Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Kategorie: Wirtschaft

April 2015 – „Überlasst es der Natur und Kunst“ – „Let nature and art take over“

Auf Instragram habe ich die tollen Bilder des englischen Fotografen Samuel Kirby vom Ihme-Zentrum entdeckt. Wie es dazu kam und warum der Ort ein touristischer Hotspot ist, beschreibt er hier.

British photographer Samuel Kirby shared some really beautiful pictures of the Ihmezentrum on Instragram. I asked him, what drew him to this place and what potential he sees there.

I went to Hannover with a friend who has family there, I just asked the guy who is from there to show me….the bits that are not so touristy, the interesting things, and he took me to Ihmezentrum.

Ich kam nach Hannover, um mit einem Freund seine Familie dort zu besuchen. Ich fragte ihn, ob er mir die Orte zeigen könnte, die nicht so touristisch sind, die wirklich interessanten Dinge: Also führte er mich zum Ihme-Zentrum.

Samuel Kirby www.samuelkirby.com

He just pointed at it from across the river, but I wanted/needed to go in to explor. It looked interesting. The size, the design, the location by the river and of course the graffiti. And it being left, some part with people living, some not. In a state of limbo. I notice with Europe it seems, many people live in apartments and what we call estates like this.
In England, where I am from, we have big estates like this, but it isn’t the norm. However the ones we have, are used and never empty, as we have a shortage of social housing.
I was curious about the history of Ihmezentrum. Who owned it….was it part of the state or private. My friend tried to fill me in, but he didn’t know all the answers. So the least we could do, was to investigate and take the pictures.

Mein Freund zeigte einfach über den Fluss auf das Gebäude, aber ich wollte und musste da rein, um es zu erforschen. Es sah interessant aus: die Größe, das Design, der Platz am Wasser und natürlich auch das Graffiti. Und das es so in einer Art Schwebe zu sein schien: Manche Teile waren belebt, andere nicht. Es wirkt auf mich, als würden viele Menschen in Europa in solchen Gebäuden leben.
In England, wo ich herkomme, gibt es auch so große Gebäude, aber es ist nicht die Norm. Aber die, die es bei uns gibt, sind immer voll belegt, einfach weil wir zu wenige Sozialwohnungen haben.
Ich war interessiert an der Geschichte des Ihme-Zentrums: Wem gehört es, dem Staat oder einem privaten Besitzer? Mein Freund versuchte, mir alles zu erklären, aber er wusste vieles selbst nicht. Also schauten wir uns um und machten Fotos.

Samuel Kirby www.samuelkirby.com

So what I liked about it, was the look and size, but the added fact, that it was decorated and cared and loved by the street by the graffiti artists by the bottom up and not the top down. The place has more soul this way. I think it would make a great tourist place. I went into the middle bit and couldn’t see a way up to the next level, I suspect there is really interesting sub levels and top levels where the wildlife has over taken…

Was mir besonders gefiel, war das Aussehen und die Größe, aber auch, dass es von so vielen Graffiti-Künstler teilweise sehr liebevoll bemalt worden war. Der Ort bekommt so eine Seele. Aus meiner Sicht ist es eine tolle Sehenswürdigkeit für Touristen sein. Ich habe mir den mittleren Teil angeschaut, aber keinen Weg nach oben gefunden. Ich vermute, es gibt auch interessante Gebiete tiefer unten oder oben, wo die Natur übernommen hat.

Samuel Kirby www.samuelkirby.com

I joked with my friend it should be turned into an urban conservation sanctuary. Left for nature and art.
So to open it up as a tourist place is a good idea, you could invite various street artists. You could have an annual event party music art event, put Hannover on the map like Berlin and Hamburg. So open it up more, light it in different interesting ways, other colours. Hold events and mainly get the artists to dress it well. And I think this would generate a lot of tourism and kudos to the whole of Hanover.

Ich scherzte mit meinen Freund, dass man das Ihme-Zentrum zu einer Art urbanem Schutzgebiet machen sollte. Einfach der Natur und Kunst überlassen. Und es dann für Touristen öffnen und verschiedene Street-Art-Künstler einladen. Man könnte eine jährliche große Feier machen und Hannover so auf die Kulturlandkarte wie Berlin oder Hamburg bringen. Es einfach ein wenig öffnen, es in anderen Farben beleuchten, tolle Veranstaltungen machen und Künstler dazu bringen, es zu verschönern. Das würde einige Touristen von außerhalb anlocken. Und davon würde ganz Hannover profitieren.

Samuel Kirby www.samuelkirby.com

Samuel Kirby is a photographer
Samuel Kirby ist Fotograf

Are you interested in a tour through the Ihmezentrum?
Interessiert an einer Tour durch das Ihme-Zentrum?

April 2015 – „Das Zentrum muss zum Campus werden“

Copyright: Linda Iglesias Navarro und Elsa Berger

Das Ihme-Zentrum als Campus? Auf den Plänen von Linda Iglesias Navarro und Elsa Berger sieht die Idee schon sehr realistisch aus.

 

Das Ihme-Zentrum muss zum Uni-Campus werden. Die beiden Innenarchitektinnen Elsa Berger und Linda Iglesias Navarro haben in ihrer Abschlussarbeit untersucht, wie realistisch der Umzug der Hochschule Hannover ins Ihme-Zentrum ist. Das Ergebnis wäre ein Traum, nicht nur für Studierende.

