Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: gebäude

Das Ihme-Zentrum als Ort für Architektur und Innovation

6 Architekturvisionen in jeweils 5 Minuten – das ist das Konzept der ver1meierei deskrehtiv Netzwerks Hannover. Am 15. Mai gibt es eine Spezialausgabe des Formats zum Thema Architektur im Ihme-Zentrum.

Auf der Bühne werden folgende Akteure ihre Ideen vorstellen:

Hannover VOIDS

Urlaubsarchitektur

Raumwärts

bieker AG

Laser Scanning Architecture

Yamato Living Ramps

Der Eintritt ist kostenlos. Eine Anmeldung per E-Mail ist jedoch notwendig bis zum 13. Mai unter info(at)kre-h-tiv.net. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Reihe #ihmezentrum2025 statt, die vom Innovationsfonds Landeshauptstadt Hannover gefördert wird. Veranstalterin ist das kreHtiv Netzwerk.

Was: Ver1meierei Architektur
Wann: 15. Mai, 18.30 Uhr
Wie viel: Eintritt frei
Wo: Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Ihmeplatz 7e, 30449 Hannover

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„Eine nachhaltige Transformation des Ihme-Zentrums ist möglich“

Wie gelingt eine nachhaltige und kreative Transformation des Ihme-Zentrums: Henrike Aue hat das in ihrer Uni-Abschlussarbeit untersucht und eindeutige Ergebnisse gefunden: Es ist möglich, das Quartier positiv zu entwickeln. Welche Ansätze es gibt und wie der Wandel gelingen könnte erklärt sie im Interview.

Du hast deine Abschlussarbeit über das Ihme-Zentrum geschrieben. Was genau hast du untersucht?
Ich habe untersucht, inwieweit sich der Ansatz der nachhaltigen Stadtquartiersentwicklung auf den multifunktionalen Gebäudekomplex Ihme-Zentrum anwenden lässt und inwiefern dadurch eine nachhaltige Transformation und Revitalisierung des Ihme-Zentrums möglich ist.
Im Zuge der Arbeit habe ich Experteninterviews mit betroffenen Akteuren geführt, um einen multiperspektivischen Einblick in die Stärken und Schwächen des Ihme-Zentrums und die Chancen und Risiken hinsichtlich einer nachhaltigen Revitalisierung zu erlangen. Mein Ziel war es, mögliche Handlungsoptionen herauszuarbeiten und dabei auch bestehende Konzepte und Ideen zu analysieren.

Wie groß ist aus deiner Sicht das Potenzial für eine nachhaltige Transformation des Ihme-Zentrums?
Meiner Meinung nach und auch ausgehend von meinen Expertenbefragungen ist eine nachhaltige Transformation des Ihme-Zentrums auf jeden Fall möglich. Das Potenzial dafür ergibt sich vor allem aus den Stärken des Gebäudekomplexes: die zentrale Lage, die Zufriedenheit der Bewohner, die Barrierefreiheit im gesamten Gebäude, die Lage im Grünen direkt an der Ihme, die gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel. Angesichts des in Hannover herrschenden Wohnungs- und Büromangels glaube ich, dass das Ihme-Zentrum eine sinnvolle Option darstellt, um diesem Mangel entgegenzuwirken. Ich denke, weitere Chancen sind die Kombination der verschiedenen Daseinsgrundfunktionen an einem Ort und die dadurch entstehenden kurzen Wege, wodurch eine höhere Lebensqualität geschaffen werden kann. Momentan stellt das Ihme-Zentrum ein stark diskutiertes Thema in Hannover dar, um das sich viele verschiedene Akteure Gedanken machen. Diese Diskussion bringt viele Menschen zusammen, die gemeinsam versuchen, Lösungen zu erarbeiten.

Wie ist denn aus deiner Sicht die Einschätzung des Ihme-Zentrums bei den Menschen?
Das Ihme-Zentrum bietet durch die vielen ungenutzten Bereiche sehr viel Raum für die unterschiedlichsten Nutzungen. Es strahlt Faszination aus, vor allem bei Kulturschaffenden. Deswegen bin ich mir sicher, dass diese Stärken eine Vielzahl an Chancen eröffnen, das Ihme-Zentrum nachhaltig zu transformieren.

