Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Tag: bauen

Forschung zum Ihme-Zentrum ausgezeichnet

Foto: Sabina Rilling

Constantin Alexander wurde am Mittwoch in Wiesbaden für seine Forschung zum Ihme-Zentrum ausgezeichnet. Beim sogenannten Future Slam im nahezu ausverkauften Hessischen Landesmuseum gewann er mit dem Vortrag „Die nachhaltige Disruption“ den ersten Platz. Das Event mit dem Titel „Bilder der Zukunft“ war der Auftakt der See Conference zur Visualisierung von Informationen.

Volles Haus in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum

Mit Vorträgen, Seminaren und Diskussionen gelingt es der Zukunftswerkstatt, die Aufmerksamkeit für eine positive Entwicklung des Ihme-Zentrums zu steigern. Foto: Lucy Winkler

Das Nachbarschaftszentrum Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum boomt: Zu spannenden Veranstaltungen zu den Themen Produktdesign, Architektur und Wohnungsbau kamen in den vergangenen Tagen viele Interessierte und Bewohner.

Es war ein voller Erfolg: Die Veranstaltungsreihe „Architektur und Stadtentwicklung“ des Vereins Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum im Januar mit vielen Kooperationspartnern zog viele Interessierte von außerhalb, aber auch viele Bewohner in das gleichnamige Kultur- und Nachbarschftszentrum im Herzen des Quartiers.

Warum Designer das Ihme-Zentrum lieben

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Los ging es am Samstag mit Coold, einer Messe für Produktdesign, von Matthias Lauche in Kooperation mit der Hochschule Hannover und dem kreHtiv Netzwerk für Kreativwirtschaft. Designer zeigten ihre eigenen Werke, von Möbeln über Arbeiten mit Beton bis hin zu spannenden Gadgets. Bei der Podiumsdiskussion abends ging es um den Umgang mit Freiräumen in Hannover, zu dem die Teilnehmenden auch explizit das Ihme-Zentrum zählen. „Wie kann es sein, dass mitten in der Stadt mehr als 100.000 Quadratmeter leer stehen“, fragte eine Teilnehmerin wütend: „Hier muss doch Leben rein!“

Warum die Geschichte des Ihme-Zentrums so viele bewegt

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Am Sonntag lud der Verein mit dem Vortrag „Europas größte Baustelle“ aus der Bau- und Anfangsphase des Ihme-Zentrums zu einer kleinen Zeitreise: Mitplaner und ehemaliger Bewohner Hans Dieter Keyl erzählte in der vom Historischen Museum unterstützen Veranstaltung von der spannenden Zeit in den 1960er- und 1970er-Jahren, als das Ihme-Zentrum erdacht und gebaut wurde. Für seinen Vortrag hatte der Architekt extra seine alten Dias digitalisiert. Die rund 120 Besucher konnten sich dann darüber freuen, exklusive Fotos zum ersten Mal überhaupt zu sehen. Besonders für die Bewohner war es ein schönes Gefühl, ihre Heimat mal wieder positiv zu erleben.

Warum das Ihme-Zentrum wichtig für den Wohnungsbau ist

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Den Abschluss der Reihe „Architektur und Stadtplanung“ im Januar 2018 bildete die Diskussion „Herausforderung Wohnen“ vom bbs – Bürgerbüro Stadtentwicklung und der Akademie für Raumforschung und Landesplanung. „Vor vollem Haus referierte Frau Prof. Dr.-Ing. Barbara Schönig (Universität Weimar) über Einflussmöglichkeiten der Wohnungspolitik“, erzählt Manfred Hinz, Bewohner im Ihme-Zentrum. „Anschließend präsentierte Daniel Fuhrhop, Buchautor von „Verbietet das Bauen“ seine Lösungsvorschläge gegen steigende Mieten und Wohnungsmangel.“ In einer abschließenden Podiumsdiskussion wurde die Frage, was Hannover diesem Trend entgegensetzen kann, mit hochkarätigen Gästen aus der Stadtverwaltung, Forschung und Wohnungswirtschaft diskutiert.

Dieses Artikel wurde im Rahmen der Netzwerk-Recherche-Projektförderung Grow geschrieben. In dem Projekt wird erforscht, wie hyperlokaler, konstruktiver und nachhaltig verwalteter Journalismus funktionieren kann. Die Ergebnisse werden auf der Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz am 29./30. Juni 2018 beim NDR in Hamburg und bei der Veranstaltungsreihe #ihmezentrum2025 im Frühjahr 2018 vorgestellt.

Juli 2017 – Das Ihme-Zentrum als Teil der Skulptur Projekte Münster

Der Baustil des Ihme-Zentrums, der Brutalismus, erlebt derzeit ein Revival. Immer mehr Architekten, Stadtentwickler, Kreativschaffende und Künstler entdecken das Erbe dieser vergessenen Moderne aus den 60er- und 70er-Jahren und fordern ein Umdenken im Umgang damit. Anstatt die Brutalismus-Gebäude abzureißen, sollten sie wie das Barbican Centre in London wieder belebt werden. Dass auch das Ihme-Zentrum ein riesiges Potenzial bietet, zeigt nicht zuletzt der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum.

Am Samstag, 29. Juli 2017, darf Constantin Alexander, Mitgründer der Zukunftswerkstatt und Initiator des Transformationsprojektes im Ihme-Zentrum, bei einem Symposiums im Rahmen der Skulptur Projekte Münster erklären, warum und wie das Ihme-Zentrum ein neues Wahrzeichen für Hannover werden soll. Die Veranstaltung „Brutiful Life“ im Freihaus MS ist hochkarätig besetzt: Mit auf dem Podium sitzen Inke Arns (HMKV, Dortmund), Theo Deutinger (T. D. Architects, Amsterdam & Salzburg), Georg Elben (Skulpturenmuseum Glaskasten Marl) und Oliver Elser (D. A. M. Frankfurt).