Wie kamt ihr darauf, eure Bachelor-Arbeit über das Ihme-Zentrum zu machen?
Als wir vor viereinhalb Jahren für unser Innenarchitekturstudium nach Hannover zogen, hatten wir beide noch keine Ahnung, dass es das Ihme-Zentrum überhaupt gibt. Erst nach einigen Monaten ist es uns mit seinem massiven und kolossalen Erscheinungsbild aufgefallen. Nach und nach wurde es immer mehr zum ständigen Begleiter und Thema: „Was war da?“ oder „Was ist da?“
„Wieso nimmt sich diesem Gebäude eigentlich keiner an?“
Wir hörten immer mehr Geschichten über fertige U-Bahnstationen, geheime Partys, Junkies und Prostitution, und das Zentrum ließ neben einer gewissen Abscheu auch das Interesse wachsen.
Diese konträre Haltung ist ein wichtiger Punkt bei unserem Entschluss gewesen. Denn eine konträre und durchaus auch negative Meinung zu einem Thema ist – wie uns die Erfahrung lehrte – meist fruchtbarer und intensiver als eine positive oder neutrale Meinung. So wurde aus unseren anfänglichen Hirngespinsten ein ernstes Thema, das uns all die Studienjahre verfolgte und uns keine Ruhe ließ.
„Da kann man doch was draus machen!“
„Dieses Ihme-Zentrum hat Potenzial.“
„Man muss nicht alles, was alt und augenscheinlich hässlich ist, abreißen und vergessen. Man kann es doch nutzen und die Geschichte spürbar machen.“
„Mann, stell dir vor – unsere Hochschule im Ihme-Zentrum. Mitten in Linden! Wäre das nicht eine Idee?“

Der Campus

Auf den Entwürfen gut zu sehen: In Kuben wird gelernt oder auch mal Pause gemacht. Die Flure eignen sich für den Austausch.

 

Wie seid ihr bei eurer Untersuchung vorgegangen?
Zunächst haben wir versucht, das Gebäude zu begreifen. Dazu gehörte neben der Ortsbegehung auch das Sichten der Pläne. Diese bekamen wir vom Verwalter Jaskulski zur Verfügung gestellt, neben vielen Informationen zu Verwaltungsstrukturen und Hintergründen. Eine ausgiebige Recherche sollte das Fundament unserer Entwurfsarbeit sein und uns natürlich in erster Linie darüber aufklären, weshalb das Ihme-Zentrum als Einkaufszentrum gescheitert ist und was in dem Gebäudekomplex die architektonischen Probleme darstellt.
In der Entwurfsarbeit konzentrierten wir uns in erster Linie auf die leerstehenden Flächen und vor allem auf die Straßenebene. Primäres Ziel war es, die Zugänglichkeit zu erleichtern und öffentliche Aufenthaltszonen zu schaffen, die für Hochschule und Bürger gleichermaßen dienlich sind. Die Hochschulräume sollten so konzipiert sein, dass sie den Studierenden eine vielfältige und individuelle Arbeitsweise ermöglichen und einen starken Außenbezug haben.

Der Campus

Bislang müssen die Studierenden noch raus zum Expo-Gelände fahren. Im Ihme-Zentrum könnten sie mitten in der Stadt lernen.

 

Wie realistisch ist es, die Hochschule ins Ihme-Zentrum zu verlegen?
Das Ihme-Zentrum verfügt aufgrund seiner Lage über eine sehr gute Infrastruktur sowie über eine schnelle Verbindung innerhalb der Stadt und würde somit einen idealen Standort bieten. Die Leibniz Universität, Bibliotheken und Mensen sind nicht weit entfernt, wodurch ebenfalls ein Austausch zwischen weiteren Studierenden stattfinden könnte.
Von der Größe des Gebäudes her wäre es durchaus möglich, Teile der Hochschule Hannover in das Ihme-Zentrum zu verlegen und somit einen attraktiven Campus für die Studenten zu schaffen, der auch Anwohnern und Interessierten offen stünde. Damit diese Idee eines Tages Realität wird, müssen wir allerdings noch mehr Menschen von unserem Konzept begeistern und einen geeigneten Investor finden.

Der Campus

Transparent: Die Aufenthaltsräume sollen nicht nur für Studierende sein, sondern auch für die Anwohner und Interessierte.

 

Hat sich eure Meinung zum Ihme-Zentrum geändert, nachdem ihr euch so lange damit beschäftigt habt?
Mit der Zeit haben wir immer mehr Potenzial in dem Gebäude gesehen. Bei jeder Besichtigung kamen uns neue Ideen, und wir entdeckten weitere interessante Stellen, die man bearbeiten könnte. Der große unübersichtliche Bau verschmolz immer mehr mit unserem Konzept, und unsere Vision wurde immer konkreter.
Für viele ist das Ihme-Zentrum ein nutzloser Schandfleck, für uns ist es jedoch ein Ort, der Geschichten erzählt und der mit der richtigen Idee zu einem neuen Wahrzeichen der Stadt werden könnte – und zwar im positiven Sinne.

Linda Iglesias-Navarro und Elsa Berger Linda Iglesias Navarro (links) und Elsa Berger sind Innenarchitektinnen

Interesse an einem Rundgang durch das Ihme-Zentrum?

