Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Gentrifizierung

„Es ist völlig unklar, was Intown umsetzen wird“

Der Großkomplex Hannibal 2 in Dortmund. Foto: Mieterverein Dortmund

Der Fall des Dortmunder Hochhauses Hannibal 2 geht seit Monaten durch die Presse in ganz Deutschland: Im September wurde das Gebäude, das mit Intown dem gleichen Großeigentümer wie beim Ihme-Zentrum und Ex-Maritim Hotel in Hannover gehört, innerhalb weniger Stunden mieterfrei. Tobias Scholz vom Mieterverein Dortmund erklärt im Interview, wie Intown in Dortmund agiert. Am 17. März ist Scholz mit weiteren Betroffenen von Intown aus anderen Städten zu Gast in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum.

Was macht Intown in Dortmund seitdem das Unternehmen dort Immobilien besitzt?
Wir kennen Intown über die in Berlin ansässige Objektgesellschaft Lütticher 49 Properties GmbH seit dem Dezember 2011. Damals wurde das Hochhaus Hannibal 2 mit 412 Wohnungen in Dortmund-Dorstfeld im Rahmen der Zwangsversteigerung in einer Bieterschlacht zu einem Preis von 7 Millionen Euro (Verkehrswert 3,7 Mio. Euro) erworben. Das Gebäude hatte zum damaligen Zeitpunkt einen riesigen Instandsetzungsstau und einen Leerstand von knapp 120 Wohnungen. Der Name Intown existierte damals noch nicht, zumindestens nicht in der Öffentlichkeit. Verknüpfungen konnten nur über die gleiche Geschäftsanschrift in Berlin und identische Personen in der Geschäftsführung gefunden werden. So erwarb die Intown-Gruppe  2015 ein Problemhaus-Portfolio in der Dortmunder Nordstadt. Über Immobilienanzeigen im Internet kann auch eine Reihe von Büro- und Handelsimmobilien in der Dortmunder City gefunden werden, die in Teilen große Leerstände aufweisen.

Gibt es besonders krasse Fälle?
Ja, die bereits erwähnte Wohnanlage Hannibal 2. Und diese war bereits vor der Räumung durch die Stadt Dortmund wegen unabweisbarer Brandschutzmängel im September 2017 ein krasser Fall. Instandhaltungsstau und Wohnungsmängel haben den Mietern das Leben schwer gemacht. Beispielhaft waren die immer wiederkehrenden Aufzugsausfälle. 2015 hat ein Mieter nach wiederholten Ausfällen erfolgreich auf die Instandsetzung des Aufzuges geklagt. Der Aufzug wurde erneuert. Die Aufzüge in den sieben anderen Häusern hätten es auch dringend nötig, wurden jedoch bisher nicht erneuert. Wir haben immer wieder beobachten können, wie neue Mieter erst begeistert von den Maisonette-Wohnungen und der Aussicht waren. Dann aber mit Wohnungsmängeln oder hohen Betriebskostennachzahlungen in unsere Rechtsberatung gekommen sind und den Hannibal wieder verlassen haben bzw. wieder ausziehen wollten– soweit der angespannte Wohnungsmarkt das zugelassen hat. Es gibt aber auch langjährige Mieterinnen und Mieter, die viel in die Renovierung ihrer Wohnungen investiert haben und dem Hannibal seit über 20 oder sogar 30 Jahre treu geblieben sind.

Der Großkomplex Hannibal 2 in Dortmund. Foto: Mieterverein Dortmund

Und im vergangenen Jahr ist das Ganze dann eskaliert?
Die Unbewohnbarkeitserklärung wegen der Brandschutzmängel durch die Stadt Dortmund hat dann eine Steigerung dargestellt, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Das Gebäude ist jetzt seit über einem halben Jahr unbewohnbar. Die Vielzahl der Verstöße beim Brandschutz im Gebäude ist erschreckend. Im Falle eines Brandes hätten selbst die Sicherheitstreppenräume und damit der Fluchtweg verrauchen können. Die dortigen Steigleitungen für Löschwasser seien nicht funktionsfähig. Es existieren weiterhin Brandschutzmängel an den kombinierten Lüftungs- und Versorgungsschächten. Über diese, aber auch über die Aufzugsschächte und nicht genehmigte, vertikale Durchbrüche zwischen den Technikräumen könnte sich Rauch über die Etagen ausbreiten. Wie Intown daher zu der Bewertung kommen konnte, im Bereich Brandschutz gäbe es keinen Handlungsbedarf, erschließt sich uns nicht. Mehr Infos gibt der Artikel „Schacht matt im Hannibal“ in den Ruhrnachrichten und das aktuelle Heft unserer Mieterzeitung.