Kooperationspartner ist StadtBauKultur NRW.

Februar 2017 – Vorwärts und nicht vergessen!

Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum

Die SPD im Stadtrat lehnt die Förderung eines bürgerliches Engagements im Ihme-Zentrum zum jetzigen Zeitpunkt ab. Deshalb startet der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum ab Sommer selbst ein Quartiersforum. Die Räume sollen der Nachbarschaft und den Bewohnerinnen und Bewohner im Ihme-Zentrum zum Austausch dienen, aber auch Möglichkeiten für Kunst, Kultur und Sport bieten.

Der Großeigentümer Intown hat bunte Pläne vorgestellt, lässt aber offen, wann was passiert und wie viel es kostet. Jedes Gesprächsangebot von Bewohnern, Initiativen und auch Vertretern des Einzelhandels in Hannover wird abgelehnt. Nur mit Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) wird gesprochen. Mit dem Hinweis, man wolle erst in Ruhe alles planen und mit den Interessenten verhandeln. In den vergangenen Jahren haben wir zahlreiche Mietinteressenten an Intown vermittelt, von denen niemand eine klare Antwort bekommen hat. Auch dass die Immobilien, die Intown in anderen Städten besitzt, bislang nicht wirklich entwickelt wurden, macht uns skeptisch.

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Deshalb haben wir als Verein im Januar einen Antrag für ein Bürgerbeteiligungsprojekt im Ihme-Zentrum bei der „Koalition“ aus SPD, Grüne und FDP im hannoverschen Stadtrat gestellt. Das Ziel: Alle Betroffenen im Ihme-Zentrum in einer Art Parlament zusammen zu bringen und die Bedürfnisse und Bedarfe abzufragen – BewohnerInnen, Angestellte der städtischen Fachbereiche dort, Lindener Initiativen, Vertreter aus allen Fraktionen im Stadtrat, Alt und Jung. Die SPD als größte Fraktion im Rat hat unseren Antrag abgelehnt. Man solle nur „mehr Geduld“ haben.

Das Bündnis der drei Parteien erteilte uns jedoch eine zweijährige Förderung für ein Quartiersforum im Ihme-Zentrum. Die Räume sollen der Nachbarschaft und allen Bewohnerinnen und Bewohnern als Ort zum Kontakt und Austausch dienen, aber auch Sport, Kultur und Kreatives ermöglichen.

Wir laden alle Interessierten ein, mit uns zu beweisen, dass das Interesse an einem funktionierenden, lebendigem und kreativen Ihme-Zentrum in dieser Stadt da ist. Dass ein positiver Wandel möglich ist! Ab Mai geht es los. Wer sich dafür interessiert, meldet sich am besten bei unserem Newsletter an unter mail(at)ihmezentrum(punkt)org.

Wir warten nicht auf Intown! Wir warten auch nicht auf den Stadtrat der Landeshauptstadt. Wir fangen jetzt an, das Ihme-Zentrum aufzuwecken. Macht mit!

Hier findet ihr das Konzept für die Bürgerbeteiligung im Ihme-Zentrum zum Download

 

„Das Ihme-Zentrum muss zum Alleinstellungsmerkmal werden“

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Volles Haus im Capitol: Die Menschen interessiert die Zukunft des Ihme-Zentrums sehr.

Vor vollem Haus machten sich am Dienstagabend die Politiker der Landeshauptstadt Hannover stark für eine sogenannte Vorbereitende Untersuchung im Ihme-Zentrum. Diese Inventur muss im Stadrat beschlossen werden und untersucht, ob ein Stadtviertel unter baulichen Mängeln leidet und ob sich die Eigentümer vor Ort weigern, Renovierungsarbeiten vorzunehmen.

Das Capitol in Hannover ist voll. Die rund 200 Sitzplätze unten sind belegt, dahinter, daneben und oben auf der Empore drängen sich die Menschen – sie sind gekommen, um zu erfahren, wie die Politik in der Landeshauptstadt das Ihme-Zentrum revitalisieren möchte. Auf dem Podium sitzen neben Moderator Jan Egge Sedelies die Vertreter der demokratischen Parteien im Stadtrat: Felix Blaschzyk (CDU), Daniel Gardemin (Grüne), Ewald Nagel (SPD), Gerhard Kier (FDP) und Dirk Machentanz (Die Linke). Im Rahmen des Kommunalwahlkampfes wollen die Politiker die Positionen ihrer Parteien zur aktuellen Situation im Ihme-Zentrum vorstellen. Ein Thema, das in den vergangenen Monaten heftig diskutiert wurde, nachdem Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) dem Großeigentümer Intown ein Ultimatum gestellt hat, um ein Konzept vorzulegen.

Entgegen mancher Erwartung sind sich die fünf Politiker auf der Bühne des vollen Capitols sehr schnell auf wesentliche Punkte einig und blieben dabei stets sehr freundlich und konstruktiv: Das Ihme-Zentrum darf nicht abgerissen werden, und es braucht mit der sogenannten Vorbereitenden Untersuchung eine Art Inventur, um die Situation vor Ort von Experten bewerten zu lassen. Dazu hat der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum ein Zehn-Punkte-Plan veröffentlicht, der eine juristische und architektonische Grundlage für eine nachhaltige und kreative Transformation des Viertels bietet. Alle Parteien bewerteten diese zehn Thesen als wertvoll und ideal geeignet, um das Thema im Stadtrat und in den Dezernaten einmal komplett neu anzugehen.

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Freundlich und konstruktiv diskutierten die Vertreter über eine bessere Zukunft für das Quartier.

