Ein neues Wahrzeichen für Hannover

Warum das Ihme-Zentrum eine Chance und keine Bauruine ist.

Kategorie: Gesundheit

September 2016 – Aktuelles von der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum

Ab sofort gibt es einen Newsletter der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum. Darin wird regelmäßig über Neuigkeiten aus dem Quartier berichtet, was der Verein so treibt und welche Aktivitäten andere Akteuere im Zentrum so machen. Bei Interesse: Einfach eine E-Mail an mail(at)ihmezentrum(punkt)org schicken.

Wer sich auch so für den Verein interessiert: Am 24. September lädt das Team zum ersten kulturellen Picknick ins Ihme-Zentrum. Egal ob Bewohner, Interessierte oder Kulturschaffende – jeder ist herzlich eingeladen, dazuzukommen. Das Ganze ist organisiert wie eine Art Bürger-Brunch: An mehreren Tischen können sich die Besucher austauschen, nur das eigene Geschirr und auch etwas Proviant für die lange Tafel ist mitzubringen.

So können alle in offener Atmosphäre zusammenkommen und sich austauschen. Der Verein will dabei auch von wissen, welche Spielarten der Kultur im Ihme-Zentrum überhaupt erwünscht und gefordert sind: Lesungen? Ausstellungen und Performances? Oder sogar Konzerte?

Los geht es am 24. September ab 15 Uhr im 2. OG des Ihmeplatzes. Der Ort ist entweder über die weiße Treppe auf dem Ihmeplatz erreichbar oder per Aufzug zwischen Ihmeplatz 1 und Stadtwerke-Turm in die 2. Etage. Hier das Event bei Facebook.

Mai 2016 – Das Ihmezentrum als Park?

Ein Garten auf dem Dach: Architekt Felix Rebers hat für die Dokumentation

Ein Garten auf dem Dach: Architekt Felix Rebers hat für die Dokumentation „Das Ihmezentrum – Traum Ruine Zukunft“ Illustrationen gemacht, die das Potenzial aufzeigen.

Grün gehört zu einer funktionierenden Stadt dazu. Für die Amerikanistin Annabel Friedrichs gibt es genügend Beispiele, wie Gärten eine Stadt verschönern und verbessern können. Auch beim Ihmezentrum sieht sie viel Potenzial.

Hannover verfügt nicht nur über den größten Betonkomplex, sondern auch über den größten Stadtwald Europas. Grau und Grün – ist das womöglich vereinbar? Die Idee eines urbanen Gartens macht es vor: Blumenkübel statt Betonkomplex, warum also nicht auch Park statt Parken?

Beispiele für die Umnutzung von ähnlichen innerstädtischen Flächen gibt es zuhauf: Da wäre die New Yorker High Line. Die ehemalige Hochbahntrasse, auf der bis kurz vor der Stilllegung Truthahn transportiert wurde, in Manhattans Lower West Side steht für eine neue Parkbewegung: Brach liegende, postindustrielle Betonwüsten werden kreativ wiederbelebt und „recycelt“ zu nachhaltig geprägten öffentlichen Plätzen. Ganz im Sinne des New Urbanism steht neben innerstädtischer Begrünung auch Fußgängerfreundlichkeit im Fokus.

Park statt Leerstand?

Park statt Leerstand?

Das Bild von Natur, welches Parks wie die High Line (oder das Gegenstück im verlassenen U-Bahn-Tunnel, die Lowline) vermitteln, könnte aktueller nicht sein: Wir ziehen zurück in die Städte, kaufen Bio auf dem Stadtteilmarkt, ernähren uns Paleo und wollen inmitten der Großstadt unseren Dschungel. Das Ihmezentrum bietet (und das mitten in der Stadt!) zahlreiche Fassaden und offene Ebenen, die mit ihrer Größe und Lage ideal für diesen Großstadtdschungel, im Sinne einer Umnutzung als öffentliche Grünfläche, geeignet sind. Platz für einen Laden, in dem lokale Produkte aus Urban Gardening-Aktionen (Wie wäre es mit Ihmezentrum-Kartoffeln?) verkauft werden, ist auch noch.

