Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Kategorie: Wirtschaft

Februar 2015 – „Eine realisierbare Vision“

 

Sonne.

Im Herbst 2014 führte ich für den NDR ein Interview mit Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) zum Ihme-Zentrum. Er sprach damals davon, dass das Ihme-Zentrum „eine realisierbare Vision“ bräuchte, zeigte sich aber auch sehr interessiert, dass das Gebäude lebenswert bleibt und nicht zu einem Spekulationsobjekt verkommt. Am Mittwoch (24. Februar 2015) wird wurde das Zentrum für 16,5 Millionen Euro
versteigert
. Ich weiß nicht, ob meine Vision realisierbar ist. Aber aus all den Gesprächen mit Bewohnern, Wissenschaftlern, Experten und Interessierten habe ich so etwas wie eine Essenz zusammengefasst. Und die lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Das Ihme-Zentrum ist kein Problem, sondern eine Herausforderung.

Was Hannover fehlt, sind bezahlbarer, stadtnaher Wohnraum und Freiräume für Kreativität und urbane Experimente. Für beides ist Platz in den leeren Flächen im Ihme-Zentrum. Sei es studentisches Wohnen, Flüchtlingsunterkünfte, Mehr-Generationen-WGs, inklusionsgerechtes Wohnen – alles das ist möglich.

Wärme

Ein Teil der Gewerbefläche ist als Einkaufsbereich sinnvoll für die Nahversorgung. Dass es dafür Interessenten aus dem Einzelhandel gibt, zeigte sich über die Jahre immer wieder. Doch nicht der gesamte Raum sollte aus meiner Sicht dafür benutzt werden. Um das ganze Areal nach und nach zu modernisieren, stelle ich mir eine kreative Zwischennutzung vor: Ateliers, Theater, Klubs, Kino, Food-Trucks, Proberäume etc. Dazu Urban-Gardening- und Urban-Farming-Projekte, Sportflächen für Skateboarding oder Parkours, Begegnungsstätten.

Warum nicht auch eine Artist Residency einrichten, bei der Handwerker, Künstler und Nachhaltigkeitsexperten für eine gewisse Zeit kostenlos im Zentrum leben und es dafür im Gegenzug umgestalten, anmalen, nachhaltig modernisieren, erneuern, lebenswerter machen.

Auch eine energetische Sanierung, eine Versorgung des Zentrums mit erneuerbaren Energien durch vertikale Windkraftanlagen sowie moderne Mobilitätskonzepte sind möglich. Dazu bessere Zugänge zum Wasser und mehr Grün. Aus der abweisenden Burg kann so eine beschauliche Insel werden, die in ihre Umgebung sinnvoll integriert ist.

Himmel

Es könnte ein ökologisches, kreatives und nachhaltiges Vorzeigeprojekt für ganz Deutschland sein. Denn in nahezu jeder Großstadt gibt es solche mehr oder weniger brach liegenden Quartiere. Im Gegenzug gibt es auf der ganzen Welt Projekte wie das Barbican Centre in London, wo gezeigt wurde, dass neue Ansätze der Städteplanung und -entwicklung möglich sind, von den Bewohnern angenommen werden und sich zu touristischen Hot-Spots entwickeln. Jeder kennt den Bilbao-Effekt, warum nicht das Ihme-Zentrum nutzen, um den Hannover-Effekt zu erzeugen?!

Welche Visionen für das Ihme-Zentrum noch möglich sind, das werde ich in den kommenden Wochen zeigen: Denn ich habe mit vielen Menschen mit ganz tollen Ideen gesprochen, denen ich hier im Blog Raum für ihre Einfälle einräumen möchte. Denn Ideen, Kreativität und Motivation sind auf jeden Fall vorhanden, um Hannovers „Bausünde“ in ein modernes, nachhaltiges und lebenswertes urbanes Zentrum zu verwandeln. Lasst es uns gemeinsam wach küssen.

Für Interessierte und Skeptiker werde ich einen kommentierten Spaziergang durch das Ihme-Zentrum anbieten. Der nächste Termin ist am Sonntag, 8. März, um 15 Uhr.
Treffpunkt ist das Capitol-Hochhaus am Schwarzen Bär.

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Februar 2015 – „Das bräuchte ein Konzept und Mut“

Reihenhaus vor Hochhaus

Nils Wintering hat jahrelang im Ihme-Zentrum gewohnt und ist auch heute noch Fan. Hier erzählt er, warum er trotzdem ausgezogen ist, welche Chancen er sieht für den Klotz und warum die Kultur die Rettung sein könnte.

Nils, warum bist du damals ins Ihme-Zentrum gezogen?
Ich bin 2010 mit meiner damaligen Freundin eingezogen. Die studierte zu der Zeit Architektur und wollte unbedingt darin wohnen. Ich hatte selbst bis dahin nicht so ein großes Verhältnis zum Zentrum – obwohl ich Hannoveraner bin. Am Anfang wollte ich das Leben darin vor allem auch ausprobieren.