„Wir brauchen eine Vorbereitende Untersuchung“, so Daniel Gardemin in seiner Forderung, der sich alle Politiker anschlossen und die im Publikum laut beklatscht wurde. Der Grünen-Politiker sieht in dem Quartier einen idealen Möglichkeitsraum für Gärten zwischen und auf den Häusern, für eine Energieversorgung mit Solarzellen und für Urban Farming im Gewerbebereich, bei dem Lebensmittel in Kreislaufsystemen hergestellt wird. „Im Stadtteil Linden wird viel ausprobiert, warum lassen wir dann beispielsweise nicht einen Künstler die Fassaden des Zentrums gestalten?“, so Gardemin, der dafür lauten Applaus genoss.

Der CDU-Politiker Felix Blaschzyk ging sogar weiter: „Das Ihme-Zentrum muss zum überregionalen Alleinstellungsmerkmal werden.“ Durch bessere Wegeverbindungen, indem beispielsweise die Stadt den Ihmeuferweg kauft, würde das Quartier besser mit Hannover verbunden. „Auch kann ich mir vorstellen, dass sich hier die Start-up-Szene wohl fühlt.“ Viele Gründer und Vertreter der Wirtschaft Hannovers waren im Publikum anwesend und reagierten mit lautstarker Zustimmung. Damit seine Forderung realistisch wird, schlug Blaschzyk die Gründung einer Entwicklungsgesellschaft durch die Stadt vor, die das Ihme-Zentrum über Jahre revitalisiert und die Flächen an einzelne Interessenten vermieten oder verkaufen könnte.

Dem FDP-Vertreter Gerhard Kier war eine Verbesserung des Umfeldes des Ihme-Zentrums wichtig. „Die Blumenauerstraße im Süden muss zu einer richtigen Straße werden. Hier kann die Stadt zeigen, wie ernst sie es mit der Integration des Quartiers in sein Umfeld meint.“ Auch sollte die sanierte, aber bislang leer stehende Tiefgarage für Nutzer frei gegeben werden. Etwas, das der Linken-Politiker Dirk Machentanz unterstützte: „Uns wären vor allem bezahlbare Wohnungen im Ihme-Zentrum wichtig.“

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Gerd Runge von der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum präsentierte die zehn Thesen des Vereins zur nachhaltigen und kreativen Revitalisierung des Quartiers.

Der SPD-Politiker Ewald Nagel wagte zwar keine große Vision, betonte aber das Engagement seiner Partei für das Quartier: „Ich wünsche mir ein lebendiges Ihme-Zentrum. Damit das gelingt, brauchen wir die gesamte Stadtgesellschaft“, appelierte er ans Publikum, die ihm lautstark unterstützten. Als Mehrheit im Rat sollte seine Partei eine Aktualisierung des Zustandsberichts im Quartier planen, schlug Nagel vor. Dies könnte durch eine neue Vorbereitende Untersuchung gemacht geschehen. „Die zehn Handlungsempfehlungen der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum sind sehr praktikabel und bieten für die Entwicklung des Quartiers eine gute Lösung“, so Nagel.

Mit einer positiven Grundstimmung und weitestgehender Einigkeit endete der Abend. Die Forderung eines Manns aus dem Publikum, das Ihme-Zentrum in einer gemeinsamen Aktion zu besetzen, wurde lachend zur Kenntnis genommen. Gerne hätte das Publikum den Großeigentümer Intown zu den besprochenen Themen befragt, doch trotz Einladung war weder ein Vertreter des Berliner Unternehmens vor Ort, noch jemand von der Quartiersverwaltung Cardea. Nun bleibt es abzuwarten, wie sich die Politiker nach der Kommunalwahl am 11. September an ihren Versprechen für eine bessere Zukunft des Quartiers erinnern und dementsprechend handeln.

Hier gibt es die zehn Schritte für eine Revitalisierung des Ihme-Zentrums zum kostenlosen Download.

Danke an die exposive Mediengruppe für die tolle Betreuung und Technik vor Ort. Und danke an Hannover Concerts, dass sie uns das Capitol zur Verfügung gestellt haben!

Juni 2015 – „Ein Hotspot in Hannover“

Hannovers Marktkirche vom Dach des Ihme-Zentrums

Hannovers Marktkirche fest im Blick.

Immo Dirks genießt das Wohnen im Ihme-Zentrum. Und er hat viele tolle Ideen, wie aus der Baustelle ein neuer Hotspot in Hannover werden kann. Im Interview erklärt er, warum er sich entschieden hat, im Ihme-Zentrum zu leben und was die Zukunft bringen könnte.

Immo, du wohnst selbst im Ihme-Zentrum. Wie würdest du das Leben im umstrittensten Gebäude der Stadt beschreiben?
Ich habe das Glück gehabt, hier einmal eine Wohnung besichtigen zu können. Den Besichtigungstermin hatte ich zur Abrundung meiner damaligen Wohnungssuche vereinbart, und es war eigentlich mehr als Katastrophentourismus gedacht. Aber der Ausblick über die Ihme und der Schnitt der Wohnung haben mir sofort gefallen. Ich erzähle Freunden und Bekannten gerne von den Ruderern auf dem Fluss, der direkten Anbindung an Wander- und Fahrradwege, dem Lindener Nachtleben und der City-Nähe, aber auch von dem Stress, wenn in lauen Nächten auf dem Gegenufer wieder Party ist. Wenn ich Besuch erhalte, ist die erste Reaktion meist, wie hässlich der Gebäudekomplex in der Form und in der Außenfassade ist. Ich selber habe da eine andere, liebevollere Wahrnehmung, würde aber auch nicht von eleganter Grazie sprechen.