April 2015 – „Oben ist ja alles schön!“

Stufe eins

So sieht das Ihme-Zentrum von Süden betrachtet bislang aus. Alle Fotos von Frank Eittorf

Für den Architekten und Dozenten Frank Eittorf hat das Ihme-Zentrum Potenzial, um nachhaltige Baugeschichte zu schreiben. Ein Gespräch über die Herausforderungen, mögliche Probleme und das Ziel einer Umgestaltung des Zentrums.

Du hast vor einiger Zeit einen Impulsrundgang durch das Ihme-Zentrum gemacht, wie war dein Eindruck?

Ich würde es als Wechselbad der Gefühle beschreiben. Ein Wechselspiel zwischen Spannung, Faszination und Entsetzen, letzteres überwog. 
Ich habe mir einen Nachmittag die Zeit genommen, den „öffentlichen“ beziehungsweise „zugänglichen“ Raum des Ihme-Zentrums zu „durchlaufen“.  Angefangen habe ich in den, nur teilweise genutzten, Tiefgaragen. Mein Fokus galt jedoch den Ebenen 0 und 1. Es ist dunkel, unübersichtlich und unangenehm. 
Die bestehenden Hauseingänge sind schwer zu finden. Gäste finden ihre Gastgeber nicht, trauen sich nicht durch das Dunkel des „gefühlten“ Untergrunds. Die Folge: Gastgeber holen ihre Gäste am Küchengarten oder der Blumenauerstraße ab. Wenn man dann mal in einer Wohnung ist, überzeugt diese durch gute Grundrisse mit Weitblick. Oben ist ja alles schön!

Durchblick: Im Erdgeschoss wird Freiraum geschaffen. Die Ihme rückt näher an Linden heran.

Durchblick: Im Erdgeschoss wird Freiraum geschaffen. Die Ihme rückt näher an Linden heran.

Als Architekt und Dozent hast du Erfahrung mit der Umnutzung von vermeintlichen Bauruinen wie Luftschutzbunkern gesammelt. Hättest du auch eine Idee, wie das Ihme-Zentrum neu umgebaut werden könnte?

Definitiv – daher mein Wechselbad. Als Architekt bin ich fasziniert von der Idee der kompakten Stadt: Zentrales Wohnen mit einer hohen Dichte verkürzt die täglichen Wege, spart Ressourcen. Die Idee von Nachhaltigkeit im pursten Sinne – und das nicht erst seit den 70er-Jahren. Die heutige Diskussion von Nachhaltigkeit  geht am eigentlichen Thema vorbei: Es geht nicht mehr um zentrales Wohnen, die Innenstädte sind entvölkert, Siedlungen werden ins Grüne gebaut. Weite Wege und Flächenfraß sind die Folge. Auch geht es anscheinend nicht mehr um die kompakte Bauform. Im Gegenteil: Je mehr Einfamilienhäuser, desto mehr Gebäudevolumen, desto mehr Fassade, desto mehr Fläche gilt es mit „Sondermüll“ zu tapezieren, desto mehr Wärmedämmung wird verkauft. Als gelernter Maurer sehe ich das besonders kritisch.

Dem Ihme-Zentrum fehlt nicht viel, um als gebaute Utopie zu funktionieren. Lediglich die Ebenen 0 und 1 sind problematisch. In meiner Studie habe ich zunächst diese beiden Ebenen frei geräumt, zudem den Deckel der Shopping Mall über der Ebene 0 entfernt. Das Resultat sind Licht, freie Blicke und Wege zur Calenberger Neustadt, zur Ihme. Das Wichtigste sind die nun freien und hellen Eingänge in die oberen Geschoße der bestehenden Wohnungen. Sämtliche Nutzergruppen bekommen ihren Eingang, ihre Adresse zurück. Die restlichen Flächen würde ich als Bauland anbieten. Das Achsmaß beträgt etwa acht Meter, daher würden die Parzellen acht Meter breit, 24 bis ca. 48 Meter tief und rund acht Meter hoch sein.
 Es müsste ein Masterplan entwickelt werden, der Vorgaben und Besonderheiten des Ihme-Zentrums berücksichtigt und thematisiert. Baulinien und -höhen sowie der Umgang mit der bestehenden Tiefgarage seien da mal als Stichworte genannt. 
Die Idee: Mein Haus, mein Garten, mein Auto, meine Tiefgarage. 
Um eine dichte und zugleich heterogene Architektur zu gewährleisten, müssten die Parzellen einzeln oder in überschaubaren Teilstücken vermarktet werden. Ein gutes Beispiel für Kompakte Vielfalt ist der Masterplan Von West 8, Borneo Sporenborg in Amsterdam.

Im entstandenen Freiraum ließen sich kleine Wohn- und Arbeitseinheiten schaffen und vermarkten.

Im entstandenen Freiraum ließen sich kleine Wohn- und Arbeitseinheiten schaffen und vermarkten.