Was ist Intown für Sie? Ein Investor oder ein Spekulant?
Die Investoren im Hintergrund scheinen Immobilien mit vielen Herausforderungen nicht abzuschrecken. Ganz im Gegenteil, wenn man sich das Portfolio und Ankäufe aus den vergangenen Jahren deutschlandweit ansieht. Dies scheint ja das Geschäftsmodell zu sein: Ob opportunistischer Investor oder Spekulant besser passt, ist zweitrangig. Es sind zwei Seiten einer Medaille. Intown hat vergangene Woche angekündigt, im Sommer 2018 eine Baugenehmigung für eine Sanierung des Gebäudes einzureichen und die Sanierung bereits Ende 2019 / Angang 2020 abzuschließen. Noch ist völlig unklar, welche Maßnahmen Intown am Gebäude umsetzen will. Wir informieren hier laufend zu den aktuellen Entwicklungen.

Tobias Scholz vom Mieterverein Dortmund wird mit weiteren Intown-Betroffenen am 17. März in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum von seinen Erfahrungen berichten. Zur Einführung wird Professor Andrej Holm, Experte für Stadtentwicklung, über aktuelle Herausforderungen berichten. Los geht es um 14 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Um Anmeldung per E-Mail wird gebeten. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Reihe #ihmezentrum2025 statt, die vom Innovationsfonds Landeshauptstadt Hannover gefördert wird. Weitere Kooperationspartner bei der Veranstaltung sind die Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen und h1.

Ist der Ihme-Zentrum-Großeigentümer Intown ein Investor oder ein Spekulant?

Seit rund drei Jahren besitzt das Immobilienunternehmen Intown mehr als 80 Prozent des Ihme-Zentrums. Wird die Firma das Quartier umbauen und eine positive Wende in der bewegten Geschichte von Das Ihme-Zentrum bringen? Oder ist Intown ein Spekulant, der die Bewohner und die Mieter im Stich lassen wird?

Wir haben Betroffene und Mieter von Intown aus Städten wie Dortmund oder Schwerin eingeladen, damit sie von ihren Erfahrungen mit dem Unternehmen berichten.

Für den Überblick wird Andrej Holm einen Einführungsvortrag über Stadtentwicklung und Immobilienspekulation halten. Im Anschluss gibt es eine Podiumsdiskussion.

Intown – Investor oder Spekulant?
Samstag, 17. März, 14 Uhr
Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Ihmeplatz 7e
Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten
Die Sitzplätze sind limitiert. Daher bitte per E-Mail an mail(at)ihmezentrum(.)org anmelden
Die Veranstaltung wird gefilmt, das Video später kostenlos online gestellt

Diese Veranstaltung findet im Rahmen von #ihmezentrum2025 statt. Bei der Event-Reihe geht es um eine positive und konstruktive Zukunft des Quartiers. Sie wird durch den Innovationsfonds des Kulturbüros der Landeshauptstadt Hannover gefördert. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen ist eine weitere Kooperationspartnerin.

 

Mai 2016 – Das Ihmezentrum als Park?

Ein Garten auf dem Dach: Architekt Felix Rebers hat für die Dokumentation

Ein Garten auf dem Dach: Architekt Felix Rebers hat für die Dokumentation „Das Ihmezentrum – Traum Ruine Zukunft“ Illustrationen gemacht, die das Potenzial aufzeigen.

Grün gehört zu einer funktionierenden Stadt dazu. Für die Amerikanistin Annabel Friedrichs gibt es genügend Beispiele, wie Gärten eine Stadt verschönern und verbessern können. Auch beim Ihmezentrum sieht sie viel Potenzial.

Hannover verfügt nicht nur über den größten Betonkomplex, sondern auch über den größten Stadtwald Europas. Grau und Grün – ist das womöglich vereinbar? Die Idee eines urbanen Gartens macht es vor: Blumenkübel statt Betonkomplex, warum also nicht auch Park statt Parken?

Beispiele für die Umnutzung von ähnlichen innerstädtischen Flächen gibt es zuhauf: Da wäre die New Yorker High Line. Die ehemalige Hochbahntrasse, auf der bis kurz vor der Stilllegung Truthahn transportiert wurde, in Manhattans Lower West Side steht für eine neue Parkbewegung: Brach liegende, postindustrielle Betonwüsten werden kreativ wiederbelebt und „recycelt“ zu nachhaltig geprägten öffentlichen Plätzen. Ganz im Sinne des New Urbanism steht neben innerstädtischer Begrünung auch Fußgängerfreundlichkeit im Fokus.

