Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: deutschland

Mai 2015 – Warum ich Spaziergänge durchs Ihme-Zentrum anbiete

 

Am Fluss

Seit dem Winter 2014 mache ich kommentierte Spaziergänge durch das Ihme-Zentrum. In meiner Freizeit und kostenlos. Inzwischen kommen pro Termin zwischen 30 und 40 Menschen, die Interesse am Zentrum haben und schauen wollen, wie viel von den Vorurteilen und Legenden wirklich wahr ist. Fast alle sind nach den Rundgängen überrascht, wie lebendig es im Zentrum ist und dass es überhaupt kein Ghetto oder Slum ist. Sondern liebgewonnene Heimat für Tausende Menschen.

Verlassener Garten

Die Rundgänge zeigen mir, warum es im Rahmen meiner Untersuchung wichtig ist, auch die Menschen außerhalb des Zentrums aufzuklären über die genaue Faktenlage und warum das Zentrum so geworden ist, wie es jetzt aussieht. Warum das wichtig ist? Weil das Ihme-Zentrum ein Image-Problem hat. Und ich fast täglich Mails und Nachrichten bekomme, die mich beleidigen, die das Zentrum diffamieren oder einfach nur schimpfen. Hier ein kleiner Ausschnitt einer Mail (Fehler habe ich nicht korrigiert):

„Wofür Führungen? dieses Gebäude ist ein Schandfleck! Man könnte so coole Sachen bauen. Dieser Beton-klotz gehört abgerissen und nichts anderes! So hat man vielleicht früher gebaut, aber es ist einfach nicht mehr Zeitgemäß und es sieht nicht nur aus wie eine Ruine. Ein Wahrzeichen könnte dies überhaupt nicht werden. Ein Wahrzeichen für hässliche Architektur oder was? Die Nord LB sieht doch cool aus. Wenn man mit viel Glas arbeitet und ausgefallenen Formen. Sowas ist modern. Aber dieses Ihme-Zentrum ist nur schrecklich.“

Dachgarten

Dem gegenüber stehen nicht nur die vielen tollen Ideen und Visionen, die ich hier auf dem Blog sammele, sondern auch die Reaktionen der Teilnehmenden an den Rundgängen. An dieser Stelle habe ich einige gesammelt:

Jochen W.: „Ich empfand es als sehr informativ und interessant. Einmal Deine/Ihre Erklärungen (trotz der Aussage, dass es sich nicht um eine Führung handelte); aber auch die Anmerkungen der weitern Anwohnerinnen. Ich finde es großartig, wenn man sich so engagiert und auch freiwillig und unentgeltlich so etwas konzipiert und arrangiert. Es waren mehr Teilnehmer da, als ich vermutete und könnte mir vorstellen, dass man das Ganze in einem kleineren Kreis noch intensiver erleben könnte und sich mehr Raum für einen Austausch ergäbe.“

Jana P.: „Mir hat es auf jeden Fall sehr gut gefallen, allerdings habe ich mich durch ein Uni-Projekt bereits eingehend mit dem Ihmezentrum beschäftigt, und daher war es für mich nicht überraschend, dass es im Ihmezentrum z.B. kaum Leerstand gibt. Meinem Freund war das bisher aber nicht klar gewesen und ihn hat das überrascht und auch sehr zum Nachdenken angeregt.“

Wasser

Mir ist es zu einfach, nur das Negative im Zentrum zu sehen. Ich möchte mit meiner Untersuchung das Potenzial des Gebäudes zeigen. Das Ihme-Zentrum ist für mich repräsentativ für die Entwicklung unserer Städte. Und die sollten wir aktiv mit begleiten. Deshalb freue ich mich weiterhin über Impulse und Unterstützung. Der nächste Rundgang ist übrigens am 31. Mai.

April 2015 – „Das Zentrum muss zum Campus werden“

Copyright: Linda Iglesias Navarro und Elsa Berger

Das Ihme-Zentrum als Campus? Auf den Plänen von Linda Iglesias Navarro und Elsa Berger sieht die Idee schon sehr realistisch aus.