Hast du persönlich eine Vision von einem nachhaltigen und kreativen Ihme-Zentrum im Jahr 2025?
Mein Bild von einem nachhaltigen und kreativen Ihme-Zentrum im Jahr 2025 beruht vor allem darauf, dass das Ihme-Zentrum innerhalb der Bevölkerung von Hannover wieder ein positives Image bekommt. Es soll für viele verschiedene Menschen, vor allem für die Bewohner des Stadtteils eine Anlaufstelle für die unterschiedlichsten Nutzungen werden. Das Sockelgeschoss kann viele verschiedene kulturelle Angebote beherbergen, wie zum Beispiel Veranstaltungsräume, Räume für Start-up-Unternehmen, Ateliers, Galerien, Proberäume, Vereinsräume, Bildungseinrichtungen und vieles mehr. Ich denke auch, dass lokale Geschäfte im Erdgeschoss und nicht wie damals im 1.OG, angesiedelt werden sollten.
Außerdem würde ich mich freuen, wenn der Fluss Ihme noch weiter miteinbezogen wird. Es könnten weitere Freizeitangebote entlang des Flusses entstehen, wie beispielsweise ein Fahrradweg auf der Seite des Ihme-Zentrums. Eine weitere Idee von mir ist eine Aussichtsplattform auf dem Ihme-Zentrum, soweit dieses umsetzbar wäre. Ich glaube, so könnte die Akzeptanz des Gebäudekomplexes in Hannover gesteigert werden. Am wichtigsten ist jedoch meiner Meinung nach, dass eine nachhaltige Transformation die Interessen von allen Betroffenen, vor allem der Bewohner des Ihme-Zentrums berücksichtigt. Das Ihme-Zentrum bietet unglaublich viel Raum, der in jedem Fall in der Zukunft genutzt werden sollte, da sich so viele neue Chancen ergeben können.

Henrike Aue kommt aus der Region Hannover und studiert in Göttingen Französisch und Geographie auf Lehramt für das Gymnasium.
Ihre Bachelorarbeit hat sie über das Ihme-Zentrum in Hannover geschrieben.

Dieses Interview wurde im Rahmen der Netzwerk-Recherche-Projektförderung Grow geführt. In dem Projekt wird erforscht,
wie das Ihme-Zentrum zu einem Leuchtturm nachhaltiger Entwicklung werden kann.
Die Ergebnisse werden am 12. März beim US-Festival SXSW, auf der Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz am 29./30. Juni 2018 beim NDR in Hamburg
und bei der Veranstaltungsreihe #ihmezentrum2025 im Sommer 2018 vorgestellt.

März 2017 – Das Ihme-Zentrum in der Kestnergesellschaft

 

Was hat das Ihme-Zentrum mit Kurt Schwitters zu tun? Die Künstlerin Verena Issel sieht viele Parallelen zwischen den beiden hannoverschen Originalen und widmet ihnen eine eigene Ausstellung. Am 10. März  startet diese in der Kestnergesellschaft. Im Interview erklärt sie, was Besucher erwarten können.

Du hast dich in deiner Arbeit mit dem Ihme-Zentrum auseinandergesetzt. Was interessiert dich am meisten an dem Gebäude?
Wenn ich an Hannover denke, denke ich von der Kunst herkommend sofort an den von mir heiß geliebten Kurt Schwitters und seinen Merzbau: Sein 1923 begonnenes Lebenswerk, das er in seiner Privatwohnung in der hannoverschen Waldhausenstraße 5A errichtete. Der Raum wurde hier immer weiter zu- und umgebaut, geometrische und organische Gliederungen erstrecken sich nach innen, verschiedene Schwerpunkte und Themen hier und dort verstreut.
Schwitters hat meinen Begriff von Skulptur, Bau und Installation sehr geprägt.
Ich interessierte mich deshalb sehr dafür, welche anderen Bauwerke es  im heutigen Hannover, Wiege des Merz, gibt – eigentlich war ich eher auf der Suche nach anderen Innenausbauten a la KdeE, doch dann kommt man ja, sobald man mal in Hannover ist, gar nicht am Ihme-Zentrum vorbei.