Park statt Leerstand?

Park statt Leerstand?

Das Bild von Natur, welches Parks wie die High Line (oder das Gegenstück im verlassenen U-Bahn-Tunnel, die Lowline) vermitteln, könnte aktueller nicht sein: Wir ziehen zurück in die Städte, kaufen Bio auf dem Stadtteilmarkt, ernähren uns Paleo und wollen inmitten der Großstadt unseren Dschungel. Das Ihmezentrum bietet (und das mitten in der Stadt!) zahlreiche Fassaden und offene Ebenen, die mit ihrer Größe und Lage ideal für diesen Großstadtdschungel, im Sinne einer Umnutzung als öffentliche Grünfläche, geeignet sind. Platz für einen Laden, in dem lokale Produkte aus Urban Gardening-Aktionen (Wie wäre es mit Ihmezentrum-Kartoffeln?) verkauft werden, ist auch noch.

Und doch ist dieses nahezu ländliche Bild von innerstädtischer Natur inmitten eines gescheiterten Großstadtprojekts auch kritisch zu betrachten. So bezeichnet Jeremiah Moss in seinem Blog Vanishing New York die High Line etwa als den „Auslöser für die schnellste Gentrifizierung in der Geschichte New Yorks“, hier sogar im Spezialfall einer grünen Gentrifizierung – oder wie Blogger Eric Jaffe schreibt: Ein schicker Park zieht ein, und einkommensschwächere Anwohnende ziehen aus.

Nun ist Hannover nicht New York, Linden nicht der Meatpacking District und das Ihmezentrum keine begrünte Hochbahntrasse umringt von Millionen-Dollar Lofts im Industrieschick. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass rund um das Ihmezentrum schon heute ein Gentrifizierungsprozess stattfindet, der in Zukunft noch an Fahrt aufnehmen dürfte.

Grün statt grau: Felix Rebers hat aus dem ehemaligen Einkaufszentrum einen Wald gemacht.

Grün statt grau: Felix Rebers hat aus dem ehemaligen Einkaufszentrum einen Wald gemacht.

Denkt man das Szenario weiter, kann man schon fast von einem Dilemma sprechen: Wir wollen Grün. Mitten in der Stadt. Wir wollen aber auch sozial verträglichen und bezahlbaren Wohnraum. Sind Parks ein zweischneidiges Schwert, welches die Nutzer von Parks in eine Zweiklassengesellschaft zerschneidet? Parklage nur gegen Prunkanlage?

Es ist eine Frage von Environmental Justice: Parks werten einen Stadtteil ästhetisch auf und wirken wie Luftfilter. Andererseits verdrängen steigende Immobilienpreise die mit dieser grünen Verbesserungsmaßnahme anvisierten Anwohnenden. Der Ansatz mit dem Namen Just Green Enough, erfunden von Winifred Curran und Trina Hamilton, könnte Abhilfe schaffen durch verschiedene Abstufungen von Grün. Das heißt, ein neuer Park muss nicht gleich den neuesten teuren Öko-Standards entsprechen. Und Designerparkbänke braucht auch keiner. Im Beispiel des Ihmezentrums hieße das: Statt schicker Promenade am Ihmeufer lieber Gemeinschaftsgärtnern mit Anwohnenden.

Ebenso wichtig ist aber auch eine Miteinbeziehung aller möglichen (Konflikt-)Parteien in einem transparenten Partizipations- und Gestaltungsprozess. Ob das Ihmezentrum nun irgendwann mal einen Park beherbergt oder einfach Flächen für urbanes Gärtnern schafft: Fragen der Freiraumpolitik und die Vereinbarung verschiedener Interessengruppen spielen bei jedem Wandel eine Rolle.

 

Annabel Friedrichs

Annabel Friedrichs studiert im Master Advanced Anglophone Studies an der Leibniz Universität Hannover und forscht zu urbaner Natur und (neuen) Parks und Parkformen in New York. Für sie ist der Zugang zu innerstädtischem Grün keine Frage von Einkommen und Wohnlage, sondern ein Grundrecht für alle Stadtbewohner und ein wichtiger Pfeiler der Stadt der Zukunft.

