Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: Einkaufszentrum

Mai 2015 – „Eine unvergleichlich hohe Lebensqualität“

Panorama über dem Ihme-Zentrum

Bei einem meiner Rundgänge kam sie als Gast und zeigte den interessierten Zuhörern, wie wenig die Legenden um das Ihme-Zentrum mit der Realität zu tun haben. Britta Zogall ist Fan ihres Zuhauses, seit ihrem Einzug Anfang der 1990er-Jahre. Und die Tierärztin sieht großes Potenzial in dem Gebäude.

Sie wohnen seit Jahrzehnten im Ihme-Zentrum. Wie war es hier früher?
Als wir 1992 eingezogen sind, war das ein Traum mit dem Einkaufszentrum unten. Wir konnten den Einkaufswagen mit in den Fahrstuhl nehmen und damit bis zur Wohnung fahren. Auch unsere drei Kinder haben es geliebt, am Springbrunnen am Ihmeplatz zu spielen oder auf einem der Spielplätze in den Höfen. Leider sind die inzwischen ein wenig verwaist, seitdem die wunderschönen Bäume gefällt wurden. Deren Wurzeln hatten sich irgendwann in die Decke des Supermarkts gegraben.

Die Wohnungen im Ihme-Zentrum sind fast alle belegt. Und die Bewohner lieben das Leben hier. Doch trotzdem hat das Gebäude so einen schlechten Ruf. Können Sie das verstehen?
Nein, ich verstehe nicht, dass das Ihme-Zentrum nicht mehr Aufmerksamkeit bekommt. Immer mehr Menschen wollen in die Stadt ziehen, die Wohnungssituation in Hannover ist jetzt schon angespannt, und gleichzeitig sind die Zinsen auf Kredite unglaublich niedrig. Alle wollen in Betongold investieren, nur im Ihme-Zentrum nicht? Das kann ich nicht glauben.

Blick nach Norden

Immer wieder wird über große Pläne zur Wiederbelebung des Gewerbebereichs gesprochen. Haben Sie eine Vorstellung, was helfen könnte?
Aus meiner Sicht sollte man die erste Etage in Wohnungen oder meinetwegen auch Büros umbauen und im Erdgeschoss ein paar Geschäfte. Aber ein Einkaufszentrum lohnt sich hier doch nicht.

Wird das Ihme-Zentrum unterschätzt?
Ja! Aus meiner Sicht steckt unglaublich viel Potenzial im Ihme-Zentrum. Ich kann mir gut vorstellen, auf die Dächer Solarzellen oder kleine Windkraftanlagen zu bauen. Mein Traum wäre auch Bienenstöcke auf das Dach zu stellen, aber so etwas muss natürlich mit den Nachbarn besprochen werden.
Meine Familie wohnt bereits mehrgenerationenmäßig hier. Von meinen drei Kindern, die hier aufgewachsen sind, wohnen alle hier im Haus oder ein Haus weiter. Mein Enkelsohn kommt jetzt schon die Treppen hoch zu uns. So etwas ist ganz wertvoll.

Block

Es wird viel über das Ihme-Zentrum als Raum für Kreativität gesprochen. Gibt es ein Thema, was bislang unerwähnt bleibt?
Etwas, das immer unterschätzt wird, ist die Barrierefreiheit des Ihme-Zentrums. Hier können auch ältere Menschen mit Mobilitätseinschränkung problemlos leben und haben durch die Lage und den Ausblick eine unvergleichlich hohe Lebensqualität.

Sie wollen also bleiben – egal, was kommt?
Die Lebensqualität im Ihme-Zentrum ist sehr groß. Man lebt sehr zentral, und gleichzeitig ist es hier unfassbar ruhig. Und dann dieser Blick. Ich will hier einfach nicht ausziehen, das ist meine Heimat.

Januar 2015 – „Die Größe des Problems ist beeindruckend“

Männchen, künstlerisch

Conrad von Meding ist seit zehn Jahren bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ für Stadtentwicklung und Architektur zuständig und leitet dort die Hannover-Redaktion. Aktuell berichtet er unter anderem über die Zwangsversteigerung des Ihme-Zentrums, in meinem Blog beantwortet er fünf Fragen zu der Großimmobilie.

