Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Geld

„Die Stadt hat beim Ihme-Zentrum eine moralische Verantwortung“

Die Landeshauptstadt will den Bauantrag von Großeigentümer Intown schnell bearbeiten. Die Reaktion darauf sind bei den Bewohnern des Ihme-Zentrums gemischt. Thomas Ganskow, Haussprecher und Sprecher der Bürgerinitiative Linden Ihme-Zentrum begrüßt die Entscheidung, wünscht sich aber mehr Kommunikation Einsatz der Politik für das Quartier.

Wie schätzt du die generelle Situation derzeit im Ihme-Zentrum ein?
Ernst, aber nicht hoffnungslos. Der eingereichte Bauantrag für die Fassade entlang der Blumenauer Straße steht kurz vor seiner Genehmigung. Jetzt ist es am Großeigentümer, Anträge für die Umsetzung der Baumaßnahme einzureichen, die auch in der Wohnungseigentümerschaft akzeptabel sind. Denn eines ist klar: Was wir noch weniger als Stillstand brauchen können, ist eine halb angefangene Fassade, die dann möglicherweise aus welchen Gründen auch immer nicht zuende geführt wird. Insofern ist es unabdingbar, dass entsprechende Sicherheiten zur Fertigstellung gegeben werden. Dies auszuhandeln ist Sache der Anwälte der Wohnungseigentümer und des Großeigentümers.

Im Sommer wurde bekannt, dass das Bundesbauministerium rund 2 Millionen Euro für das Ihme-Zentrum verwenden will. Was ist seitdem passiert? Wurdet ihr Bewohner informiert? Gab es eine Meinungsbildung?
Alles, was hilft, die Attraktivität des Ihme-Zentrums zu steigern, wird von der BLIZ begrüßt. Eine wie von der Stadt angedachte Durchwegung von der Blumenauer Straße zur Ida-Arenhold-Brücke gehört dazu. Es liegt in der Verantwortung der Stadt, auf die Eigentümergemeinschaft zuzugehen und ihre Pläne vorzustellen. Wo Gemeinschaftseigentum bei Bau oder Nutzung der Durchwegung betroffen ist, sind von Seiten der Stadt – die ja nach wie vor Eigentümerrechte im Ihme-Zentrum besitzt – entsprechende Anträge an die Eigentümergemeinschaft zu stellen. Diesbezüglich ist man auf städtischer Seite wohl auf gutem Weg.

Wie bewertest du den Einsatz der Stadt für das Ihme-Zentrum?
Die Stadt kann de facto nicht viel tun. Sie ist eigentumsrechtlich ein Kleineigentümer, wie die allermeisten Wohnungseigentümer auch. Aber sie hat eine moralische Verantwortung, da sie mit der Zustimmung zum Verkauf des Stadtwerkehauses stimmrechtliche Einflussmöglichkeiten aus der Hand gegeben hat. Auch sollte sie sich endlich zu ihrer Verantwortung für den Ihmeuferweg als öffentlichem Weg gemäß den Bestimmungen im Stadtmittevertrag bekennen. Da ein Teil der oben angesprochenen Durchwegung über den Ihmeuferweg führen muss, ist hier ein Ansatzpunkt. Um Irritationen wie bei den Fördermitteln der Durchwegung zu vermeiden, sollte die Verwaltung offensiver das Gespräch mit den Wohnungseigentümern suchen und nicht nur – wenn überhaupt – mit dem Großeigentümer.

Bedenkt man, dass die Genehmigung des Bauantrages für die Fassade entlang der Blumenauer Straße in für Verwaltungsarbeit sehr kurzer Zeit seit Antragstellung jetzt kurz vor dem Abschluss steht, sieht man auf jeden Fall das Bemühen der Stadt, dass ihrerseits keine Verzögerungen eintreten. Dies wird sicher auch bei den rechtlichen Genehmigungen für die eigentlichen Umbaumaßnahmen ihr Ziel sein. Damit tut sie das, was in ihrer Macht steht.