Wieso?
Dieser brutalistische Riesenkoloss aus Beton, Europas größtes gegossenes Beton Fundament ist ebenso wie Schwitters‘ Merzbau eigentlich heutzutage eine Angelegenheit der Privatheit, schwer (nur über eine Brücke) zugänglich, als eine Art Gated Community geplant. Ein absolut faszinierendes utopisches Gebäude!

Was fasziniert dich besonders am Ihme-Zentrum?
Wie der Merzbau auch ist das Ihme-Zentrum in viele verschiedene kleine Teile gegliedert. Eklektische Bauelemente wie unterschiedlich geformte und andersfarbige Fensterrahmen, Backsteine etc. werden zusammen geführt zu einem großen Ganzen, das ziemlich verrückt wirkt.
Das eine ist ein Raumschiff nach innen, das andere ein Raumschiff nach außen… Diese Dialektik in Hannover hat mich interessiert und zu meiner Installation inspiriert!

Wo siehst du Parallelen zwischen dem Ihme-Zentrum und dem Werk Schwitters‘?
Das Ihme-Zentrum ist Vandalismus und Zerstörung ausgesetzt, die sinnlosen Graffiti an den Wänden erinnern teils an Schwitters dadaistische Gedichte. Ich habe mich auch für die Historie des Ortes interessiert, die Tatsache, dass früher an Stelle des Ihme-Zentrums eine Brotfabrik beheimatet war, kommt mir fast grotesk vor angesichts der rauen Massen des Betons.
Ich habe deshalb das im Ihme-Zentrum aufgefundene Graffiti fotografiert und es aus Salzteig nachgebaut, kombiniert mit Zitaten aus dem Dadaismus.  So finde ich passt Schwitters „i-Gedicht“  (Siehe Grafik) ja schon sehr gut: „rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf.“
Ähnlich spontan und schnell wurde ja auch das brutalistische Monstrum von Ihme-Zentrum gebaut.
Auch die nächtliche Beleuchtung des Ihme-Zentrums, die es noch mehr als tagsüber wie ein Raumschiff wirken lässt, habe ich in der Ausstellung auf mehreren Ebenen versucht aufzugreifen. Auch Schwitters experimentierte in seinem Bau mit verschiedenen Beleuchtungen, und ich habe hier nun leuchtendes Graffiti mit einfließen lassen.

Du hast dich in deiner Arbeit mit dem Ihme-Zentrum auseinandergesetzt. Was interessiert dich am meisten an dem Gebäude?
Ich finde die Verdrängung von Kunst auf marginale vorstädtische Orte ein Problem in Deutschlands Metropolen. Künstler und andere Kulturschaffende können sich oft innenstädtische Räume nicht mehr leisten. Durch Gentrifizierung und Landflucht wird es immer teurer und somit schwieriger, einen Ausstellungs-, Konzert- oder Atelierraum zu unterhalten. Viele Leute, die ich in Hamburg oder Berlin kenne, arbeiten mittlerweile sehr weit an den Rändern der Vorstädte. Dass in Hannover innerstädtisch tatsächlich noch große Flächen leer stehen, ist eine große Chance für kulturelle Entwicklung. Ich würde anfangen, die leeren Flächen an Künstler als Ateliers zu vergeben. Ich würde Proberäume für Musiker einrichten und vielleicht auch einen Club und einen Ausstellungsraum eröffnen. So könnte das Ihme-Zentrum Ein kultureller Magnet für viele Menschen werden, der Teilhabe ermöglicht.

Und darüber hinaus?
Ich könnte mir auch vorstellen, dass eine Art Artist-in-Residency-Programm, mit dem man Künstler aus anderen Städten und Ländern einlädt, in Hannover Projekte zu realisieren, zu großem internationalen Austausch und einer interessanten kulturellen Auseinandersetzung in Hannover führen kann. Die Gastkünstler könnten im Ihme-Zentrum wohnen und arbeiten. Das wäre derart skurril und besonders, dass man sich bestimmt kaum vor Bewerbern retten könnte!  Die Stadt könnte auf diese Weise stark profitieren, dass Ihme-Zentrum könnte ein touristischer und kultureller Magnet für viele Menschen werden, das Gebäude an sich ist schon so faszinierend, und wenn es dann noch mit interessanten Inhalten gefüllt wäre, würden bestimmt viele Leute auch aus anderen Städten anreisen, um es kennen zu lernen. Und nicht zuletzt die Hannoveraner hätten wieder einen aktiven künstlerischen Hotspot!

