November 2015 – „Unser Land braucht Leuchttürme“

von Experiment Ihme-Zentrum

Ein Herz fürs Ihme-Zentrum

Als Jörg Singer nach Jahren im Ausland zurück in seine Heimat Helgoland kam, ging es Deutschlands einziger Hochseeinsel schlecht: Schulden, Abwanderung, sinkende Touristenzahlen. Das zuständige Bundesland Schleswig-Holstein überlegte sogar, aus Helgoland ein Naturpark für Robben zu machen. Seit 2011 ist Singer Bürgermeister und hat erfolgreich einen Transformationsprozess eingeleitet. Ich habe mit ihm über die Notwendigkeit von Wandel gesprochen, und warum es Leuchttürme braucht.

In welcher Situation befand sich Helgoland, als Sie Bürgermeister wurden?
Die Bevölkerung, die Schülerzahlen hatten sich seit den 90-er Jahren ebenso wie der Tourismus nahezu halbiert. Viele hatten die Hoffnung auf eine gute Zukunft auf Helgoland verloren. Die Gemeinde Helgoland hat verschiedene Überlegungen angestellt. Als ich 2010 auf „meine Insel“ zurückkehrte, lagen Zukunftskonzepte mit über 75 Vorhaben auf den Tisch. Eine davon war die Verbindung beider Inseln. Dieser Vorschlag, der weltweit Beachtung fand, sollte mit mehr Freiraum ein neues Helgoland schaffen. Mir war wichtig, dass alle Insulaner in diesen Findungsprozeß eingebunden wurden. Die wichtigste Frage mündete ich einem Bürgerentscheid, der für Klarheit und das Momentum des neuen Kurses in die Zukunft sorgte.

Wie sind Sie die Transformation angegangen? Gab es so etwas wie ein Leuchtturmprojekt?
Neben der Bildung von Arbeitsgruppen und einer Vernetzung der Interessensvetreter und Förderer bis nach Berlin sah ich die erste und zugleich größte Herausforderung in der Verbesserung der Verkehrsanbindung. Dies war auch der größte Wunsch der Helgoländer. Allerdings fiel die Idee eines neuen Schiffes nicht einmal bei den Reedereien auf fruchtbaren Boden. Die neu gebaute, in Kürze in Betrieb gehende und umweltfreundliche „MS Helgoland“ markiert nun für alle Hochseeinselfreunde einen neuen hoffnungsreichen Lebenszyklus. Dieses Vorhaben ist eingebunden in ein Manifest mit einer Festschreibung der wichtigsten Werte und einem Projektfahrplan 2020.

Guck mal

Warum ist es wichtig, unsere Städte und die Gesellschaft weiter zu entwickeln?
Viele Kommunen und Städte sind oder kommen in eine neue grundlegende Modernisierungsphase nach der Wiederaufbauzeit der 50er-Jahre. Und unsere Gesellschaft hat sich weiterentwickelt und sucht und lebt heute mit veränderten Werten. Das betrifft alle Lebensbereiche und das Miteinander aller Gesellschaftsschichten. Daher ist eine grundlegende Debatte in den Kommunen so wichtig und ein Wir heute viel sinnstiftender als noch vor 20 Jahren.

Ich kümmere mich ja um eine neue Wahrnehmung des Ihme-Zentrums. Von außen betrachtet: Welches Potenzial hat so ein Gebäude in einer wachsenden Stadt wie Hannover?
Von Außen gibt es zwar Erfolgsbeispiele aber keine Patentrezepte oder „die“ Wahrheit. Letztendlich sind es die Menschen, die den Unterschied machen. Und machen kommt von machen. Erst braucht es den Blick in den Rückspiegel „Was war, ist und wird gut und wichtig sein!“ Darauf ist zu bauen. Dann: Wie werden Megatrends auf uns wirken, als Chance und als Risiko? Wie verbünden sich die Akteure für das Ihme-Zentrum 2.0? Wie können Kooperationen gebildet werden? Welche ersten Projekte sorgen für Zuversicht und stiften zum Mitmachen an?
Unser Land braucht Leuchttürme im Wandel der Gesellschaft! Wenn BürgerInnen schlüssige Lösungen (anstatt Probleme beklagen) vorschlagen, ist der Rückenwind aus der Politik sicher!

Foto: Susanne Beck

Foto: Susanne Beck

Jörg Singer ist Bürgermeister von Helgoland. Vor seiner Rückkehr auf die Insel hat er als Wirtschaftsingenieur u.a. in den USA gearbeitet.

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