Und? Hat es dir gefallen?
Ja, ich war lange Zeit großer Fan und bin es vom Äußeren immer noch. Ich habe insgesamt vier Jahre im elften Stock am Ihmeplatz 1 gewohnt. Das war spannend. Und dank meiner damaligen Freundin konnte ich so auch viel über Architektur lernen und warum das Zentrum einmal so gebaut wurde.

Warum hast du dich dann entschieden, auszuziehen?
Einmal wollte ich nicht mehr jeden Tag meinen Arbeitsplatz, das Theater am Küchengarten vom Fenster aus sehen können. Und dann hat sich die Situation geändert, als ein neuer Hausverwalter kam.

Warum? Was hat sich dadurch für dich verändert?
Als wir eingezogen sind, mussten wir noch Schufa-Einträge und lauter Formulare vorweisen. Doch dann durften – aus meiner Sicht – alle möglichen Menschen einziehen. Auch solche, die, vorsichtig gesagt, schwierig sind. Die Stimmung im Haus ist klar gekippt. Es sind viele Verrückte eingezogen.

Wie siehst du denn generell die Chancen des Zentrums?
Ich sehe da Schwierigkeiten bei der Wiederbelebung. Wenn ein neuer Investor kommen würde, müsste er nicht nur den Klotz sanieren, sondern auch noch gegen den schlechten Ruf ankommen. Was schwieriger ist, weiß ich nicht. Die Stadt aber hat auf jeden Fall einen großen Anteil an der Außenwirkung des Ihme-Zentrums. Und die übernimmt sie nicht. Im Endeffekt sehe ich leider nur einen Weg, der vielleicht radikal wäre, aber bezahlbar: Eine striktere Mieterpolitik und die Einsetzung des Ihme-Zentrum als neues Kunst-Kultur-Zentrum. Jeder, der sich mit Gentrifizierung auskennt, weiß: Ist erst einmal der Künstler da, will der Gutbetuchte da auch irgendwann hin. Aber das bräuchte alles ein Konzept und vor allem Mut.

Nils WinteringNils Wintering kümmert sich um Hannovers Kulturszene, indem er das tolle Theater am Küchengarten leitet.

Februar 2015 – Ihme Zentrum, 30449 – Die TV Serie

Winter, im Süden

Mirco Buchwitz ist Autor von tollen Büchern, Hörspielen und ein großer Filmliebhaber. Ich spreche mit ihm immer gerne über Kunst, Spiritualität und das Leben an sich. Für meinen Blog hat er einmal aufgeschrieben, welchen künstlerischen Wert er im Ihme-Zentrum sieht.

Als Geschichtenerzähler muss man lernen, das geeignete Format für eine Idee zu erkennen. Manche Ideen sind Kurzgeschichten, andere Romane und wieder andere Hörspiele, Filme oder Stand-up-Nummern. Einige wären schon als Facebook-Post zu lang. Auf Costas Frage, wie ich das Ihme-Zentrum erzählerisch sehe, hatte ich sofort eine Fernsehserie im Kopf. Dies ist der Versuch, einen groben Umriss dieser Serie zu geben. Die Betonung liegt auf grob. Es geht eher darum, einen Eindruck zu vermitteln, welche Art Serie ich mir vorstellen kann. Das ist alles eher oberflächlich, und ich bin nicht hundertprozentig sicher, inwieweit ich alles so ganz ernst meine. Egal. Weil ich deutsche Schauspieler scheiße finde, habe ich keinen blassen Schimmer, was die eventuelle Besetzung angeht. Hauptsache nicht die Riemann vorstellen oder irgendwen, der schonmal durch einen „Tatort“ gestolpert ist.

Getreu dem Erscheinungsbild des Ihme-Zentrums, darf natürlich auch bei der Serie nicht gekleckert werden; es muss geklotzt werden. Wir nehmen uns „The Wire“ und „House of Cards“ als Vorbilder. Die Serie wird wortkarg, verlässt sich auf eine klare Bildsprache, die die erdrückende Architektur des Ihme-Zentrums stimmungstechnisch zu nutzen weiß, und präsentiert sich grau in grau. Humor entsteht, wenn überhaupt, aus der absurden Tragik des jeweiligen Moments. Es gibt vier Staffeln. Pro Staffel wenigstens eine lesbische Sexszene, versprochen.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Staffel eins spielt einerseits Anfang der Siebziger (Zeitebene A), zum anderen 2006 (Zeitebene B), kurz vor Beginn des ersten Renovierungsversuchs, durch den Investor Engel. Auf Zeitebene A sind unsere Hauptfiguren Karl Schaetzke von der City Bau AG, und Ole Marquard von der Stadtverwaltung. Karl Schaetzke, gerade mal Ende zwanzig, versteht sich als Visionär, und mit dem Ihme-Zentrum will er sich als solcher etablieren – koste es was es wolle. Erzählt wird von den Intrigen, die gesponnen werden müssen und den Personen, die bestochen werden müssen, um das Projekt genehmigt zu bekommen. Wir bedienen uns größtmöglicher künstlerischer Freiheit, was den historischen Wahrheitsgehalt betrifft – nicht zuletzt, weil ich gerade zu faul zum Recherchieren bin.