Wie schätzt die Intown ein?
Intown ist ein auf Gewinne abzielendes Unternehmen. Damit ist klar, dass etwas passieren muss. Denn nur wenn aus dem Eigentümer ein wirklicher Investor wird, bestehen Chancen auf Einnahmen, die neben einer Refinanzierung auch einen Gewinn abwerfen. Genauso wie klar ist, dass die vielen Ideen zu einer Gestaltung des Ihme-Zentrums unter dieser Prämisse stehen müssen. Nichts wird getan werden, nur weil es schön oder gewünscht ist. Es muss sich zusätzlich für einen Investor rechnen. Darüber muss sich jeder klar sein, der Ideen entwickelt.

Wie ist die Stimmung unter den Haussprecherinnen und Haussprechern?
Hier kann ich natürlich nur für mich sprechen. Ich denke, dass in den vorherigen Antworten klar geworden ist, dass man das Ihme-Zentrum nach wie vor als Chance sehen kann für alle Beteiligten. Sofern aus Worten Taten werden und das, was noch vor Jahresfrist angekündigt wurde, auch Umsetzung findet.

Thomas Ganskow wohnt seit 1990 im Ihme-Zentrum und ist seit 1995 Sprecher einer kleinen Eigentümergemeinschaft und somit Vertreter dieser im Gesamtsprechergremium, das die Sprecher aller Häuser vereint. Sprecher der BLIZ seit 2015.

Dieses Interview entstand im Rahmen der Netzwerk-Recherche-Projektförderung Grow. In dem Projekt erforschen Constantin Alexander und weitere, wie hyperlokaler, konstruktiver und nachhaltig verwalteter Journalismus funktionieren kann. Die Ergebnisse werden auf der Netzwerk-Recherchere-Jahreskonferenz am 29./30. Juni 2018 beim NDR in Hamburg und bei der Veranstaltungsreihe #ihmezentrum2025 im Frühjahr 2018 vorgestellt.

Juli 2017 – Schweriner gründen Initiative gegen Intown

Kaputte Heizungen, immer wieder Wasserrohrbrüche, kaputte Fahrstühle, Brandstiftungen und kein wirkliches Konzept – seitdem Ihme-Zentrums-Großeigentümer Intown in Schwerin Wohnungen betreibt, leiden Tausende Menschen. Maik Schoefer von der Intown-Mieterinitiative Schwerin erklärt im Interview, wie schlimm die Situation vor Ort ist und warum er wenig Hoffnung hat.

In Schwerin hat sich in den vergangenen Monat eine Mietergruppe gegründet, bestehend aus Betroffenen von Intown-Wohnungen. Was genau ist bei euch los?
Intown besitzt etwa 1.200 Wohnungen in Schwerin. 1040 davon haben sie 2015 von der städtischen Wohnungsgesellschaft WGS übernommen. Es handelt sich dabei fast ausschließlich um Plattenbauten, viele von ihnen in einem sehr maroden Zustand. Einige Blöcke stehen leer.

Wie ist Intown damals aufgetreten?
Sie haben insgesamt rund 5,5 Millionen Euro für die Wohnungen bezahlt, pro Quadratmeter sind das etwas mehr als 100 Euro. Der niedrige Kaufpreis hängt mit dem baulich schlechten Zustand und der angeschlagenen Finanzlage der WGS zusammen. Zudem verursachten die Immobilien hohe Betriebskosten – aufgrund des Leerstandes und der häufig austretenden Probleme mit der Haustechnik. Die Wohnungsgesellschaft fühlte sich gezwungen, deshalb zu verkaufen. Und sie hatten quasi keine Wahl, an wen sie es verkaufen.
Jedoch war die WGS der Meinung, dass man mit Intown einen zuverlässigen und starken Partner gefunden hatte. Es wurde eine Art Sozialcharta und Verpflichtungen zur Modernisierung mit den den Kaufvertrag aufgenommen.

Gab es Auflagen von Seiten der Politik für den Verkauf?
Ja. Wie bereits erwähnt, gibt es wohl eine Sozialcharta. Zudem hat sich Intown verpflichtet, die Wohnungen zehn Jahre im Bestand zu halten und Investitionen in einer bestimmten Höhe zu tätigen. Nach fünf Jahre muss eine Summe X investiert sein und nach zehn Jahren eine Summe Y. Wenn sie das nicht einhalten, müssen sie erhebliche Strafen zahlen. Interessant wäre, einmal den Kaufvertrag lesen zu können, ob tatsächlich diese Vereinbarungen festgehalten sind.

Die Miete für die Bewohner zahlt überwiegend die Arbeitsagentur. Ein sicheres Geschäft.

