Januar 2017 – Wie das Ihme-Zentrum sicherer werden kann

von Experiment Ihme-Zentrum

Samuel Kirby www.samuelkirby.com

Bunt – so sah der britische Fotograf Samuel Kirby (www.samuelkirby.com) auf seiner Deutschlandreise 2015 das Ihme-Zentrum.

Für viele Außenstehende ist das Ihme-Zentrum ein gruseliger Ort. Und auch manche Bewohnerinnen und Bewohner fühlen sich an einigen Stellen nicht wohl. Doch es gibt Möglichkeiten, das Quartier sicher zu machen. Am 25. Januar erklären die Architektin Karin Kellner (Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung & Bund Deutscher Architekten) und der Stadtforscher Dr. Herbert Schubert (Sicherheitspartnerschaft im Städtebau Niedersachsen) bei einer Infoveranstaltung, wie ein besseres Sicherheitsgefühl im Ihme-Zentrum entstehen könnte. Worum es bei dem Thema geht, erklären die beiden bereits jetzt im Interview.

Sicherheit ist häufig ein subjektives Gefühl, wie misst man so etwas im Fall des Ihme-Zentrums?
Karin Kellner: Ob sich Menschen sicher fühlen oder nicht, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, die sich nur schwer messen oder empirisch darstellen lassen.  Gegenfrage: Wie misst man Schmerz? Die Mediziner bedienen sich einer Schmerzskala von 1-10, um ein Gefühl für die individuell gespürten Schmerzen eines Patienten bekommen zu können. Eine Skala anzulegen für die gefühlte Sicherheit im Ihme-Zentrum wäre in der Beantwortung dieser Frage vielleicht ganz hilfreich.

Herbert Schubert: Subjektive Sicherheit oder Unsicherheit stellt sich über die Wahrnehmung ein. In der Kriminologie wird von „Risikozeichen“ und von „Kontrollzeichen“ gesprochen, deren Wahrnehmung das Gefühl erzeugt. Typische Risikozeichen sind beispielsweise Unsauberkeit, Vandalismus, vernachlässigte Bausubstanz. Sie suggerieren, dass sich in dem Gebiet niemand um Ordnung kümmert, dass offensichtlich jede/r machen kann, was er/sie will – sich gehen lassen kann, weil sich eh niemand darum schert. Diese Risikozeichen haben im Ihme-Zentrum im Laufe der vergangenen Jahre beträchtlich zugenommen, weil sich der Haupteigentümer nicht richtig um das Quartier gekümmert hat. Typische Kontrollzeichen sind beispielsweise ein sauberer öffentlicher Raum, gepflegte Grünflächen – dies vermittelt den Eindruck: Hier kümmern sich die Leute um die Ordnung, hier muss ich mich quasi zusammenreißen. Wenn die Risikozeichen Überhand nehmen, leidet das Image des Quartiers und die Wege hindurch werden vermieden. Auch das ist kennzeichnend für den Verfall des Ihme-Zentrums im Laufe der vergangenen Jahrzehnte.

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In einer lebendigen Stadt sind rund um die Uhr Menschen unterwegs – zum Arbeiten, zum Wohnen, für Kultur und beim Ausgehen und um einfach dafür zu sorgen, dass der Laden läuft. So entsteht ein Gefühl von Nachbarschaft.

Wie würdet ihr das Thema Sicherheit im Ihme-Zentrum beschreiben?
Karin Kellner: Sicherheit ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Wenn dieses Grundbedürfnis in Bezug auf das Wohnumfeld außer acht gelassen wird, dann liegt ein Mangel vor, der sich auf viele Lebensbereiche der Bewohner negativ auswirken und mittel- bis langfristig auch Folgen für die Gesellschaft als Ganzes haben kann. Alleine die Durchwegung des Ihme-Zentrums wird zum Spießrutenlauf, dem man sich als Außenstehender nur ungern aussetzt, und in den Abend- und Nachtstunden lieber gänzlich meidet.