Auf Zeitebene B begleiten wir Hausmeister Johann Düngling, den alle nur den stummen Johnny nennen. (Fuckyeah!) Johnny ist Anfang dreißig und alleinstehend. Anders als auf Zeitebene A, die eine zusammenhängende Geschichte erzählt, bleiben Johnnys Momente episodenhaft. Er ist unser Virgil, der uns durch die Höllenkreise des Ihme-Zentrums geleitet. Nur nach und nach erfahren wir mehr über ihn. Unter anderem lernen wir, dass er Ende der Neunziger Gitarrist in einer Rockband war, bevor er sich bei einem Unfall die linke Hand gebrochen hat, deren Finger er seitdem nur eingeschränkt bewegen kann. Der Name jener Band wird nie explizit erwähnt, aber es wird klar, dass sie sich als Mainstream-Act etabliert haben. Gelegentlich sehen wir Johnny schnaufend den Radiosender wechseln. Inzwischen hat er sich komplett aus der Szene zurückgezogen, lebt einsiedlerisch und verbringt den Großteil seiner freien Zeit in einer schmuddeligen Eckkneipe unten im Ihme-Zentrum.

Mirco Buchwitz: „Ihme-Zentrum Report“ (2006)

Der Clip war einer der Auslöser für mich, mit Mirco zu sprechen. Er zeigt die breite Interpretationsmöglichkeit des Zentrums.

Von Folge zu Folge begegnet er verschiedenen Bewohnern des Ihme-Zentrums, von denen manche auch in späteren Staffeln in Erscheinung treten. Bspw. Irina, die polnische Prostituierte aus Block eins, die von ihrem Zuhälter misshandelt wird, und in die Johnny unglücklich verliebt ist. Oder Frau Weinhold von enercity, die gerne über ihre Kunden lästert, wenn Johnny mit ihr Zigarettenpause macht. Oder Lisa, die Kunststudentin mit den Dreadlocks, die Johnny ständig mit Ideen für Ausstellungen, Partys und ähnlichen Aktionen vollquatscht. Oder Herr Paulsen, der in einer der Luxuswohnungen im obersten Stock lebt, Lehrer war, aber vor einigen Jahren aus nicht weiter erwähnten Gründen entlassen wurde, und nun als Schwerstalkoholiker vor sich hinvegetiert. Es gibt Gerüchte, dass er sich an minderjährige Schülerinnen herangeschmissen hat. Gelegentlich muss er von Johnny zurück in seine Wohnung geschafft werden, wenn er sich im Ihme-Zentrum verlaufen hat. Außerdem gibt es Mahmut, der mit seinem schmalen Gehalt Mutter und Schwester durchfüttern muss. Seine Freunde versuchen ihn zum Drogenverkaufen zu überreden, um die Kohle aufzubessern. Noch weigert er sich. (uswusf.)

Staffel eins endet mit dem ersten Spatenstich. In der zweiten Staffel wird auf Zeitebene A die Geschichte vom eigentlichen Bau erzählt. Was genau ist geschehen, als das Ihme-Zentrum mit einem Mal viel größer wurde, als es ursprünglich geplant war? Weshalb hat die Stadt es widerspruchslos geduldet? Was haben Karl Schaetzke und Ole Marquardt in diesem Fall für krumme Dinger gedreht? Was genau ist mit der türkischen Familie vereinbart worden, deren Vater beim Bau in einen Schacht gestürzt ist, dort einbetoniert wurde, und dessen Leichnam aus Kostengründen kurzerhand dort belassen wurde?

Auf Zeitebene B begleiten wir weiterhin Johnny. Es ist 2007. Inzwischen ist Irina schwanger. Johnny ist nicht sicher, ob das Kind von ihm ist, oder ob sie ihn lediglich benutzt, denn er weiß, dass sie insgeheim noch immer mit ihrem Zuhälter verbandelt ist. Unglücklicherweise liebt er sie zu sehr, um auf einen Vaterschaftstest zu bestehen. Darüber hinaus gibt es mehr und mehr Verknüpfungen zwischen Figuren und Zeitebenen, u.a. erfahren wir, dass der oben erwähnte verunglückte Arbeiter Mahmuts Vater war. (uswusf.)

Winter, nach Norden

Staffel drei beginnt mit der feierlichen Eröffnung des Ihme-Zentrums und beschäftigt sich anschließend mit den Konflikten, die bei der Ansiedlung der Geschäftskunden entstehen. Insgesamt verlagert sich der Schwerpunkt der Geschichte auf Johnnys Leben. Die Zeit ab Mitte der Siebziger wird eher montagenhaft erzählt, die Fäden werden enger miteinander verknüpft, bis die Zeitsprünge in der vierten Staffel schließlich wegfallen. Karl und Johnny begegnen sich erstmals. Johnny lebt inzwischen unglücklich mit Irina zusammen und hat ihr Kind als seinen Sohn akzeptiert, obwohl er weiß, dass sie ihn nicht liebt. Karl ist pensioniert, aber als Berater im Rahmen der Revitalisierung des Ihme-Zentrums aktiv, weil er seinen Traum nicht aufgeben will. Das Ganze ist zur Besessenheit geworden. (Ja, ja, ja! Das muss nicht unbedingt alles Sinn ergeben, solange es erzählerisch funktioniert.)