Und was genau ist seitdem passiert?
Quasi nichts Gutes. Seitdem Intown diese Wohnungen besitzt, kam es immer wieder zu schlimmen Havarien. Im Winter sind in mehreren Blöcken Heizungen ausgefallen und wurden teils erst Wochen später repariert. Es gibt immer wieder Wasserrohrbrüche, die nur behelfsmäßig repariert werden. Auf Anfragen von Mietern wird generell mit einem „Wir kümmern uns drum“ geantwortet. Sanierungsmaßnahmen wurden bis jetzt nicht getroffen.

Wie wird das begründet?
Zu den Vorwürfen der Mieter das Intown sich um Heizungsausfälle nicht kümmere, hieß es das es Sabotage gabt. Jeder Vorwurf, den es von Mietern gab, wurde auf Fehler anderer geschoben: Intown hätte sein Job gemacht. Ich persönlich glaube Intown kein Wort. Es geht nur um Rendite auf Kosten der Mieter.

Und wie fühlt sich das Ganze für die Menschen vor Ort an?
Ich persönlich würde es als menschenunwürdiges Wohnen bezeichnen. In meinem Block kam es in kürzester Zeit zu zwei schweren Bränden, wobei einer vorsätzlich gelegt wurde. Dadurch ist die Haustechnik kaputt gegangen. Dadurch konnte der Fahrstuhl fast zwei Monate nicht benutzt werden. Besonders für ältere Menschen ist das kritisch. Es gibt Bewohner die wohnen im 5 Obergeschoss und sind körperlich beeinträchtigt. Für Sie waren die 2 Monate ohne Fahrstuhl eine Tortur, allein wenn es nur um den Einkauf ging. In anderen Bereichen regnet es rein, in Lüftungsschächten schimmelt es, die Lichter auf den langen Fluren funktionierten über einem Monat nicht, und die Gegensprechanlagen sind seit einem dreiviertel Jahr defekt und werden einfach nicht repariert. Das führt dazu, dass Pflegedienste nicht zu den älteren Menschen kommen, die auf Betreuung angewiesen sind oder das die Eingänge von den Häusern offen stehen und dadurch für jeden zugänglich sind.

In der ZDF Sendung „Frontal21“ wird das Geschäftsgebaren von Intown in Schwerin und in anderen Städten thematisiert. Die Sendung ist aktuell noch in der Mediathek anzuschauen. (Stand: 4.7.2017)

Wie ist denn generell die Mietpolitik von Intown?
Es stehen mehrere Blöcke leer, die saniert werden sollen. Im Internet findet man teilweise auch schon Angebote dafür, für 8 Euro den Quadratmeter. Angesichts des Mietniveaus hier in der Stadt ist das untragbar für die bisherigen Bewohner. Auch werden die Wohnungen an Geflüchtete vergeben. Da Intown, neben der WGS, das einzige große Wohnungsunternehmen in Schwerin ist, dass noch an Flüchtlinge mit Bleiberecht vermietet.

In den Wohnungen in Schwerin leben überwiegend finanziell schwache Mieter.

Gibt es so etwas wie ein Konzept?
Es gibt ein Sanierungskonzept und einen Entwurf von einem Architekturbüro, doch dies wurde nur in einer geschlossenen Sitzung vorgestellt. Nur auf erheblichen Druck wurden überhaupt zwei Vertreter unserer Mietergemeinschaft eingeladen.

Ihr habt ja eine Mietergemeinschaft gegründet. Wie ist denn die Zusammenarbeit mit Intown?
Die Mieter werden generell vertröstet. Erst seitdem die Medien über die unhaltbaren Zustände berichten, wird hier langsam reagiert.

Und die Politik? Wie behandeln die Parteien das Thema?
Seitdem es Druck gibt von den Mietern und das Thema in den Medien ist, gibt es immer wieder Aufforderungen seitens zweier Fraktionen, die sich für die Mieter einsetzen. Zudem bietet die städtische Wohnungsgesellschaft den Bewohnern der Intown-Häuser ganz unbürokratisch Unterstützung an. Wer sich dort meldet, bekommt innerhalb kürzester Zeit eine Ausweichswohnung. Eine Mietminderung können die Bewohner jedoch nur selbst beantragen, und viele schaffen das nicht allein.