 

Das Ihme-Zentrum muss zum Uni-Campus werden. Die beiden Innenarchitektinnen Elsa Berger und Linda Iglesias Navarro haben in ihrer Abschlussarbeit untersucht, wie realistisch der Umzug der Hochschule Hannover ins Ihme-Zentrum ist. Das Ergebnis wäre ein Traum, nicht nur für Studierende.

Wie kamt ihr darauf, eure Bachelor-Arbeit über das Ihme-Zentrum zu machen?
Als wir vor viereinhalb Jahren für unser Innenarchitekturstudium nach Hannover zogen, hatten wir beide noch keine Ahnung, dass es das Ihme-Zentrum überhaupt gibt. Erst nach einigen Monaten ist es uns mit seinem massiven und kolossalen Erscheinungsbild aufgefallen. Nach und nach wurde es immer mehr zum ständigen Begleiter und Thema: „Was war da?“ oder „Was ist da?“
„Wieso nimmt sich diesem Gebäude eigentlich keiner an?“
Wir hörten immer mehr Geschichten über fertige U-Bahnstationen, geheime Partys, Junkies und Prostitution, und das Zentrum ließ neben einer gewissen Abscheu auch das Interesse wachsen.
Diese konträre Haltung ist ein wichtiger Punkt bei unserem Entschluss gewesen. Denn eine konträre und durchaus auch negative Meinung zu einem Thema ist – wie uns die Erfahrung lehrte – meist fruchtbarer und intensiver als eine positive oder neutrale Meinung. So wurde aus unseren anfänglichen Hirngespinsten ein ernstes Thema, das uns all die Studienjahre verfolgte und uns keine Ruhe ließ.
„Da kann man doch was draus machen!“
„Dieses Ihme-Zentrum hat Potenzial.“
„Man muss nicht alles, was alt und augenscheinlich hässlich ist, abreißen und vergessen. Man kann es doch nutzen und die Geschichte spürbar machen.“
„Mann, stell dir vor – unsere Hochschule im Ihme-Zentrum. Mitten in Linden! Wäre das nicht eine Idee?“

Der Campus

Auf den Entwürfen gut zu sehen: In Kuben wird gelernt oder auch mal Pause gemacht. Die Flure eignen sich für den Austausch.

 

Wie seid ihr bei eurer Untersuchung vorgegangen?
Zunächst haben wir versucht, das Gebäude zu begreifen. Dazu gehörte neben der Ortsbegehung auch das Sichten der Pläne. Diese bekamen wir vom Verwalter Jaskulski zur Verfügung gestellt, neben vielen Informationen zu Verwaltungsstrukturen und Hintergründen. Eine ausgiebige Recherche sollte das Fundament unserer Entwurfsarbeit sein und uns natürlich in erster Linie darüber aufklären, weshalb das Ihme-Zentrum als Einkaufszentrum gescheitert ist und was in dem Gebäudekomplex die architektonischen Probleme darstellt.
In der Entwurfsarbeit konzentrierten wir uns in erster Linie auf die leerstehenden Flächen und vor allem auf die Straßenebene. Primäres Ziel war es, die Zugänglichkeit zu erleichtern und öffentliche Aufenthaltszonen zu schaffen, die für Hochschule und Bürger gleichermaßen dienlich sind. Die Hochschulräume sollten so konzipiert sein, dass sie den Studierenden eine vielfältige und individuelle Arbeitsweise ermöglichen und einen starken Außenbezug haben.

Der Campus

Bislang müssen die Studierenden noch raus zum Expo-Gelände fahren. Im Ihme-Zentrum könnten sie mitten in der Stadt lernen.

 

Wie realistisch ist es, die Hochschule ins Ihme-Zentrum zu verlegen?
Das Ihme-Zentrum verfügt aufgrund seiner Lage über eine sehr gute Infrastruktur sowie über eine schnelle Verbindung innerhalb der Stadt und würde somit einen idealen Standort bieten. Die Leibniz Universität, Bibliotheken und Mensen sind nicht weit entfernt, wodurch ebenfalls ein Austausch zwischen weiteren Studierenden stattfinden könnte.
Von der Größe des Gebäudes her wäre es durchaus möglich, Teile der Hochschule Hannover in das Ihme-Zentrum zu verlegen und somit einen attraktiven Campus für die Studenten zu schaffen, der auch Anwohnern und Interessierten offen stünde. Damit diese Idee eines Tages Realität wird, müssen wir allerdings noch mehr Menschen von unserem Konzept begeistern und einen geeigneten Investor finden.