Herbert Schubert: Verschärfend kommt für das Ihme-Zentrum das hohe Maß an Unübersichtlichkeit durch die Komplexität der Gebäudestruktur hinzu. Transparente Quartiere mit klaren Sichtachsen vermitteln eher ein Sicherheitsgefühl, unübersichtliche Flächen mit tausend Ecken und sichtbehindernden Einbauten, wie das auf dem Gewerbeetage des Ihme-Zentrums der Fall ist, wirken beunruhigender. Wenn die unübersichtlichen und teilweise verwahrlosten Treppenauf- und -abgänge mit in Betracht gezogen werden, verschärft sich diese Wahrnehmung.

Copyright: Gerd Runge

Gute Zugänge, eine barrierefreie Durchfahrt und eine Möglichkeit, von Linden entspannt an die Ihme zu kommen. Das sind nur ein paar Ideen für eine Verbesserung des Ihme-Zentrums.

 

Warum ist es wichtig, dass es ein gutes Sicherheitsgefühl in einem Wohngebiet gibt?
Herbert Schubert: Als sicher wahrgenommene Räume werden gern aufgesucht, dort halten sich Menschen gern auf. Diese Belebung der Räume wiederum verstärkt die Sicherheitswahrnehmung, denn wo „viele Augen“ sind, verhalten sich Menschen überwiegend regelkonform. Der wesentliche Grund, warum es wichtig ist, dass es ein gutes Sicherheitsgefühl im Quartier gibt, ist das Image. In einem unsicheren Quartier besteht die Gefahr einer Abstiegsspirale: Dort will niemand leben, bestimmte Bevölkerungsgruppen wandern ab und weniger attraktive Gruppen ziehen hinzu, ein Preis- und Wertverfall kann einsetzen. Es ist schwierig und sehr aufwändig, wieder aus das Image der „NoGo“-Area loszuwerden, wie wir aus vielen Stadterneuerungsprojekten in Großwohnsiedlungen wissen.

Karin Kellner: Ich persönlich kenne aus meinem Umfeld niemanden, der für sich und seine Familie nicht in Anspruch nimmt, an einem Ort leben zu wollen, der uns die Sicherheit vermittelt, die wir zum Leben brauchen.

Nun gibt es Menschen, die fordern Kameraüberwachung für mehr Sicherheit. Ist das denn sinnvoll?
Karin Kellner: Aus eigenem Erleben möchte ich hierzu nur sagen, dass mir die physische Anwesenheit von Menschen, denen ich mich in Not bemerkbar machen kann, weit mehr Sicherheit verleiht, als eine Vielzahl von Kameras.

Herbert Schubert: Eine vollständige Kameraüberwachung ist nicht sinnvoll. Wo es möglich ist, muss die natürliche soziale Kontrolle der vielen Augen gestärkt werden. An neuralgischen Punkten, wo das nicht möglich ist, helfen oftmals nur Videokameras. Gute Erfahrungen wurden damit gemacht, wenn eine Concierge oder ein Doormann im Zugangsbereich die Monitore im Blick hat, so dass zeitnah interveniert werden kann.

Ein Garten blüht

Ein erstes Beispiel einer neuen Belebung im Ihme-Zentrum: Der Küchengarten, den einige Aktivisten seit April 2016 am Ihmeplatz 1 betreiben.

Was gibt es konkret für Möglichkeiten, im Ihme-Zentrum mehr Sicherheit herzustellen?
Karin Kellner: Diese Möglichkeiten ergeben sich durch die Umgestaltungen, die im Ihme-Zentrum stattfinden werden. Die Planungen sollten dabei zuvorderst die Menschen in den Fokus der Betrachtung rücken. Menschen, die sich in ihrer Umgebung sicher und damit wohl fühlen, bleiben auch. Alles andere wäre auf Dauer unwirtschaftlich und auch gesellschaftlich nicht tragbar.

Herbert Schubert: In der Veranstaltung werden wir Möglichkeiten aufzeigen, wie die Sicherheitswahrnehmung im Ihme-Zentrum verbessert werden kann. Zentrale Aspekte sind: die Verbesserung der Orientierung, eine klarere Abstufung zwischen öffentlichen und privaten Flächen, Transparenz und Überschaubarkeit, die Beleuchtung am Abend und die Rolle von „Kümmerern“ im Quartier.

Infoveranstaltung: Gefühlte Sicherheit im Ihme-Zentrum
Wann: 25. Januar 2017, 19.30h
Wo: Seminarräume von Ostland, Ecke Gartenallee/Blumenauerstraße
Eintritt frei

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