Was wünscht du dir in der jetzigen Situation?
Ich wünsche mir eine Aufarbeitung, warum damals an Intown verkauft wurde. Und dass die Mieter Unterstützung bekommen für Mietkürzungen. Was den Zustand der Wohnungen angeht, verlange ich noch nicht mal eine große Modernisierung aller 1.200 Einheiten, sondern dass einfach der Mietstandard eingehalten wird.

Glaubst du, das ist realistisch?
Ich bin skeptisch. Ich habe mir angeschaut, wie Intown in anderen Städten agiert und bekomme da so meine Zweifel. Ich habe natürlich Befürchtungen, dass sie hier in Schwerin ebenfalls auf Kosten der Menschen nur Gewinne einstreichen wollen, ohne zu investieren. Und selbst wenn sie sanieren, wird es sich kein einziger Mieter leisten können, in diesen Wohnungen zu wohnen.

Du selbst ziehst aus deiner Intown-Wohnung aus. Warum?
Ich halte das einfach nicht mehr aus. Im Herbst ist mein Nachbar gestorben, seine Leiche wurde erst nach 14 Tagen von der Feuerwehr geborgen, aber bis heute ist keine Desinfektion und Reinigung der Wohnung erfolgt. Selbst die Möbel und das Bett auf dem mein Nachbar verstorben ist, sind noch in der Wohnung. Intown weiß das, aber gibt vor das sie bis heute nicht den Schlüssel vom Nachlassverwalter bekommen haben. Da war für mich die Schmerzgrenze erreicht. Ich werde mich aber weiterhin engagieren.

Maik Schoefer, aktiv in der Mietergemeinschaft Intown Schwerin

April 2017 – Intown stellt Pläne für neue Fassade vor

Die Pläne von Intown für das Ihme-Zentrum aus dem Dezember 2016.

Fast 200 Eigentümer kam am Donnerstag, 6. April, in die Kantine der Stadtwerke im Gasometer auf der Glocksee, um sich den Planungsstandes des Großeigentümers vorstellen zu lassen. Der Einstieg erinnerte mit seinen fotorealistischen Visualisierungen der Architekten fatal an all die voran gegangenen Präsentationen von gescheiterten Investorenplänen: Einzelne Ziegel von hohen Mauerwerksstützen vor begrünten, sonnenbeschienen Fassaden wollen nun erst einmal so gar nicht zu der immer noch völlig ungeklärten Frage passen, was denn hinter den neu gestalteten Fassaden überhaupt passieren soll.

Zu diesem Gefühl passt, dass das beteiligte das Büro Schulze & Partner aus Hannover und das ebenfalls beauftragte Büro RKW aus Düsseldorf zu Beginn der Veranstaltung dieselben Fassaden nacheinander in ziemlich unterschiedlicher Gestaltung zeigen. Seit Dezember haben die bunten Bilder auch noch Flügel bekommen: Der Zuschauer fliegt in einem visualisierten Film durch das umgebaute Ihme-Zentrum. Was auffällt: An der Blumenauer Straße sollen kilometerlange Schaufenster für Einzelhändler entstehen.

Keine konkreten Zeit- und Finanzpläne zu Vermietung und Nutzung der Flächen
Doch der Schein trügt – und das ist auch gut so. Der Sprecher von Intown bekräftigte, dass die Einzelhandelsflächen auch weiterhin von ehemals 65.000 m² auf lediglich 20.000 m² reduziert bleiben und nur der Nahversorgung dienen. Bestand haben in den Planungen auch die anderen positiven Ansätze aus der Vorstellung im Ratsausschuss im Dezember, die weitgehend von den Vorschlägen der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum übernommen wurden: Am Küchengarten und in der Verlängerung der Gartenallee sollen öffentliche Durchwegungen zum Fluss Ihme entstehen.

Der Sockel soll Fassaden zur Blumenauer Straße und zur Spinnereistraße bekommen. Anstelle der reduzierten Einkaufsflächen wird eine Nutzungsmischung von zusätzlichen „durchgesteckten“ Wohnungen, Mikroappartements, Gastronomie, Lager- und Gewerbeflächen vorgeschlagen. Seit Dezember ist – vor allem hinsichtlich des Nutzungskonzeptes und der Vermietung – wenig voran gekommen.