Wasser

Die Ihme vom Parkdeck aus gesehen.

Wie würdest du denn die Stimmung in den Häusern beschreiben?
Der Umgang untereinander ist in den mir bekannten Häusern mit wenigen Ausnahmen ausgesprochen freundlich und angenehm. Allerdings fehlt mir ein Bewohner-Café, um mit meinen Nachbarn in einen zwanglosen Austausch über die kurze Fahrstuhl-Freundlichkeit hinaus kommen zu können. Auch würde ich mir wünschen, dass der neue Investor ein paar seiner Wohnungen für betreutes Wohnen reserviert, als Basis für einen entsprechenden Pflegedienst, der dann das gesamte Ihme-Zentrum in seinen Wirkungsbereich einbeziehen kann. Ich möchte hier alt werden und auch bei Pflegebedürftigkeit wohnen bleiben können.

Hoch

Hochhaus und Himmel ergänzen sich.

Du hast konkrete Vorstellungen, wie das Zentrum entwickelt werden könnte. Welche Themen sind dir dabei wichtig ?
Offensichtlich ist der gewerbliche Teil des Ihme-Zentrums kein Selbstgänger. Entweder man „entbrutalisiert“ den Gebäudekomplex durch massive bauliche Eingriffe wie z.B. in dem bekannt gewordenen Architektenplan von 2005, der zu Gunsten eines eleganten, geschlossenen sechsstöckigen Baukörper über beinahe die gesamte Zentrumslänge den Abriss des enercity-Hochhauses und vom Ihmeplatz 1 vorsieht. Oder aber man wertet die Außenbereiche auf und entwickelt darüber hinaus Leuchtturmthemen, die das kaputte alte Image überstrahlen können. Die Leuchtturmthemen bringen Menschen in Kontakt mit dem Ihme-Zentrum, und Kontakt schafft Sympathie.

Baustelle

Strenge Formen sind typisch für diesen Baustil.

Meinst du denn, dass das Ihme-Zentrum wieder ein Einkaufszentrum werden muss, um zu funktionieren?
Ich persönlich habe keine Präferenzen, was das Verhältnis von Handelsflächen, Büros, Gastronomie und Wohnungen angeht. Ich weiß aber, dass ein Veranstaltungszentrum im Wohnumfeld von so vielen Menschen nicht machbar ist und dass eine einfache Zweitausgabe der Ernst-August-Galerie nicht funktionieren wird. Als Voraussetzung einer erfolgreichen gewerblichen Nutzung stelle ich mir eine Reihe von Maßnahmen vor, die die Wahrnehmung des Zentrums drastisch ändern könnten. Dazu gehören insbesondere: Das Dach des enercity-Turms wird eine Aussichtsplattform. Das oberste Stockwerk des enercity-Turms wird ein Restaurant. Die Wahrnehmung des Ihme-Zentrums wird mit bestimmten Sonderthemen verknüpft, wie Fahrrad-Café, Foodkarts, offene Künstler-Werkstätten. Der Fluss wird Teil des mit dem Gebäude verbundenen Erlebnisraums, indem u.a. das Ufer auf die erste Parkgaragenebene abgesenkt wird. Der alte Kasten könnte so durchaus noch ein Hotspot in Hannover werden.

Sonne

Eine Stadt am Wasser – das Ihme-Zentrum.

Hast du Hoffnung, dass es irgendwann besser wird im Zentrum?
Diese Hoffnung habe ich, weil das Ihme-Zentrum eine fantastische Lage hat, noch nicht heraus gemeißeltes Potenzial besitzt und zu zentral in der Stadt liegt, als dass die Baustelle ewig ignoriert werden könnte. Allerdings wird es nicht ohne energische (soll heißen: nicht ganz billige) Maßnahmen und wahrscheinlich nicht ganz ohne Beteiligung der Stadt gehen.

Immo Dirks ist Bewohner des Ihme-Zentrums. Seine Ideen zur Umwandlung
des Ihme-Zentrums zum Hotspot hat er unter Vom Schandfleck zum Hotspot einmal aufgeschrieben.

April 2015 – „Oben ist ja alles schön!“

Stufe eins

So sieht das Ihme-Zentrum von Süden betrachtet bislang aus. Alle Fotos von Frank Eittorf

Für den Architekten und Dozenten Frank Eittorf hat das Ihme-Zentrum Potenzial, um nachhaltige Baugeschichte zu schreiben. Ein Gespräch über die Herausforderungen, mögliche Probleme und das Ziel einer Umgestaltung des Zentrums.

Du hast vor einiger Zeit einen Impulsrundgang durch das Ihme-Zentrum gemacht, wie war dein Eindruck?

Ich würde es als Wechselbad der Gefühle beschreiben. Ein Wechselspiel zwischen Spannung, Faszination und Entsetzen, letzteres überwog. 
Ich habe mir einen Nachmittag die Zeit genommen, den „öffentlichen“ beziehungsweise „zugänglichen“ Raum des Ihme-Zentrums zu „durchlaufen“.  Angefangen habe ich in den, nur teilweise genutzten, Tiefgaragen. Mein Fokus galt jedoch den Ebenen 0 und 1. Es ist dunkel, unübersichtlich und unangenehm. 
Die bestehenden Hauseingänge sind schwer zu finden. Gäste finden ihre Gastgeber nicht, trauen sich nicht durch das Dunkel des „gefühlten“ Untergrunds. Die Folge: Gastgeber holen ihre Gäste am Küchengarten oder der Blumenauerstraße ab. Wenn man dann mal in einer Wohnung ist, überzeugt diese durch gute Grundrisse mit Weitblick. Oben ist ja alles schön!

