Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: eigentümer

Gibt es ein Mobbing-Problem im Ihme-Zentrum?

Mit dem Ruhestand kehrte Schorse zurück in die Stadt und fand im Ihme-Zentrum eine traumhafte zweistöckige Wohnung. Er sieht die Zukunft des Quartiers positiv, macht sich aber auch Sorgen: Er wünscht sich einen besseren Umgang mit den Ressourcen und eine andere, gewaltfreie Kommunikation unter den Eigentümern.

Du wohnst nun seit fast zwei Jahren im Ihme-Zentrum. Wie fühlt sich das an?
Ich habe hier eine wundervolle Wohnung gefunden, meine Nachbarn sind toll, das Haus ist sehr gepflegt, in dem ich wohne. Die Lage ist super, und ich genieße es, hier mitten in der Stadt zu leben. Es war die richtige Entscheidung, hier her zu ziehen!

Gibt es einen Bereich, in dem du dich in deinem Viertel engagieren möchtest?
Ja. ich werde meine Arbeitserfahrung aus meiner Zeit als Lehrer nutzen und schauen, wie das Quartier besser mit seinen Ressourcen umgeht. Für mich gehört dazu auch, dass ich als Bewohner und Eigentümer der Verwaltung Fragen stellen kann und Antworten bekomme und Aufträge schneller erledigt werden.

Kannst du konkrete Beispiele nennen?
Ja. Drei Themen, die derzeit viele Bewohner im Ihme-Zentrum beschäftigen, sind Schäden am Bau durch Wetter, Wasser oder in der Haustechnik und dass es teilweise Monate dauert, bis etwas vernünftig umgebaut wird. Das sind im Grunde ganz Profane Dinge, für die es keine großen Reparaturen braucht. Auch die Abrechnungen erschließen sich nicht für mich. Da erwarte ich, dass diese noch von einem unabhängigen externen Unternehmen geprüft werden. Und: Aus dem Austausch mit anderen Eigentümern weiß ich, das geht nicht nur mir so bei diesen Themen.

Wie reagieren denn die Verantwortlichen, wenn du nachfragst?
Das ist ein weiterer Punkt, der mir Sorgen bereitet. Denn wenn es überhaupt eine Antwort gibt, dann ist diese selten informativ oder inhaltlich zufriedenstellend. Die Kommunikation der Verantwortlichen hier im Ihme-Zentrum ist eindeutig verbesserungsfähig.

Wie meinst du das?
Ich bin diesen Ton auf den Eigentümerversammlungen leid. Es sind immer wieder die gleichen Menschen, die wütend und manchmal sogar ausfallend werden und andere Menschen angreifen. Manches, was auf solchen Treffen passiert, grenzt für mich an Mobbing. Dazu gehört auch eine unerträgliche Stimmungmache gegen Personen, die sich aktiv für eine positive Entwicklung im Ihme-Zentrum einsetzen. Ich merke aber ebenfalls stark, dass immer mehr Menschen, die hier wohnen oder arbeiten, diese schlechte Stimmung nicht mehr möchten.

Und was möchtest du dagegen konkret machen?
Ich überlege, ob ich mal einen Workshop anbiete gegen Mobbing und für gewaltfreie Kommunikation. Im Grunde genommen wollen doch alle Eigentümer im Ihme-Zentrum und jeder, der hier wohnt, das es voran geht und es eine positive Veränderung gibt. Da stören die Auslassungen einzelner nur. Zumal diese oft einfach unqualifiziert sind.

Hast du eine Vision von einem besseren Ihme-Zentrum im Jahr 2025?
Ein Wohn-, Lebens- und Arbeitsquartier, das wegen seiner vorbildlichen und zukunftsorientierten Nutzungskonzepte zeigt, wie lebenswert Stadtleben sein kann. Ideen dazu sind reichlich vorhanden. Es fehlt leider der politische Umsetzungswille und das das Engagement von entsprechend orientierten Investoren…

Schorse Burke ist Bewohner im Ihme-Zentrum und großer Fahrradfan.

Dieses Interview wurde im Rahmen der Netzwerk-Recherche-Projektförderung Grow geführt. In dem Projekt wird erforscht, wie das Ihme-Zentrum zu einem Leuchtturm nachhaltiger Entwicklung werden kann. Die Ergebnisse werden am 12. März beim US-Festival SXSW, auf der Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz am 29./30. Juni 2018 beim NDR in Hamburg und bei der Veranstaltungsreihe #ihmezentrum2025 im Sommer 2018 vorgestellt.