Die Illustrationen hat der Architekt Felix Rebers für die Dokumentation „Das Ihmezentrum – Traum Ruine Zukunft“ hergestellt. Er träumt von einem Wald unter dem Ihmezentrum. Mehr dazu in der Doku. 

Mai 2015 – Das Ihme-Zentrum wird zur Theaterbühne

Das Ihme-Zentrum wird zur Theaterbühne

Am 30. Mai zeigt das Ensemble des Theaters an der Glocksee ein besonderes Stück: Die Balkone des Ihme-Zentrums, der gesamte Uferbereich und der Park werden zum Set. Los geht es um 16 Uhr. Ich habe mit Lena vom Theater gesprochen, was sie genau vor hat und warum das Ihme-Zentrum aus Sicht der Künstlerinnen so wichtig ist.

Was habt ihr als Theater genau vor?
Wir probieren von Mai bis Juli ein neues Format mit dem Übertitel WILDWECHSEL. Wir wollen neue andere Theaterformen ausprobieren und den öffentlichen Raum zurückerobern. Dafür habe ich mir Unterstützung von zwei Kolleginnen aus Hamburg und Berlin geholt. Als „Das wundersame Akitonsbündnis der Tante Trottoir“ haben wir uns vorgenommen, jeden Samstag im Mai eine Aktion in Hannover zu starten, mal politisch, mal poetisch motiviert. Für den 30. Mai haben wir uns das Ihme-Zentrum als Objekt vorgenommen, das wir von 16 bis 18 Uhr bespielen wollen. Unser Überthema ist (bisher) „Titanic – der Film“. Wobei die Ihme zum weiten Meer und das Ihme-Zentrum zum Schiff wird. Es wird kein durchinszeniertes Stück, sondern eine Performance, die wir vom anderen Ihme-Ufer unterhalb der Glocksee als „Regie-Tanten“ anleiten werden. Vielleicht kann man sich das als Live-Filmdreh vorstellen, an dem auch die Regisseurinnen verzweifeln, weil natürlich nicht alles so läuft, wie man will. Wir sind selber Teil der Performance. Es wird sowohl eingeweihte Bewohner geben, als auch zufällige Situationen am anderen Ufer, die wir für uns umwandeln wollen. Es wird eine Blaskapelle geben und Gesang vom Balkon.

Wasser und Brutalismus 1

Was können die Bewohner machen, um euch zu unterstützen?
Wer einen Balkon hat, der von der Glocksee-Seite gut zu sehen ist, kann sich bei uns melden unter info(at)theater-an-der-glocksee.de oder (05 11) 1 61 39 36. Von dort aus kann man in das Geschehen mit eingebunden werden. Zum Beispiel mit einem Banner, der vom Balkon hängt oder einer Fahne, die geschwenkt wird – wenn man möchte. Man kann aber auch nur den Ort zur Verfügung stellen, z.B für eine Sängerin. Die Bewohner können auch anonym bleiben. Außerdem kann man am Samstag von 16 bis 18 Uhr aus dem Fenster schauen, winken und als Passagier der Titanic agieren, Seifenblasen pusten, mit Taschentüchern winken oder ähnliches. Hierbei verbieten sich rassistische, sexistische, sich selbst und sich selbst und andere gefährdende Aktionen von selbst. Anweisungen gibt es auch per Zuruf von den „Regie-Tanten“ am anderen Ufer.

Warum ist das Ihme-Zentrum für euch ein geeigneter Rahmen für eine Theater-Performance?
Es ist ein geliebt-gehasster Ort für viele Hannoveraner. Für uns ist es alltägliche Kulisse, im Zusammenhang mit dem oft dreckigen Glocksee-Areal wirkt es auch teilweise abschreckend auf Besucher, die sich Theater immer an einem anderen Ort vorstellen als an diesem. Seit ich mich mit dem Gebäude näher beschäftige, habe ich es auf eine schräge Art lieb gewonnen. So geht es uns doch mit vielen Dingen im Leben, oder? Was man liebgewinnt, das will man von nun an auch anders bewahren und spürt eine andere Verantwortung in sich. Das wir nun das Thema Titanic genommen haben, bezieht sich auch auf den Hochmut zu Zeiten des Erbauens, seine Größe, die Hoffnung, die hineingesteckt wurden als Stadt in der Stadt, die Kosten und nun der „Bausünde“-Stempel und das „Wrack“, dass es von außen, und in den unteren Ebenen auch von innen, ist. Aber wir werden am 30. Mai unser eigenes Drehbuch schreiben und – versprochen – das Ihmezentrum wird nicht untergehen. Ich denke, es würde sich wohl auch strikt weigern.