Gegen Ende der vierten Staffel muss er sich schließlich eingestehen, dass sein Traum ebenso gescheitert ist wie sein Privatleben. Es ist 2008. Im Rahmen eines anderen Bauprojekts, hat er sich mit Langzeitfreund und engem Vertrauten Ole Marquard unwiderruflich zerstritten, der ihn daraufhin in den finanziellen Ruin und damit ins gesellschaftliche Abseits getrieben hat, woraufhin auch Karls Ehe zerbrochen ist.

Ein alter Bekannter, dem Karl einst günstige Eigentumswohnungen im Ihme-Zentrum zugeschustert hat (Staffel zwei), lässt ihn mietfrei in einer dieser Wohnungen unterkommen. Es ist die Wohnung von Herrn Paulsen, dem pensionierten Lehrer, der einige Folgen zuvor von Block eins gesprungen ist. Seitdem steht die Wohnung leer. Sie wurde nie ausgemistet. Auf dem Küchentisch stehen noch Bierflaschen und volle Aschenbecher, als Karl mit zwei Koffern in der Hand einzieht. Keine traurige Hintergrundmusik. Nur das dumpfe Surren der Neonröhren auf dem Flur, das durch die geschlossene Wohnungstür in den Raum dringt.

Die Serie endet an Karl Schaetzkes siebzigstem Geburtstag. Einsam auf dem Ihme-Zentrum stehend starrt er ausdruckslos in die Ferne. Offenbar überlegt er zu springen, als sich die Tür zum Dach öffnet. Es ist Johnny. Irina hat seine mageren Sparkonten geplündert und sich mit dem Kind ins Ausland abgesetzt. Schweigend rauchen Karl und Johnny eine Zigarette zusammen. Wir sehen die beiden von hinten. Von vorne. Die Kamera entfernt sich, fliegt über Linden hinweg stadtauswärts. Es endet mit einem Standbild der im Bau befindlichen Wasserstadt. Ende. Deutscher Fernsehpreis. Danke für eure Aufmerksamkeit.

Mirco Buchwitz

Mirco Buchwitz ist Autor und lebt in Hannover.

Februar 2015 – Schöner scheitern

Reihenhaus vor Hochhaus

Das Ihme-Zentrum ist ein einfaches Opfer. Es ist leicht, sich über Aspekte der architektonischen und städtebaulichen Fehlplanung aufzuregen. Die Außenfassade ist hässlich, keine Frage. Und es gibt auch einen Investitionsstau, was die Infrastruktur angeht. Doch nervt es die Bewohner und Liebhaber ungemein, wenn Außenstehende nur eine Möglichkeit zur Lösung der Probleme sehen: den kompletten Abriss. Denn das ist kurzsichtig, dumm und unnachhaltig.

Ende Januar gab es einen Artikel auf Spiegel Online, bei dem Nutzer die Bausünden ihrer Städte vorstellten. Daraus wurde schnell eine schöne Bildstrecke gezimmert, damit die Klickzahlen hochgehen, und außerdem teilt sich Content mit Aufreger-Potenzial auch so schön. Auch ich bekam von vielen Menschen den Link zu dem Artikel. Mal mit Kommentaren wie „Siehste, scheiße bei dir“, meist aber mit Sätzen wie „Dieses Bashing nervt“. Denn nichts anderes ist es ja: billiges Beleidigen. Und ja, es nervt.

Ich überlege seitdem, ob ich Führungen durch das Zentrum anbieten soll, um dem letzten kritischen Menschen zu zeigen, wie toll es hier ist zu wohnen und zu leben. Und warum das Ihme-Zentrum aus meiner Sicht metaphorisch dafür steht, wie sich Hannover in den kommenden Jahrzehnten entwickelt. Ob die Stadtverwaltung, die Gesellschaft, die Beteiligten der Kultur, Wirtschaft, Sport und vielen anderen Teilbereichen den Klotz als das sehen, was er ist: ein mögliches Leuchtturmprojekt für ein neues urbanes Leben. Aber das geht nur, wenn das sinnlose Bashing aufhört, was ja nicht nur das Ihme-Zentrum angeht. Aber dazu braucht man keinen billigen Zynismus, sondern Ideen, Visionen, die Bereitschaft, zusammen zu arbeiten und natürlich Mut. Und wenn es so etwas in dieser Stadt nicht gibt, dann muss ich mir überlegen, ob es die richtige Stadt für mich ist.

P.S. Einen Screenshot von der SpOn-Seite habe ich nicht eingefügt, wegen der Art und Weise, wie Medien wie SpOn mit Bildrechten gegenüber Bloggern und Abmahnungen umgehen. Auch einen Link dazu wird es hier aus den gleichen Gründen nicht geben. Wen es interessiert, findet das Ganze durch eine einfache Google-Suche.

Januar 2015 – „Nicht immer praktisch, aber umso mehr mystisch“

Demir Cesar ist einer der bekanntesten DJs und Veranstalter in Hannover. Seine Jugend hat er direkt um die Ecke vom Ihme-Zentrum verbracht. Hier schreibt er darüber, welche Rolle der Klotz in seinem Leben gespielt hat und warum Hannover den Mythos des Zentrums braucht.