Du schreibst, das Ihme-Zentrum sei ein „Synonym für die Großmannssucht von Investoren und gescheiterte Sanierungsversuche“. Hast du noch Hoffnung, dass das Zentrum irgendwann saniert wird?
Klar! Als Hannoveraner ist man schließlich immer Optimist. Ich hoffe auch, dass der Holländische Pavillon im Expo-Park und das Bredero-Hochhaus am Raschplatz irgendwann mal wieder zu den Highlights Hannovers zählen werden. Ich glaube aber, dass die Größe des Ihme-Zentrums ein spezifisches Problem darstellt. Man hat sich, als es in den siebziger Jahren immer größer und größer geplant wurde („Synonym für die Großmannsucht von Investoren“), leider nie Gedanken darüber gemacht, wie es mit solch einem Bau jemals zu Ende gehen kann. Ein Mehrfamilienhaus kann man abreißen, wenn es hoffnungslos veraltet ist und die Sanierungskosten irgendwann die Neubaukosten übersteigen. Beim Ihme-Zentrum, in dem außer dem multimillionenteuren Gewerbekomplex, der gerade insolvent ist, das private Eigentum von Hunderten Wohnungseigentümern steckt, wird es nie den für alle „richtigen“ Rückbauzeitpunkt geben – das ist ein echtes Problem. Sorry, das war etwas lang, stell mal eine einfachere Frage!

Ok, dann bekommst du diese Frage: Wenn du jemanden außerhalb Hannovers erklären müsstest, was das Zentrum ist: Was würdest du ihm oder ihr sagen?
Das Ihme-Zentrum ist eine tolle Idee, die – im aktuellen Zustand – leider eher trostlos aussieht. Die Idee war, einen komprimierten Stadtteil unter einem Dach zu schaffen, indem man für Tausende Menschen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit, Kinderbetreuung usw. in einer Immobilie anbietet. Eigentlich auch heute noch eine fortschrittliche Idee, weil sie dort, wo Flächen knapp sind – also urban in einer Großstadt –, alle notwendigen Funktionen bietet, indem in die Höhe statt in die Breite gebaut wird. Man stellt im Erdgeschoss sein Auto ab und bewegt sich dann für alle Funktionen in einem einzigen Haus – und das steht auch noch am Wasser und bietet von fast allen Wohnungen aus einen tollen Blick über den Fluss und die Stadt. Klasse Sache. Nur muss man aktuell leider, um zu den Wohnungen zu gelangen, durch eine riesige Bauruine gehen, wie mein Kollege Michael Soboll und ich in der HAZ-Digitalreportage zum Ihme-Zentrum beschreiben.

Frau, nachdenklich

Ist das Ihme-Zentrum aus deiner Sicht wichtig für die Entwicklung von Hannover generell?
Nö. Wegen seiner Größe ist natürlich auch die Größe des Problems beeindruckend. Aber ich glaube, außerhalb von Linden ist das Ihme-Zentrum eher ein Spottthema als ein echtes Problem. In den Stadtteilen, die genauso hipp sind wie Linden, in denen man nur nicht so viel darüber spricht, also Südstadt, Kirchrode, Oststadt oder Herrenhausen, ist das Ihme-Zentrum den meisten Menschen im Alltagsleben wohl eher egal.

Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) hat das Zentrum zur „Chefsache“ erklärt. Aber hat die Politik nicht schon alles probiert?
Genaugenommen hat sein Vorgänger das Ihme-Zentrum zur Chefsache erklärt. Schostok hat gegenüber der HAZ zugesagt, dass das bei ihm so bleibt, und wörtlich hinzugefügt: „Aber ich bete fast, dass das Ihme-Zentrum nicht in die Hand von Hasardeuren fällt.“ Er selbst vertraut also weniger der Verwaltung oder der Politik als einer höheren Macht. Aber im Ernst: Chefsache heißt, dass das Thema im Rathaus hochrangig angesiedelt wird und die Entscheidungen nicht in den Dezernaten vorbereitet werden, sondern im OB-Büro. Das ist ein wichtiges Signal auch an Investoren, die die Gespräche direkt mit dem OB führen dürfen und nicht erst bei den „einfachen“ Sachbearbeitern anfragen müssen.

Ist das Ihme-Zentrum aus deiner Sicht eine Katastrophe oder eine Chance für Hannover?
Mein journalistisches Schwerpunktthema ist die Stadtentwicklung. Da stellt sich jede Bauruine, jedes nicht zuende entwickelte Projekt, jede gescheiterte Zwangsversteigerung einen spannenden Themenfundus dar. Also: eine Chance für Hannover!

Conrad von Meding

Conrad von Meding, Redakteur der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“
und Experte für Stadtentwicklung.