Wasser und Brutalismus 2

Welches Potenzial hat der Komplex für euch als Kulturschaffende?
Ein großes. Ehrlich gesagt wundert es mich, dass es nicht viel mehr Aktionen wie die unsrige gibt. Vielleicht habe ich sie auch nicht mitbekommen. Berliner Freunde flippen jedes Mal im positiven Sinne aus, wenn sie das Ihme-Zentrum sehen. Bühnenbildner jubilieren, Fotografen juchzen aufgrund dieser vermeintlichen Anti-Schönheit an der Ihme, in der sie vielleicht eine Wahrheit, ein Scheitern, eine Zerissenheit und eine Sturheit erkennen, die sie anrührt. Der Hannoveraner verbindet eine andere Geschichte mit dem Zentrum und vielleicht etwas weniger Selbstbewusstsein im Hinblick auf das Potenzial des Gebäudes. Oder man ist des Kampfes müde, was ich auch verstehen kann.

Künstler sind oft die ersten, die sich in Stadtgebieten ansiedeln, die nicht mehr gut angesehen sind oder es vielleicht noch nie waren. Das kann man in vielen Städten beobachten. Vielleicht liegt das am fehlenden Euro in der Tasche – oder an einem Blick auf die Dinge, der nicht nur sieht, was NICHT möglich ist, sondern, was MÖGLICH ist. Sie setzen sich über Unbequemlichkeiten hinweg, sie nehmen Dinge nicht hin, sondern probieren, Neues zu (er)-schaffen. Sie machen diese Stadtteile wieder urbar. Es folgen Cafés, Klubs, Zuschauer, Mieter usw. Das darauf immer eine Gentrifizierung folgt, muss ja nicht zum Naturgesetz werden, wenn wir es nicht wollen.

Wir alle können viel mehr bewirken als wir glauben, oft sind wir nur viel zu eingeschüchtert aufgrund der Größe der Welt und ihrer Probleme. Bei so etwas Großem und Komplexem wie dem Ihme-Zentrum legen wir lieber die Hände in den Schoß, da fühlt man sich geradezu ohnmächtig. Dabei war es auch mal nur eine Idee in einem Kopf…

Februar 2015 – „Das bräuchte ein Konzept und Mut“

Reihenhaus vor Hochhaus

Nils Wintering hat jahrelang im Ihme-Zentrum gewohnt und ist auch heute noch Fan. Hier erzählt er, warum er trotzdem ausgezogen ist, welche Chancen er sieht für den Klotz und warum die Kultur die Rettung sein könnte.

Nils, warum bist du damals ins Ihme-Zentrum gezogen?
Ich bin 2010 mit meiner damaligen Freundin eingezogen. Die studierte zu der Zeit Architektur und wollte unbedingt darin wohnen. Ich hatte selbst bis dahin nicht so ein großes Verhältnis zum Zentrum – obwohl ich Hannoveraner bin. Am Anfang wollte ich das Leben darin vor allem auch ausprobieren.

Und? Hat es dir gefallen?
Ja, ich war lange Zeit großer Fan und bin es vom Äußeren immer noch. Ich habe insgesamt vier Jahre im elften Stock am Ihmeplatz 1 gewohnt. Das war spannend. Und dank meiner damaligen Freundin konnte ich so auch viel über Architektur lernen und warum das Zentrum einmal so gebaut wurde.

Warum hast du dich dann entschieden, auszuziehen?
Einmal wollte ich nicht mehr jeden Tag meinen Arbeitsplatz, das Theater am Küchengarten vom Fenster aus sehen können. Und dann hat sich die Situation geändert, als ein neuer Hausverwalter kam.

Warum? Was hat sich dadurch für dich verändert?
Als wir eingezogen sind, mussten wir noch Schufa-Einträge und lauter Formulare vorweisen. Doch dann durften – aus meiner Sicht – alle möglichen Menschen einziehen. Auch solche, die, vorsichtig gesagt, schwierig sind. Die Stimmung im Haus ist klar gekippt. Es sind viele Verrückte eingezogen.

