertreter keinen Wert auf eine konstruktive Konfliktbewältigung legen und – anstatt direkt mit uns zu reden – lieber Anwälte vorschicken. Das zeigt sich auch schon an der Art, wie wir diese Aufforderung erhalten haben.

Wie meinst du das?
Das Anwaltsschreiben ist am 27. Dezember bei uns eingegangen, mit einer Frist bis zum 29. Dezember um 12 Uhr. Wenn wir in dieser extrem kurzen Zeit nicht dem Verein die Nutzung untersagen, wird uns mit Klage gedroht. Ich finde, schon anhand dieser Fristsetzung zeigt sich, dass es wohl um Klage geht. Dazu muss man kein Anwalt sein. Offenbar sollen der Vereinsarbeit Steine in den Weg gelegt werden. Ein wirtschaftlicher Schaden der Betreiber der Räumlichkeiten wird dabei bewusst in Kauf genommen. Das ist bedauerlich und auch kein gutes Zeichen für andere Unternehmen, die im Ihme-Zentrum investieren und arbeiten wollen! Die werden dadurch eventuell abgeschreckt.

Warum dann dieser unnötige Konflikt? Wer hat denn ein Interesse, dass der Verein nicht mehr arbeiten kann und die Bewohner des Ihme-Zentrums ihren einzigen Treffpunkt verlieren?
Das ist eine gute Frage, die auch bei einer Vollversammlung aller Eigentümer mal besprochen werden sollte. Meine Interpretation geht so: Es findet derzeit ein Wandel im Ihme-Zentrum statt. Nach Jahren des Stillstandes ist im vergangenen Jahr sehr viel Positives passiert. Immer mehr Menschen besuchen das Ihme-Zentrum und verstehen, dass es eine bessere Zukunft verdient hat. Es ziehen außerdem immer mehr junge Menschen und Familien her. Auch die Stadt engagiert sich immer stärker und schaut genau hin. Dieser Wandel passt nicht jedem. Die Interessen einiger weniger werden offenbar vor das Gemeinwohl gestellt. Doch wir lassen uns nicht einschüchtern. Natürlich darf der Verein in den Räumen weiter arbeiten!

Gerd Runge

Gerd Runge ist Architekt und Eigentümer im Ihme-Zentrum.

Dieses Interview wurde im Rahmen der Netzwerk-Recherche-Projektförderung Grow geführt. In dem Projekt wird erforscht, wie hyperlokaler, konstruktiver und nachhaltig verwalteter Journalismus funktionieren kann. Die Ergebnisse werden auf der Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz am 29./30. Juni 2018 beim NDR in Hamburg und bei der Veranstaltungsreihe #ihmezentrum2025 im Frühjahr 2018 vorgestellt.

September 2017 – Erneut Gebäude von Intown geräumt

 

Der Hannibal-Komplex in Dortmund. Foto: Ralf Hüls

Nach der Räumung eines Hochhauses in Wuppertal und großen Problemen in Schwerin ist Intown (Großeigentümer im Ihme-Zentrum) erneut in den Schlagzeilen: In Dortmund musste am Donnerstag ein Gebäude mit rund 800 Menschen innerhalb kürzester Zeit geräumt werden. Wie mehrere Medien berichteten, habe die Stadt Dortmund die Räumung der mehr als 400 Wohnungen angeordnet, weil „Gefahr für Leib und Leben“ bestehe. Konkret gebe es ein erhebliches Risiko wegen des mangelhaften Brandschutzes. Der zuständige Dortmunder Baudezernent Ludger Wilde sprach in einer Pressekonferenz von drei wesentlichen Gründen für die Räumung: Die Tiefgarage habe keinen Brandschutz. Viele Leerschächte seien nicht brandsicher, und es gebe in dem Haus keinen Rettungsweg. Die Bewohnenden seien für die erste Nacht in Notunterkünften oder privat untergekommen. „Wie lange das Gebäude evakuiert bleiben muss, kann derzeit nicht sicher beantwortet werden“, so Wilde laut Rheinischer Post.

Großeigentümer Intown sieht keinen Grund für die Räumung und hält die „Maßnahme der Räumung des Wohnkomplexes für nicht rechtens, für unangemessen und ermessensfehlerhaft“, so Sascha Hettrich, Geschäftsführer von Intown, gegenüber den  Medien. Der Mieterverein Dortmund sieht die Evakuierung dagegen als notwendig, auch weil die Mängel seit Jahren bekannt seien. So habe es immer wieder Beschwerden und Mitteilungen über den Zustand des Gebäudes gegeben, das Intown vor rund sieben Jahren gekauft hat. „Seitdem die Berliner Firma Intown Properties die Immobilie gekauft hat, sind bekannte Probleme nicht ausreichend behoben worden“, so Rainer Stücker, Geschäftsführer des Mitervereins, gegenüber dem Nachrichtenportal Dortmund24. Laut Medienberichten will Baudezernent Ludger Wilde Intown die anfallenden Kosten für die Evakuierung und die Unterbringung der betroffenen Bewohnenden in Rechnung stellen. Bei dem Räumungseinsatz seien Hunderte Einsatzkräfte im Einsatz gewesen.