Durchblick: Im Erdgeschoss wird Freiraum geschaffen. Die Ihme rückt näher an Linden heran.

Durchblick: Im Erdgeschoss wird Freiraum geschaffen. Die Ihme rückt näher an Linden heran.

Als Architekt und Dozent hast du Erfahrung mit der Umnutzung von vermeintlichen Bauruinen wie Luftschutzbunkern gesammelt. Hättest du auch eine Idee, wie das Ihme-Zentrum neu umgebaut werden könnte?

Definitiv – daher mein Wechselbad. Als Architekt bin ich fasziniert von der Idee der kompakten Stadt: Zentrales Wohnen mit einer hohen Dichte verkürzt die täglichen Wege, spart Ressourcen. Die Idee von Nachhaltigkeit im pursten Sinne – und das nicht erst seit den 70er-Jahren. Die heutige Diskussion von Nachhaltigkeit  geht am eigentlichen Thema vorbei: Es geht nicht mehr um zentrales Wohnen, die Innenstädte sind entvölkert, Siedlungen werden ins Grüne gebaut. Weite Wege und Flächenfraß sind die Folge. Auch geht es anscheinend nicht mehr um die kompakte Bauform. Im Gegenteil: Je mehr Einfamilienhäuser, desto mehr Gebäudevolumen, desto mehr Fassade, desto mehr Fläche gilt es mit „Sondermüll“ zu tapezieren, desto mehr Wärmedämmung wird verkauft. Als gelernter Maurer sehe ich das besonders kritisch.

Dem Ihme-Zentrum fehlt nicht viel, um als gebaute Utopie zu funktionieren. Lediglich die Ebenen 0 und 1 sind problematisch. In meiner Studie habe ich zunächst diese beiden Ebenen frei geräumt, zudem den Deckel der Shopping Mall über der Ebene 0 entfernt. Das Resultat sind Licht, freie Blicke und Wege zur Calenberger Neustadt, zur Ihme. Das Wichtigste sind die nun freien und hellen Eingänge in die oberen Geschoße der bestehenden Wohnungen. Sämtliche Nutzergruppen bekommen ihren Eingang, ihre Adresse zurück. Die restlichen Flächen würde ich als Bauland anbieten. Das Achsmaß beträgt etwa acht Meter, daher würden die Parzellen acht Meter breit, 24 bis ca. 48 Meter tief und rund acht Meter hoch sein.
 Es müsste ein Masterplan entwickelt werden, der Vorgaben und Besonderheiten des Ihme-Zentrums berücksichtigt und thematisiert. Baulinien und -höhen sowie der Umgang mit der bestehenden Tiefgarage seien da mal als Stichworte genannt. 
Die Idee: Mein Haus, mein Garten, mein Auto, meine Tiefgarage. 
Um eine dichte und zugleich heterogene Architektur zu gewährleisten, müssten die Parzellen einzeln oder in überschaubaren Teilstücken vermarktet werden. Ein gutes Beispiel für Kompakte Vielfalt ist der Masterplan Von West 8, Borneo Sporenborg in Amsterdam.

Im entstandenen Freiraum ließen sich kleine Wohn- und Arbeitseinheiten schaffen und vermarkten.

Im entstandenen Freiraum ließen sich kleine Wohn- und Arbeitseinheiten schaffen und vermarkten.

Was müsste passieren, damit das Ihme-Zentrum in Hannover und überregional als Chance und nicht mehr nur als Bausünde gesehen wird?
Das Ihme-Zentrum müsste zu einer Erfolgsstory werden. Wir müssten den Mut und Willen der Erbauer zurückgewinnen, die Fehlversuche begraben und als Optimisten mit dem Gelernten an die Planung gehen. Es gibt ein paar Stellschrauben die fix sind – andere Dinge müssen flexibel bleiben. 
Das Wichtigste: Es muss sich auch für einen Investor rechnen. Das Bauland bringt das Geld, um die Ebenen 0 und 1 frei- bzw. aufzuräumen. Der Investor vermarktet lediglich die Parzellen. Im besten Fall koordiniert er Planung und Bau, wo er insbesondere jungen und kreativen Architekten die Chance gibt, sich mit dieser besonderen Aufgabe auseinander zu setzen. Abhängig von der Lage der Parzelle sollte ein Planungs- oder Architekturbüro ein Doppelhaus oder ein Reihenhaus entwickeln und bauen. Als Zielgruppe eignen sich junge Familien, die gerne zentral wohnen und arbeiten wollen.

Der Erfolg der Vision Ihme-Zentrum hängt von der Summe individueller Architekturen ab. Nur die gebaute Vielfalt hat genug Kraft, sich gegen ein starkes Oben zu behaupten. Nur dem individuellen Bewohner und Eigentümer liegt etwas an seinem direkten Umfeld, ob das der Vorgarten, Garten, Platz oder Bürgersteig ist. 
Heute wohnen die Leute gerne oben im Ihme-Zentrum. Morgen auch unten: Unter dem Ihme-Zentrum an der Ihme in Hannover-Linden.

Am Ende der Planung von Frank Eittorft ist das  Ihme-Zentrum bunt.

Am Ende der Planung von Frank Eittorf ist das Ihme-Zentrum bunt.

Dich interessiert die Aufwertung und Umgestaltung von städtischen Räumen. Würde Hannover als Stadt von einem Umbau des Ihme-Zentrums profitieren?
Im Allgemeinen profitiert jede Stadt von der Aufwertung öffentlicher Räume. Dabei hat jede Stadt ihre eigenen und individuellen Stadträume – so auch Hannover. Nehmen wir die Passerelle am Hauptbahnhof. Eine höhenversetzte Einkaufspassage bringt meist Risiken mit sich. Erinnern wir uns an das Scheitern der höher gelegten Einkaufspassage im Ihme-Zentrum: 
In der Innenstadt ist das anders. Richtung Kröpcke funktioniert die tiefliegende Passerelle aufgrund der zentralen Lage, der optimalen Anbindung an Nah- und Fernverkehr sehr gut. Die Faktoren, um viele Menschen anzuziehen sind gegeben. Daher lohnt es sich für die Stadt, zu investieren. Einzelhandel, Gastronomie und Hotels profitieren von gestalteten und gepflegten Stadträumen.