Wie siehst du denn generell die Chancen des Zentrums?
Ich sehe da Schwierigkeiten bei der Wiederbelebung. Wenn ein neuer Investor kommen würde, müsste er nicht nur den Klotz sanieren, sondern auch noch gegen den schlechten Ruf ankommen. Was schwieriger ist, weiß ich nicht. Die Stadt aber hat auf jeden Fall einen großen Anteil an der Außenwirkung des Ihme-Zentrums. Und die übernimmt sie nicht. Im Endeffekt sehe ich leider nur einen Weg, der vielleicht radikal wäre, aber bezahlbar: Eine striktere Mieterpolitik und die Einsetzung des Ihme-Zentrum als neues Kunst-Kultur-Zentrum. Jeder, der sich mit Gentrifizierung auskennt, weiß: Ist erst einmal der Künstler da, will der Gutbetuchte da auch irgendwann hin. Aber das bräuchte alles ein Konzept und vor allem Mut.

Nils WinteringNils Wintering kümmert sich um Hannovers Kulturszene, indem er das tolle Theater am Küchengarten leitet.

Dezember 2014 – „Der schlafende Drache“

nachts

Jan Fischer ist Journalist und Autor und hat einen tollen Artikel und eine Kurzgeschichte über das Ihme-Zentrum geschrieben. Ich habe mich mit ihm über die spannenden Seiten des Komplexes unterhalten. Ein Interview über gescheiterte Utopien, die Chancen durch Kultur und eine mögliche Zukunftsperspektive.

Jan, was macht das Ihme-Zentrum für dich als Journalisten und Autoren so spannend?
Es ist ein verdammt beeindruckendes Gebäude, in jeder Hinsicht. Ich finde das Zentrum faszinierend. Und jeder in Hannover kennt es und hat eine Geschichte oder Legende darüber zu erzählen. Es wirkt dabei wie in einer anderen Realität. Komplett anders als der Rest des Stadtteils drumherum.

Könntest du dir vorstellen, selbst da zu wohnen?
Ja. Als ich vor ein paar Jahren nach Hannover zog, habe ich mir sogar auch eine Wohnung angeschaut – sie war aber zu klein. Dafür hatte sie eine beheizbare Wanne – das war damals
modern.

Du wohnst in Linden-Nord. Welche Rolle spielt das Zentrum in deinem Alltag?
Ich fahre daran immer vorbei. Und ich habe mich dort öfter umgeschaut und mir den Verfall angesehen. Als ich im ehemaligen Einkaufszentrum stand, dachte ich, ich muss da etwas drüber machen.

Du hast ja auch eine Kurzgeschichte darüber geschrieben, die wirkt sogar ein wenig düster.
Ja, ich habe mich da sicher ein wenig von H. P. Lovecraft inspirieren lassen. Für mich ist das Ihme-Zentrum ein schlafender Drache. Man hat ein wenig Angst, dass er wach wird.

Die Geschichte des Zentrums ist ja komplex, wie hast du dich damals auf deine Reportage vorbereitet?
Ich habe mich viel mit der Stadtplanung beschäftigt. Hannover ist ja nach dem Zweiten Weltkrieg als „Autogerechte Stadt“ geplant worden, was klar in die Hose gegangen ist. Doch die Ideen hinter dem Zentrum waren damals super. Die Planer haben sich viele moderne Konzepte angeschaut – ein Einkaufszentrum unten, und darüber Wohnraum für Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten. Es hat niemand was richtig falsch gemacht damit. Doch dann wendete sich die Stimmung, und der Aufbruch in die Zukunft ist völlig schief gegangen. Das sieht man ja auch gut auf der Seite der Bürgerinitiative, wo man ja generell viele Informationen findet.

Wo siehst du denn das Potenzial für das Ihme-Zentrum?
Ich habe mich für den Artikel mit ein Künstler unterhalten, der meinte, dass man das Zentrum in ein autonomens, sich selbst versorgendes Stadtviertel umbauen sollte. Mit Gärten, Solarzellen und eigener Wasserversorgunf. Aber ich weiß nicht, ob sowas funktioniert. Und teuer wäre es ja auch.
Ich finde aber, dass man im jetzigen Zustand dort Theater oder einen Technoklub machen sollte. Einfach zwei Berghain-DJs einfliegen lassen, eine fette Anlage – und fertig. Die Ästhetik gibt das einfach her. Und der Platz ist ja da. In anderen Städten funktioniert so etwas ja auch!

Meinst du denn, dass sich auf lange Sicht etwas ändern wird?
Das muss es ja! Linden wird drumherum gerade so gentrifiziert, dass wir den Platz im Zentrum in absehbarer Zukunft brauchen werden. Und dann wäre es besser, wenn jemand mit Ideen das in die Hand nimmt. Und niemand, der nur schnell Geld verdienen will.

Jan Fischer

Jan Fischer schreibt einen Blog und twittert unter @nichtsneues.