Und doch ist dieses nahezu ländliche Bild von innerstädtischer Natur inmitten eines gescheiterten Großstadtprojekts auch kritisch zu betrachten. So bezeichnet Jeremiah Moss in seinem Blog Vanishing New York die High Line etwa als den „Auslöser für die schnellste Gentrifizierung in der Geschichte New Yorks“, hier sogar im Spezialfall einer grünen Gentrifizierung – oder wie Blogger Eric Jaffe schreibt: Ein schicker Park zieht ein, und einkommensschwächere Anwohnende ziehen aus.

Nun ist Hannover nicht New York, Linden nicht der Meatpacking District und das Ihmezentrum keine begrünte Hochbahntrasse umringt von Millionen-Dollar Lofts im Industrieschick. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass rund um das Ihmezentrum schon heute ein Gentrifizierungsprozess stattfindet, der in Zukunft noch an Fahrt aufnehmen dürfte.

Grün statt grau: Felix Rebers hat aus dem ehemaligen Einkaufszentrum einen Wald gemacht.

Grün statt grau: Felix Rebers hat aus dem ehemaligen Einkaufszentrum einen Wald gemacht.

Denkt man das Szenario weiter, kann man schon fast von einem Dilemma sprechen: Wir wollen Grün. Mitten in der Stadt. Wir wollen aber auch sozial verträglichen und bezahlbaren Wohnraum. Sind Parks ein zweischneidiges Schwert, welches die Nutzer von Parks in eine Zweiklassengesellschaft zerschneidet? Parklage nur gegen Prunkanlage?

Es ist eine Frage von Environmental Justice: Parks werten einen Stadtteil ästhetisch auf und wirken wie Luftfilter. Andererseits verdrängen steigende Immobilienpreise die mit dieser grünen Verbesserungsmaßnahme anvisierten Anwohnenden. Der Ansatz mit dem Namen Just Green Enough, erfunden von Winifred Curran und Trina Hamilton, könnte Abhilfe schaffen durch verschiedene Abstufungen von Grün. Das heißt, ein neuer Park muss nicht gleich den neuesten teuren Öko-Standards entsprechen. Und Designerparkbänke braucht auch keiner. Im Beispiel des Ihmezentrums hieße das: Statt schicker Promenade am Ihmeufer lieber Gemeinschaftsgärtnern mit Anwohnenden.

Ebenso wichtig ist aber auch eine Miteinbeziehung aller möglichen (Konflikt-)Parteien in einem transparenten Partizipations- und Gestaltungsprozess. Ob das Ihmezentrum nun irgendwann mal einen Park beherbergt oder einfach Flächen für urbanes Gärtnern schafft: Fragen der Freiraumpolitik und die Vereinbarung verschiedener Interessengruppen spielen bei jedem Wandel eine Rolle.

 

Annabel Friedrichs

Annabel Friedrichs studiert im Master Advanced Anglophone Studies an der Leibniz Universität Hannover und forscht zu urbaner Natur und (neuen) Parks und Parkformen in New York. Für sie ist der Zugang zu innerstädtischem Grün keine Frage von Einkommen und Wohnlage, sondern ein Grundrecht für alle Stadtbewohner und ein wichtiger Pfeiler der Stadt der Zukunft.

Die Illustrationen hat der Architekt Felix Rebers für die Dokumentation „Das Ihmezentrum – Traum Ruine Zukunft“ hergestellt. Er träumt von einem Wald unter dem Ihmezentrum. Mehr dazu in der Doku. 

Dezember 2015 – „Ein Vorzeigeprojekt“

Monika Stadtmüller ist Vorsitzende des Seniorenbeirats der Landeshauptstadt Hannover. Für sie könnte das Ihme-Zentrum zu einem „Vorzeigeprojekt“ für generationsgerechtes Leben werden. Egal wie alt, egal, ob reich oder arm, egal, welcher Herkunft – Monika Stadtmüller wünscht sich ein lebendiges Ihme-Zentrum. Die Voraussetzungen dafür sind gut, schließlich ist ein Großteil der Wohnungen im Ihme-Zentrum bereits heute barrierefrei, die Lage perfekt für eine Mobilität ohne Autos, und das verdichtete Bauen könnte eine tolle Nachbarschaftlichkeit (wieder) entstehen.

