Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: inventur

Das Ihme-Zentrum ist ein Möglichkeitsraum und keine Ruine

Gerd Runge erklärt beim Rundgang die Geschichte und das Potenzial des Ihme-Zentrums.

Gerd Runge (Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum e.V.) erklärt beim Rundgang die Geschichte und das Potenzial des Ihme-Zentrums.

Seit etwa zwei Jahren gibt es Rundgänge durchs Ihme-Zentrum. In rund anderthalb Stunden erklären Architekten, Künstler oder Wirtschaftsexperten aus der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, warum das Quartier als Utopie der 1970er-Jahre gebaut wurde und wie es durch Spekulation, Missmanagement und einer verfehlten Stadtentwicklungspolitik zur Ruine wurde. Doch die Krise des Ihme-Zentrums ist auch eine Chance: Das Viertel bietet durch seine Lage, der Wohnungen und des vielen Freiraums ein riesiges Potenzial für eine nachhaltige, kreative und lebenswerte Zukunft.

Im Rahmen des Weihnachtsmarktes im Ihme-Zentrum Mitte Dezember boten Architekt Gerd Runge und Nachhaltigkeitsberater Constantin Alexander mehrere Rundgänge durch das Quartier an. Zu den Touren kamen mehrere hundert Interessierte – von jung bis alt. Viele schilderten im Anschluss ihre Verwunderung über die Zustände vor Ort, gaben den beiden aber Recht und unterstützen die Pläne des Vereins.

„Ich  wohne  seit 1982 in Linden und  habe die Entwicklung des Ihmezentrums  stets verfolgt. Ich habe den Rundgang genossen und habe ihnen sehr gerne zugehört. Dieser allg. Pessimismus zu diesem Thema ärgert mich schon seit lange Zeit. Um so erbaulicher fand ich ihre zukunftsorientierte positive Haltung zu diesem Thema. Machen sie weiter so, das Ihmezentrum hat viel Potenzial.“ H.C.


„Mein erster Eindruck, als ich vor 2 Jahren mit dem Rad an der Ihme entlanggefahren bin, war auch negativ geprägt. Nach dem Rundgang und den Hintergrundinfos sehen wir das Ihme Zentrum wirklich ein besser anders.“ S.S.

Wer sich für die Rundgänge interessiert, hier findet sich der nächste Termin.

Wer sich für die Geschichte und das Potenzial des Ihme-Zentrums interessiert, findet hier eine Reihe von Veranstaltungen.

Das Projekt ist auch auf Facebook, Instagram und Twitter.

Anmerkung: Die Namen der Rundgangsteilnehmenden werden aus Datenschutzgründen nicht offen genannt.

November 2016 – Der Streit ums Ihme-Zentrum eskaliert

Park statt Leerstand?

Die Eigentümerversammlung im Ihme-Zentrum am Dienstag ist eskaliert. Großeigentümer Intown gab unkonkrete Versprechungen ab und bat erneut um Geduld. Die Stadt sah wenig Fortschritt und kaum Hoffnung auf eine Einigung. Ein angedrohter Auszug der städtischen Einrichtungen scheint nun immer konkreter zu werden. Doch es gebe Alternativen.

„Es ist ernüchternd.“ Frank Herbert, Leiter des Büros von Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD),  fand deutliche Worte, um die Verhandlungen zwischen der Stadt und dem größten Eigentümer im Ihme-Zentrum, Intown, zu beschreiben. Seit Februar 2015 wartet die Stadt als größte Mieterin im Gewerbebereich und die rund 2.000 Bewohner auf konkrete Aussagen und Pläne des Eigentümers, der offiziell betont, ein „nachhaltiges Interesse“ an dem Stadtviertel zu haben. „Es gibt keinen Projektsteuerer vor Ort“, so Herbert in seinem Bericht vor den Eigentümern. „Wir als Stadt müssen Intown Druck machen, denn er hat einen Ruf zu verlieren.“ Wenn die Stadt und die Stadtwerke ausziehen und so keine Miete mehr zahlen, dann macht der Großeigentümer Verlust.