Verena Issel

Verena Issel ist Künstlerin. Ihre Ausstellung im Rahmen des „vg Stipendiums 2017“ startet am 10. März in der kestnergesellschaft in Hannover mit einer Eröffnungsparty mit DJ ab 19h. Die Ausstellung läuft bis zum 7. Mai.

September 2015 – Ein nachhaltiges Haus

 Als das Ihme-Zentrum geplant und gebaut wurde, war an ressourcenschonendes Arbeiten und Leben noch nicht zu denken. Das Ergebnis: Das Zentrum ist an vielen Stellen energetisch veraltet, eine nachhaltige Modernisierung ist notwendig. Der Ingenieur Lev Yakushko hat einige Ideen, wie aus dem Zentrum ein Plusenergiehaus werden könnte.

Lev, du arbeitest im Bereich der Verfahrens- und Elektrotechnik und Ressourcen-Management. Ist das Ihme-Zentrum aus dieser Perspektive spannend?
Ja, definitiv. Das ganze Gebäude, so wie es da steht, hat noch sehr viel Potenzial. Ich kann mir vorstellen, dass es zu einem Energie-autarken Gebäude werden kann, wenn nicht gar zu einem Plusenergiehaus. Das heißt, es würde mehr Strom erzeugen, als es verbraucht.

Ist so etwas denn realistisch?
Das ist technisch möglich, wenn du einen richtigen Ingenieur dafür hast. Der Arbeitsaufwand ist enorm, das richtige Team, das das angeht, muss sich dessen bewusst sein.

Und wie würde man da vorgehen?
Ich würde erst einmal eine energetische Bilanz erstellen. Das heißt, ich schaue: Was kommt rein, was geht raus? Wie viel Strom, Wasser, Gas und andere Energieträger gehen rein? Und, ganz wichtig: Wo geht was verloren? Wie wird die Energie verwendet? Das Gebäude ist ja in einer Zeit gebaut worden, in der Energieeffizienz, richtiges Heizen oder Stromsparen keine primäre Rollen gespielt haben.

Sobald die Bilanz steht, würde ich das im Detail untersuchen: Wie viel geht zu den Wohnungen, die ja funktionieren und bewohnt sind. Was geht in die Büros, die beispielsweise die Stadt gemietet hat? Und was wird im leer stehenden Gewerbebereich verschwendet? Wo wird beispielsweise Strom verbraucht, um einen Raum zu heizen oder zu kühlen, der eigentlich leer steht? Dafür muss das Rad nicht neu erfunden werden. Es gibt bereits diverse Normen, um Gebäude energetisch zu bilanzieren.

 

Und was wäre dann der nächste Schritt?
Ich würde schauen, welche Möglichkeiten es gibt, um den Verbrauch des Gebäudes zu senken beziehungsweise wo man Energie einsparen kann. Und wo man beispielsweise Solarmodule oder kleinere Windkraftanlagen aufstellen könnte. Es ist technisch möglich, dass das Gebäude Strom ins Netz einspeist.

Was ist mit Biogasanlagen, betrieben mit dem Biomüll aus dem Komplex?
Der Ansatz ist gut. Die Anwendung in dem Fall wiederum halte ich für unrealistisch. Eine Biogasanlage ist bei 1.500 Bewohnern, auch wenn alle vorbildlich den Biomüll trennen, nicht wirklich leistungsfähig. Eine dezentrale Anlage halte ich in diesem Fall für unwirtschaftlich. Dazu sind größere Mengen Biomasse notwendig.

Im Gebäude selbst ist der städtische Stromversorger Enercity einer der größten Mieter. Die sind verpflichtet in den kommenden Jahrzehnten die ganze Region Hannover mit 100 Prozent Erneuerbaren Energien zu versorgen. Könnten die sich also nicht beispielsweise dazu verpflichten, ihr eigenes Gebäude zum Plus-Energie-Haus zu machen?
Das wäre sensationell. Auch wenn das vorgegebene Ziel sehr ambitioniert ist, wäre das einerseits ein Schritt in die richtige Richtung. Des Weiteren würde Enercity damit sein derzeit nicht wirklich „grünes“ Image deutlich aufbessern und in Hannover ein deutliches Zeichen setzen, dass der städtische Energieversorger an der Energiewende auch interessiert ist.