Diese und viele weitere Ideen sammeln wir für das Filmprojekt „Das Ihme-Zentrum – Traum Ruine Zukunft“, ein Mini-Dokumentarfilm über die bewegte Geschichte des Quartiers und eine mögliche bunte, kreative und nachhaltige Zukunft. Wenn ihr das Ihme-Zentrum auch als eine Chance seht, dann unterstützt uns bei der Produktion des Films: startnext.com/ihmezentrum.

November 2015 – „Wir haben es lange genug ignoriert“

Für die Urban-Art-Aktivistinnen und Unternehmerinnen Zarah Kniep und Anet Gubanova ist das Ihme-Zentrum keine Ruine, sondern eine Chance. Deshalb organisieren sie seit Frühjahr 2015 sogenannte Pop-up-Dinner in der Stadt in der Stadt in Hannover. Dabei kommen unterschiedliche Menschen zusammen, jeder bringt etwas zu Trinken und zu Essen mit, und teilt alles mit allen. Ein schöner Abend, der Außenstehende vom Potenzial des Ihme-Zentrums überzeugt.

Wir haben die beiden für unsere Dokumentation „Das Ihme-Zentrum – Traum Ruine Zukunft“ einen Abend begleitet. Deshalb an dieser Stelle ein kleiner Vorgeschmack auf den Film. Viel Spaß damit.

Mitte Dezember gibt es das nächste Pop-up-Event der beiden. Hier ihre Einladung:

Alte & junge Hasen des urbanen Lebens! Weil uns im Dezember das Wetter einen Querstrich durchs entspannte Outdoor-Dinieren zieht, laden wir euch diesmal ein zum entspannten Pop-up-Glühen. Anstatt Speis & Trank & Dinnertafel erwarten euch diesmal Glühwein, Punsch & Grossstadtschorle. Kommt her, ins Gespräch & zusammen. Bringt alle Lust, noch mehr Laune und Liebstes zum Schnabulieren mit & vergesst wie immer eure Lieblingsvinyl nicht! Wir kümmern uns um Feuertonne, Fackeln & den Plattenspieler. Auf dass wir erneut den grauen Klotz in einen funkelnden Inspirationsort verwandeln. Ihr könnt das.

Auf’m Bärenfell liegen & Bauchnabelfusseln zählen ist übermorgen wieder dran. Bis dann. Groß.stadt.artig! Für all diejenigen, die unser Konzept noch nicht kennen: Wir folgen mit unseren Pop-Up-Abenden der Idee der urbanen Stadtgestaltung. Indem wir uns tote Orte der Großstadt zu eigen machen & sie für einen begrenzten Zeitraum mit Leben füllen, mit tollen Ideen, einzigartigen Menschen & funkelnder Kreativität. Und so einen Erlebnisraum schaffen, in dem ganz ungezwungen Vernetzung und Ideenaustausch entstehen kann.

Gewöhnlich ist Großstadt geprägt von Anonymität und dem Aneinandervorbeileben. Wir geben euch den Raum, an Nichtorten zusammen& ins Gespräch zu kommen. Das Ihmezentrum ist wie geschaffen dafür, leben hier doch tausende von Menschen verschachtelt in kleinen individuellen Kartons übereinander, ohne sich jemals zu begegnen. An unseren Popup-Abenden seid ihr eingeladen, für ein paar Stunden alle Grenzen im Kopf abzulegen und euch zu begegnen.

Als Bewohner, als Menschen, als Kreateure. Erzählt euch, wovon ihr träumt, was ihr euch wünscht, was euch fehlt. Seid offen und neugierig. Wir wissen, dass ihr euch was zu sagen habt. Denn weil bei gemeinsamem Gläserheben die Inspiration ganz fix beschwingt. Gerade im Nichtort. Ohne vorab gesteckte Grenzen. Wir freuen uns auf euch. Anet & Zarah

Tragt euch ein in unseren Verteiler, um über aktuelle Events informiert zu bleiben: popupdinner(at)gmx(punkt)de

Oktober 2015 – Das perfekte Stadthotel im Ihme-Zentrum

Ihme-Zentrum, 2014.