Intown reagierte und schickte zum ersten Mal überhaupt einen Vertreter zu einer Eigentümerversammlung. Der Asset-Manager des Ihme-Zentrums betonte dabei in seiner vorgeschriebenen Rede, dass dem Unternehmen an einer guten Kommunikation gelegen sei und sich nicht verstecken wolle. Kontaktaufnahmen von Seiten der Eigentümer verbat er sich jedoch und wies darauf hin, dass Intown ein renommiertes Architekturbüro für die Umbaupläne beauftragt habe. Aus hannoverschen Architektenkreisen war in den vergangenen Tagen jedoch zu hören, dass das beauftragte Architekturbüro Schulze & Partner, das im Sommer bereits Visualisierungen für eine neue Fassade präsentiert hatte, wegen fehlender Bezahlung die Arbeit bereits wieder eingestellt habe. Auch berichtete ein Eigentümer von Einzelnhändlern, die ein großes Interesse an einer Anmietung hätten, aber keine Antwort auf ihre Anfragen bei Intown bekämen. Der Hinweis des Intown-Vertreters, sein Unternehmen wolle dem Ihme-Zentrum „zum neuen Glanz verhelfen“ wurde so von den Anwesenden mit lautem Lachen quittiert.

Jürgen Oppermann, Vertreter der Wohnungseigentümer im Ihme-Zentrum, hat indes keine Geduld mehr mit Intown: „Der Großeigentümer hatte die Chance, ein Zeichen zu setzen.“ Es habe allein mehr als ein Jahr gedauert, bis Intown seinen Teil der Hauskosten fristgerecht bezahlen würde. „Es ist besser, er geht sofort, als dass unser Eigentümer weiter verkommt“, so Oppermann. Als ein erster Schritt beschloss die Eigentümerversammlung, den Großeigentümer zu einer Zahlung von 50 Millionen Euro zu verpflichten und dies – falls notwendig auch durch ein Gericht oder eine Zwangsvollstreckung geltend zu machen. Ob diese Forderung jedoch vor Gericht Bestand hat, zweifelten vor Ort mehrere Menschen an, zum Teil selbst Juristen.

Dabei gebe es eine Antwort auf all die Probleme im Ihme-Zentrum, die der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum in einem Konzept zusammengestellt hat. Mit einer Art Inventur werden dabei am Anfang die Missstände im baulichen Bereich, aber auch bei den Eigentumsverhältnissen überprüft und geschaut, ob das alles noch so funktioniert. Auf der Basis dieser Analyse, die durch ein unabhängiges Gremium durchgeführt wird, kann das Ihme-Zentrum dann zu einem besonderen Stadtumbaugebiet gewidmet werden. Für die baulichen Maßnahmen gibt es dann öffentliche Förderung von Stadt, Land, Bund und eventuell auch der Europäischen Union.

„Das Ihme-Zentrum muss zum Alleinstellungsmerkmal werden“

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Volles Haus im Capitol: Die Menschen interessiert die Zukunft des Ihme-Zentrums sehr.

Vor vollem Haus machten sich am Dienstagabend die Politiker der Landeshauptstadt Hannover stark für eine sogenannte Vorbereitende Untersuchung im Ihme-Zentrum. Diese Inventur muss im Stadrat beschlossen werden und untersucht, ob ein Stadtviertel unter baulichen Mängeln leidet und ob sich die Eigentümer vor Ort weigern, Renovierungsarbeiten vorzunehmen.

Das Capitol in Hannover ist voll. Die rund 200 Sitzplätze unten sind belegt, dahinter, daneben und oben auf der Empore drängen sich die Menschen – sie sind gekommen, um zu erfahren, wie die Politik in der Landeshauptstadt das Ihme-Zentrum revitalisieren möchte. Auf dem Podium sitzen neben Moderator Jan Egge Sedelies die Vertreter der demokratischen Parteien im Stadtrat: Felix Blaschzyk (CDU), Daniel Gardemin (Grüne), Ewald Nagel (SPD), Gerhard Kier (FDP) und Dirk Machentanz (Die Linke). Im Rahmen des Kommunalwahlkampfes wollen die Politiker die Positionen ihrer Parteien zur aktuellen Situation im Ihme-Zentrum vorstellen. Ein Thema, das in den vergangenen Monaten heftig diskutiert wurde, nachdem Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) dem Großeigentümer Intown ein Ultimatum gestellt hat, um ein Konzept vorzulegen.

Entgegen mancher Erwartung sind sich die fünf Politiker auf der Bühne des vollen Capitols sehr schnell auf wesentliche Punkte einig und blieben dabei stets sehr freundlich und konstruktiv: Das Ihme-Zentrum darf nicht abgerissen werden, und es braucht mit der sogenannten Vorbereitenden Untersuchung eine Art Inventur, um die Situation vor Ort von Experten bewerten zu lassen. Dazu hat der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum ein Zehn-Punkte-Plan veröffentlicht, der eine juristische und architektonische Grundlage für eine nachhaltige und kreative Transformation des Viertels bietet. Alle Parteien bewerteten diese zehn Thesen als wertvoll und ideal geeignet, um das Thema im Stadtrat und in den Dezernaten einmal komplett neu anzugehen.