„Der positiven Entwicklung des Ihme-Zentrums werden Steine in den Weg gelegt“

Fast 2.000 Menschen wohnen im Ihme-Zentrum – bei rund 550 Eigentümer. Ein buntes Mosaik höchst unterschiedlicher Meinungen.

Ein halbes Jahr gibt es jetzt den Nachbarschaftstreff des Vereins Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum. Tausende Besucher und viele Veranstaltungen zeigen: Das Interesse an einer konstruktiven Entwicklung ist riesig. Und doch gibt es Menschen, die dies verhindern wollen – notfalls vor Gericht. Gerd Runge, Architekt und Mitbetreiber der Räume, über abstruse Drohungen, die die gesamte positive Entwicklung des Ihme-Zentrums gefährden.

Seit einem halben Jahr hat das Ihme-Zentrum zum ersten Mal einen Nachbarschaftstreff. Betrieben vom Verein und im Besitz von Bewohnern und externen Interessierten. Wie ist die Bilanz?
Gemischt: Einerseits läuft die Zukunftswerkstatt sehr gut. Wir hatten Tausende Besucher bei den Workshops, Konzerten, Theaterstücken, Märchenstunden oder Vorträgen. Darunter viele Bewohner, die sich bei den BewohnerCafés oder den Planungstreffen auch über ihre Rechte informieren und uns erzählen, welche Sorgen sie haben. Die Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt Hannover bei Veranstaltungen ist ebenfalls super! Das Interesse und der Bedarf sind also da.

Was läuft nicht so gut?
Wir erleben ein wirklich bizarres Schauspiel. Die Eigentümergemeinschaft Ihme-Zentrum, vertreten durch den Geschäftsführer der Hausverwaltungs-GmbH, Torsten Jaskulski, hat uns aufgefordert, die derzeitige Nutzung der Räume durch den Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum umgehend zu verhindern. Ohne dass es dazu eine Meinungsbildung bei einer Eigentümervollversammlung gegeben hätte.

Das kommt jetzt überraschend. Was ist denn die Begründung?
Es gebe keine Genehmigung durch die Wohnungseigentümer und durch die Hausverwaltung für die Vermietung an den Verein. Wir haben uns darüber sehr gewundert, schließlich hat der Hausverwalter Torsten Jaskulski bereits im Oktober 2016 als damaliger Bevollmächtigter der Vorbesitzerin den Mietvertrag selbst geschlossen. Der Mietvertrag ist beim Kauf durch uns 1 zu 1 an uns übergegangen. Dem Eigentümerwechsel hat Herr Jaskulski beim Notar zugestimmt – ohne Einwand.

Tausende Quadratmeter im Ihme-Zentrum stehen leer und wollen genutzt werden. Doch angesichts des aktuellen Konflikts steht die Frage im Raum, wie sicher Investitionen vor Ort sind.

Und wie argumentiert die Verwaltung?
Die Aufforderung basiert auf einer Vermutung, dass sich durch kulturelle Nutzung andere Teileigentümer gestört fühlen könnten. Das ist für uns überraschend, weil wir noch nie von Beschwerden anderer Eigentümer gehört haben. Deshalb gibt es in der Zukunftswerkstatt ja auch keine wilden Partys oder laute Musik, und wenn nur Klassik- oder Jazzkonzerte. Wir haben vor der Eröffnung außerdem mit professionell ausgebildeten Veranstaltungstechnikern alles überprüft, mehrere Lautstärketests gemacht und uns mit direkten Anwohnern ausgetauscht. Und wir sprechen uns immer mit dem Sicherheitsdienst vor Ort ab, dessen Mitarbeiter uns bislang auch keine Beschwerden weitergegeben haben.

Haben die Hausverwaltung oder Eigentümervertreter vor dem Brief denn ein Gespräch zu dem Thema gesucht?
Nein! Es wird auch schon seine Gründe haben, wenn die Hausverwaltung oder Eigentümervertreter keinen Wert auf eine konstruktive Konfliktbewältigung legen und – anstatt direkt mit uns zu reden – lieber Anwälte vorschicken. Das zeigt sich auch schon an der Art, wie wir diese Aufforderung erhalten haben.

