Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Entdecken

April 2015 – „Überlasst es der Natur und Kunst“ – „Let nature and art take over“

Auf Instragram habe ich die tollen Bilder des englischen Fotografen Samuel Kirby vom Ihme-Zentrum entdeckt. Wie es dazu kam und warum der Ort ein touristischer Hotspot ist, beschreibt er hier.

British photographer Samuel Kirby shared some really beautiful pictures of the Ihmezentrum on Instragram. I asked him, what drew him to this place and what potential he sees there.

I went to Hannover with a friend who has family there, I just asked the guy who is from there to show me….the bits that are not so touristy, the interesting things, and he took me to Ihmezentrum.

Ich kam nach Hannover, um mit einem Freund seine Familie dort zu besuchen. Ich fragte ihn, ob er mir die Orte zeigen könnte, die nicht so touristisch sind, die wirklich interessanten Dinge: Also führte er mich zum Ihme-Zentrum.

Samuel Kirby www.samuelkirby.com

He just pointed at it from across the river, but I wanted/needed to go in to explor. It looked interesting. The size, the design, the location by the river and of course the graffiti. And it being left, some part with people living, some not. In a state of limbo. I notice with Europe it seems, many people live in apartments and what we call estates like this.
In England, where I am from, we have big estates like this, but it isn’t the norm. However the ones we have, are used and never empty, as we have a shortage of social housing.
I was curious about the history of Ihmezentrum. Who owned it….was it part of the state or private. My friend tried to fill me in, but he didn’t know all the answers. So the least we could do, was to investigate and take the pictures.

Mein Freund zeigte einfach über den Fluss auf das Gebäude, aber ich wollte und musste da rein, um es zu erforschen. Es sah interessant aus: die Größe, das Design, der Platz am Wasser und natürlich auch das Graffiti. Und das es so in einer Art Schwebe zu sein schien: Manche Teile waren belebt, andere nicht. Es wirkt auf mich, als würden viele Menschen in Europa in solchen Gebäuden leben.
In England, wo ich herkomme, gibt es auch so große Gebäude, aber es ist nicht die Norm. Aber die, die es bei uns gibt, sind immer voll belegt, einfach weil wir zu wenige Sozialwohnungen haben.
Ich war interessiert an der Geschichte des Ihme-Zentrums: Wem gehört es, dem Staat oder einem privaten Besitzer? Mein Freund versuchte, mir alles zu erklären, aber er wusste vieles selbst nicht. Also schauten wir uns um und machten Fotos.

Samuel Kirby www.samuelkirby.com

So what I liked about it, was the look and size, but the added fact, that it was decorated and cared and loved by the street by the graffiti artists by the bottom up and not the top down. The place has more soul this way. I think it would make a great tourist place. I went into the middle bit and couldn’t see a way up to the next level, I suspect there is really interesting sub levels and top levels where the wildlife has over taken…

Was mir besonders gefiel, war das Aussehen und die Größe, aber auch, dass es von so vielen Graffiti-Künstler teilweise sehr liebevoll bemalt worden war. Der Ort bekommt so eine Seele. Aus meiner Sicht ist es eine tolle Sehenswürdigkeit für Touristen sein. Ich habe mir den mittleren Teil angeschaut, aber keinen Weg nach oben gefunden. Ich vermute, es gibt auch interessante Gebiete tiefer unten oder oben, wo die Natur übernommen hat.

Samuel Kirby www.samuelkirby.com

I joked with my friend it should be turned into an urban conservation sanctuary. Left for nature and art.
So to open it up as a tourist place is a good idea, you could invite various street artists. You could have an annual event party music art event, put Hannover on the map like Berlin and Hamburg. So open it up more, light it in different interesting ways, other colours. Hold events and mainly get the artists to dress it well. And I think this would generate a lot of tourism and kudos to the whole of Hanover.

Ich scherzte mit meinen Freund, dass man das Ihme-Zentrum zu einer Art urbanem Schutzgebiet machen sollte. Einfach der Natur und Kunst überlassen. Und es dann für Touristen öffnen und verschiedene Street-Art-Künstler einladen. Man könnte eine jährliche große Feier machen und Hannover so auf die Kulturlandkarte wie Berlin oder Hamburg bringen. Es einfach ein wenig öffnen, es in anderen Farben beleuchten, tolle Veranstaltungen machen und Künstler dazu bringen, es zu verschönern. Das würde einige Touristen von außerhalb anlocken. Und davon würde ganz Hannover profitieren.

Samuel Kirby www.samuelkirby.com

Samuel Kirby is a photographer
Samuel Kirby ist Fotograf

Are you interested in a tour through the Ihmezentrum?
Interessiert an einer Tour durch das Ihme-Zentrum?