So stellt sich Intown das Ihme-Zentrum nach dem Umbau vor.

Dialog zwischen Bewohnern und Intown ist noch ganz am Anfang
Bei der Planung ist dagegen erkennbar, dass sich das Büro RKW an der undankbaren Aufgabe abmüht, die Anbindungspunkte des Stadtteils, die Gebäudekubaturen des Ihme-Zentrums mit den engen Grenzen von Gemeinschaftseigentum und Sondereigentum in Einklang zu bringen. Der Sockel soll durchlässiger gegliederter werden. Die Adressbildung soll so verbessert werden, so dass alle Wohnhäuser rund um die Uhr von öffentlichen Wegen aus zugänglich sind.

Einige Bewohner deuteten im Rahmen der Vorstellung dann auch an, dass sie wenig Einwände gegen die Vorhaben des Großeigentümers in den Gewerbeflächen haben, wenn Ihnen dies garantiert wird. Als ein Eigentümer wissen will, wo denn bei seinem Hauseingang in der Visualisierung die Fahrräder und Mülltonnen geblieben sind, wird klar, wie viel Vermittlung und Abstimmungsprozesse noch notwendig sind, bis ein umsetzungsfähiges Konzept entsteht. Die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum wird aus diesem Grund im Sommer einen Bürgerbeteiligungsprozess beginnen.

Nicht beantworten kann der Intown-Sprecher hingegen die Frage, wie denn die vorab vor das Betonskelett vorgehängten neuen Fassaden vor Vandalismus geschützt werden sollen, solange sie nicht von genutzten Gebäuden dahinter geschützt werden. Vorherige Investoren haben die immer gleichen aufsteigenden Vermietungskurven vorgestellt – die dann nie Wirklichkeit geworden sind. Stattdessen kündigte Intown einen Prozess des Suchens und einer stufigen Weiterentwicklung von Nutzungskonzept und baulichem Konzept an.

Bewohner erwarten Verbindlichkeiten von Intown
Ein Stadtteil wird nicht an einem Tag neu erfunden. Er fällt auch nicht vom Himmel. Er muss wachsen und im Prozess ausgehandelt werden. Das ist mühselig und langwierig, aber unvermeidlich. Wenn sich der Großeigentümer auf diesen Weg begibt, kann er vielleicht die nach wie vor große, berechtigte Skepsis vieler Wohnungseigentümer und Experten aus der Stadt widerlegen, es würden nur bunte Pläne, aber keine tragfähigen Konzepte entwickelt. Jürgen Oppermann, Vertreter der Wohnungseigentümer im Beirat des Ihme-Zentrums, machte dann auch unmissverständlich klar, dass Grundlage für die Beschlüsse der Wohnungseigentümer die Einzahlung der Finanzierungsmittel auf das Konto der Eigentümergemeinschaft ist.

Langwieriger ist auch die Zeit bis zur Stellung des Bauantrages geworden. Statt März ist jetzt von Juni die Rede. Verwalter Torsten Jaskulski sieht in der Planung einen großen Schritt nach vorne. Er kündigte außerdem eine Eigentümerversammlung für Mai an. Dann soll über Beschlussanträge auf Basis von Bauantragsunterlagen entschieden werden. Bisher haben die Architekten flexible Fassaden entwickelt, weil sie keine Vorgaben bekommen haben, was hinter den Fassaden stattfinden wird. Im Mai wird dann zu sehen sein, wie es Intown gelingt, eine flexible Fassade in einen nicht veränderlichen Bauantrag zu verwandeln.

Positive Reaktionen auf die Förderung durch das Bundesbauministerium
Allen anwesenden Eigentümern war eine Überraschung über die rund zwei Millionen Euro des Bundesbauministeriums für die Durchwegungen und Bürgerbeteiligung im Ihme-Zentrum. Der auf der Versammlung anwesende Justiziar des Oberbürgermeisters, Frank Herbert, war dementsprechend zufrieden, weil das Bundesbauministerium durch die Preisvergabe das Ihme-Zentrum als bundesweit besonders wichtiges Bauprojekt eingestuft hat. Die Stadtverwaltung hat zunächst einen allgemeinen Antrag gestellt. Im Mai wird eine Kommission nach Hannover kommen und über Art und Inhalt der Förderung verhandeln.