Wie meinst du das?
Das Anwaltsschreiben ist am 27. Dezember bei uns eingegangen, mit einer Frist bis zum 29. Dezember um 12 Uhr. Wenn wir in dieser extrem kurzen Zeit nicht dem Verein die Nutzung untersagen, wird uns mit Klage gedroht. Ich finde, schon anhand dieser Fristsetzung zeigt sich, dass es wohl um Klage geht. Dazu muss man kein Anwalt sein. Offenbar sollen der Vereinsarbeit Steine in den Weg gelegt werden. Ein wirtschaftlicher Schaden der Betreiber der Räumlichkeiten wird dabei bewusst in Kauf genommen. Das ist bedauerlich und auch kein gutes Zeichen für andere Unternehmen, die im Ihme-Zentrum investieren und arbeiten wollen! Die werden dadurch eventuell abgeschreckt.

Warum dann dieser unnötige Konflikt? Wer hat denn ein Interesse, dass der Verein nicht mehr arbeiten kann und die Bewohner des Ihme-Zentrums ihren einzigen Treffpunkt verlieren?
Das ist eine gute Frage, die auch bei einer Vollversammlung aller Eigentümer mal besprochen werden sollte. Meine Interpretation geht so: Es findet derzeit ein Wandel im Ihme-Zentrum statt. Nach Jahren des Stillstandes ist im vergangenen Jahr sehr viel Positives passiert. Immer mehr Menschen besuchen das Ihme-Zentrum und verstehen, dass es eine bessere Zukunft verdient hat. Es ziehen außerdem immer mehr junge Menschen und Familien her. Auch die Stadt engagiert sich immer stärker und schaut genau hin. Dieser Wandel passt nicht jedem. Die Interessen einiger weniger werden offenbar vor das Gemeinwohl gestellt. Doch wir lassen uns nicht einschüchtern. Natürlich darf der Verein in den Räumen weiter arbeiten!

Gerd Runge

Gerd Runge ist Architekt und Eigentümer im Ihme-Zentrum.

Dieses Interview wurde im Rahmen der Netzwerk-Recherche-Projektförderung Grow geführt. In dem Projekt wird erforscht, wie hyperlokaler, konstruktiver und nachhaltig verwalteter Journalismus funktionieren kann. Die Ergebnisse werden auf der Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz am 29./30. Juni 2018 beim NDR in Hamburg und bei der Veranstaltungsreihe #ihmezentrum2025 im Frühjahr 2018 vorgestellt.

„Die Stadt hat beim Ihme-Zentrum eine moralische Verantwortung“

Die Landeshauptstadt will den Bauantrag von Großeigentümer Intown schnell bearbeiten. Die Reaktion darauf sind bei den Bewohnern des Ihme-Zentrums gemischt. Thomas Ganskow, Haussprecher und Sprecher der Bürgerinitiative Linden Ihme-Zentrum begrüßt die Entscheidung, wünscht sich aber mehr Kommunikation Einsatz der Politik für das Quartier.

Wie schätzt du die generelle Situation derzeit im Ihme-Zentrum ein?
Ernst, aber nicht hoffnungslos. Der eingereichte Bauantrag für die Fassade entlang der Blumenauer Straße steht kurz vor seiner Genehmigung. Jetzt ist es am Großeigentümer, Anträge für die Umsetzung der Baumaßnahme einzureichen, die auch in der Wohnungseigentümerschaft akzeptabel sind. Denn eines ist klar: Was wir noch weniger als Stillstand brauchen können, ist eine halb angefangene Fassade, die dann möglicherweise aus welchen Gründen auch immer nicht zuende geführt wird. Insofern ist es unabdingbar, dass entsprechende Sicherheiten zur Fertigstellung gegeben werden. Dies auszuhandeln ist Sache der Anwälte der Wohnungseigentümer und des Großeigentümers.