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Freundlich und konstruktiv diskutierten die Vertreter über eine bessere Zukunft für das Quartier.

„Wir brauchen eine Vorbereitende Untersuchung“, so Daniel Gardemin in seiner Forderung, der sich alle Politiker anschlossen und die im Publikum laut beklatscht wurde. Der Grünen-Politiker sieht in dem Quartier einen idealen Möglichkeitsraum für Gärten zwischen und auf den Häusern, für eine Energieversorgung mit Solarzellen und für Urban Farming im Gewerbebereich, bei dem Lebensmittel in Kreislaufsystemen hergestellt wird. „Im Stadtteil Linden wird viel ausprobiert, warum lassen wir dann beispielsweise nicht einen Künstler die Fassaden des Zentrums gestalten?“, so Gardemin, der dafür lauten Applaus genoss.

Der CDU-Politiker Felix Blaschzyk ging sogar weiter: „Das Ihme-Zentrum muss zum überregionalen Alleinstellungsmerkmal werden.“ Durch bessere Wegeverbindungen, indem beispielsweise die Stadt den Ihmeuferweg kauft, würde das Quartier besser mit Hannover verbunden. „Auch kann ich mir vorstellen, dass sich hier die Start-up-Szene wohl fühlt.“ Viele Gründer und Vertreter der Wirtschaft Hannovers waren im Publikum anwesend und reagierten mit lautstarker Zustimmung. Damit seine Forderung realistisch wird, schlug Blaschzyk die Gründung einer Entwicklungsgesellschaft durch die Stadt vor, die das Ihme-Zentrum über Jahre revitalisiert und die Flächen an einzelne Interessenten vermieten oder verkaufen könnte.

Dem FDP-Vertreter Gerhard Kier war eine Verbesserung des Umfeldes des Ihme-Zentrums wichtig. „Die Blumenauerstraße im Süden muss zu einer richtigen Straße werden. Hier kann die Stadt zeigen, wie ernst sie es mit der Integration des Quartiers in sein Umfeld meint.“ Auch sollte die sanierte, aber bislang leer stehende Tiefgarage für Nutzer frei gegeben werden. Etwas, das der Linken-Politiker Dirk Machentanz unterstützte: „Uns wären vor allem bezahlbare Wohnungen im Ihme-Zentrum wichtig.“

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Gerd Runge von der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum präsentierte die zehn Thesen des Vereins zur nachhaltigen und kreativen Revitalisierung des Quartiers.

Der SPD-Politiker Ewald Nagel wagte zwar keine große Vision, betonte aber das Engagement seiner Partei für das Quartier: „Ich wünsche mir ein lebendiges Ihme-Zentrum. Damit das gelingt, brauchen wir die gesamte Stadtgesellschaft“, appelierte er ans Publikum, die ihm lautstark unterstützten. Als Mehrheit im Rat sollte seine Partei eine Aktualisierung des Zustandsberichts im Quartier planen, schlug Nagel vor. Dies könnte durch eine neue Vorbereitende Untersuchung gemacht geschehen. „Die zehn Handlungsempfehlungen der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum sind sehr praktikabel und bieten für die Entwicklung des Quartiers eine gute Lösung“, so Nagel.

Mit einer positiven Grundstimmung und weitestgehender Einigkeit endete der Abend. Die Forderung eines Manns aus dem Publikum, das Ihme-Zentrum in einer gemeinsamen Aktion zu besetzen, wurde lachend zur Kenntnis genommen. Gerne hätte das Publikum den Großeigentümer Intown zu den besprochenen Themen befragt, doch trotz Einladung war weder ein Vertreter des Berliner Unternehmens vor Ort, noch jemand von der Quartiersverwaltung Cardea. Nun bleibt es abzuwarten, wie sich die Politiker nach der Kommunalwahl am 11. September an ihren Versprechen für eine bessere Zukunft des Quartiers erinnern und dementsprechend handeln.

Hier gibt es die zehn Schritte für eine Revitalisierung des Ihme-Zentrums zum kostenlosen Download.

Danke an die exposive Mediengruppe für die tolle Betreuung und Technik vor Ort. Und danke an Hannover Concerts, dass sie uns das Capitol zur Verfügung gestellt haben!

