Oktober 2015 – Erntedankfest

von Experiment Ihme-Zentrum

 

Heute habe ich den Mini-Versuchsgarten winterfest gemacht und dabei auch die letzten Tomaten geerntet. Der Herbst zieht ein ins Ihme-Zentrum. Und neben der Kälte werden die Bewohner mit negativen Neuigkeiten aus einem anderen Teil des Viertels konfrontiert: Der städtische Energieversorger enercity will das sein Hochhaus verlassen – damit würde einer der wichtigsten verbleibenden Gewerbemieter wegfallen. Ein so großer Schock, dass die Stadt sich am Mittwoch genötigt sah, in einer Pressemeldung die Verantwortung an den Investor Intown weiterzuschieben. „Zwischen dem Investor und der Stadtverwaltung laufen derzeit intensive Gespräche über die von Stadt, Stadtwerken und Wohnungs-Eigentümern geforderte und dringend notwendige Sanierung des Ihme-Zentrums“, so der Wortlaut in der Meldung. Doch neben diesen Gesprächen gibt es derzeit auf anderen Ebenen Bemühungen, die Starre des Zentrums aufzutauen.

So kam es bei einem Diskussionsforum im Historischen Museum Hannover Anfang Oktober zu einigen tumultartigen Beschwerden von Bewohnern, aber auch Interessierten, die einen neuen Ansatz im Umgang mit der aktuellen Situation forderten. Wenn mich Menschen fragen, welche Idee ich hätte, um das Ihme-Zentrum zu revitalisieren, fallen mir zwei konkrete Ideen ein:

Ein runder Tisch mit Vertretern der Stadtverwaltung, Intown, der Bewohner, aber auch der Zivilgesellschaft. Es geht nicht um Grabenkämpfe oder Vorwürfe, sondern die Frage: Welche Bedürfnisse hat welche Partei, und wie gelingt ein Kompromiss, bei dem alle Seiten profitieren. Die Bewohner erhalten einen funktionierenden Stadtteil, die Stadt Hannover erhält eine Gegenleistung (z.B. Steuern und Arbeitsplätze) für die Millionen Euro Miete, die sie jedes Jahr zahlt und der Investor Intown bekommt Mieterträge. Intown schreibt selbst auf seiner Website, dass ihnen dies am Herzen liegt: „Mit unseren national und international vernetzten Partnerschaften orientieren wir uns bei der Auswahl der Mieter an den Bedürfnissen der dortigen Bewohner sowie Arbeitnehmer.“

Als zweites braucht es ein langfristiges, nachhaltiges Quartiersmanagement. Der Umbau des Zentrums ist in fünf Jahren nicht abgeschlossen. Viele Menschen verstehen nicht, dass das Ihme-Zentrum kein Gebäude ist, sondern ein Stadtviertel, und als solches ist es immer in Bewegung. Intown beschreibt sich selbst als „ein junges aufstrebendes und stark expandierendes Unternehmen“, das Immobilien nach erfolgter Revitalisierung „langfristig und nachhaltig bewirtschaftet“.

Diese Kartoffeln wuchsen ebenfalls im Mini-Versuchsgarten. Sie sollen wieder eingepflanzt werden, um eine eigene Kartoffelsorte zu zu züchten.

Das klingt vielversprechend. Und deckt sich erst einmal mit meinem Ansatz, das Ihme-Zentrum zu einem Leuchtturm einer nachhaltigen, demokratischen Transformation zu machen. Ich habe seit Herbst 2014 knapp 1.000 Menschen das Ihme-Zentrum bei meinen Rundgängen gezeigt, und jeden Tag bekomme ich E-Mails mit neuen Ideen und Visionen für den Umbau des Zentrums. Ich habe erlebt, wie bei vielen Menschen aus der Betonburg auf einmal eine Märchenburg wurde – einfach weil sie sich vorgestellt haben, was man hier alles machen könnte. Ein paar dieser Ideen haben es hier auf den Blog geschafft und mich und andere Menschen zum Träumen gebracht. Doch das reicht nicht!

Ich habe genug Argumente gefunden, warum das Ihme-Zentrum nicht abgerissen werden kann. Ich habe genug realistische Ideen gesammelt, wie das Ihme-Zentrum strukturell nachhaltig umgebaut werden könnte. Ich habe Verbündete gefunden, die im Ihme-Zentrum auch das sehen, was ich darin sehe: eine Chance, ein neues Wahrzeichen. Und viele von ihnen würden hier sofort einziehen, wenn sie es dürften. In den kommenden Wochen wird es an dieser Stelle nicht mehr nur Träume geben, sondern konstruktive Forderungen und Hilfsangebote von Vereinen, Verbänden, Institutionen und Betroffenen nach einer Zukunft. Aus dem Ich ist ein Wir geworden. Es geht gerade erst los. 🙂

Advertisements