Im Sommer wurde bekannt, dass das Bundesbauministerium rund 2 Millionen Euro für das Ihme-Zentrum verwenden will. Was ist seitdem passiert? Wurdet ihr Bewohner informiert? Gab es eine Meinungsbildung?
Alles, was hilft, die Attraktivität des Ihme-Zentrums zu steigern, wird von der BLIZ begrüßt. Eine wie von der Stadt angedachte Durchwegung von der Blumenauer Straße zur Ida-Arenhold-Brücke gehört dazu. Es liegt in der Verantwortung der Stadt, auf die Eigentümergemeinschaft zuzugehen und ihre Pläne vorzustellen. Wo Gemeinschaftseigentum bei Bau oder Nutzung der Durchwegung betroffen ist, sind von Seiten der Stadt – die ja nach wie vor Eigentümerrechte im Ihme-Zentrum besitzt – entsprechende Anträge an die Eigentümergemeinschaft zu stellen. Diesbezüglich ist man auf städtischer Seite wohl auf gutem Weg.

Wie bewertest du den Einsatz der Stadt für das Ihme-Zentrum?
Die Stadt kann de facto nicht viel tun. Sie ist eigentumsrechtlich ein Kleineigentümer, wie die allermeisten Wohnungseigentümer auch. Aber sie hat eine moralische Verantwortung, da sie mit der Zustimmung zum Verkauf des Stadtwerkehauses stimmrechtliche Einflussmöglichkeiten aus der Hand gegeben hat. Auch sollte sie sich endlich zu ihrer Verantwortung für den Ihmeuferweg als öffentlichem Weg gemäß den Bestimmungen im Stadtmittevertrag bekennen. Da ein Teil der oben angesprochenen Durchwegung über den Ihmeuferweg führen muss, ist hier ein Ansatzpunkt. Um Irritationen wie bei den Fördermitteln der Durchwegung zu vermeiden, sollte die Verwaltung offensiver das Gespräch mit den Wohnungseigentümern suchen und nicht nur – wenn überhaupt – mit dem Großeigentümer.

Bedenkt man, dass die Genehmigung des Bauantrages für die Fassade entlang der Blumenauer Straße in für Verwaltungsarbeit sehr kurzer Zeit seit Antragstellung jetzt kurz vor dem Abschluss steht, sieht man auf jeden Fall das Bemühen der Stadt, dass ihrerseits keine Verzögerungen eintreten. Dies wird sicher auch bei den rechtlichen Genehmigungen für die eigentlichen Umbaumaßnahmen ihr Ziel sein. Damit tut sie das, was in ihrer Macht steht.

Wie schätzt die Intown ein?
Intown ist ein auf Gewinne abzielendes Unternehmen. Damit ist klar, dass etwas passieren muss. Denn nur wenn aus dem Eigentümer ein wirklicher Investor wird, bestehen Chancen auf Einnahmen, die neben einer Refinanzierung auch einen Gewinn abwerfen. Genauso wie klar ist, dass die vielen Ideen zu einer Gestaltung des Ihme-Zentrums unter dieser Prämisse stehen müssen. Nichts wird getan werden, nur weil es schön oder gewünscht ist. Es muss sich zusätzlich für einen Investor rechnen. Darüber muss sich jeder klar sein, der Ideen entwickelt.

Wie ist die Stimmung unter den Haussprecherinnen und Haussprechern?
Hier kann ich natürlich nur für mich sprechen. Ich denke, dass in den vorherigen Antworten klar geworden ist, dass man das Ihme-Zentrum nach wie vor als Chance sehen kann für alle Beteiligten. Sofern aus Worten Taten werden und das, was noch vor Jahresfrist angekündigt wurde, auch Umsetzung findet.

Thomas Ganskow wohnt seit 1990 im Ihme-Zentrum und ist seit 1995 Sprecher einer kleinen Eigentümergemeinschaft und somit Vertreter dieser im Gesamtsprechergremium, das die Sprecher aller Häuser vereint. Sprecher der BLIZ seit 2015.

Dieses Interview entstand im Rahmen der Netzwerk-Recherche-Projektförderung Grow. In dem Projekt erforschen Constantin Alexander und weitere, wie hyperlokaler, konstruktiver und nachhaltig verwalteter Journalismus funktionieren kann. Die Ergebnisse werden auf der Netzwerk-Recherchere-Jahreskonferenz am 29./30. Juni 2018 beim NDR in Hamburg und bei der Veranstaltungsreihe #ihmezentrum2025 im Frühjahr 2018 vorgestellt.