Immer wieder sprechen mich Menschen an, die gerne einmal im Ihme-Zentrum übernachten möchten. Es gibt jedoch kein Hotel oder Hostel. Doch es gibt viele Ideen. So hat mich die selbstständige Interior Designerin Solveig Priebs nach einem Rundgang einmal von ihrer Idee erzählt. Hier schreibt sie selbst, was sie sich für das Zentrum vorstellen könnte.

Ich hab da eine Vision. Eine Vision von der größten und spannendsten Hotellobby in Hannover. Ich sehe diese Lobby an einem für viele wohl unerwarteten Ort: im verlassenen Parkhaus des Ihme-Zentrums. Es ist nicht irgendein Hotel, das in meinen Gedanken dort entsteht, sondern das perfekte Stadthotel. Mit rauem Betoncharme, aber auch dem Blick ins Grüne und auf’s Blaue. Stadtnah, mit Kultkneipen und geschichtsträchtigen Konzertsälen um die Ecke.

Die Hotellobby

So könnte die Hotellobby im Ihme-Zentrum aussehen. (Grafik: Priebs)

Das besonders Merkwürdige des Ihme-Zentrums ist ja, dass es kaum ebenerdig zugänglich ist. Dieses Betonfundament (immerhin seinerzeit das größte Europas) verweigert sich zu den Straßen hin und baut Barrieren auf. Die Ladenstraße und Zuwege sind zumeist in der ersten Ebene. Das begehbare Erdgeschoss hat aber kaum noch Funktionen, außer Zugänge zu Behörden und Wohnungen.

Dabei bietet das Erdgeschoss des Ihmezentrums genug Raum für ein kulturelles Miteinander. Ein gigantisches Parkhaus wird dort schon seit Ewigkeiten nicht mehr gebraucht. Ob StreetArt, Food-Festivals, Ausstellungen, „Think Tanks“ und Konzerte – dieser Ort kann wieder zum Leben erweckt werden! Nebenbei dient die weitläufige Halle zum Einchecken der Hotelgäste, die es sich dann mit Blick auf die Ihme in einem der Themenzimmer gemütlich machen können.

Der Entwurf eines Hotelzimmers.

Ein Hotelzimmer zwischen Beton und Grün. (Grafik: Priebs)

Zur Auswahl für kreative Konzeptzimmer stehen zum Beispiel „Roter Faden“, „Grüne Stadt“, „Unesco City of Music“, „Erfinder“ und „Dichter & Denker“. Die Themen variieren pro Stockwerk, so kann man die Flure zum Erzählen von ganz besonderen Hannover-Geschichten nutzen – immer passend zum Thema. Z.B. ein lehrreiches Wandeln zum Zimmer mit Hannovers größten Musikern unterlegt mit Musik des Jazz-Clubs oder Fury in the Slaughterhouse. Oder ein literarischer Gang mit Leibniz und Lessing. Oder oder oder…

Ich glaube, klar werden sollte jedem bei diesem Projekt: 1. Hannover ist eine Reise wert und 2. Das Ihme-Zentrum hat noch viel mehr zu bieten als seinen Untergang – zusammen eigentlich ein unschlagbares Team!

Solveig Priebs

(Foto: Priebs)

Solveig Priebs hat einen Bachelorette-Abschluss in Raumkonzept und Design und arbeitet seit Anfang des Jahres als selbstständige Interior Designerin in Hamburg. Die 28-Jährige ist in Hannover aufgewachsen und sagt über sich selbst:
„Ich mache kreative Gestaltungen für Einrichtungen, Produkte und Grafik. Während des Studiums kam der Auftrag: ‚Macht doch mal ein Hotel‘ – gesagt, getan.
Aber ich habe mir ein Mammutprojekt ausgesucht: Das Ihme-Zentrum. Ist da noch was zu retten? Ich hoffe es!“

Juni 2015 – „Ein Hotspot in Hannover“

Hannovers Marktkirche vom Dach des Ihme-Zentrums

Hannovers Marktkirche fest im Blick.