Richtung List und Oststadt ist das ein wenig anders. Die Menschen fehlen, der Einzelhandel fehlt. Die Motivation, zu investieren, fehlt aufgrund der fehlenden Nutzer.
 Ähnlich verhält es sich mit dem Ihme-Zentrum. Der Unterschied ist lediglich, dass hier nicht die Stadt, sondern die Investoren die Verantwortung tragen. Mehr noch als die Stadt muss auch hier wirtschaftlich gerechnet werden. Der Fokus ist aber ein anderer. Es gilt, bezahlbaren, zugleich individuellen Wohnraum zu schaffen. Die Herausforderung wird wohl der Umgang mit einem Bestand der besonderen Art. So wie die Passerelle zwischen Kröpcke und Hauptbahnhof als individuelle Hannover-Lösung geglückt ist, gilt es, eine individuelle, am Bestand des Ihme-Zentrums orientierte Lösung zu finden. Das größte Fundament Europas ist bereits gebaut. Jetzt gilt es, lediglich das Konzept an diesen Bestand anzupassen. Ein weiteres Mal würde Hannover mit einer individuellen Lösung nachhaltige Baugeschichte schreiben.

Frank Eittorf

Frank Eittorf ist Architekt und Uni-Dozent.

Februar 2015 – Ihme Zentrum, 30449 – Die TV Serie

Winter, im Süden

Mirco Buchwitz ist Autor von tollen Büchern, Hörspielen und ein großer Filmliebhaber. Ich spreche mit ihm immer gerne über Kunst, Spiritualität und das Leben an sich. Für meinen Blog hat er einmal aufgeschrieben, welchen künstlerischen Wert er im Ihme-Zentrum sieht.

Als Geschichtenerzähler muss man lernen, das geeignete Format für eine Idee zu erkennen. Manche Ideen sind Kurzgeschichten, andere Romane und wieder andere Hörspiele, Filme oder Stand-up-Nummern. Einige wären schon als Facebook-Post zu lang. Auf Costas Frage, wie ich das Ihme-Zentrum erzählerisch sehe, hatte ich sofort eine Fernsehserie im Kopf. Dies ist der Versuch, einen groben Umriss dieser Serie zu geben. Die Betonung liegt auf grob. Es geht eher darum, einen Eindruck zu vermitteln, welche Art Serie ich mir vorstellen kann. Das ist alles eher oberflächlich, und ich bin nicht hundertprozentig sicher, inwieweit ich alles so ganz ernst meine. Egal. Weil ich deutsche Schauspieler scheiße finde, habe ich keinen blassen Schimmer, was die eventuelle Besetzung angeht. Hauptsache nicht die Riemann vorstellen oder irgendwen, der schonmal durch einen „Tatort“ gestolpert ist.

Getreu dem Erscheinungsbild des Ihme-Zentrums, darf natürlich auch bei der Serie nicht gekleckert werden; es muss geklotzt werden. Wir nehmen uns „The Wire“ und „House of Cards“ als Vorbilder. Die Serie wird wortkarg, verlässt sich auf eine klare Bildsprache, die die erdrückende Architektur des Ihme-Zentrums stimmungstechnisch zu nutzen weiß, und präsentiert sich grau in grau. Humor entsteht, wenn überhaupt, aus der absurden Tragik des jeweiligen Moments. Es gibt vier Staffeln. Pro Staffel wenigstens eine lesbische Sexszene, versprochen.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Staffel eins spielt einerseits Anfang der Siebziger (Zeitebene A), zum anderen 2006 (Zeitebene B), kurz vor Beginn des ersten Renovierungsversuchs, durch den Investor Engel. Auf Zeitebene A sind unsere Hauptfiguren Karl Schaetzke von der City Bau AG, und Ole Marquard von der Stadtverwaltung. Karl Schaetzke, gerade mal Ende zwanzig, versteht sich als Visionär, und mit dem Ihme-Zentrum will er sich als solcher etablieren – koste es was es wolle. Erzählt wird von den Intrigen, die gesponnen werden müssen und den Personen, die bestochen werden müssen, um das Projekt genehmigt zu bekommen. Wir bedienen uns größtmöglicher künstlerischer Freiheit, was den historischen Wahrheitsgehalt betrifft – nicht zuletzt, weil ich gerade zu faul zum Recherchieren bin.

Auf Zeitebene B begleiten wir Hausmeister Johann Düngling, den alle nur den stummen Johnny nennen. (Fuckyeah!) Johnny ist Anfang dreißig und alleinstehend. Anders als auf Zeitebene A, die eine zusammenhängende Geschichte erzählt, bleiben Johnnys Momente episodenhaft. Er ist unser Virgil, der uns durch die Höllenkreise des Ihme-Zentrums geleitet. Nur nach und nach erfahren wir mehr über ihn. Unter anderem lernen wir, dass er Ende der Neunziger Gitarrist in einer Rockband war, bevor er sich bei einem Unfall die linke Hand gebrochen hat, deren Finger er seitdem nur eingeschränkt bewegen kann. Der Name jener Band wird nie explizit erwähnt, aber es wird klar, dass sie sich als Mainstream-Act etabliert haben. Gelegentlich sehen wir Johnny schnaufend den Radiosender wechseln. Inzwischen hat er sich komplett aus der Szene zurückgezogen, lebt einsiedlerisch und verbringt den Großteil seiner freien Zeit in einer schmuddeligen Eckkneipe unten im Ihme-Zentrum.