Bewohner im Ihme-Zentrum starten Unterschriftenaktion

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Bewohner im Ihme-Zentrum haben Ende November eine Unterschriften-Aktion gestartet. Das Ziel: Der Verwalter Torsten Jaskulski soll so schnell es geht eine Vollversammlung der Eigentümer organisieren. In dem Schreiben werden drei Themen erwähnt, die auf so einer Versammlung besprochen werden sollen: Die Nebenkostenabrechnung von 2016 und der Wirtschaftsplan 2018 sowie die Förderung des Bundesbauministeriums (Artikel in der HAZ).

Bislang ist nur wenig bekannt über das Projekt: Die Stadtverwaltung und die Ratsfraktionen haben das letzte Mal vor der Sommerpause öffentlich darüber diskutiert. Weder der Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD), noch der Großeigentümer Intown haben sich bislang zu dem Programm geäußert, zu dem u.a. die Verbesserung des Tunnels zwischen Ida-Arenhold-Brücke und Blumenauerstrasse gehört.

Die Bewohnerschaft fordern daher mehr Informationen und eine Meinungsbildung.

Dieser Artikel wird fortlaufend aktualisiert.  Er entstand im Rahmen der Netzwerk-Recherche-Projektförderung Grow. In dem Projekt erforschen Constantin Alexander und weitere, wie hyperlokaler, konstruktiver und nachhaltig verwalteter Journalismus funktionieren kann. Die Ergebnisse werden auf der Netzwerk-Recherchere-Jahreskonferenz am 29./30. Juni 2018 beim NDR in Hamburg und bei der Veranstaltungsreihe #ihmezentrum2025 im Frühjahr 2018 vorgestellt.

Statikakten des Ihme-Zentrums gerettet

Eine Gruppe von 27 Bewohnern des Ihme-Zentrums, Architekten und engagierten Bürgern von Hannover hat das einzige vollständige Set Statikakten vom Ihme-Zentrum gekauft. Der Großeigentümer und der Vertreter der Wohnungseigentümer wollten sie nicht. 

Für manche ist das Ihme-Zentrum kein reines Wohnviertel, sondern eine Aneinanderreihung von menschlichen Schicksalen, die in dieser ursprüngliche urbanen Utopie eine tragische Entwicklung genommen haben. Der Werdegang des ursprünglichen Statikers gehört dazu: Der Ingenieur hatte in den 1970er-Jahren die Berechnungen für den Bauherrn gemacht und wurde deshalb vom damaligen Großeigentümer Carlyle angeheuert, der 2006 anfing, das Ihme-Zentrum umzubauen.

Doch das Projekt scheiterte, und der Statiker beendete sein Leben. Seine Witwe wurde durch die Insolvenz des Unternehmens mittellos und musste ihr Haus und vieles mehr verkaufen. Das Statikbüro blieb ein Jahrzehnt leer. Die Statikakten, das einzige komplette Set, das noch vorhanden ist, verstaubte jahrelang im Keller.

Als der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum im Herbst 2016 anfing, Räume für sein soziokulturelles Nachbarschaftszentrum zu suchen, fand die Gruppe mit dem ehemaligen Statikbüro die ideale Immobilie. Man einigte sich schnell. Damit der Verein die Räume langfristig mieten kann, kaufte eine Gruppe von 27 Bewohnern im Ihme-Zentrum, Architekten und Stadtentwicklern, Wirtschaftsexperten und engagierten Bürgern aus Hannover das ehemalige Büro und ließ es nach nachhaltigen Kriterien umbauen.

Um mit dieser für sie traurigen Phase ihres Lebens vollends abzuschließen und damit die Statikakten nicht verloren gehen, bot die Witwe diese Akten dem Großeigentümer Intown zum Kauf an. Dieser zeigte trotz Umbaupläne und zum Entsetzen vieler Fachleute kein Interesse. Ohne Informationen zur Statik kann das Unternehmen keinen Bauantrag bei der Stadt einreichen. Diese Informationen nachträglich bestimmen zu lassen ist sehr teuer. Auch der Vertreter der Wohungseigentümer lehnte es ab, die Akten im Namen der Bewohner zu kaufen.