Immo Dirks genießt das Wohnen im Ihme-Zentrum. Und er hat viele tolle Ideen, wie aus der Baustelle ein neuer Hotspot in Hannover werden kann. Im Interview erklärt er, warum er sich entschieden hat, im Ihme-Zentrum zu leben und was die Zukunft bringen könnte.

Immo, du wohnst selbst im Ihme-Zentrum. Wie würdest du das Leben im umstrittensten Gebäude der Stadt beschreiben?
Ich habe das Glück gehabt, hier einmal eine Wohnung besichtigen zu können. Den Besichtigungstermin hatte ich zur Abrundung meiner damaligen Wohnungssuche vereinbart, und es war eigentlich mehr als Katastrophentourismus gedacht. Aber der Ausblick über die Ihme und der Schnitt der Wohnung haben mir sofort gefallen. Ich erzähle Freunden und Bekannten gerne von den Ruderern auf dem Fluss, der direkten Anbindung an Wander- und Fahrradwege, dem Lindener Nachtleben und der City-Nähe, aber auch von dem Stress, wenn in lauen Nächten auf dem Gegenufer wieder Party ist. Wenn ich Besuch erhalte, ist die erste Reaktion meist, wie hässlich der Gebäudekomplex in der Form und in der Außenfassade ist. Ich selber habe da eine andere, liebevollere Wahrnehmung, würde aber auch nicht von eleganter Grazie sprechen.

Wasser

Die Ihme vom Parkdeck aus gesehen.

Wie würdest du denn die Stimmung in den Häusern beschreiben?
Der Umgang untereinander ist in den mir bekannten Häusern mit wenigen Ausnahmen ausgesprochen freundlich und angenehm. Allerdings fehlt mir ein Bewohner-Café, um mit meinen Nachbarn in einen zwanglosen Austausch über die kurze Fahrstuhl-Freundlichkeit hinaus kommen zu können. Auch würde ich mir wünschen, dass der neue Investor ein paar seiner Wohnungen für betreutes Wohnen reserviert, als Basis für einen entsprechenden Pflegedienst, der dann das gesamte Ihme-Zentrum in seinen Wirkungsbereich einbeziehen kann. Ich möchte hier alt werden und auch bei Pflegebedürftigkeit wohnen bleiben können.

Hoch

Hochhaus und Himmel ergänzen sich.

Du hast konkrete Vorstellungen, wie das Zentrum entwickelt werden könnte. Welche Themen sind dir dabei wichtig ?
Offensichtlich ist der gewerbliche Teil des Ihme-Zentrums kein Selbstgänger. Entweder man „entbrutalisiert“ den Gebäudekomplex durch massive bauliche Eingriffe wie z.B. in dem bekannt gewordenen Architektenplan von 2005, der zu Gunsten eines eleganten, geschlossenen sechsstöckigen Baukörper über beinahe die gesamte Zentrumslänge den Abriss des enercity-Hochhauses und vom Ihmeplatz 1 vorsieht. Oder aber man wertet die Außenbereiche auf und entwickelt darüber hinaus Leuchtturmthemen, die das kaputte alte Image überstrahlen können. Die Leuchtturmthemen bringen Menschen in Kontakt mit dem Ihme-Zentrum, und Kontakt schafft Sympathie.

Baustelle

Strenge Formen sind typisch für diesen Baustil.

Meinst du denn, dass das Ihme-Zentrum wieder ein Einkaufszentrum werden muss, um zu funktionieren?
Ich persönlich habe keine Präferenzen, was das Verhältnis von Handelsflächen, Büros, Gastronomie und Wohnungen angeht. Ich weiß aber, dass ein Veranstaltungszentrum im Wohnumfeld von so vielen Menschen nicht machbar ist und dass eine einfache Zweitausgabe der Ernst-August-Galerie nicht funktionieren wird. Als Voraussetzung einer erfolgreichen gewerblichen Nutzung stelle ich mir eine Reihe von Maßnahmen vor, die die Wahrnehmung des Zentrums drastisch ändern könnten. Dazu gehören insbesondere: Das Dach des enercity-Turms wird eine Aussichtsplattform. Das oberste Stockwerk des enercity-Turms wird ein Restaurant. Die Wahrnehmung des Ihme-Zentrums wird mit bestimmten Sonderthemen verknüpft, wie Fahrrad-Café, Foodkarts, offene Künstler-Werkstätten. Der Fluss wird Teil des mit dem Gebäude verbundenen Erlebnisraums, indem u.a. das Ufer auf die erste Parkgaragenebene abgesenkt wird. Der alte Kasten könnte so durchaus noch ein Hotspot in Hannover werden.