Text: Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum

März 2017 – „Wenn enercity auszieht, was soll aus uns werden?“

So sieht der hannoversche Künstler Jan Cido Heidemann die Hochhäuser im Ihme-Zentrum. Links das enercity-Haus.

Die Entscheidung von enercity, das Ihme-Zentrum verlassen, macht vielen Bewohnern Angst. Denn das kommunale Energieunternehmen ist neben der Landeshauptstadt der wichtigste Mieter in dem Quartier. Sie befürchten durch den Auszug eine negative Spirale, an dessen Ende das ganze Viertel leiden könnte. Eine Bewohnerin, die nicht namentlich erwähnt werden möchte, möchte jetzt ein Zeichen setzen und hat ihren Vertrag mit enercity gekündigt. Warum sie diesen Schritt wählt und was sie sich fürs Ihme-Zentrum wünscht, erklärt sie im Interview.

Wie haben Sie darauf reagiert, dass enercity als wichtiger Mieter das Ihme-Zentrum verlassen will?
Wir haben das ja seit Jahren erwartet, schließlich gab es immer wieder die Drohungen. Aber als es dann offiziell wurde, hatte ich im ersten Moment schon Angst. Schließlich weiß man nicht, was mit dem Auszug alles passieren wird.

Können Sie denn die Entscheidung von enercity verstehen?
Ja, das Gebäude ist schließlich total kaputt. Ich habe mal mit einer Angestellten von enercity gesprochen, die hat mir von den katastrophalen Verhältnissen dort erzählt. Ich würde da auch nicht arbeiten wollen. Aber trotzdem fühlt man sich von denen im Stich gelassen.

Der Großeigentümer Intown hat doch angekündigt, das Zentrum zu modernisieren. Denken Sie nicht, dass das  ohne Mieter einfacher sein wird?
Wenn der wirklich Interesse an dem Ihme-Zentrum hätte, würde der sich doch auch mal mit der Bewohnerschaft in Verbindung setzen. Macht er aber nicht. Für mich ist das ein Spekulant, so wie Carlyle und Engel vorher. In der Bewohnerschaft glaubt wirklich niemand mehr daran, dass der hier was bauen wird.

Sie haben Ihren Vertrag mit enercity gekündigt – aus Protest. Warum?
Weil ich das nicht einfach so hinnehmen möchte. Ich denke mir, wenn die hier nicht mehr für Stabilität sorgen, dann möchte ich denen nicht mehr mein Geld geben. Im Gespräch mit meinen Nachbarn spüre ich großes Verständnis für diese Entscheidung. Es gibt inzwischen viele, die das Gleiche vorhaben. Irgendwie müssen wir doch ein Zeichen setzen.

Haben Sie denn eine Vision für eine bessere Zukunft im Ihme-Zentrum?
Ich habe so oft erlebt, dass hier große Versprechungen gemacht wurden, da bin ich über die Jahre sehr vorsichtig geworden. Ich wünsche mir im Grunde, dass hier wieder Leben reinkommt. Dass ich hier ein bisschen einkaufen kann, vielleicht auch ein Kiosk. Aber auch ein Arzt wäre praktisch. Das sind keine großen Träume, es reicht ja schon, wenn sich endlich ein Eigentümer findet, der verantwortungsbewusst ist und sich an der Instandhaltung beteiligt.

Die Bewohnerin ist 51 Jahre alt und wohnt sei vielen Jahren im Ihme-Zentrum. Sie möchte anonym bleiben.

 

Dezember 2015 – Abriss? Nein, danke!

Im Sommer schlug eine hannoversche Politikerin vor, dass das Ihme-Zentrum zu einem Denkmal werden sollte. Aus Sicht der Menschen, die sich eine Transformation des Quartiers wünschen, wirkte dieser Vorschlag wie ein Schlag in die Magengrube: Sobald ein Gebäude Denkmal ist, darf es in seiner äußeren und inneren Form nicht verändert werden. Das ist nicht das Interesse der Bewohnerinnen und Bewohner, der Menschen, die hier arbeiten und der vernünftigen Architekten und Stadtplaner. Gut also, dass dieser Vorschlag abgelehnt wurde, wie die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ berichtet.

Ein Blick in die Kommentare der Zeitung zeigt dann wieder das Unwissen und den Hass der Menschen auf dieses unverstandene Stadtviertel: Immer wieder fordern die Wutbürger den Abriss des Ihme-Zentrums. Zeit also, ihnen zu erklären, warum das nicht möglich ist.