Was müsste passieren, damit das Ihme-Zentrum in Hannover und überregional als Chance und nicht mehr nur als Bausünde gesehen wird?
Das Ihme-Zentrum müsste zu einer Erfolgsstory werden. Wir müssten den Mut und Willen der Erbauer zurückgewinnen, die Fehlversuche begraben und als Optimisten mit dem Gelernten an die Planung gehen. Es gibt ein paar Stellschrauben die fix sind – andere Dinge müssen flexibel bleiben. 
Das Wichtigste: Es muss sich auch für einen Investor rechnen. Das Bauland bringt das Geld, um die Ebenen 0 und 1 frei- bzw. aufzuräumen. Der Investor vermarktet lediglich die Parzellen. Im besten Fall koordiniert er Planung und Bau, wo er insbesondere jungen und kreativen Architekten die Chance gibt, sich mit dieser besonderen Aufgabe auseinander zu setzen. Abhängig von der Lage der Parzelle sollte ein Planungs- oder Architekturbüro ein Doppelhaus oder ein Reihenhaus entwickeln und bauen. Als Zielgruppe eignen sich junge Familien, die gerne zentral wohnen und arbeiten wollen.

Der Erfolg der Vision Ihme-Zentrum hängt von der Summe individueller Architekturen ab. Nur die gebaute Vielfalt hat genug Kraft, sich gegen ein starkes Oben zu behaupten. Nur dem individuellen Bewohner und Eigentümer liegt etwas an seinem direkten Umfeld, ob das der Vorgarten, Garten, Platz oder Bürgersteig ist. 
Heute wohnen die Leute gerne oben im Ihme-Zentrum. Morgen auch unten: Unter dem Ihme-Zentrum an der Ihme in Hannover-Linden.

Am Ende der Planung von Frank Eittorft ist das  Ihme-Zentrum bunt.

Am Ende der Planung von Frank Eittorf ist das Ihme-Zentrum bunt.

Dich interessiert die Aufwertung und Umgestaltung von städtischen Räumen. Würde Hannover als Stadt von einem Umbau des Ihme-Zentrums profitieren?
Im Allgemeinen profitiert jede Stadt von der Aufwertung öffentlicher Räume. Dabei hat jede Stadt ihre eigenen und individuellen Stadträume – so auch Hannover. Nehmen wir die Passerelle am Hauptbahnhof. Eine höhenversetzte Einkaufspassage bringt meist Risiken mit sich. Erinnern wir uns an das Scheitern der höher gelegten Einkaufspassage im Ihme-Zentrum: 
In der Innenstadt ist das anders. Richtung Kröpcke funktioniert die tiefliegende Passerelle aufgrund der zentralen Lage, der optimalen Anbindung an Nah- und Fernverkehr sehr gut. Die Faktoren, um viele Menschen anzuziehen sind gegeben. Daher lohnt es sich für die Stadt, zu investieren. Einzelhandel, Gastronomie und Hotels profitieren von gestalteten und gepflegten Stadträumen.

Richtung List und Oststadt ist das ein wenig anders. Die Menschen fehlen, der Einzelhandel fehlt. Die Motivation, zu investieren, fehlt aufgrund der fehlenden Nutzer.
 Ähnlich verhält es sich mit dem Ihme-Zentrum. Der Unterschied ist lediglich, dass hier nicht die Stadt, sondern die Investoren die Verantwortung tragen. Mehr noch als die Stadt muss auch hier wirtschaftlich gerechnet werden. Der Fokus ist aber ein anderer. Es gilt, bezahlbaren, zugleich individuellen Wohnraum zu schaffen. Die Herausforderung wird wohl der Umgang mit einem Bestand der besonderen Art. So wie die Passerelle zwischen Kröpcke und Hauptbahnhof als individuelle Hannover-Lösung geglückt ist, gilt es, eine individuelle, am Bestand des Ihme-Zentrums orientierte Lösung zu finden. Das größte Fundament Europas ist bereits gebaut. Jetzt gilt es, lediglich das Konzept an diesen Bestand anzupassen. Ein weiteres Mal würde Hannover mit einer individuellen Lösung nachhaltige Baugeschichte schreiben.

Frank Eittorf

Frank Eittorf ist Architekt und Uni-Dozent.

Das Ihme-Zentrum auf der re:publica 2015

Am 7. Mai habe ich das Projekt „Experiment Ihmezentrum“ auf der re:publica 2015 in Berlin vorgestellt. Hier geht es zum Video. Um das Potenzial dieser Arbeit noch weiter auszutesten, gibt es seit vergangener Woche außerdem ein Instagram-Konto zum Ihme-Zentrum: http://instagram.com/ihmezentrum/

März 2015 – „Die Bausubstanz entscheidet“

Bausubstanz 1

Marc Böhnke ist Architekt in Düsseldorf. Mit seinem Unternehmen Greeen Architects hat er sich auf ökologische, ganzheitliche und ethisch-soziale Architektur spezialisiert.

Wie schätzt du das Potenzial eines zum größten Teil ungenutzten Gebäudes wie das Ihme-Zentrum ein?
Es ist ökologisch ja oftmals besser, im Bestand zu bauen, anstatt ein Gebäude abzureißen und dort etwas Neues entstehen zu lassen, wenn die Bausubstanz dies zuläßt. Wir erleben ja gerade einen richtigen Run in den Städten auf die Flächen, die lange Zeit anders genutzt wurden oder nicht nutzbar waren: Beispielsweise alte Industriegebiete, still gelegte Bahntrassen oder wie bei uns in Düsseldorf schon seit langer Zeit der Hafen.