Sonne

Eine Stadt am Wasser – das Ihme-Zentrum.

Hast du Hoffnung, dass es irgendwann besser wird im Zentrum?
Diese Hoffnung habe ich, weil das Ihme-Zentrum eine fantastische Lage hat, noch nicht heraus gemeißeltes Potenzial besitzt und zu zentral in der Stadt liegt, als dass die Baustelle ewig ignoriert werden könnte. Allerdings wird es nicht ohne energische (soll heißen: nicht ganz billige) Maßnahmen und wahrscheinlich nicht ganz ohne Beteiligung der Stadt gehen.

Immo Dirks ist Bewohner des Ihme-Zentrums. Seine Ideen zur Umwandlung
des Ihme-Zentrums zum Hotspot hat er unter Vom Schandfleck zum Hotspot einmal aufgeschrieben.

Mai 2015 – „Eine unvergleichlich hohe Lebensqualität“

Panorama über dem Ihme-Zentrum

Bei einem meiner Rundgänge kam sie als Gast und zeigte den interessierten Zuhörern, wie wenig die Legenden um das Ihme-Zentrum mit der Realität zu tun haben. Britta Zogall ist Fan ihres Zuhauses, seit ihrem Einzug Anfang der 1990er-Jahre. Und die Tierärztin sieht großes Potenzial in dem Gebäude.

Sie wohnen seit Jahrzehnten im Ihme-Zentrum. Wie war es hier früher?
Als wir 1992 eingezogen sind, war das ein Traum mit dem Einkaufszentrum unten. Wir konnten den Einkaufswagen mit in den Fahrstuhl nehmen und damit bis zur Wohnung fahren. Auch unsere drei Kinder haben es geliebt, am Springbrunnen am Ihmeplatz zu spielen oder auf einem der Spielplätze in den Höfen. Leider sind die inzwischen ein wenig verwaist, seitdem die wunderschönen Bäume gefällt wurden. Deren Wurzeln hatten sich irgendwann in die Decke des Supermarkts gegraben.

Die Wohnungen im Ihme-Zentrum sind fast alle belegt. Und die Bewohner lieben das Leben hier. Doch trotzdem hat das Gebäude so einen schlechten Ruf. Können Sie das verstehen?
Nein, ich verstehe nicht, dass das Ihme-Zentrum nicht mehr Aufmerksamkeit bekommt. Immer mehr Menschen wollen in die Stadt ziehen, die Wohnungssituation in Hannover ist jetzt schon angespannt, und gleichzeitig sind die Zinsen auf Kredite unglaublich niedrig. Alle wollen in Betongold investieren, nur im Ihme-Zentrum nicht? Das kann ich nicht glauben.

Blick nach Norden

Immer wieder wird über große Pläne zur Wiederbelebung des Gewerbebereichs gesprochen. Haben Sie eine Vorstellung, was helfen könnte?
Aus meiner Sicht sollte man die erste Etage in Wohnungen oder meinetwegen auch Büros umbauen und im Erdgeschoss ein paar Geschäfte. Aber ein Einkaufszentrum lohnt sich hier doch nicht.

Wird das Ihme-Zentrum unterschätzt?
Ja! Aus meiner Sicht steckt unglaublich viel Potenzial im Ihme-Zentrum. Ich kann mir gut vorstellen, auf die Dächer Solarzellen oder kleine Windkraftanlagen zu bauen. Mein Traum wäre auch Bienenstöcke auf das Dach zu stellen, aber so etwas muss natürlich mit den Nachbarn besprochen werden.
Meine Familie wohnt bereits mehrgenerationenmäßig hier. Von meinen drei Kindern, die hier aufgewachsen sind, wohnen alle hier im Haus oder ein Haus weiter. Mein Enkelsohn kommt jetzt schon die Treppen hoch zu uns. So etwas ist ganz wertvoll.