Dezember 2014 – „Es war nicht viel Platz, dafür aber sehr gemütlich“

I live by the river

Die Berliner Juristin Armaghan Naghipour hat in ihrer Kindheit und Jugend im Ihme-Zentrum gelebt. Ich habe mit ihr darüber gesprochen, wie sie das Leben im Zentrum geprägt hat und was sie vermisst.

Hallo Armaghan, du hast fast zwei Jahrzehnte mit deiner Familie im Ihmezentrum gelebt. Wie sind deine Erinnerungen?
Als Kinder fanden wir das Zentrum einfach riesig. Wir haben uns oft mit Nachbarskindern verabredet und Abenteuer erlebt. Nahezu täglich waren wir damals im Einkaufszentrum oder haben auf den zahlreichen Plätzen fangen gespielt oder sind Skateboard gefahren.

Wie hast du das Zentrum zu der Zeit wahrgenommen?
Einfach riesig. Es kam mir so groß vor. Und besonders die Wohnungen zur Ihme fand ich immer sehr schön. Da wollte ich immer gerne wohnen.

Wo habt ihr denn gelebt?
In einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Spinnereistraße 1. Es war nicht viel Platz, dafür aber sehr gemütlich. Aber natürlich fand ich es schon komisch, dass ich die einzige Person in meiner Schule war, die aus dem Ihme-Zentrum kam. Vielleicht habe ich mich sogar ein bisschen dafür geschämt.

Wie war denn die Stimmung im Haus?
Aufgrund der dünnen Wände, hat man auch mal mitbekommen, wie die unmittelbaren Nachbarn sich gestritten haben. Aber gestört hat uns das nicht wirklich. Ich hab vielmehr ein sehr herzliches Nachbarschaftsverhältnis im Haus in Erinnerung. Trotz der so unterschiedlichen Sozialisationen.

Was vermisst du aus der Zeit?
Den Zugang zum frei zugänglichen Dach im 13. Stock.

Amy

Armaghan Naghipour arbeitet als Juristin in Berlin und ist im Ihme-Zentrum aufgewachsen.

Oktober 2014 – Der Trotz

Sonne.

Es scheint, um im Ihme-Zentrum zu leben braucht man vor allem eins: Trotz. So jedenfalls meine Erfahrung, wenn ich von meinem neuen Zuhause berichte, und anscheinend bin ich nicht allein mit dem Gefühl. „Ach, wissen Sie, ich bin einfach nur müde, über das Zentrum zu sprechen.“ Eine Nachbarin reagiert auf dem Flur erschöpft auf die Frage, ob sie Lust hat, mit mir über das Zentrum zu sprechen. „Seit Jahren müssen wir uns mit den Vorurteilen abfinden, gleichzeitig ermüdet dieser Stillstand.“ Sie wohnt seit Jahrzehnten im Zentrum, kennt in ihrem Haus alle, in den zahlreichen anderen Häusern ebenfalls viele Menschen und hat bislang alle Klischees über das Zentrum gehört. Doch sie fühlt sich wohl – trotzdem.

Stein.

„Viele Menschen wissen nicht, dass hier die meisten Menschen klassischer Mittelstand sind: Junge Familien, die sich hier eine Wohnung kaufen, weil die günstiger ist, als in den Altbau-Stadtteilen und sie keine Lust haben, in die Vorstädte zu ziehen. Ältere Menschen im Rollstuhl, für die große, ebenerdige Wohnungen und die Infrastruktur ideal ist. Überzeugte Akademiker, die an die alte Utopie der Stadt in der Stadt geglaubt haben und seit der Fertigstellung des Gebäudes gerne im Zentrum leben. „Wer hier lebt, braucht kein Auto, hat einen tollen Blick, und der Kontakt untereinander ist toll. Hier ist es weniger anonym, als in mancher Kleinstadt.“

Schatten.

Trotzdem ist sie es leid, die Geschichte immer und immer wieder aufzuwärmen. „Die Unternehmen und Behörden, die sich darüber beschweren, dass es hier so hässlich ist, waren meist auch die, die als ehemalige Besitzer hier alles verkommen ließen. Die meisten Mieter des Einkaufszentrums wollten damals gar nicht raus, die wollten ja verlängern. Doch die Besitzer der Gewerbeflächen ließen alle Verträge auslaufen, um das Ganze dann neu zu starten.“ (Dieses Kapitel wird an anderer Stelle noch behandelt, der Autor) Doch dann kam eben die Finanzkrise, und der Investor ging pleite.

Weg.