Den meisten meiner Freunde fällt es sicherlich schwer, dem Ihme-Zentrum etwas Positives abzugewinnen. Irgendwie auch nachvollziehbar, weil die meisten von ihnen nur jenen (aktuell) „aufgerissenen“ Zustand kennen. Für mich ist es jedoch immer noch ein Mythos, ein Ort, der in meiner Kindheit viele Geschichten zu erzählen wusste und mich bereits in frühester Jugend bei meinem Werdegang geprägt hat.

Es gehörte zum gemeinsamen samstäglichen Ritual mit meiner Mutter, dass man vom heimatlichen Linden-Süd ins Ihme-Zentrum fährt, um größere Einkäufe zu erledigen. Die Nahversorgung bestand zu diesem Zeitpunkt nur aus einem Kaisers in der Deisterstraße und kleineren Tante-Emma-Läden auf der Diagonale in Richtung des Ihme-Zentrums. In die andere Richtung wäre noch Plaza gewesen, ein anderer großer Supermarkt jener Zeit. Hier gab es jedoch nicht eine so Auswahl an Produkten und Geschäften. Außerdem gab es dort nicht die legendären Brathähnchen von Huma!

Demir organisiert am 24. September 2017 eine Plattenbörse in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Ihmeplatz 7E. Hier gibt es mehr Infos.

Doch neben meinen ersten fortgeschrittenen Konsumerfahrungen lernte ich im Ihme-Zentrum auch das unbeschönigte Leben kennen. Oft hat sich irgendwer von einem der Hochhäuser runtergestürzt, was im jungen Alter bereits zu den ersten komplizierten Sinnfragen des Lebens führte. Man lernte verrückte Menschen kennen, wie z.B. den Tänzer vor dem Waffengeschäft direkt neben Huma (später allkauf). Nahezu komplett entblößt zu einer mir unbekannten Musik tanzte er vor seinem Ghettoblaster, unbeirrt von den vielen Passanten. Oder die Bombendrohungen im späteren allkauf, wo ich selber bereits ein Mal bei einer Evakuierungsaktion beteiligt war. Irgendwie, dachte ich mir, wollen da scheinbar irgendwelche Menschen nicht, dass das Ihme-Zentrum weiterhin so bestehen bleibt wie es ist.

Witzig waren die Parkautomaten zur Tiefgarage, wo es kleine Gutschein-Schnipsel am Parkschein für eine Tüte Pommes im benachbarten McDonald’s gab. Natürlich bediente man sich mit einer großen Schar Kumpels dieser Alternative bis zum Exzess, bis dieser mehrwertige Dienst (der natürlich für die Nutzer der Parkgarage vornehmlich gedacht war) wieder eingestellt wurde. Ich lernte somit auch, Lücken im System frühzeitig zu erkennen.

Die größte Liebe entwickelte ich jedoch im Jahr 1989 zur Vinylabteilung von Saturn Hansa. In den Jahren verscherbelte der Elektronikkonzern einen Großteil seiner Schallplatten, und so kam ich auf einen Haufen Acid– und 80ies-Platten für 10 Pfennig pro Stück. Es gab einen Guru in der Vinylabteilung, der ein sehr speziell aufgereihtes Regal verwaltete, wo eben nur ganz besondere Promo-Pressungen, Picture-Discs und Importe standen. Ich verstand das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Stattdessen kaufte ich über die Jahre alles amtliche, was ich in die Finger bekam: Red Hot Chili Peppers „Blood Sugar Sex Magik“, Nirvanas „Nevermind“ oder Pearl Jams „Ten“. In den Jahren 1991 und 1992 sollte eben auch die schmerzliche Trennung des Vinyl-Sortiments seine Vollendung finden: Nunmehr regierte die CD in den Regalen. Und einhergehend mit dieser gravierenden Veränderung wurde irgendwie auch alles schlechter im Ihme-Zentrum. Ein Ladengeschäft nach dem nächsten sollte schließen – allkauf und weitere Ankermieter verließen peu à peu das Ihme-Zentrum. Selbst der wirklich hart gesottene Second-Hand-Laden kurz vor der nun abgerissenen Ihme-Brücke verließ das sinkende Schiff.

Irgendwann in den späten 2000er-Jahren legte ich dann auch auf dem Ihme-Platz als DJ auf. Es sollte eine Art Get Together für die Anwohner werden, um das geplante Bauvorhaben des neuen Investors zu feiern. Dabei schaute ich in Blickrichtung zum (bereits geschlossenen) Saturn Hansa und wurde recht wehmütig. Es sollte der Startschuss für eine neue Zukunft werden. Entstehen hier bald wieder neue Eindrücke für die kommende Generation? Leider kam es wieder ganz anders: Es folgte der Ausstieg des Investors, und es wurde alles noch schlimmer.

Es wäre ein Herzenswunsch, dass diese Fläche einen Neuanfang erfährt, eine Renaissance wie die Schallplatte heutzutage! Nicht immer praktisch, aber umso mehr mystisch. Etwas, was Hannover nur zu gut gebrauchen kann.