Findet da so etwas wie eine Wiederentdeckung statt? In Fachkreisen wird ja viel über die Urban Renaissance gesprochen, die Wiederbelebung der Städte.
Ja, das geschieht, auch wenn ich dem Trend ein wenig skeptisch gegenüber stehe. Aber der Bedarf an städtischen Flächen steigt klar. Lange Zeit gab es genug Flächen, auch weil der Trend bestimmte, in die Vorstädte zu ziehen. Doch seitdem die Städte wieder interessanter geworden sind, stürzen sich die Investoren und Projektentwickler auf alle verfügbaren Grundstücke in den Städten. Und irgendwann sind die alle weg. Dann musst du Grundstücke erfinden. Das ging vor einigen Jahren an vielen Orten los. Dazu kommt, dass die Städte generell ja ihre Grünflächen und vor allem das Wasser wieder entdeckt haben.
Und wenn die Kommunen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass diese Gebiete entwickelt werden, was ja häufig erst einmal eine umweltgerechte Umwandlung in Bauland bedeutet , dann springen darauf auch Investoren an. So entsteht eine Kettenreaktion mit großen Effekten.

Bausubstanz 2

Gebäude im Bestand umzubauen ist nachhaltiger, aber warum wird das so selten gemacht? Ist das technisch zu kompliziert?
Nein, die technischen Möglichkeiten gibt es schon seit Jahrzehnten. Und es gibt genug Beispiele, wo ein Umbau sehr gelungen ist. Dafür muss man sich nur den Medienhafen hier in Düsseldorf anschauen oder auch generell Berlin oder Leipzig. Die Herausforderung beim Umbau ist die Substanz. Wenn man Pech hat, dann ist die Substanz sehr schlecht oder birgt Problematiken, die man im Vorfeld nicht voll erfasst hat. Das wird dann richtig teuer. Ich habe von Unternehmen gehört, die deswegen schon pleite gegangen sind. Auch wenn du mit dem Vorhaben, im Bestand zu bauen, mit einer Kreditanfrage zum Bankberater gehst, bist du für die Bank meist ein nicht kalkulierbares Risiko.

Und die Unterstützung durch die Banken ist bei solchen Projekten sehr wichtig oder?
Ja, um solche Projekte zu realisieren, besorgt man sich fast immer eine Fremdfinanzierung. Da läuft vom ersten Tag an die Schiene aus Zins und Tilgung. Jeder Monat zählt. Natürlich sparst du Zeit, wenn du im Bestand baust – weil der Rohbau mit Fundament und Tragstruktur schon steht. Theoretisch kannst du viel eher nach Baustart vermieten, weil du ja nicht bei Null anfangen musst. Aber das Risiko, dass man in der Substanz mit konstruktiven, geometrischen oder anderen Problemen konfrontiert wird, die im Vorfeld nicht sichtbar waren, ist gegeben. Dafür brauchst du Spezialisten. Das ist ein Grund, warum das wenige Menschen machen. Neben der Lage ist die Substanz und die Projektidee entscheidend. Die Haut, die Außenhülle ist sekundär.

Du sagst ja selbst, dass die Innenstädte zum Wohnen wieder interessanter geworden sind. Gleichzeitig gibt es einen hohen Leerstand bei Gewerbe- und Büroflächen – wie im Ihme-Zentrum. Findet da irgendwann ein Umdenken statt?
Auf jeden Fall. Ich kenne einige Projekte, wo Bürogebäude aus den 1970er-Jahren in hochwertige Wohnhäuser umgebaut wurden. Das Bewusstsein ändert sich schon so langsam. Aber ich weiß nicht, ob das auch schon für Gebäude im Maßstab des Ihme-Zentrums gilt. Dafür brauchst du ja ganz andere Mittel und vor allem auch Mut. Wenn du dann keinen Profiinvestor hast, der sich mit Bauen auskennt, dann ist das Risiko des Scheiterns recht groß.

Marc Böhnke ist Architekt in Düsseldorf.

März 2015 – „Brach liegen lassen wäre ein fatales Signal“

Die taz Sonderbeilage zu Hannover

Im Februar brachte die taz eine Sonderbeilage über Hannover. Der Journalist Jens Fischer schrieb darin auch einen Artikel über das Ihme-Zentrum. Für ihn ist der Komplex ein Mahnmal, aber auch ein Symbol für die Stadtenwicklung.

Ist das Ihme-Zentrum repräsentativ für Hannover? Politisch, architektonisch, als positive oder negative PR.
Meiner Ansicht nach ist das Ihme-Zentrum sowohl architektonisch wie auch stadtentwicklungspolitisch negative Hannover-PR. Repräsentativ ist es nicht, da die Planungen, weitere solcher gen Himmel strebenden Stadtteile zu bauen, ja nicht realisiert wurden. Repräsentativ ist es allerdings für die verfehlte Stadtentwicklungspolitik Hannovers – und wenn man so will auch ein Mahnmal für die architektonische Ödnis des Hannoveraner Wiederaufbaus.

