Mai 2016 – Das Ihmezentrum als Park?

von Experiment Ihme-Zentrum

Ein Garten auf dem Dach: Architekt Felix Rebers hat für die Dokumentation

Ein Garten auf dem Dach: Architekt Felix Rebers hat für die Dokumentation „Das Ihmezentrum – Traum Ruine Zukunft“ Illustrationen gemacht, die das Potenzial aufzeigen.

Grün gehört zu einer funktionierenden Stadt dazu. Für die Amerikanistin Annabel Friedrichs gibt es genügend Beispiele, wie Gärten eine Stadt verschönern und verbessern können. Auch beim Ihmezentrum sieht sie viel Potenzial.

Hannover verfügt nicht nur über den größten Betonkomplex, sondern auch über den größten Stadtwald Europas. Grau und Grün – ist das womöglich vereinbar? Die Idee eines urbanen Gartens macht es vor: Blumenkübel statt Betonkomplex, warum also nicht auch Park statt Parken?

Beispiele für die Umnutzung von ähnlichen innerstädtischen Flächen gibt es zuhauf: Da wäre die New Yorker High Line. Die ehemalige Hochbahntrasse, auf der bis kurz vor der Stilllegung Truthahn transportiert wurde, in Manhattans Lower West Side steht für eine neue Parkbewegung: Brach liegende, postindustrielle Betonwüsten werden kreativ wiederbelebt und „recycelt“ zu nachhaltig geprägten öffentlichen Plätzen. Ganz im Sinne des New Urbanism steht neben innerstädtischer Begrünung auch Fußgängerfreundlichkeit im Fokus.

Park statt Leerstand?

Park statt Leerstand?

Das Bild von Natur, welches Parks wie die High Line (oder das Gegenstück im verlassenen U-Bahn-Tunnel, die Lowline) vermitteln, könnte aktueller nicht sein: Wir ziehen zurück in die Städte, kaufen Bio auf dem Stadtteilmarkt, ernähren uns Paleo und wollen inmitten der Großstadt unseren Dschungel. Das Ihmezentrum bietet (und das mitten in der Stadt!) zahlreiche Fassaden und offene Ebenen, die mit ihrer Größe und Lage ideal für diesen Großstadtdschungel, im Sinne einer Umnutzung als öffentliche Grünfläche, geeignet sind. Platz für einen Laden, in dem lokale Produkte aus Urban Gardening-Aktionen (Wie wäre es mit Ihmezentrum-Kartoffeln?) verkauft werden, ist auch noch.

Und doch ist dieses nahezu ländliche Bild von innerstädtischer Natur inmitten eines gescheiterten Großstadtprojekts auch kritisch zu betrachten. So bezeichnet Jeremiah Moss in seinem Blog Vanishing New York die High Line etwa als den „Auslöser für die schnellste Gentrifizierung in der Geschichte New Yorks“, hier sogar im Spezialfall einer grünen Gentrifizierung – oder wie Blogger Eric Jaffe schreibt: Ein schicker Park zieht ein, und einkommensschwächere Anwohnende ziehen aus.

Nun ist Hannover nicht New York, Linden nicht der Meatpacking District und das Ihmezentrum keine begrünte Hochbahntrasse umringt von Millionen-Dollar Lofts im Industrieschick. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass rund um das Ihmezentrum schon heute ein Gentrifizierungsprozess stattfindet, der in Zukunft noch an Fahrt aufnehmen dürfte.

Grün statt grau: Felix Rebers hat aus dem ehemaligen Einkaufszentrum einen Wald gemacht.

Grün statt grau: Felix Rebers hat aus dem ehemaligen Einkaufszentrum einen Wald gemacht.

Denkt man das Szenario weiter, kann man schon fast von einem Dilemma sprechen: Wir wollen Grün. Mitten in der Stadt. Wir wollen aber auch sozial verträglichen und bezahlbaren Wohnraum. Sind Parks ein zweischneidiges Schwert, welches die Nutzer von Parks in eine Zweiklassengesellschaft zerschneidet? Parklage nur gegen Prunkanlage?

Es ist eine Frage von Environmental Justice: Parks werten einen Stadtteil ästhetisch auf und wirken wie Luftfilter. Andererseits verdrängen steigende Immobilienpreise die mit dieser grünen Verbesserungsmaßnahme anvisierten Anwohnenden. Der Ansatz mit dem Namen Just Green Enough, erfunden von Winifred Curran und Trina Hamilton, könnte Abhilfe schaffen durch verschiedene Abstufungen von Grün. Das heißt, ein neuer Park muss nicht gleich den neuesten teuren Öko-Standards entsprechen. Und Designerparkbänke braucht auch keiner. Im Beispiel des Ihmezentrums hieße das: Statt schicker Promenade am Ihmeufer lieber Gemeinschaftsgärtnern mit Anwohnenden.

Ebenso wichtig ist aber auch eine Miteinbeziehung aller möglichen (Konflikt-)Parteien in einem transparenten Partizipations- und Gestaltungsprozess. Ob das Ihmezentrum nun irgendwann mal einen Park beherbergt oder einfach Flächen für urbanes Gärtnern schafft: Fragen der Freiraumpolitik und die Vereinbarung verschiedener Interessengruppen spielen bei jedem Wandel eine Rolle.

 

Annabel Friedrichs

Annabel Friedrichs studiert im Master Advanced Anglophone Studies an der Leibniz Universität Hannover und forscht zu urbaner Natur und (neuen) Parks und Parkformen in New York. Für sie ist der Zugang zu innerstädtischem Grün keine Frage von Einkommen und Wohnlage, sondern ein Grundrecht für alle Stadtbewohner und ein wichtiger Pfeiler der Stadt der Zukunft.

Die Illustrationen hat der Architekt Felix Rebers für die Dokumentation „Das Ihmezentrum – Traum Ruine Zukunft“ hergestellt. Er träumt von einem Wald unter dem Ihmezentrum. Mehr dazu in der Doku. 

Advertisements