Bald soll es für einen Bruchteil seines anberaumten Verkehrswertes versteigert werden. Alle Erfahrungen und Mythen zu diesem Ort fallen dann mit unter den sprichwörtlichen Hammer. Doch genau an dieser Stelle könnten evtl. innovative Lösungsansätze entstehen, die eine veränderte Blickrichtung auf das Areal einer neuen Generation gegenüber ermöglichen.

Demir Cesar

Demir Cesar, DJ, Veranstalter und Kulturschaffender.
Er ist Mitglied im Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum.

Januar 2015 – „Da herrscht nur: Liebe oder Ablehnung“

Rudern, langsam

Die Hannoveranerin Ninia LaGrande schreibt Geschichten, tritt bei Poetry-Slams auf und bloggt über ihren Alltag, Feminismus, urbane Entwicklung, Popkultur. Für den Blog „Les Flâneurs“ hat sie über das Ihme-Zentrum einen schönen Artikel geschrieben und den Klotz das „brutale Erbstück“ genannt.

Du schreibst, das Ihme-Zentrum habe den Ruf eines Außenseiters und ein Opfers. Siehst du das genauso?
Ich halte das Ihme-Zentrum in jedem Fall für einen Außenseiter. Aber nicht im negativen Sinne. Es sticht völlig aus der restlichen Stadtarchitektur heraus und fällt auf. Ich mag das. Daher sehe ich das Zentrum auch nicht als Opfer. Höchstens als Opfer seiner eigenen Geschichte und der Stadtplaner. Es verfällt ja immer mehr, und niemand fühlt sich zuständig oder kann finanziell einen Zerfall aufhalten.

Ist das Zentrum für dich eine Metapher des Scheiterns?
Absolut. Ich stelle mir immer vor, mit was für einer Motivation und was für Visionen das Zentrum damals gebaut wurde, und dann hat einfach nichts von dem geklappt, was sich die Planer vorgestellt haben. Es gibt ja auch kaum jemanden in Hannover, der oder die keine Meinung zum Zentrum hat. Da herrscht nur: Liebe oder Ablehnung.

Meinst du, dass Zentrum hat auch einen schlechten Ruf, weil der Architekturstil Brutalismus heißt?
Bevor ich mich in das Thema einlas und anfing, mich für die Geschichte des Zentrums zu interessieren, wusste ich nicht mal, dass der Stil Brutalismus heißt. Andererseits: Welche Bezeichnung würde besser passen als diese?! Ich glaube, dass die meisten nicht wissen, wie der Architekturstil genau heißt. Unabhängig vom Namen fällt diese Architektur natürlich komplett auf – es ist ja auch nicht wirklich schön, sondern interessant. Ich muss immer ein bisschen an den Film „A Clockwork Orange“ denken, wenn ich an dem Gebäude vorbeigehe. Das ist natürlich nicht die positivste Assoziation. Ich vermute, viele hätten dort lieber ansehnlichere oder modernere Bauten stehen. Dabei ist der gerade dieser Bruch an der Stelle der Stadt so besonders.

Du schreibst, viele HannoveranerInnen würden sich ein stärkeres Engagement der Stadt wünschen. Du auch?
Ja, auf jeden Fall. Ich kenne einige BewohnerInnen aus dem Zentrum, und die lieben ihr Zentrum durchweg alle. Sie sind genervt von der ewigen Diskussion und wollen dort einfach leben. Es ist auf jeden Fall Aufgabe der Stadt, sich, neben den ganzen neuen Prestige- und modernen Wohnbauten, auch um das Ihme-Zentrum zu kümmern. Die BewohnerInnen werden mit dem Zerfall alleine gelassen und müssen immer mit der Angst leben, dass ein Investor irgendwann alles umbauen/abreißen wird. Es gibt viele tolle Engagements rund ums Zentrum – die müssten auf jeden Fall bekannter gemacht werden und unterstützt werden.

Für dich hat das Grobe des Zentrums Charme, wie du schreibst: Wie würdest du die Schönheit des Zentrums beschreiben?


Die Schönheit des Zentrums ist seine Unterschiedlichkeit. All seine BewohnerInnen, die Street-Art, irgendwie im Grünen gelegen, aber doch stadtnah, verwinkelte Ecken und riesige Ausblicke. Ich liebe das. Es wäre schade, wenn so ein Schmuckstück inmitten einer Stadt und inmitten eines tollen Viertels einfach stirbt.

Ninia LaGrandeDie Bloggerin und Autorin Ninia LaGrande.

Dezember 2014 – „Ich finde diesen Stil aus den 1970er-Jahren toll“

Ausgang

Ole Witt studiert Fotografie an der Hochschule Hannover. Für ein Studienprojekt hat er zahlreiche Bewohner des Ihme-Zentrums besucht und abgelichtet – auch mich. Ich sprach mit ihm über die Rolle des Zentrums für Hannover und über die Ästhetik des Betons.