Der Artikel von Jens Fischer

Halten Sie eine nachhaltige Modernisierung für möglich?
Das ist schwer vorstellbar, aber warum nicht? Fachlich bin ich dem Punkt allerdings Laie.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die Entwicklung solcher Immobilien für die Großstädte in Europa?
Natürlich sehr wichtig, da sie zentrale Räume besetzen, soziales Klima und – ich nenn’s mal – urbane Atmosphäre mitbestimmen, allein durch ihre Größe großer Aufmerksamkeit auf sich ziehen und für das Image einer Stadt im guten wie schlechten Beispiel bedeutsam sind. Brach liegen lassen wäre ja ein fatales Signal, das die Stadt ihren Bürgern und nach draußen senden würde. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: abreißen – oder grundlegend eine neue Identität erschaffen.

Jens Fischer ist Journalist und schreibt für die taz.

Spaziergänge durchs Ihme-Zentrum

März 2015

Ist das Ihme-Zentrum eine Ruine? Ein gescheiterter Stadtteil oder eine große Chance? Auf einem kommentierten Spaziergang erkläre ich, wieso das Gebäude so aussieht und welches Potenzial es hat. Der nächste Rundgang ist am Mittwoch, 19. August. Wer Interesse hat, schreibt mir bitte eine Mail an wirtschaftsuchtbilder(at)gmx(.)de. Das Ganze dauert rund zwei Stunden und ist kostenlos.

For English speakers: If you are interested in tours through and around the Ihmezentrum send me an email: wirtschaftsuchtbilder(at)gmx(.)de. The walk takes approximately 1,5 hours and is free of charge.

März 2015 – „Wir stellen uns nicht in den Weg“

Sonne

Das Ihme-Zentrum hat ein Image-Problem, sagt Thomas Ganskow. Er ist Bewohner des Zentrums und aktiv in der Bürgerinitiative BLIZ, die sich für das Viertel einsetzt. Aus Erfahrung ist er vorsichtig, was die weitere Entwicklung angeht. Aber er hat Hoffnung.

Hat das Ihme-Zentrum ein Image-Problem?
Auf jeden Fall. Wenn ich beispielsweise in einen Kreis Menschen reinkomme und erzähle, dass ich im Ihme-Zentrum wohne, werde ich immer von oben nach unten gemustert, so nach dem Motto: „Du siehst gar nicht so aus, als ob du das müsstest.“ Die Vorurteile gegen das Zentrum sind leider immer noch sehr lebendig. Dabei ist das Leben hier ruhig, zentral, grün.

So ist das Image-Problem, das ich selbst spüre. Es gibt aber auch das Problem, das der Stadtteil Linden mit dem Ihme-Zentrum hat. Es wurde ja nie richtig angenommen, sondern als Trutzburg angesehen. Es ist ja auch schwer zugänglich und wirkt ablehnend. Und so, wie es seit ein paar Jahren aussieht, haben sich die Vorbehalte verstärkt.

Hätte man diese Ablehnung durch mehr Bürgerbeteiligung auffangen können?
Ich weiß ehrlich nicht, wie das in der Anfangszeit war, also ob man sich einbringen durfte. Aber zu der Zeit passte das auch gar nicht zur Kultur. Da beschränkte sich die Diskussion ja vor allem auf die Politik und die Verwaltung. Ich denke nicht, dass auf die Ideen aus der Bevölkerung groß eingegangen wurde. So etwas darf jetzt aber nicht mehr geschehen. Die Stadtgesellschaft muss mit eingebunden werden.

Glaubst du, dass es neben der infrastrukturellen Aufwertung also auch eine emotionale geben müsste?
Ja. Das Ihme-Zentrum muss seinen Platz in den Herzen der Lindener finden, dann würde eine Wiederbelebung auch sozial und wirtschaftlich funktionieren.

Wie stellst du dir denn eine ideale Wiederbelebung vor?
Ich denke schon, dass im unteren Teil Supermärkte und Läden gut passen würden. Aber nicht der gesamte Bereich. In der bisherigen Ladenebene würde ich mir eine Nutzung durch Gastronomie und Kultur wünschen, auch Indoor-Sport-Angebote könnten dort Platz finden. Es gab vor ein paar Jahren ja schon eine Phase, als die Revitalisierung angedacht wurde, und Künstlern Räume zur Verfügung gestellt wurden. Da kamen Musiker, Maler, Theatermenschen, und die sorgten alle auch für Zulauf. Ich denke schon, dass das Lindener Kulturleben hier einen Platz finden muss, damit das Potenzial des Ihme-Zentrums auch außerhalb Lindens angenommen wird. Denn nur ein Supermarkt reicht für einen Image-Wandel nicht aus, so einen finde ich ja an jeder Ecke.

Was hältst du denn von der Idee, einen Teil des Erdgeschosses luftiger umzubauen, dass der Fluss mehr an den Stadtteil Linden rückt?
Ich halte so etwas für sinnvoll. Und ein solcher Rückbau ist ja statisch nicht schwierig, das Gebäude ist schließlich in Skelettbauweise gebaut worden. Ich würde generell mehr Zugänge schaffen, besonders wenn sich in der ersten Etage etwas ansiedeln soll. Da müsste noch viel passieren. Da reicht es nicht, besondere Angebote zu haben, es muss auch einladend und leicht zugänglich sein.