Als Teil meiner wissenschaftlichen Umweltanalyse des Ihme-Zentrums habe ich am Anfang natürlich auch untersucht, warum das Ihme-Zentrum nicht abgerissen wurde oder wird. Dafür gibt es mehrere Gründe, die ich auf Basis der drei Sphären der Nachhaltigkeit – Ökologie, Soziales, Ökonomie – hier aufführen möchte:

Ökologie:
Das Ihme-Zentrum ist das größte zusammenhängende Betonfundament Europas. In den Kabelschächten wurde – ganz zeitgemäß für die 1970er-Jahre – Asbest mit verbaut. Dieser stört die Bewohner nicht, solange er drin bleibt. Die Menge an Müll und Feinstaub, die durch einen Abriss entstehen würde, wäre riesig und eine hohe Belastung für Umwelt und Menschen. Auch aus energetischen Gründen ist es Quatsch, so ein Stadtviertel abzureißen: Der größte Teil der Energie steckt in dem Gebäude. Jeder vernünftige Architekt empfiehlt daher, Gebäude nicht abzureißen, sondern umzubauen.

Soziales:
Das Ihme-Zentrum ist Heimat von mehreren tausend Menschen. Viele leben hier in Eigentumswohnungen, die meisten davon seit vielen Jahren. Ihnen nun die Lebensgrundlage wegzunehmen ist nicht nur moralisch verkehrt. Ein Abriss würde all diese Menschen wohnungslos machen und aus ihrer Heimat vertreiben. Hannover und speziell der Stadtteil Linden boomt auf dem Immobilienmarkt. In direkter Nähe zum Ihme-Zentrum findet man häufig nur noch Wohnungen über einen Makler. Angesichts der angespannten Lage ist es also höchstgradig verwerflich, diesen kostbaren Wohnraum zu vernichten.

Ökonomie:
Viele Menschen verstehen nicht, dass das Ihme-Zentrum kein Haus ist, sondern ein Stadtviertel. Ein Abriss würde geschätzt 250 Millionen Euro kosten, plus die Entschädigungszahlungen an die Wohnungs- und Gewerbeflächeneigentümer. Das Grundstück ist keine 250 Millionen Euro wert. Man würde also draufzahlen.

Ein Abriss ist also nicht möglich. Aber ein Umbau in ein nachhaltiges, kreatives und lebenswertes Stadtviertel. Wie das gelingt, möchten wir in unserer Dokumentation „Das Ihme-Zentrum – Traum Ruine Zukunft“ zeigen. Damit uns das gelingt, brauchen wir eure Unterstützung: Hier könnt ihr uns beim Crowdfunding helfen.

Für eine bessere Zukunft: Wir brauchen eure Unterstützung!

Das Ihme-Zentrum in Hannover gilt als gescheiterte Utopie. Viele Menschen fordern den Abriss. Doch das ist ökologischer und finanzieller Quatsch! Und wo sollen die Tausende Bewohner hin, die hier überwiegend sehr gerne leben? Wer den Blog schon länger liest, weiß, dass ich hier Themen und Ideen suche, wie aus der vermeintlichen Ruine eine nachhaltige und kreative Stadt der Zukunft werden kann – ein neues Wahrzeichen für Hannover eben.

Die Poster

Der Dreh- und Angelpunkt dafür ist das Image. Momentan gilt das Ihme-Zentrum noch für viele Menschen als Angstraum. Das möchte ich ändern. Weil das Ihme-Zentrum aus meiner Sicht ein unfassbar großes Potenzial hat. Seit rund einem Jahr biete ich deshalb kostenlose Rundgänge an, mehrere tausend Menschen waren schon da, und das Feedback ist durchgängig positiv. Viele fragen direkt nach den Rundgängen, wie man helfen kann oder ob es irgendwo gerade ein Büro, eine Werkstatt oder eine Wohnung zu mieten gibt. Auch die zahlreichen Ideen, die ich fast täglich per E-Mail bekomme zeigen mir, dass die Menschen Lust darauf haben, dass hier etwas Tolles entsteht.