März 2015 – „Die Bausubstanz entscheidet“

Bausubstanz 1

Marc Böhnke ist Architekt in Düsseldorf. Mit seinem Unternehmen Greeen Architects hat er sich auf ökologische, ganzheitliche und ethisch-soziale Architektur spezialisiert.

Wie schätzt du das Potenzial eines zum größten Teil ungenutzten Gebäudes wie das Ihme-Zentrum ein?
Es ist ökologisch ja oftmals besser, im Bestand zu bauen, anstatt ein Gebäude abzureißen und dort etwas Neues entstehen zu lassen, wenn die Bausubstanz dies zuläßt. Wir erleben ja gerade einen richtigen Run in den Städten auf die Flächen, die lange Zeit anders genutzt wurden oder nicht nutzbar waren: Beispielsweise alte Industriegebiete, still gelegte Bahntrassen oder wie bei uns in Düsseldorf schon seit langer Zeit der Hafen.

Findet da so etwas wie eine Wiederentdeckung statt? In Fachkreisen wird ja viel über die Urban Renaissance gesprochen, die Wiederbelebung der Städte.
Ja, das geschieht, auch wenn ich dem Trend ein wenig skeptisch gegenüber stehe. Aber der Bedarf an städtischen Flächen steigt klar. Lange Zeit gab es genug Flächen, auch weil der Trend bestimmte, in die Vorstädte zu ziehen. Doch seitdem die Städte wieder interessanter geworden sind, stürzen sich die Investoren und Projektentwickler auf alle verfügbaren Grundstücke in den Städten. Und irgendwann sind die alle weg. Dann musst du Grundstücke erfinden. Das ging vor einigen Jahren an vielen Orten los. Dazu kommt, dass die Städte generell ja ihre Grünflächen und vor allem das Wasser wieder entdeckt haben.
Und wenn die Kommunen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass diese Gebiete entwickelt werden, was ja häufig erst einmal eine umweltgerechte Umwandlung in Bauland bedeutet , dann springen darauf auch Investoren an. So entsteht eine Kettenreaktion mit großen Effekten.

Bausubstanz 2

Gebäude im Bestand umzubauen ist nachhaltiger, aber warum wird das so selten gemacht? Ist das technisch zu kompliziert?
Nein, die technischen Möglichkeiten gibt es schon seit Jahrzehnten. Und es gibt genug Beispiele, wo ein Umbau sehr gelungen ist. Dafür muss man sich nur den Medienhafen hier in Düsseldorf anschauen oder auch generell Berlin oder Leipzig. Die Herausforderung beim Umbau ist die Substanz. Wenn man Pech hat, dann ist die Substanz sehr schlecht oder birgt Problematiken, die man im Vorfeld nicht voll erfasst hat. Das wird dann richtig teuer. Ich habe von Unternehmen gehört, die deswegen schon pleite gegangen sind. Auch wenn du mit dem Vorhaben, im Bestand zu bauen, mit einer Kreditanfrage zum Bankberater gehst, bist du für die Bank meist ein nicht kalkulierbares Risiko.

Und die Unterstützung durch die Banken ist bei solchen Projekten sehr wichtig oder?
Ja, um solche Projekte zu realisieren, besorgt man sich fast immer eine Fremdfinanzierung. Da läuft vom ersten Tag an die Schiene aus Zins und Tilgung. Jeder Monat zählt. Natürlich sparst du Zeit, wenn du im Bestand baust – weil der Rohbau mit Fundament und Tragstruktur schon steht. Theoretisch kannst du viel eher nach Baustart vermieten, weil du ja nicht bei Null anfangen musst. Aber das Risiko, dass man in der Substanz mit konstruktiven, geometrischen oder anderen Problemen konfrontiert wird, die im Vorfeld nicht sichtbar waren, ist gegeben. Dafür brauchst du Spezialisten. Das ist ein Grund, warum das wenige Menschen machen. Neben der Lage ist die Substanz und die Projektidee entscheidend. Die Haut, die Außenhülle ist sekundär.

Du sagst ja selbst, dass die Innenstädte zum Wohnen wieder interessanter geworden sind. Gleichzeitig gibt es einen hohen Leerstand bei Gewerbe- und Büroflächen – wie im Ihme-Zentrum. Findet da irgendwann ein Umdenken statt?
Auf jeden Fall. Ich kenne einige Projekte, wo Bürogebäude aus den 1970er-Jahren in hochwertige Wohnhäuser umgebaut wurden. Das Bewusstsein ändert sich schon so langsam. Aber ich weiß nicht, ob das auch schon für Gebäude im Maßstab des Ihme-Zentrums gilt. Dafür brauchst du ja ganz andere Mittel und vor allem auch Mut. Wenn du dann keinen Profiinvestor hast, der sich mit Bauen auskennt, dann ist das Risiko des Scheiterns recht groß.

Marc Böhnke ist Architekt in Düsseldorf.