Der Campus

Transparent: Die Aufenthaltsräume sollen nicht nur für Studierende sein, sondern auch für die Anwohner und Interessierte.

 

Hat sich eure Meinung zum Ihme-Zentrum geändert, nachdem ihr euch so lange damit beschäftigt habt?
Mit der Zeit haben wir immer mehr Potenzial in dem Gebäude gesehen. Bei jeder Besichtigung kamen uns neue Ideen, und wir entdeckten weitere interessante Stellen, die man bearbeiten könnte. Der große unübersichtliche Bau verschmolz immer mehr mit unserem Konzept, und unsere Vision wurde immer konkreter.
Für viele ist das Ihme-Zentrum ein nutzloser Schandfleck, für uns ist es jedoch ein Ort, der Geschichten erzählt und der mit der richtigen Idee zu einem neuen Wahrzeichen der Stadt werden könnte – und zwar im positiven Sinne.

Linda Iglesias-Navarro und Elsa Berger Linda Iglesias Navarro (links) und Elsa Berger sind Innenarchitektinnen

Interesse an einem Rundgang durch das Ihme-Zentrum?

Dezember 2014 – „Ich finde diesen Stil aus den 1970er-Jahren toll“

Ausgang

Ole Witt studiert Fotografie an der Hochschule Hannover. Für ein Studienprojekt hat er zahlreiche Bewohner des Ihme-Zentrums besucht und abgelichtet – auch mich. Ich sprach mit ihm über die Rolle des Zentrums für Hannover und über die Ästhetik des Betons.

Ole, wie kommst du dazu, ein Fotoprojekt über die Bewohner des Ihme-Zentrums zu machen?
Ich bin in Hannover groß geworden und habe das Ihme-Zentrum immer wahrgenommen. Früher war ich hier sogar einkaufen. Ich wollte wissen, was für Menschen hier leben. Was steckt dahinter. Und dann sind die Meinungen zum Zentrum ja so gesplittet zwischen totaler Ablehnung und großem Interesse, das finde ich interessant.

Was sind das für widersprüchliche Meinungen aus deiner Sicht?
Auf der einen Seite stehen die Menschen, die das Zentrum als absolute Bausünde sehen. Und auf der anderen Seite wird es als kulturell wichtig bewertet. Ich dachte mir: So unterschiedlich wie die Meinungen, so unterschiedlich sind sicher auch die Menschen, die im Zentrum leben.

Und ist das auch so?
Ja. Ich habe zahlreiche Menschen fotografiert – die Lebensweisen waren dabei so komplett verschieden. Und auch die Wohnungen sind sehr unterschiedlich. Von kleinen Künstlerwohnungen bis zum luxuriösem Loft. Das finde ich spannend.

Ästhetisch wird dem Zentrum häufig Hässlichkeit vorgeworfen. Wie siehst du das?
Es gibt ja den Spruch „Im Ihme-Zentrum sind die schönsten Wohnungen Hannovers, weil man von dort das Zentrum selbst nicht sehen kann“. Das sehe ich nicht so. Ich finde diesen Stil aus den 1970er-Jahren toll. Ich habe aber auch keinen Bezug zu der Zeit, in der es gebaut wurde. Dafür bin ich mit meinen 22 Jahren zu jung. Und ich kann mir vorstellen, dass die Menschen, die seit Jahrzehnten im Zentrum leben, das alles als veraltet ansehen.

Hat sich deine Meinung zum Zentrum positiv verändert seit deinem Projekt?
Nein, ich fand es vorher auch schon gut. Und es gehört einfach zu Hannover dazu.

Ole Witt

Ole Witt, Fotograf und Student aus Hannover.