März 2017 – Das Ihme-Zentrum in der Kestnergesellschaft

von Experiment Ihme-Zentrum

 

Was hat das Ihme-Zentrum mit Kurt Schwitters zu tun? Die Künstlerin Verena Issel sieht viele Parallelen zwischen den beiden hannoverschen Originalen und widmet ihnen eine eigene Ausstellung. Am 10. März  startet diese in der Kestnergesellschaft. Im Interview erklärt sie, was Besucher erwarten können.

Du hast dich in deiner Arbeit mit dem Ihme-Zentrum auseinandergesetzt. Was interessiert dich am meisten an dem Gebäude?
Wenn ich an Hannover denke, denke ich von der Kunst herkommend sofort an den von mir heiß geliebten Kurt Schwitters und seinen Merzbau: Sein 1923 begonnenes Lebenswerk, das er in seiner Privatwohnung in der hannoverschen Waldhausenstraße 5A errichtete. Der Raum wurde hier immer weiter zu- und umgebaut, geometrische und organische Gliederungen erstrecken sich nach innen, verschiedene Schwerpunkte und Themen hier und dort verstreut.
Schwitters hat meinen Begriff von Skulptur, Bau und Installation sehr geprägt.
Ich interessierte mich deshalb sehr dafür, welche anderen Bauwerke es  im heutigen Hannover, Wiege des Merz, gibt – eigentlich war ich eher auf der Suche nach anderen Innenausbauten a la KdeE, doch dann kommt man ja, sobald man mal in Hannover ist, gar nicht am Ihme-Zentrum vorbei.

Wieso?
Dieser brutalistische Riesenkoloss aus Beton, Europas größtes gegossenes Beton Fundament ist ebenso wie Schwitters‘ Merzbau eigentlich heutzutage eine Angelegenheit der Privatheit, schwer (nur über eine Brücke) zugänglich, als eine Art Gated Community geplant. Ein absolut faszinierendes utopisches Gebäude!

Was fasziniert dich besonders am Ihme-Zentrum?
Wie der Merzbau auch ist das Ihme-Zentrum in viele verschiedene kleine Teile gegliedert. Eklektische Bauelemente wie unterschiedlich geformte und andersfarbige Fensterrahmen, Backsteine etc. werden zusammen geführt zu einem großen Ganzen, das ziemlich verrückt wirkt.
Das eine ist ein Raumschiff nach innen, das andere ein Raumschiff nach außen… Diese Dialektik in Hannover hat mich interessiert und zu meiner Installation inspiriert!

Wo siehst du Parallelen zwischen dem Ihme-Zentrum und dem Werk Schwitters‘?
Das Ihme-Zentrum ist Vandalismus und Zerstörung ausgesetzt, die sinnlosen Graffiti an den Wänden erinnern teils an Schwitters dadaistische Gedichte. Ich habe mich auch für die Historie des Ortes interessiert, die Tatsache, dass früher an Stelle des Ihme-Zentrums eine Brotfabrik beheimatet war, kommt mir fast grotesk vor angesichts der rauen Massen des Betons.
Ich habe deshalb das im Ihme-Zentrum aufgefundene Graffiti fotografiert und es aus Salzteig nachgebaut, kombiniert mit Zitaten aus dem Dadaismus.  So finde ich passt Schwitters „i-Gedicht“  (Siehe Grafik) ja schon sehr gut: „rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf.“
Ähnlich spontan und schnell wurde ja auch das brutalistische Monstrum von Ihme-Zentrum gebaut.
Auch die nächtliche Beleuchtung des Ihme-Zentrums, die es noch mehr als tagsüber wie ein Raumschiff wirken lässt, habe ich in der Ausstellung auf mehreren Ebenen versucht aufzugreifen. Auch Schwitters experimentierte in seinem Bau mit verschiedenen Beleuchtungen, und ich habe hier nun leuchtendes Graffiti mit einfließen lassen.

Du hast dich in deiner Arbeit mit dem Ihme-Zentrum auseinandergesetzt. Was interessiert dich am meisten an dem Gebäude?
Ich finde die Verdrängung von Kunst auf marginale vorstädtische Orte ein Problem in Deutschlands Metropolen. Künstler und andere Kulturschaffende können sich oft innenstädtische Räume nicht mehr leisten. Durch Gentrifizierung und Landflucht wird es immer teurer und somit schwieriger, einen Ausstellungs-, Konzert- oder Atelierraum zu unterhalten. Viele Leute, die ich in Hamburg oder Berlin kenne, arbeiten mittlerweile sehr weit an den Rändern der Vorstädte. Dass in Hannover innerstädtisch tatsächlich noch große Flächen leer stehen, ist eine große Chance für kulturelle Entwicklung. Ich würde anfangen, die leeren Flächen an Künstler als Ateliers zu vergeben. Ich würde Proberäume für Musiker einrichten und vielleicht auch einen Club und einen Ausstellungsraum eröffnen. So könnte das Ihme-Zentrum Ein kultureller Magnet für viele Menschen werden, der Teilhabe ermöglicht.

Und darüber hinaus?
Ich könnte mir auch vorstellen, dass eine Art Artist-in-Residency-Programm, mit dem man Künstler aus anderen Städten und Ländern einlädt, in Hannover Projekte zu realisieren, zu großem internationalen Austausch und einer interessanten kulturellen Auseinandersetzung in Hannover führen kann. Die Gastkünstler könnten im Ihme-Zentrum wohnen und arbeiten. Das wäre derart skurril und besonders, dass man sich bestimmt kaum vor Bewerbern retten könnte!  Die Stadt könnte auf diese Weise stark profitieren, dass Ihme-Zentrum könnte ein touristischer und kultureller Magnet für viele Menschen werden, das Gebäude an sich ist schon so faszinierend, und wenn es dann noch mit interessanten Inhalten gefüllt wäre, würden bestimmt viele Leute auch aus anderen Städten anreisen, um es kennen zu lernen. Und nicht zuletzt die Hannoveraner hätten wieder einen aktiven künstlerischen Hotspot!

Verena Issel

Verena Issel ist Künstlerin. Ihre Ausstellung im Rahmen des „vg Stipendiums 2017“ startet am 10. März in der kestnergesellschaft in Hannover mit einer Eröffnungsparty mit DJ ab 19h. Die Ausstellung läuft bis zum 7. Mai.

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