Intown besitzt rund 83 Prozent des Ihme-Zentrums sowie weitere Immobilien in Hannover, u.a. das ehemalige Maritim Hotel gegenüber dem Neuen Rathaus. Laut dem Eigentümer soll das Ihme-Zentrum bis 2022 fertig umgebaut werden. Die Stadt verhandelt derzeit über den Verbleib von mehreren hundert Mitarbeitern in dem Bürobereich. Ein Teil der Bewohnerschaft hat vor mehreren Monaten beim Amtsgericht Hannover eine Klage gegen Intown eingereicht. Hier gibt es eine Umfrage zum Thema Ihme-Zentrum und Intown.

Weitere Berichte zur Räumung des Gebäudes in Dortmund:

Bericht auf bild.de

Bericht auf faz.de

Bericht auf Süddeutsche.de

Bericht auf Spiegel Online

Text: Projektteam „Das Ihme-Zentrum – ein neues Wahrzeichen für Hannover“

Oktober 2015 – Erntedankfest

 

Heute habe ich den Mini-Versuchsgarten winterfest gemacht und dabei auch die letzten Tomaten geerntet. Der Herbst zieht ein ins Ihme-Zentrum. Und neben der Kälte werden die Bewohner mit negativen Neuigkeiten aus einem anderen Teil des Viertels konfrontiert: Der städtische Energieversorger enercity will das sein Hochhaus verlassen – damit würde einer der wichtigsten verbleibenden Gewerbemieter wegfallen. Ein so großer Schock, dass die Stadt sich am Mittwoch genötigt sah, in einer Pressemeldung die Verantwortung an den Investor Intown weiterzuschieben. „Zwischen dem Investor und der Stadtverwaltung laufen derzeit intensive Gespräche über die von Stadt, Stadtwerken und Wohnungs-Eigentümern geforderte und dringend notwendige Sanierung des Ihme-Zentrums“, so der Wortlaut in der Meldung. Doch neben diesen Gesprächen gibt es derzeit auf anderen Ebenen Bemühungen, die Starre des Zentrums aufzutauen.

So kam es bei einem Diskussionsforum im Historischen Museum Hannover Anfang Oktober zu einigen tumultartigen Beschwerden von Bewohnern, aber auch Interessierten, die einen neuen Ansatz im Umgang mit der aktuellen Situation forderten. Wenn mich Menschen fragen, welche Idee ich hätte, um das Ihme-Zentrum zu revitalisieren, fallen mir zwei konkrete Ideen ein:

Ein runder Tisch mit Vertretern der Stadtverwaltung, Intown, der Bewohner, aber auch der Zivilgesellschaft. Es geht nicht um Grabenkämpfe oder Vorwürfe, sondern die Frage: Welche Bedürfnisse hat welche Partei, und wie gelingt ein Kompromiss, bei dem alle Seiten profitieren. Die Bewohner erhalten einen funktionierenden Stadtteil, die Stadt Hannover erhält eine Gegenleistung (z.B. Steuern und Arbeitsplätze) für die Millionen Euro Miete, die sie jedes Jahr zahlt und der Investor Intown bekommt Mieterträge. Intown schreibt selbst auf seiner Website, dass ihnen dies am Herzen liegt: „Mit unseren national und international vernetzten Partnerschaften orientieren wir uns bei der Auswahl der Mieter an den Bedürfnissen der dortigen Bewohner sowie Arbeitnehmer.“

Als zweites braucht es ein langfristiges, nachhaltiges Quartiersmanagement. Der Umbau des Zentrums ist in fünf Jahren nicht abgeschlossen. Viele Menschen verstehen nicht, dass das Ihme-Zentrum kein Gebäude ist, sondern ein Stadtviertel, und als solches ist es immer in Bewegung. Intown beschreibt sich selbst als „ein junges aufstrebendes und stark expandierendes Unternehmen“, das Immobilien nach erfolgter Revitalisierung „langfristig und nachhaltig bewirtschaftet“.

Diese Kartoffeln wuchsen ebenfalls im Mini-Versuchsgarten. Sie sollen wieder eingepflanzt werden, um eine eigene Kartoffelsorte zu zu züchten.

Das klingt vielversprechend. Und deckt sich erst einmal mit meinem Ansatz, das Ihme-Zentrum zu einem Leuchtturm einer nachhaltigen, demokratischen Transformation zu machen. Ich habe seit Herbst 2014 knapp 1.000 Menschen das Ihme-Zentrum bei meinen Rundgängen gezeigt, und jeden Tag bekomme ich E-Mails mit neuen Ideen und Visionen für den Umbau des Zentrums. Ich habe erlebt, wie bei vielen Menschen aus der Betonburg auf einmal eine Märchenburg wurde – einfach weil sie sich vorgestellt haben, was man hier alles machen könnte. Ein paar dieser Ideen haben es hier auf den Blog geschafft und mich und andere Menschen zum Träumen gebracht. Doch das reicht nicht!

Ich habe genug Argumente gefunden, warum das Ihme-Zentrum nicht abgerissen werden kann. Ich habe genug realistische Ideen gesammelt, wie das Ihme-Zentrum strukturell nachhaltig umgebaut werden könnte. Ich habe Verbündete gefunden, die im Ihme-Zentrum auch das sehen, was ich darin sehe: eine Chance, ein neues Wahrzeichen. Und viele von ihnen würden hier sofort einziehen, wenn sie es dürften. In den kommenden Wochen wird es an dieser Stelle nicht mehr nur Träume geben, sondern konstruktive Forderungen und Hilfsangebote von Vereinen, Verbänden, Institutionen und Betroffenen nach einer Zukunft. Aus dem Ich ist ein Wir geworden. Es geht gerade erst los. 🙂