Lohnt sich so etwas wirtschaftlich?
Ja. Der sogenannte Break-Even-Point, also der Punkt, ab dem man Gewinn macht, liegt vielleicht in 20 Jahren. Aber das kann man ja gegenfinanzieren. Und außerdem liegt es ja zurecht im Trend, klüger und bewusster mit Ressourcen umzugehen.

Welchen Vorteil hätten denn die Bewohner und Nutzer des Ihme-Zentrums neben der Aussicht, Geld damit zu verdienen?
Das wäre für ganze Stadt ein großer Vorteil. Hannover hat einerseits das Image, die grünste Stadt Norddeutschlands zu sein, allein schon wegen der Parks. Andererseits ist Hannover auch bekannt als Industriestandort und Autostadt. Mit so einem Konzept könnte sich aber der Ruf der ganzen Region ändern, hin zu einem grünen Image und ein Leuchtturmprojekt innerhalb der Energiewende werden. Die Stadt würde so attraktiver, mehr Menschen würden hier Urlaub machen oder ganz herziehen.


Was müsste passieren, damit so ein Umbau realisiert werden würde?
Der Investor und die Bewohner müssten sich dazu entschließen. Vielleicht auch mit der Unterstützung der Stadt. Es ginge darum, ein Zeichen zu setzen. Und das Ihme-Zentrum wäre das erste Gebäude dieser Art auf der Welt und würde nach überallhin ausstrahlen.

Du hältst also nichts davon, das Ihme-Zentrum einfach abzureißen und etwas Neues zu bauen, wie manche vorschlagen?
Es geht nicht darum, neu zu bauen, sondern klug zu sanieren. Das ist nachhaltig.

 

Lev Yakushko ist geboren und aufgewachsen in Dnipropetrovsk, Ukraine. Seit 17 Jahren lebt er in Deutschland. Seit gut acht Jahren ist selbstständig im Bereich der Veranstaltungstechnik. Als Ingenieur für Verfahrenstechnik hat er für Unternehmen wie Continental und ProMaqua im Bereich der Forschung und Entwicklung gearbeitet. Im Bereich der Veranstaltungstechnik war er in mehreren Ländern der Welt bereits im Einsatz. Derzeit beendet er sein Master-Studium Nachwachsende Rohstoffe und Erneuerbare Energien. 

Juni 2015 – „Wirklich großes Potenzial“

Ihme-Zentrum, 2014.

Als Wissenschaftlerin erforscht Professorin Christine Hannemann die Wechselwirkung von menschlichen Bedürfnissen, Interessen sowie Nutzungen und gebauter Umwelt. Ende Mai durfte ich ihr im Rahmen einer Veranstaltung der Akademie für Raumforschung und Landesplanung das Ihme-Zentrum zeigen. Im Interview erklärt sie, welches Potenzial sie für den Gebäudekomplex sieht und welche Probleme es geben könnte.

Frau Hannemann, Sie waren Ende Mai im Rahmen eines Expertengesprächs zur Zukunft des Ihme-Zentrums in Hannover zu Gast. Welchen Eindruck hatten Sie von der Stadt vorher?
Nur ein paar Tage vor dem Podiumsgespräch hatte ich das Glück den städtischen Baudezernenten Uwe Bodemann in einem Vortrag zu erleben. Er hat uns die Entwicklung der Stadt Hannover mit allen Erfolgen und Herausforderungen beschrieben. Demnach hat sich die Stadt in den vergangenen Jahren ja stark zum Positiven entwickelt. Doch das Ihme-Zentrum hat er nicht mit einem Wort erwähnt. Das fand ich angesichts der Größe der Probleme in dem Stadtviertel eher ungewöhnlich.

Der Umbau beginnt...

Im Rahmen Ihres Besuches in Hannover habe ich Ihnen das Ihme-Zentrum gezeigt. Welchen Eindruck macht der Komplex auf Sie?
Ich finde die Summe der Probleme dort schon immens. Aber offensichtlich funktioniert das Wohnen ja gut. Also muss vor allem der gewerbliche Bereich umgestaltet werden. Für mich hat das Ihme-Zentrum ein wirklich großes Potenzial zur Entwicklung.

