Das Ihme-Zentrum bei der UNESCO

von Experiment Ihme-Zentrum

Foto: Ole Witt

Nach zwei Jahren mit dem Experiment Ihme-Zentrum zieht Constantin Alexander Bilanz: Das Image des Quartiers hat sich gewandelt, viele tolle Menschen engagieren sich inzwischen für eine nachhaltige und kreative Transformation und das Thema interessiert inzwischen auch außerhalb Hannovers: Im September stellt Constantin sein Projekt bei einer UNESCO-Konferenz in Schweden vor.

Genau vor zwei Jahren habe ich ein Experiment gestartet. Ich bin in ein Wohnviertel gezogen, das viele in meiner Heimatstadt Hannover als Schandfleck oder Ruine beschimpfen: das Ihme-Zentrum. Dieses einstige Leuchtturmprojekt aus den 1970er-Jahren steht für die Verwüstungen von globaler Immobilienspekulation, unnachhaltigem Wirtschaften und einer gestörten Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Es ist riesengroß, sieht aus wie ein Raumschiff und urbane Legenden darum drehen sich vor allem um Gewalt, Kriminalität und Verderben. Ich stellte mir ein Leben dort vor allem als ein Abenteuer vor.

Meine Freunde waren erst ungläubig, als ich ihnen erzählte, was ich vorhatte. „Dort wirst du doch sofort ausgeraubt“, warnten sie mich. „Da ist die ganze Zeit Stress.“ Manche machten Witze: „Bist du jetzt der Hipster, der dort einzieht und die Gentrifizierung startet?“ Andere wiederum wurden sofort aufmerksam und teilten mein Interesse an dem Quartier: „Geil, lädst du mich ein, sobald du drin bist?“

Am Anfang fand ich vor allem zwei Fragen spannend: Warum wurde das Ihme-Zentrum gebaut? Und: Warum sieht es in den unteren Geschossen eigentlich so kaputt aus? Ich sprach mit Nachbarn, Experten aus den Bereichen Architektur, Geschichte und Wissenschaft und recherchierte intensiv. Tagsüber und nachts nahm ich meine Taschenlampe und ging auf Erkundungstour. Nach einigen Monaten hatte ich einen Überblick und Antworten.

Das Ihme-Zentrum steht symbolisch für die Zeit, in der es entstanden ist: Die 1970er-Jahre waren das letzte Jahrzehnt, in dem die Zukunft positiv gesehen wurde. Menschen flogen zum Mond und machten sich die Erde endgültig Untertan. Alles, was technisch möglich war, wurde ausprobiert. Das Quartier wurde so groß, weil es so mehr Geld verdienen sollte. Doch der Bauherr ging vor der Eröffnung pleite. Seitdem ähnelt die Geschichte des Ihme-Zentrums einem Krimi oder einer Tragödie. Dass es so leer steht, liegt vor allem an der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 und daran, dass manche Unternehmen mehr Geld damit verdienen, etwas kaputt gehen zu lassen, als es zu erhalten.

Trotz der tragischen Geschichte des Quartiers war ich sofort fasziniert von meiner neuen Heimat. Meine Nachbarn waren von Anfang an super, ich wohnte nun über einem Fluss mit dem Blick über die Stadt, und das Ihme-Zentrum selbst wurde für mich immer mehr zu einem Raumschiff. Ich sah nicht mehr die Kaputtheit und den Schmutz vor meinem Eingang, sondern die Möglichkeiten, die sich hier boten. 100.000 Quadratmeter stehen hier leer, in der besten Lage einer aufstrebenden und liebenswerten Stadt. Da musste es doch Lösungen geben, wie das Ganze zu reparieren ist, dachte ich mir. Dieser schlafende Riese musste doch aufzuwecken sein…

Um mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen und Lösungen zu finden, fing ich im Winter 2014 an, Menschen ins Zentrum einzuladen. Und sie kamen: Am Anfang waren es vor allem Expertinnen und Experten und meine Freunde. Doch bald wurden es immer mehr, mit denen ich mich austauschen konnte. Ich fing an, kostenlose monatliche Rundgänge durch das Ihme-Zentrum zu machen. Bis heute kamen mehr als 4.000 Menschen. Ich traf den tollen Filmemacher Hendrik Millauer, wir wurden Freunde und fingen an, die bewegte Geschichte des Quartiers in einem Dokumentarfilm einzufangen. „Das Ihme-Zentrum – Traum Ruine Zukunft“ ist fast fertig. Im Oktober dürfen wir eine aktuelle Werkstattschau in der Kunsthalle Wien zeigen. Die Premiere in Hannover wird im Herbst sein.