Die Postkarten

Um diesen Prozess noch zu verstärken und die Ursachen für die aktuelle Situation im Ihme-Zentrum zu beleuchten arbeite ich seit knapp einem halben Jahr an der Vorproduktion einer Mini-Dokumentation gemeinsam mit dem Filmemacher und Medienwissenschaftler Hendrik Millauer. Jetzt geht es langsam in die heiße Phase und dafür brauchen wir eure Unterstützung: Wir haben eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um die Produktion zu finanzieren.

Bis zum 31. Januar könnt ihr noch Geld spenden und eines der tollen Dankeschöns dafür kaufen: Die hannoversche Designerin Corinna Lorenz hat tolle Poster, Buttons und Postkarten gestaltet. Die Autorin, Fernsehmoderatorin und Ihme-Zentrums-Fan Ninia LaGrande wird im Ihme-Zentrum eine Wohnzimmerlesung geben und vieles mehr. Wir werden in den kommenden Wochen immer mal wieder kleine Videos veröffentlichen, damit ihr ein Gefühl bekommt, in welche Richtung das Ganze geht.

Danke jetzt schon an alle Menschen, die das Projekt unterstützen!

Hier geht es zur Crowdfunding-Kampagne.

Wer verstehen will, was wir im Ihme-Zentrum überhaupt machen und Interesse an der Geschichte des Stadtteils hat, kann auch sehr gerne zu einem der kommentierten Spaziergänge kommen. Das Ganze ist kostenlos und dauert etwa 1,5 Stunden. Der nächste Termin ist am Sonntag, 13. Dezember. Anmeldungen und alle Infos unter wirtschaftsuchtbilder(at)gmx(punkt)de.

November 2015 – Verantwortung übernehmen

Samuel Kirby www.samuelkirby.com

Foto: Samuel Kirby http://www.samuelkirby.com

Anfang Oktober durfte ich gemeinsam mit dem Architekten Gerd Runge dem Bund Deutscher Architekten und der Vereinigung für Stadt- und Regional- und Landesplanung erklären, warum das Ihme-Zentrum wichtig ist und was die Experten unternehmen können, um das Thema bekannter zu machen. Nun haben beide Vereinigungen zusammen ein Plädoyer veröffentlicht, in dem sie sich für die nachhaltige und stadtteilbezogene Umnutzung und Umstrukturierung des Ihme-Zentrums einsetzen. Das ist ein toller Schritt und zeigt, dass es in Hannover immer mehr Menschen gibt, die verstehen, dass wir alle gemeinsam Verantwortung für unsere Stadt und seine Herausforderungen übernehmen müssen. Hier der Wortlaut des SRL zum Ihme-Zentrum:

In Hannover gibt es drei Dinge, über die alle irgendwie eine Meinung haben: das Wetter, Hannover 96 und das Ihme-Zentrum.
Gerade letzteres ruft Assoziationen und Vorurteile hervor. Geplant als Modell der „Urbanität durch Dichte“ und vermeintlich wegweisendem Städtebau der späten 60er-Jahre, befindet sich das Zentrum mit über 800 Wohnungen und rund 60.000m² Gewerbeflächen seit fast 20 Jahren im Niedergang. Verschiedene, kosmetische Umbauansätze wechselnder Investoren sind bislang gescheitert, aktuell liegt die gesamte Einkaufsebene des Zentrums, dem öffentlichen Raum enthoben, brach.

Angeregt von der Berichterstattung in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, vom Engagement einzelner Kollegen und verschiedenen Veranstaltungen zur Zukunft des Ihme-Zentrums haben Architekten und Stadtplaner des BDA und der SRL ein Plädoyer für eine nachhaltige und stadtteilbezogene Umnutzung und Umstrukturierung des Ihme-Zentrums verfasst, das wir Ihnen hiermit zur Kenntnis geben möchten.

Wir hoffen sehr, dass Sie den Anregungen unserer Kollegen aus beiden Fachverbänden offen gegenüberstehen und diese als konstruktiven Beitrag für eine Revitalisierung des Ihme-Zentrums auffassen. Unser Ziel ist es, die komplexen Probleme des Ihme-Zentrums ort- und zeitgemäß zu lösen und Ansatzpunkte zu einer stadtverträglichen Neuordnung des Komplexes, im besten Fall in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten zu generieren.

Hier das Plädoyer des BDA und SRL für alle zum Lesen und Verteilen.