Mirco Buchwitz: „Ihme-Zentrum Report“ (2006)

Der Clip war einer der Auslöser für mich, mit Mirco zu sprechen. Er zeigt die breite Interpretationsmöglichkeit des Zentrums.

Von Folge zu Folge begegnet er verschiedenen Bewohnern des Ihme-Zentrums, von denen manche auch in späteren Staffeln in Erscheinung treten. Bspw. Irina, die polnische Prostituierte aus Block eins, die von ihrem Zuhälter misshandelt wird, und in die Johnny unglücklich verliebt ist. Oder Frau Weinhold von enercity, die gerne über ihre Kunden lästert, wenn Johnny mit ihr Zigarettenpause macht. Oder Lisa, die Kunststudentin mit den Dreadlocks, die Johnny ständig mit Ideen für Ausstellungen, Partys und ähnlichen Aktionen vollquatscht. Oder Herr Paulsen, der in einer der Luxuswohnungen im obersten Stock lebt, Lehrer war, aber vor einigen Jahren aus nicht weiter erwähnten Gründen entlassen wurde, und nun als Schwerstalkoholiker vor sich hinvegetiert. Es gibt Gerüchte, dass er sich an minderjährige Schülerinnen herangeschmissen hat. Gelegentlich muss er von Johnny zurück in seine Wohnung geschafft werden, wenn er sich im Ihme-Zentrum verlaufen hat. Außerdem gibt es Mahmut, der mit seinem schmalen Gehalt Mutter und Schwester durchfüttern muss. Seine Freunde versuchen ihn zum Drogenverkaufen zu überreden, um die Kohle aufzubessern. Noch weigert er sich. (uswusf.)

Staffel eins endet mit dem ersten Spatenstich. In der zweiten Staffel wird auf Zeitebene A die Geschichte vom eigentlichen Bau erzählt. Was genau ist geschehen, als das Ihme-Zentrum mit einem Mal viel größer wurde, als es ursprünglich geplant war? Weshalb hat die Stadt es widerspruchslos geduldet? Was haben Karl Schaetzke und Ole Marquardt in diesem Fall für krumme Dinger gedreht? Was genau ist mit der türkischen Familie vereinbart worden, deren Vater beim Bau in einen Schacht gestürzt ist, dort einbetoniert wurde, und dessen Leichnam aus Kostengründen kurzerhand dort belassen wurde?

Auf Zeitebene B begleiten wir weiterhin Johnny. Es ist 2007. Inzwischen ist Irina schwanger. Johnny ist nicht sicher, ob das Kind von ihm ist, oder ob sie ihn lediglich benutzt, denn er weiß, dass sie insgeheim noch immer mit ihrem Zuhälter verbandelt ist. Unglücklicherweise liebt er sie zu sehr, um auf einen Vaterschaftstest zu bestehen. Darüber hinaus gibt es mehr und mehr Verknüpfungen zwischen Figuren und Zeitebenen, u.a. erfahren wir, dass der oben erwähnte verunglückte Arbeiter Mahmuts Vater war. (uswusf.)

Winter, nach Norden

Staffel drei beginnt mit der feierlichen Eröffnung des Ihme-Zentrums und beschäftigt sich anschließend mit den Konflikten, die bei der Ansiedlung der Geschäftskunden entstehen. Insgesamt verlagert sich der Schwerpunkt der Geschichte auf Johnnys Leben. Die Zeit ab Mitte der Siebziger wird eher montagenhaft erzählt, die Fäden werden enger miteinander verknüpft, bis die Zeitsprünge in der vierten Staffel schließlich wegfallen. Karl und Johnny begegnen sich erstmals. Johnny lebt inzwischen unglücklich mit Irina zusammen und hat ihr Kind als seinen Sohn akzeptiert, obwohl er weiß, dass sie ihn nicht liebt. Karl ist pensioniert, aber als Berater im Rahmen der Revitalisierung des Ihme-Zentrums aktiv, weil er seinen Traum nicht aufgeben will. Das Ganze ist zur Besessenheit geworden. (Ja, ja, ja! Das muss nicht unbedingt alles Sinn ergeben, solange es erzählerisch funktioniert.)

Gegen Ende der vierten Staffel muss er sich schließlich eingestehen, dass sein Traum ebenso gescheitert ist wie sein Privatleben. Es ist 2008. Im Rahmen eines anderen Bauprojekts, hat er sich mit Langzeitfreund und engem Vertrauten Ole Marquard unwiderruflich zerstritten, der ihn daraufhin in den finanziellen Ruin und damit ins gesellschaftliche Abseits getrieben hat, woraufhin auch Karls Ehe zerbrochen ist.

Ein alter Bekannter, dem Karl einst günstige Eigentumswohnungen im Ihme-Zentrum zugeschustert hat (Staffel zwei), lässt ihn mietfrei in einer dieser Wohnungen unterkommen. Es ist die Wohnung von Herrn Paulsen, dem pensionierten Lehrer, der einige Folgen zuvor von Block eins gesprungen ist. Seitdem steht die Wohnung leer. Sie wurde nie ausgemistet. Auf dem Küchentisch stehen noch Bierflaschen und volle Aschenbecher, als Karl mit zwei Koffern in der Hand einzieht. Keine traurige Hintergrundmusik. Nur das dumpfe Surren der Neonröhren auf dem Flur, das durch die geschlossene Wohnungstür in den Raum dringt.