Block

Es wird viel über das Ihme-Zentrum als Raum für Kreativität gesprochen. Gibt es ein Thema, was bislang unerwähnt bleibt?
Etwas, das immer unterschätzt wird, ist die Barrierefreiheit des Ihme-Zentrums. Hier können auch ältere Menschen mit Mobilitätseinschränkung problemlos leben und haben durch die Lage und den Ausblick eine unvergleichlich hohe Lebensqualität.

Sie wollen also bleiben – egal, was kommt?
Die Lebensqualität im Ihme-Zentrum ist sehr groß. Man lebt sehr zentral, und gleichzeitig ist es hier unfassbar ruhig. Und dann dieser Blick. Ich will hier einfach nicht ausziehen, das ist meine Heimat.

Ostern 2015 – Wachsen und Gedeihen

Schärfe aus dem Ihme-Zentrum: Die ersten Chili-Samen haben Triebe und werden umgepflanzt.

Es ist jetzt Frühling im Ihme-Zentrum. Ich habe ein paar Pflanzen ausgesät und plane gemeinsam mit meinem guten Freund Coco ein Experiment: Auf einem Südbalkon im Ihme-Zentrum legen wir in den kommenden Wochen einen Minigarten an. Als Beet dient uns unter anderem eine alte Badewanne. Erde, Samen und Dünger sind nachhaltig und ökologisch abbaubar. Die Materialien sind zum größten Teil Second Hand und ebenfalls nachhaltig. Ich werde auf dem Blog den Fortschritt dokumentieren.

Das Ziel ist die Ernte von Gemüse, Obst und Kräutern und so der Beweis, dass Urban Gardening und sogar Urban Farming im Ihme-Zentrum möglich sind. Die Balkone und die Dachgärten meiner Nachbarn zeigen das ja auch schon seit Jahrzehnten.

Warum das wichtig ist? Weil der Mensch nicht nur von Pflanzen lebt: Er braucht sie auch in seiner Nähe, wie eine aktuelle Untersuchung der University of Pennsylvania beweist. Die Ärzte kamen zu dem Ergebnis, dass wer beim Spazieren an gepflegtem Grün vorbeikommt oder in seiner direkten Wohnungsumgebung kleine Naturflecken hat, einen niedrigeren Puls hat. Man fühlt sich weniger gestresst, ist achtsamer. Kleine Gärten sind also nicht nur schöner, bringen Lebensmittel und verbessern die Atmosphäre durch Photosynthese, sie haben auch direkt positive Auswirkungen auf die Gesundheit.

Im Ihme-Zentrum gibt es ein paar Ecken, in denen Platz wäre für Urbane Gärten, teilweise stehen dort jetzt schon Beete und Kästen, die aber weitestgehend verwildert sind. Warum nicht diese Orte aufwerten und den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Interessierten zum Gärtnern anbieten?

Spaziergänge durchs Ihme-Zentrum

März 2015

Ist das Ihme-Zentrum eine Ruine? Ein gescheiterter Stadtteil oder eine große Chance? Auf einem kommentierten Spaziergang erkläre ich, wieso das Gebäude so aussieht und welches Potenzial es hat. Der nächste Rundgang ist am Mittwoch, 19. August. Wer Interesse hat, schreibt mir bitte eine Mail an wirtschaftsuchtbilder(at)gmx(.)de. Das Ganze dauert rund zwei Stunden und ist kostenlos.

For English speakers: If you are interested in tours through and around the Ihmezentrum send me an email: wirtschaftsuchtbilder(at)gmx(.)de. The walk takes approximately 1,5 hours and is free of charge.

März 2015 – „Die Natur ist ein Teil des Zentrums“

Foto von Alisa Schafferschick

Von meinem Arbeitszimmer aus kann ich die Möwen über der Stadt sehen. Manchmal schwirren sie einfach nur in der Luft, lassen sich fallen und geben ihre Laute von sich. Oder sie kämpfen miteinander. Um Brot oder vielleicht auch um Aufmerksamkeit.