So wie mir meine Nachbarin routiniert die Fakten und Zahlen erklärt, die Besitzstände und welcher Lokalpolitiker im Zentrum was verbrochen hat, bekomme ich einen ganz neuen Einblick in die Verhältnisse. „Momentan haben wir große Angst, dass wir nach dem Auslaufen der Zwangsverwaltung auf den laufenden Kosten sitzen bleiben.“ Und die sind sehr hoch: Renovierungsarbeiten, Strom, Wasser – Kosten, die schnell in die Tausende pro Monat gehen. „Und trotzdem wohnen wir hier sehr gerne!“ Trotzdem, immer wieder eben.

August 2014 – Die Burg

Winter

„Das größte Problem des Ihme-Zentrums ist seine Inselstellung. Es gibt keine wirklichen Zugänge. Der Komplex lässt niemanden hinein“, erklärt mir Architekt C. „Als die Fußgängerbrücke von der Limmerstraße zum Zentrum abgerissen wurde, das war, als würde einem Patient die Infusion gekappt.“ Die Brutalität, das Gewaltsame des Ihme-Zentrums ist keineswegs der rohe Beton oder die tristen Farben. Das, was das Zentrum so aggressiv wirken lässt, ist genau diese Weigerung, sich der Umgebung anzupassen. Die Planer haben einfach einen Riegel an den Fluss geklatscht. Ein ganzer Stadtteil dahinter verlor so seine Anbindung zum Wasser. Und es sollte Jahrzehnte dauern, bis die Lindener den Weg zur Ihme und Leine wieder finden sollten. Und auch das von C. beschriebene Burghaftige ist ein Problem. Man bekommt das Gefühl, im Zentrum würden abends die Zugbrücken hochgefahren, und niemand könnte mehr rein oder raus.

Platte

Dabei ist die Idee des Zentrums und seines Charakters der Stadt in der Stadt in seinem Ursprung durchaus sinnvoll. Hannovers Innenstadt wurde im Zweiten Weltkrieg zum großen Teil zerstört. Als die Trümmer dann nach und nach weggeräumt wurden und die großen Industrieanlagen aus den innenstadtnahen Lagen verschwanden, wurde die Frage laut: Wie wollen wir zukünftig  leben? Die City wurde autogerecht – die Ölkrise war noch weit weg. Der Individualverkehr war durch das Wirtschaftswunder zur Freiheit vieler geworden. Gleichzeitig wurde mit neuen Formen des Wohnens experimentiert. Der Altbau – heutzutage der Wohntraum all derer, die es sich leisten können – galt als antiquiert. Ähnlich wie in der DDR sollte die Platte die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt entzerren. Linden, Hannovers altes Arbeiterviertel, sollte komplett umgebaut werden und in Wohnblöcke neu entstehen. Das Ihme-Zentrum sollte dabei als eine Art Arkologie dem Ganzen vorstehen.

Doch schon kurz nach der Einweihung bröckelte die schöne Idee. Die Menschen entdeckten ihre alten Städte wieder, renovierten die Altbauten, fuhren weniger Auto und wollten doch ganz anders wohnen, als sich das ein paar Architekten am Reißbrett ausgedacht hatten. Das Einkaufszentrum verfiel, nur die Wohnungen im Ihme-Zentrum waren meist voll belegt. Viele der Wohnungen sind außerdem Eigentum, toll geschnitten und mit viel Platz und einem unglaublichen Blick gesegnet. Da wollte niemand so schnell raus.

Wegweiser

In den 2000er-Jahren wurde das Zentrum dann ein Objekt für Investoren. Mit dem Ergebnis, dass nach der Finanz- und Wirtschaftskrise das Gebäude brach lag. Die Landesbank Berlin (LBB) als Gläubigerbank hatte vergeblich nach Investoren gesucht – vergeblich. Nach mehreren Jahren Stillstand wurde dann im August 2014 versucht, das Zentrum zu versteigern. Ebenfalls ohne Erfolg. Vielleicht lag es auch daran, dass die LBB den Komplex komplett loswerden will – immerhin zwei Bürokomplexe, das leer stehende Einkaufszentrum „Ihme-Arkaden“, nahezu 200 Wohnungen sowie ein Parkhaus unter dem Gebäude, das als einziger Teil fast fertig renoviert wurde.

Viele Gedanken, die mich umtreiben, während ich mit Freund E. den Balkon bei einer Flasche Wein einweihe, während ein paar Stockwerke unter uns eine Jugendgang in einer der kaputten und uneinsichtigen Ecken kifft, laut Hip-Hop hört und schimpft. Vor uns liegt die gesamte Innenstadt Hannovers. Weit hinten sehen wir blinkende Flugzeuge im Anflug auf den Flughafen in Langenhagen. Es ist wunderschön hier.