Die Serie endet an Karl Schaetzkes siebzigstem Geburtstag. Einsam auf dem Ihme-Zentrum stehend starrt er ausdruckslos in die Ferne. Offenbar überlegt er zu springen, als sich die Tür zum Dach öffnet. Es ist Johnny. Irina hat seine mageren Sparkonten geplündert und sich mit dem Kind ins Ausland abgesetzt. Schweigend rauchen Karl und Johnny eine Zigarette zusammen. Wir sehen die beiden von hinten. Von vorne. Die Kamera entfernt sich, fliegt über Linden hinweg stadtauswärts. Es endet mit einem Standbild der im Bau befindlichen Wasserstadt. Ende. Deutscher Fernsehpreis. Danke für eure Aufmerksamkeit.

Mirco Buchwitz

Mirco Buchwitz ist Autor und lebt in Hannover.

Dezember 2014 – „Ich finde diesen Stil aus den 1970er-Jahren toll“

Ausgang

Ole Witt studiert Fotografie an der Hochschule Hannover. Für ein Studienprojekt hat er zahlreiche Bewohner des Ihme-Zentrums besucht und abgelichtet – auch mich. Ich sprach mit ihm über die Rolle des Zentrums für Hannover und über die Ästhetik des Betons.

Ole, wie kommst du dazu, ein Fotoprojekt über die Bewohner des Ihme-Zentrums zu machen?
Ich bin in Hannover groß geworden und habe das Ihme-Zentrum immer wahrgenommen. Früher war ich hier sogar einkaufen. Ich wollte wissen, was für Menschen hier leben. Was steckt dahinter. Und dann sind die Meinungen zum Zentrum ja so gesplittet zwischen totaler Ablehnung und großem Interesse, das finde ich interessant.

Was sind das für widersprüchliche Meinungen aus deiner Sicht?
Auf der einen Seite stehen die Menschen, die das Zentrum als absolute Bausünde sehen. Und auf der anderen Seite wird es als kulturell wichtig bewertet. Ich dachte mir: So unterschiedlich wie die Meinungen, so unterschiedlich sind sicher auch die Menschen, die im Zentrum leben.

Und ist das auch so?
Ja. Ich habe zahlreiche Menschen fotografiert – die Lebensweisen waren dabei so komplett verschieden. Und auch die Wohnungen sind sehr unterschiedlich. Von kleinen Künstlerwohnungen bis zum luxuriösem Loft. Das finde ich spannend.

Ästhetisch wird dem Zentrum häufig Hässlichkeit vorgeworfen. Wie siehst du das?
Es gibt ja den Spruch „Im Ihme-Zentrum sind die schönsten Wohnungen Hannovers, weil man von dort das Zentrum selbst nicht sehen kann“. Das sehe ich nicht so. Ich finde diesen Stil aus den 1970er-Jahren toll. Ich habe aber auch keinen Bezug zu der Zeit, in der es gebaut wurde. Dafür bin ich mit meinen 22 Jahren zu jung. Und ich kann mir vorstellen, dass die Menschen, die seit Jahrzehnten im Zentrum leben, das alles als veraltet ansehen.

Hat sich deine Meinung zum Zentrum positiv verändert seit deinem Projekt?
Nein, ich fand es vorher auch schon gut. Und es gehört einfach zu Hannover dazu.

Ole Witt

Ole Witt, Fotograf und Student aus Hannover.

Dezember 2014 – „Wir wissen um unser Ihme-Zentrum“

Eingang

Waltraud und Horst Suckow wohnen seit 36 Jahren im Ihme-Zentrum. Und das sehr gerne. Deswegen ignorieren sie auch die Kritik von Menschen an dem Komplex. Ein Gespräch über traumhafte Blicke, Ärgernisse und was das Leben im Zentrum lebenswert macht.

Liebe Frau Suckow, lieber Herr Suckow. Vor 36 Jahren sind Sie ins Ihme-Zentrum gezogen. Warum?
Da wir aus Sarstedt zugezogen sind und schon immer gerne im Ihme-Zentrum gewohnt haben, fiel uns der Entschluss leicht, hier eine Eigentumswohnung zu kaufen. Und wir haben es bis heute auch nicht bereut. Das Zentrum hat eine fantastische Verkehrsanbindung, es ist stadtnah, und wir dürfen in einer traumhaften Maisonettenwohnung mit Ihmeblick leben. Stadtnah.

Wenn Sie jemanden von Außerhalb erklären müssten, was das Ihme-Zentrum ist, wie würden Sie dies beschreiben?
Schwer zu erklären: eine Stadt in der Stadt. Mit hoher Wohnqualität und fehlender Infastruktur, fehlender Geschäfte. Aber die liegen ja alle im Umkreis von wenigen hundert Metern.

Wie erleben Sie den Verfall des Einkaufszentrums?
Das Thema beschäftigt uns schon seit sechs Jahren, und die Umstände sind ja allen bekannt. Da wir noch Kriegsgeneration sind, schockt uns dieser Anblick aber nicht nicht.

Was sind für Sie die größten Ärgernisse des Zentrums?
Graffiti-Geschmiere und der immer stärker zunehmende Verkehr am Ihmeufer, der ja bereits zu Unfällen geführt hat.

Und was ist dagegen das Schönste für Sie am Leben im Zentrum?
Die herrliche Lage, der wunderschöne Blick, Radwege vor der Tür in alle Richtungen. Die Nähe zur Stadt.

Nervt es Sie, dass das Zentrum in Hannover so einen schlechten Ruf hat?
Uns nervt es nicht. Wir wissen um unser Ihme-Zentrum. Kritik wird meistens laut von denen, die nicht hier leben und nur von der Situation gehört haben. Aber wir hoffen auf eine positive Veränderung in 2015.