Was hältst du denn von dem Vorurteil, dass es hier besonders viel Verbrechen gibt?
Das ist ein Gerücht. Es gibt ja beispielsweise eine Kriminalitätsstudie von 2014 für den Bereich Linden-Limmer, in dem klar erkennbar ist, dass im Ihme-Zentrum nicht mehr Kriminalität passiert als im Rest des Stadtteils. Und die hat ja auch meist nichts mit den Bewohnern selbst zu tun. Ich sag dazu immer: Kein Vogel scheißt vor’s eigene Nest. Aber natürlich kann ich verstehen, wenn anderen beim Durchgang durch das Gebäude mulmig wird. Das passiert aber auch in anderen komischen Ecken wie Tunnel oder dunklen Gebieten in dieser Stadt.

Du bist auch Sprecher einer kleinen Eigentümergemeinschaft im Ihmezentrum. Habt ihr schon Kontakt zum neuen Besitzer aufgenommen, der Projekt Steglitzer Kreisel Berlin Grundstücks GmbH?
Zumindest haben wir es versucht. Es ist ja gar nicht so einfach, den tatsächlichen Investor zu kontaktieren. Und wir wollten so schnell es geht einen Kontakt herstellen. Dazu haben die Wohnungseigentümer durch den Verwaltungsbeirat des Ihmezentrums ganz klassisch erst einmal einen Brief aufsetzen lassen. Schließlich möchten wir ja wissen, was geplant ist: Was stellt sich der neue Eigentümer vor? Es ist ja auch ein falsches Vorurteil, dass die Eigentümer und Bewohner sich der Modernisierung verweigern. So haben beispielsweise mehr als 90 Prozent einer Änderung der Nutzungsbestimmung zugestimmt, was für uns effektiv weniger Rechte und mehr finanzielle Beteiligung am Unterhalt bedeutet. Wir wollen unseren Teil beitragen und stellen uns nicht in den Weg. Das ist ja unsere Heimat.

Thomas Ganskow

Thomas Ganskow ist Vertreter der BLIZ – einer Gruppe von rund
100 Eigentümern und Freunden des Ihme-Zentrums.

März 2015 – „Der Betonberg ruft“

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Das Ihme-Zentrum ist ein Berg, ein faszinierender Spielplatz für Kinder. Der hannoversche Kulturschaffende Gunnar Gessner über seine Jugend im Schatten der Türme.

Das Ihme-Zentrum war immer ein Gebirge für mich. Linden überragend, immer da, immer latent in der Ferne, und wenn man ihm näher kam mit seinen Höhlen und Schluchten, Felsen und Vorsprüngen ein Abenteuerspielplatz sondergleichen. Als Lindener Kinder sind wir drin rumgetobt und haben uns wie die Kinder im Allgäu, in Tirol, im Spessart unsere Nischen gesucht.

Die Rolltreppen am Küchengarten und am Schwarzen Bär verkündeten von Stadtlandschaften als Utopie. Fliegende Autos gab es dann doch nicht, aber immerhin vollgesiffte Rolltreppen in freier Wildbahn. Wenn man in ein bestimmtes Haus eindrang und aus einem Fenster im Treppenhaus geklettert ist, konnte man über ein Kiesdach laufen, die Wasserpistole einsetzen oder den Leuten auf der Rolltreppe auf den Kopf spucken. Keine Chance für die empörten Rolltreppenreisenden.
Die Rolltreppe im HUMA-Supermarkt hingegen hatte eine andere Funktion. Hier rutschte man mit Einkaufswagen in die langweilige Lebensmittelabteilung hinunter und stieg dann wieder ohne Gefährt zu den Mengen von Lego und Playmobil hinauf. Irgendwer muss eine Menge Wagen umgeparkt haben.
Im Saturn war die Rolltreppe in der Mitte des Ladens. Das war dann schon die Teenierolltreppe und ein Moment zum Innehalten, wenn es in Richtung CD-Abteilung ging. Welche Platte nehme ich heute mit? Das war die Frage, während man über Föhne, Trockenhauben und Bügeleisen in Richtung des wahren Lebens schwebte.

Keine Rolltreppe, aber immerhin ein Fahrstuhl, war an der Flanke, der Brauer-Westwand, das Verkehrsspielzeug. Hier musste die Kindertruppe schon etwas größer sein, um genug Hüpfpower zu entwickeln, dass er in interessante Bewegungen geriet.
Mit einem Kinderrad, von allem Überfluss befreit, pink lackiert und als BMX-Rad benutzt, wurde jede mögliche und unmögliche Abfahrt im Betonklotz befahren. Und später, wenn es dunkel war, erste Tags (oder so etwas ähnliches) geschmiert. Der Restaurantbesitzer, dessen Paneele dran glauben mussten, hatte uns erwischt. Ein Tag mit Terpentin und Putzlappen war immerhin besser, als der ganze Nerv mit Eltern oder sogar Polizei. Zum Glück endete die kurze Karriere als bronx-inspirierter Nachwuchssprayer so.
Auf welche Dächer man kam, wo keine großen Anti-Selbstmord-Riegel vor den Türen waren, das wussten wir. Papierflieger flogen weit. Über die Ihme, manchmal so weit, dass wir sie nicht mehr sehen konnten. Hinein in den blauen Himmel und den Dunst der Stadt, die für uns Kinder Landschaft war.