Gibt es aus Ihrer Erfahrung denn andere sogenannte Problemstadtteile, bei denen ein Wandel, eine Transformation gelungen ist?
Ja, die gibt es. Wobei das auch immer daran liegt, wie die Eigentumsverhältnisse organisiert sind. Die Lage im Ihme-Zentrum – mit einem Investor, dem rund 83 Prozent gehört und rund 550 weiteren Einzelbesitzern – ist schon ungewöhnlich. Dabei würde mich vor allem interessieren, wie die Struktur der Bewohner aussieht. Also welchem Milieu sie entstammen, was ihre Bedürfnisse sind. Bislang weiß ich nur, dass es in dem ganzen Komplex keine Sozialwohnungen und einen hohen Anteil an Privatwohnungen gibt.

Eingang

Sie beschäftigen sich an der Universität Stuttgart mit Aspekten und Dimensionen der Wechselwirkung von menschlichen Bedürfnissen, Interessen sowie Nutzungen und gebauter Umwelt. Welches Entwicklungspotenzial sehen Sie denn im Ihme-Zentrum?
Das Ihme-Zentrum bietet im Prinzip eine wunderbare Möglichkeit, um hier einen sozial und ökologisch nachhaltigen Stadtteil mit Innenstadtlage, also auch fußgänger- und fahrradfreundlich, zu etablieren. Die Frage ist nur: Wollen das die Bewohner und der Investor? Und, wie engagiert sich die Stadt?

Christine Hannemann

Prof. Dr. Christine Hannemann leitet das Fachgebiet Architektur- und Wohnsoziologie
am Institut für Wohnen und Entwerfen der Universität Stuttgart.

Dezember 2014 – „Ich finde diesen Stil aus den 1970er-Jahren toll“

Ausgang

Ole Witt studiert Fotografie an der Hochschule Hannover. Für ein Studienprojekt hat er zahlreiche Bewohner des Ihme-Zentrums besucht und abgelichtet – auch mich. Ich sprach mit ihm über die Rolle des Zentrums für Hannover und über die Ästhetik des Betons.

Ole, wie kommst du dazu, ein Fotoprojekt über die Bewohner des Ihme-Zentrums zu machen?
Ich bin in Hannover groß geworden und habe das Ihme-Zentrum immer wahrgenommen. Früher war ich hier sogar einkaufen. Ich wollte wissen, was für Menschen hier leben. Was steckt dahinter. Und dann sind die Meinungen zum Zentrum ja so gesplittet zwischen totaler Ablehnung und großem Interesse, das finde ich interessant.

Was sind das für widersprüchliche Meinungen aus deiner Sicht?
Auf der einen Seite stehen die Menschen, die das Zentrum als absolute Bausünde sehen. Und auf der anderen Seite wird es als kulturell wichtig bewertet. Ich dachte mir: So unterschiedlich wie die Meinungen, so unterschiedlich sind sicher auch die Menschen, die im Zentrum leben.

Und ist das auch so?
Ja. Ich habe zahlreiche Menschen fotografiert – die Lebensweisen waren dabei so komplett verschieden. Und auch die Wohnungen sind sehr unterschiedlich. Von kleinen Künstlerwohnungen bis zum luxuriösem Loft. Das finde ich spannend.

Ästhetisch wird dem Zentrum häufig Hässlichkeit vorgeworfen. Wie siehst du das?
Es gibt ja den Spruch „Im Ihme-Zentrum sind die schönsten Wohnungen Hannovers, weil man von dort das Zentrum selbst nicht sehen kann“. Das sehe ich nicht so. Ich finde diesen Stil aus den 1970er-Jahren toll. Ich habe aber auch keinen Bezug zu der Zeit, in der es gebaut wurde. Dafür bin ich mit meinen 22 Jahren zu jung. Und ich kann mir vorstellen, dass die Menschen, die seit Jahrzehnten im Zentrum leben, das alles als veraltet ansehen.

Hat sich deine Meinung zum Zentrum positiv verändert seit deinem Projekt?
Nein, ich fand es vorher auch schon gut. Und es gehört einfach zu Hannover dazu.

Ole Witt

Ole Witt, Fotograf und Student aus Hannover.