Um die Akten vor dem Verlust zu schützen und für die Bewohnerschaft und die Gewerbetreibenden im Ihme-Zentrum bereit zu stellen, hat die Initiative sie gekauft. Die Gesellschaft versteht sich als Treuhänder für dieses wichtige kollektive Gedächtnis des Ihme-Zentrums: Sie wird die Unterlagen allen interessierten Eigentümer bzw. deren beauftragten Planungsbüros bei Bedarf zur Nutzung für Umbauplanungen zur Verfügung stellen. Bei Fragen, einfach eine E-Mail schreiben.

Hier gibt es mehr zur GmbH.

10 Thesen für die Revitalisierung des Ihme-Zentrums

1. These
Das Ihme-Zentrum ist eine stadtgesellschaftliche Herausforderung. Es geht darum, dem Ihme-Zentrum eine Zukunftsperspektive zu geben – der Abriss ist keine Option. Die Übernahme des Intown-Eigentums durch die Stadt steht nicht zur Diskussion.

2. These
Etwa 225.000 m² der ca. 285.000 m² Gesamtfläche im Ihme-Zentrum funktionieren im Grundsatz. Bei diesen Flächen anstehende Sanierungen können und müssen privatrechtlich gelöst werden. Dies liegt in der Verantwortung der jeweiligen Eigentümer.

3. These
Das Gemeinschaftseigentum im Sockelgeschoss (ca. 13.000 m²) muss neu geordnet werden, denn mit der jetzt gültigen Teilungserklärung ist ein Zukunftskonzept nicht realisierbar.

4. These
Der Rat der Landeshauptstadt sollte kurzfristig nach der Kommunalwahl Vorbereitende Untersuchungen nach § 141 des Baugesetzbuches (BauGB) in Auftrag geben. Nach Vorliegen der Ergebnisse der Untersuchung ist zu bewerten, ob eine Erhaltungssatzung nach § 142 BauGB oder eine Ausweisung als „Stadtumbaugebiet West“ nach § 171d BauGB für die Neuregelung der Eigentumsverhältnisse im Sockelgeschoss zielführend sein kann.

5. These
Wenn die Gemeinschaftseigentumsflächen neu geregelt sind, gibt es für die Sockelgeschossetagen eine gute Perspektive für die Zukunft!

6. These
Für eine gelingende Revitalisierung und Integration des Quartiers in seine Umgebung müssen die Wegeverbindungen im Ihme-Zentrum und die Vorflächen zur Ihme öffentlich werden und in die Zuständigkeit der Stadt übergehen (insgesamt ca. 15.000 m²).

7. These
Sinnvoll sind stadtteilbezogene Einkaufsflächen mit Bezug auf die Wegeverbindungen an den beiden Kopfseiten des Sockelgeschosses in einer Größe, die den Konkurrenzdruck zu den Geschäften in den angrenzenden Stadtbereichen nicht zu groß werden lassen.

8. These
Zum Sanierungskonzept sollten der Rückbau der Überdachung der Ihmepassage und der Umbau in begrünte und den Bewohnern zum Aufenthalt vorbehaltene Blockinnenbereiche gehören. Hierdurch wird es möglich und wirtschaftlich tragfähig, im Bereich zwischen Ihmepassage und Blumenauer Straße oberhalb der Straßenebene ca. 10.000 m² zusätzlichen Wohnraum zu schaffen.

9. These
Die übrigen ca. 30.000 m² im Sockelgeschoss vorrangig auf der Straßenebene eignen sich sehr gut für Gewerbe, Kultur, Dienstleistungen, Gesundheitsprojekte, Gastronomie, etc..

10. These
Die Stadt Hannover schließt mit Intown für die jetzt genutzten ca. 28.000 m² Büroflächen und, wenn enercity ausziehen sollte, auch für deren ca. 30.000 m² für aus dem Stadtgebiet zusammengezogene Behörden, einen neuen 20-Jahres-Mietvertrag. Dies geschieht jedoch nur dann, wenn Intown die in den folgenden kommunalpolitischen Handlungsempfehlungen dargestellten Bedingungen erfüllt.

Die Thesen wurden vom Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum im Sommer 2016 erarbeitet. Das gesamte Thesenpapier „10 Schritte zum Glück“ mit detaillierten Erläuterungen und Handlungsempfehlungen steht hier zum kostenlosen Download.

Copyright: Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum

Das Konzept wird am 23. August bei einer Podiumsdiskussion im Capitol (Schwarzer Bär 2) vorgestellt. Einlass ist ab 17.30 Uhr, der Eintritt ist kostenlos.