Ole, wie kommst du dazu, ein Fotoprojekt über die Bewohner des Ihme-Zentrums zu machen?
Ich bin in Hannover groß geworden und habe das Ihme-Zentrum immer wahrgenommen. Früher war ich hier sogar einkaufen. Ich wollte wissen, was für Menschen hier leben. Was steckt dahinter. Und dann sind die Meinungen zum Zentrum ja so gesplittet zwischen totaler Ablehnung und großem Interesse, das finde ich interessant.

Was sind das für widersprüchliche Meinungen aus deiner Sicht?
Auf der einen Seite stehen die Menschen, die das Zentrum als absolute Bausünde sehen. Und auf der anderen Seite wird es als kulturell wichtig bewertet. Ich dachte mir: So unterschiedlich wie die Meinungen, so unterschiedlich sind sicher auch die Menschen, die im Zentrum leben.

Und ist das auch so?
Ja. Ich habe zahlreiche Menschen fotografiert – die Lebensweisen waren dabei so komplett verschieden. Und auch die Wohnungen sind sehr unterschiedlich. Von kleinen Künstlerwohnungen bis zum luxuriösem Loft. Das finde ich spannend.

Ästhetisch wird dem Zentrum häufig Hässlichkeit vorgeworfen. Wie siehst du das?
Es gibt ja den Spruch „Im Ihme-Zentrum sind die schönsten Wohnungen Hannovers, weil man von dort das Zentrum selbst nicht sehen kann“. Das sehe ich nicht so. Ich finde diesen Stil aus den 1970er-Jahren toll. Ich habe aber auch keinen Bezug zu der Zeit, in der es gebaut wurde. Dafür bin ich mit meinen 22 Jahren zu jung. Und ich kann mir vorstellen, dass die Menschen, die seit Jahrzehnten im Zentrum leben, das alles als veraltet ansehen.

Hat sich deine Meinung zum Zentrum positiv verändert seit deinem Projekt?
Nein, ich fand es vorher auch schon gut. Und es gehört einfach zu Hannover dazu.

Ole Witt

Ole Witt, Fotograf und Student aus Hannover.

Dezember 2014 – „Wir wissen um unser Ihme-Zentrum“

Eingang

Waltraud und Horst Suckow wohnen seit 36 Jahren im Ihme-Zentrum. Und das sehr gerne. Deswegen ignorieren sie auch die Kritik von Menschen an dem Komplex. Ein Gespräch über traumhafte Blicke, Ärgernisse und was das Leben im Zentrum lebenswert macht.

Liebe Frau Suckow, lieber Herr Suckow. Vor 36 Jahren sind Sie ins Ihme-Zentrum gezogen. Warum?
Da wir aus Sarstedt zugezogen sind und schon immer gerne im Ihme-Zentrum gewohnt haben, fiel uns der Entschluss leicht, hier eine Eigentumswohnung zu kaufen. Und wir haben es bis heute auch nicht bereut. Das Zentrum hat eine fantastische Verkehrsanbindung, es ist stadtnah, und wir dürfen in einer traumhaften Maisonettenwohnung mit Ihmeblick leben. Stadtnah.

Wenn Sie jemanden von Außerhalb erklären müssten, was das Ihme-Zentrum ist, wie würden Sie dies beschreiben?
Schwer zu erklären: eine Stadt in der Stadt. Mit hoher Wohnqualität und fehlender Infastruktur, fehlender Geschäfte. Aber die liegen ja alle im Umkreis von wenigen hundert Metern.

Wie erleben Sie den Verfall des Einkaufszentrums?
Das Thema beschäftigt uns schon seit sechs Jahren, und die Umstände sind ja allen bekannt. Da wir noch Kriegsgeneration sind, schockt uns dieser Anblick aber nicht nicht.

Was sind für Sie die größten Ärgernisse des Zentrums?
Graffiti-Geschmiere und der immer stärker zunehmende Verkehr am Ihmeufer, der ja bereits zu Unfällen geführt hat.

Und was ist dagegen das Schönste für Sie am Leben im Zentrum?
Die herrliche Lage, der wunderschöne Blick, Radwege vor der Tür in alle Richtungen. Die Nähe zur Stadt.

Nervt es Sie, dass das Zentrum in Hannover so einen schlechten Ruf hat?
Uns nervt es nicht. Wir wissen um unser Ihme-Zentrum. Kritik wird meistens laut von denen, die nicht hier leben und nur von der Situation gehört haben. Aber wir hoffen auf eine positive Veränderung in 2015.

Dezember 2014 – „Es war nicht viel Platz, dafür aber sehr gemütlich“

I live by the river

Die Berliner Juristin Armaghan Naghipour hat in ihrer Kindheit und Jugend im Ihme-Zentrum gelebt. Ich habe mit ihr darüber gesprochen, wie sie das Leben im Zentrum geprägt hat und was sie vermisst.

Hallo Armaghan, du hast fast zwei Jahrzehnte mit deiner Familie im Ihmezentrum gelebt. Wie sind deine Erinnerungen?
Als Kinder fanden wir das Zentrum einfach riesig. Wir haben uns oft mit Nachbarskindern verabredet und Abenteuer erlebt. Nahezu täglich waren wir damals im Einkaufszentrum oder haben auf den zahlreichen Plätzen fangen gespielt oder sind Skateboard gefahren.