Unter meinem Fenster fließt die Ihme, dort quaken ab dem frühen Morgen die Enten. Am Anfang riss mich das Geräusch immer wieder aus dem Schlaf. Denn Enten quaken gerne am frühen Morgen. Seitdem führe ich eine Hassliebe mit ihnen.

Die Möwen leben das ganze Jahr über im oder am Ihme-Zentrum. Das hat mir der hannoversche Vogelkundler und Bieberexperte Golo Peters bei einem meiner kommentierten Spaziergänge erklärt. „Es sind übrigens Lachmöwen. Für sie ist aber in erster Regel der Fluss und nicht das Ihme-Zentrum relevant.“

Ich bin selbst immer wieder überrascht, dass ich wirklich direkt am Fluss lebe, keine zweihundert Meter von einem der tollsten Grünstreifen der Stadt entfernt: Der Leine-Ihme-Mündung mit der tollen Strandbar. Mitten in der Stadt habe ich ein Stück Natur vor dem Fenster. Menschen im Harz oder von der Nordsee würden mich sicherlich auslachen, wenn sie hörten, dass Hannover viel Natur hat. Doch so ist es ja.

Und die Natur erobert sich immer weiter Teile der Stadt zurück. Hannover war jahrzehntelang eine schmutzige, graue Stadt. Als das Ihme-Zentrum gebaut wurde, lag es beispielsweise mitten in einem ehemaligen Industriegebiet. Das Wasser in der Ihme war giftig. Dass eine Stadt wie Hannover nach einer langen Zeit wieder die Flüsse und Seen mitten in der Stadt entdeckt, in denen man inzwischen ohne Probleme baden kann, das schien während der Bauzeit des Zentrums undenkbar. Und deshalb ist das Gebäude auch komplett ohne Bezug zur Natur gebaut worden.

Am Wasser, in der Natur

Ein Architekt erklärte mir einmal, dass das Zentrum beispielsweise auf der falschen Seite des Flusses gebaut wurde – man guckt in den Wohnungen entweder nach Süden oder auf den Fluss. Und die Grünpflanzen, die auf den ursprünglichen Zeichnungen eine Rolle spielten – die fehlen komplett.

Dabei zeigen einzelne Bewohner, was möglich ist mit wenigen Quadratmetern Fläche. Ihnen gelingt es, dort mehr wachsen zu lassen als trostlose Stiefmütterchen. In manchen Dachgärten stehen sogar richtige Bäume. Und es gibt noch mehr Konzepte wie Urban Gardening, Urban Farming, Vertikale Gärten oder die Wiederentdeckung der Natur in der Stadt, die im Ihme-Zentrum eine Rolle spielen. Darüber werden hier auf dem Blog noch weitere Menschen tolle Geschichten erzählen. Wer jemanden kennt oder Vorschläge hat, kann mir auch gerne eine E-Mail schreiben.

Dass das Ihme-Zentrum von der Natur teilweise erobert wurde, wurde mir klar, als Vogelkundler Golo bei dem Rundgang zum ersten Mal in seiner Zeit in Hannover eine Bachstelze entdeckte: mitten im Zentrum. Für ihn ein Grund zur Freude. Denn aus Sicht des Naturschutzes und der Bevölkerung ist es natürlich super, wenn etwas seltenere Arten stadtnah brüten. „Wenn Kinder selten die Stadt verlassen, sind Vögel ja noch ein Stück Natur, das es zu entdecken gibt.“

Doch neben der Naturpädagogik gibt es aus städtebaulicher Sicht noch einen Vorteil, wenn sich Vögel wie Wanderfalken im Ihme-Zentrum ansiedeln würden: „Mehr Wanderfalken bedeutet weniger Tauben, die mit ihrem sauren Kot die Bausubstanz schädigen.“ Win-win nennt das wohl der Wirtschaftler.

Golo PetersGolo Peters ist Umweltwissenschaftler, Vogelexperte und Biberberater.