Vielleicht sollte man das Ihme-Zentrum also als menschengemachtes Gebirge sehen. Beton ist Fels, bemooste Dächer sind eine Alm, die Zacken im Nachthimmel glühen romantisch und die Lichter künden von liebenswerten Bergbewohnern. Kletterwände, Dachgärten, dazwischen Tannenwäldchen und karger Fels, Schankwirtschaft am Gipfelkreuz, Skisprungschanze, Alphornblasen, angesiedelte Gamsböcke und Steinadler. So wie die Alpen ein menschengeprägter Naturraum sind, könnte das Ihme-Zentrum ein naturgeprägter Menschenraum sein, und die fehlende Romantik einer Techno-Utopie wird durch Naturromantik menschlicher gemacht.

Und dann kommt das Landkind und sagt: “Wie hässlich ist das denn? Sprengen.” Und dann kommt das Hipsterkind und sagt: “In Berlin gibt’s die Idee schon lange.” Und schließlich kommt das Stadtkind und sagt: “Unsere Landschaften sind von und für die Menschen da und müssen von diesen nach ihrem Willen und zu ihrem Nutzen nachhaltig gestaltet werden.”

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Gunnar Gessner, Kulturschaffender in Hannover, ist in Linden aufgewachsen.

Februar 2015 – „Eine realisierbare Vision“

 

Sonne.

Im Herbst 2014 führte ich für den NDR ein Interview mit Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) zum Ihme-Zentrum. Er sprach damals davon, dass das Ihme-Zentrum „eine realisierbare Vision“ bräuchte, zeigte sich aber auch sehr interessiert, dass das Gebäude lebenswert bleibt und nicht zu einem Spekulationsobjekt verkommt. Am Mittwoch (24. Februar 2015) wird wurde das Zentrum für 16,5 Millionen Euro
versteigert
. Ich weiß nicht, ob meine Vision realisierbar ist. Aber aus all den Gesprächen mit Bewohnern, Wissenschaftlern, Experten und Interessierten habe ich so etwas wie eine Essenz zusammengefasst. Und die lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Das Ihme-Zentrum ist kein Problem, sondern eine Herausforderung.

Was Hannover fehlt, sind bezahlbarer, stadtnaher Wohnraum und Freiräume für Kreativität und urbane Experimente. Für beides ist Platz in den leeren Flächen im Ihme-Zentrum. Sei es studentisches Wohnen, Flüchtlingsunterkünfte, Mehr-Generationen-WGs, inklusionsgerechtes Wohnen – alles das ist möglich.

Wärme

Ein Teil der Gewerbefläche ist als Einkaufsbereich sinnvoll für die Nahversorgung. Dass es dafür Interessenten aus dem Einzelhandel gibt, zeigte sich über die Jahre immer wieder. Doch nicht der gesamte Raum sollte aus meiner Sicht dafür benutzt werden. Um das ganze Areal nach und nach zu modernisieren, stelle ich mir eine kreative Zwischennutzung vor: Ateliers, Theater, Klubs, Kino, Food-Trucks, Proberäume etc. Dazu Urban-Gardening- und Urban-Farming-Projekte, Sportflächen für Skateboarding oder Parkours, Begegnungsstätten.

Warum nicht auch eine Artist Residency einrichten, bei der Handwerker, Künstler und Nachhaltigkeitsexperten für eine gewisse Zeit kostenlos im Zentrum leben und es dafür im Gegenzug umgestalten, anmalen, nachhaltig modernisieren, erneuern, lebenswerter machen.

Auch eine energetische Sanierung, eine Versorgung des Zentrums mit erneuerbaren Energien durch vertikale Windkraftanlagen sowie moderne Mobilitätskonzepte sind möglich. Dazu bessere Zugänge zum Wasser und mehr Grün. Aus der abweisenden Burg kann so eine beschauliche Insel werden, die in ihre Umgebung sinnvoll integriert ist.

Himmel

Es könnte ein ökologisches, kreatives und nachhaltiges Vorzeigeprojekt für ganz Deutschland sein. Denn in nahezu jeder Großstadt gibt es solche mehr oder weniger brach liegenden Quartiere. Im Gegenzug gibt es auf der ganzen Welt Projekte wie das Barbican Centre in London, wo gezeigt wurde, dass neue Ansätze der Städteplanung und -entwicklung möglich sind, von den Bewohnern angenommen werden und sich zu touristischen Hot-Spots entwickeln. Jeder kennt den Bilbao-Effekt, warum nicht das Ihme-Zentrum nutzen, um den Hannover-Effekt zu erzeugen?!

Welche Visionen für das Ihme-Zentrum noch möglich sind, das werde ich in den kommenden Wochen zeigen: Denn ich habe mit vielen Menschen mit ganz tollen Ideen gesprochen, denen ich hier im Blog Raum für ihre Einfälle einräumen möchte. Denn Ideen, Kreativität und Motivation sind auf jeden Fall vorhanden, um Hannovers „Bausünde“ in ein modernes, nachhaltiges und lebenswertes urbanes Zentrum zu verwandeln. Lasst es uns gemeinsam wach küssen.

Für Interessierte und Skeptiker werde ich einen kommentierten Spaziergang durch das Ihme-Zentrum anbieten. Der nächste Termin ist am Sonntag, 8. März, um 15 Uhr.
Treffpunkt ist das Capitol-Hochhaus am Schwarzen Bär.