Wie hast du das Zentrum zu der Zeit wahrgenommen?
Einfach riesig. Es kam mir so groß vor. Und besonders die Wohnungen zur Ihme fand ich immer sehr schön. Da wollte ich immer gerne wohnen.

Wo habt ihr denn gelebt?
In einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Spinnereistraße 1. Es war nicht viel Platz, dafür aber sehr gemütlich. Aber natürlich fand ich es schon komisch, dass ich die einzige Person in meiner Schule war, die aus dem Ihme-Zentrum kam. Vielleicht habe ich mich sogar ein bisschen dafür geschämt.

Wie war denn die Stimmung im Haus?
Aufgrund der dünnen Wände, hat man auch mal mitbekommen, wie die unmittelbaren Nachbarn sich gestritten haben. Aber gestört hat uns das nicht wirklich. Ich hab vielmehr ein sehr herzliches Nachbarschaftsverhältnis im Haus in Erinnerung. Trotz der so unterschiedlichen Sozialisationen.

Was vermisst du aus der Zeit?
Den Zugang zum frei zugänglichen Dach im 13. Stock.

Amy

Armaghan Naghipour arbeitet als Juristin in Berlin und ist im Ihme-Zentrum aufgewachsen.

Dezember 2014 – „Der schlafende Drache“

nachts

Jan Fischer ist Journalist und Autor und hat einen tollen Artikel und eine Kurzgeschichte über das Ihme-Zentrum geschrieben. Ich habe mich mit ihm über die spannenden Seiten des Komplexes unterhalten. Ein Interview über gescheiterte Utopien, die Chancen durch Kultur und eine mögliche Zukunftsperspektive.

Jan, was macht das Ihme-Zentrum für dich als Journalisten und Autoren so spannend?
Es ist ein verdammt beeindruckendes Gebäude, in jeder Hinsicht. Ich finde das Zentrum faszinierend. Und jeder in Hannover kennt es und hat eine Geschichte oder Legende darüber zu erzählen. Es wirkt dabei wie in einer anderen Realität. Komplett anders als der Rest des Stadtteils drumherum.

Könntest du dir vorstellen, selbst da zu wohnen?
Ja. Als ich vor ein paar Jahren nach Hannover zog, habe ich mir sogar auch eine Wohnung angeschaut – sie war aber zu klein. Dafür hatte sie eine beheizbare Wanne – das war damals
modern.

Du wohnst in Linden-Nord. Welche Rolle spielt das Zentrum in deinem Alltag?
Ich fahre daran immer vorbei. Und ich habe mich dort öfter umgeschaut und mir den Verfall angesehen. Als ich im ehemaligen Einkaufszentrum stand, dachte ich, ich muss da etwas drüber machen.

Du hast ja auch eine Kurzgeschichte darüber geschrieben, die wirkt sogar ein wenig düster.
Ja, ich habe mich da sicher ein wenig von H. P. Lovecraft inspirieren lassen. Für mich ist das Ihme-Zentrum ein schlafender Drache. Man hat ein wenig Angst, dass er wach wird.

Die Geschichte des Zentrums ist ja komplex, wie hast du dich damals auf deine Reportage vorbereitet?
Ich habe mich viel mit der Stadtplanung beschäftigt. Hannover ist ja nach dem Zweiten Weltkrieg als „Autogerechte Stadt“ geplant worden, was klar in die Hose gegangen ist. Doch die Ideen hinter dem Zentrum waren damals super. Die Planer haben sich viele moderne Konzepte angeschaut – ein Einkaufszentrum unten, und darüber Wohnraum für Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten. Es hat niemand was richtig falsch gemacht damit. Doch dann wendete sich die Stimmung, und der Aufbruch in die Zukunft ist völlig schief gegangen. Das sieht man ja auch gut auf der Seite der Bürgerinitiative, wo man ja generell viele Informationen findet.

Wo siehst du denn das Potenzial für das Ihme-Zentrum?
Ich habe mich für den Artikel mit ein Künstler unterhalten, der meinte, dass man das Zentrum in ein autonomens, sich selbst versorgendes Stadtviertel umbauen sollte. Mit Gärten, Solarzellen und eigener Wasserversorgunf. Aber ich weiß nicht, ob sowas funktioniert. Und teuer wäre es ja auch.
Ich finde aber, dass man im jetzigen Zustand dort Theater oder einen Technoklub machen sollte. Einfach zwei Berghain-DJs einfliegen lassen, eine fette Anlage – und fertig. Die Ästhetik gibt das einfach her. Und der Platz ist ja da. In anderen Städten funktioniert so etwas ja auch!

Meinst du denn, dass sich auf lange Sicht etwas ändern wird?
Das muss es ja! Linden wird drumherum gerade so gentrifiziert, dass wir den Platz im Zentrum in absehbarer Zukunft brauchen werden. Und dann wäre es besser, wenn jemand mit Ideen das in die Hand nimmt. Und niemand, der nur schnell Geld verdienen will.

Jan Fischer

Jan Fischer schreibt einen Blog und twittert unter @nichtsneues.