Juni 2016 – „Wir fordern eine vorbereitende Untersuchung“

Der Himmel über dem Quartier

Die Überlegung der Landeshauptstadt Hannover, das Ihme-Zentrum abzureißen, führt zu Angst und Wut bei den Bewohnern. Angesichts der Situation fordert der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum vom Stadtrat die Abstimmung für eine vorbereitende Untersuchung. Dies käme einer Inventur aller Missstände gleich. Doch auch der  Großeigentümer Intown sollte endlich Pläne für die Revitalisierung des Quartiers vorzeigen. Ein Überblick über die aktuelle Situation.

Seit einigen Tagen fühlt sich das Leben im Ihme-Zentrum an, als sei eine Bombe explodiert. Anfang Juni hat die Verwaltung der Landeshauptstadt Hannover dem Großeigentümer im Ihme-Zentrum, dem Unternehmen Intown, eine Frist gesetzt, bis wann dieser ein Konzept für die Sanierung abgeben muss. Andernfalls sucht sich die Stadt für die rund 1.000 Beschäftigten, die in verschiedenen Fachbereichen im Ihme-Zentrum arbeiten, neue Büroräume. Am Donnerstag, 9. Juni, ist dazu um 13.30 Uhr eine Sitzung des Stadtrats und des zuständigen Bezirksrats Linden-Limmer geplant. Das Ganze findet im Rathaus statt. Hier alle Infos.

Das ehemalige Einkaufszentrum

Zusammen mit der Frist-Ankündigung wurde außerdem alle Details zu den Mietverhandlungen der Stadt öffentlich zugänglich gemacht. Auch das schlimmste Szenario kommt da vor: der Arbiss des Quartiers. Auch wenn diese Alternative höchst unwahrscheinlich ist, wie ich hier schon aufgeführt habe: Die Menschen im Ihme-Zentrum haben Angst. Mehrmals am Tag unterhalte ich mich mit Nachbarn, die entweder geschockt sind oder wütend. Die nicht hinnehmen wollen, dass ihre Heimat abgerissen werden könnte und die nicht verstehen, warum der Eigentümer hier seit anderthalb Jahren nichts macht, außer altes Mobiliar aus einem anderen Haus „zwischenlagert“.

Sie haben Verständnis für die Stadt, die als Mieterin und Arbeitgeberin die unhaltbaren Zustände in den Bürobereichen nicht mehr tragen kann und will. Aber sie fühlen sich allein gelassen. „Unsere Wohnungen sind auf einmal wertlos geworden“, erzählt eine langjährige Bewohnerin. Ein anderer: „Die Politik darf uns doch nicht im Stich lassen, hier leben Tausende Menschen.“ Viele machen in ihrer Wut den Großeigentümer Intown verantwortlich, der rund 83 Prozent des Viertels besitzt und seit dem Kauf im Februar 2015 kein Konzept für eine Revitalisierung des Ihme-Zentrums vorgelegt hat.

Wasser

Unterdessen fordert der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum in einem offiziellen Statement vom 8. Juni eine vorbereitende Untersuchung: „Der Verein sieht die Entscheidung des Oberbürgermeisters, nach alternativen Standorten zu suchen als richtig und fordert vom Großeigentümer die kurzfristige Vorlage eines realistischen Sanierungskonzeptes. Gleichzeitig muss sich die Landeshauptstadt Hannover ihrer sozialen Verantwortung bewusst sein: Ein Abriss des Ihme-Zentrums ist keine Alternative. Um die infrastrukturellen und juristischen Probleme im Quartier zu lösen, fordert der Verein eine formelle, vorbereitende Untersuchung, die im Stadtrat beschlossen werden muss.

Wir wünschen uns von den Mitgliedern im Stadtrat eine Entscheidung FÜR die im Städtebaurecht verankerte, sogenannte vorbereitende Untersuchung im Ihme-Zentrum. Dies kommt einer Inventur aller Missstände im Quartier gleich – sowohl auf der baulichen und technischen Ebene als auch bei den schwierigen Eigentumsverhältnissen.

Gleichzeitig fordern wir den Großeigentümer auf, endlich seine Planung mit konkreten Zeitschritten für die Sanierung des Gebäudebestandes vorzulegen, damit sowohl die Stadt als Mieterin, als auch die mehr als 2.500 Bewohner Klarheit über ihre Zukunft bekommen“, schreiben die beiden Mitglieder des Vereins, Karin Kellner und Gerd Runge.

Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum fordert vorbereitende Untersuchung