Weil wir kein Geld für den Film hatten, starteten wir eine Crowdfunding-Kampagne, die mit rund 10.000 Euro endete. Für die Entwicklung des Drehbuchs bekamen wir eine Förderung von Nordmedia. Die Designerin Corinna Lorenz gestaltete als Film-Merchandise wunderschöne Poster und Postkarten, die inzwischen in ihrem Laden immer mehr verkauft werden. Kai Schirmeyer vom kre-H-tiv Netzwerk für Kreativwirtschaftsförderung erkannte das Potenzial des Ihme-Zentrums für einen kreativen Hot-Spot und ließ mich die Analye Der Hannover-Effekt anfertigen. Und aus einem losen Gesprächskreis von den Architekten, Stadtplanern und Experten für Stadtsanierung, mit denen ich ins Gespräch gekommen war, wurde in diesem Frühjahr der Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum. (Eine ganze Liste der Aktiven und alle Infos zum Verein gibt es hier.)

Der Verein ist bislang sehr aktiv: Die Expertinnen und Experten in der Arbeitsgruppe Räumliche Planung haben einen Zehn-Punkte-Plan zur planerischen und architektonischen Sanierung erarbeitet. Wir durften den Bund Deutscher Architekten bei der Durchführung ihrer „Architekturzeit“ im Quartier unterstützen. Wir vermittelten einen Platz für einen Palettengarten, den die Menschen von Transition Town Hannover liebevoll pflegen. Einer meiner Höhepunkte war die gemeinsam mit der exposive medien gruppe entwickelte Podiumsdiskussion mit den Vertretern der demokratischen Fraktionen im Stadtrat von Hannover. Vor der Kommunalwahl erklärten alle Politiker, dass sie die Punkte des Vereins unterstützen und eine bessere Zukunft für das Ihme-Zentrum wollen.

Es waren zwei wilde Jahre. Ich durfte lernen, dass sich Engagement lohnt und wie toll die Menschen in Hannover sind! Die Chancen stehen gut, dass das Ihme-Zentrum eine bessere Zukunft bekommt. Und ich habe gespürt, dass ich NICHT der Einzige bin, der die Arbeit dafür übernimmt. Wir sind viele, und es werden immer mehr. Und die Aufmerksamkeit kommt inzwischen auch von außerhalb der Stadt!

Am 13. September darf ich mein Experiment Ihme-Zentrum auf einer Konferenz über kreative und nachhaltige Ansätze bei der Regionalen Entwicklung von der UNESCO in Schweden präsentieren. Darauf freue ich mich sehr. Ich werde den Menschen erzählen, welche tollen Ideen es in Hannover gibt, wenn es darum geht, aus einer vermeintlichen Ruine ein neues Wahrzeichen für eine nachhaltige und kreative Stadt der Zukunft zu machen. Und ich werde sie einladen, nach Hannover zu kommen, um sich das Ihme-Zentrum anzuschauen, mit den Menschen dieser spannenden Stadt ins Gespräch zu kommen und uns zu helfen.

Danke für alle, die mich in den vergangenen zwei Jahren unterstützt haben! Ihr macht diese Stadt lebenswert!

Kommt am 24. September ins Ihme-Zentrum zum ersten öffentlichen Picknick der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum! Es geht um 15 Uhr los in der Passage auf der 2. Ebene. Der Weg vom Küchengarten dorthin wird ausgeschildert.

Im Rahmen meiner Arbeit habe ich eine Broschüre entwickelt: „Die nachhaltige Disruption“ hier zum kostenlosen Download.

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