Juli 2015 – „Die Tristesse in einen funkelnden Ort verwandeln“

von Experiment Ihme-Zentrum

Lichter

An einem Sonntag im Juli stand unter einem der Hochhäuser im Ihme-Zentrum eine lange Tafel. Direkt am Wasser wurden Girlanden aufgehängt, ein alter Plattenspieler angemacht, und alle tranken und aßen miteinander. Die beiden Kulturschaffenden Sarah Kniep und Anet Gubanova hatten ein Pop-up-Dinner organisiert. Ein wunderschönes Erlebnis.

Was ist ein Pop-up-Dinner?
Ein Pop-up-Dinner ist ein spontanes Event, das vom Überraschungsmoment lebt. Die Teilnehmer werden kurzfristig informiert, wann und wo es stattfindet. Sie kennen sich vorab nicht und wissen weder, mit wem sie an einem Tisch sitzen werden, noch was sie essen werden. Darin liegt der Reiz dieser Veranstaltung, die unter vielen Namen bekannt ist: Flüsteressen, Supper Club, White Table, Pop-up-Dinner. Entstanden ist die Idee in New York, fand dort in ziemlich kurzer Zeit viele Fans, schwappte dann schnell rüber nach Berlin – und existiert nun auch in Hannover.
Über exklusive Mailinglisten oder geheime Gruppen in sozialen Netzwerken wird kurzfristig eingeladen – so steht nie vorher fest, wer kommt und was passieren wird. Die Abende sind jedes Mal neue Überraschungen und leben vom Mitmachen und der Kreativität der Teilnehmer: Mal bringt jemand seine Gitarre mit, der andere selbst gebrautes Bier, mal rezitiert wer selbstgeschriebene Gedichte, ein anderes Mal wird gesungen oder bis in die Puppen erzählt. Das macht den Überraschungsmoment aus und dockt am Erlebnishunger der jungen Großstädter an. Im Gegensatz zum gesetzten und vorhersehbaren Publikum eines Restaurants steht hier der Event- und Exklusivcharakter im Vordergrund.

Am Wasser.

Wieso ist das Ihme-Zentrum der geeignete Ort für ein Pop-up-Dinner?
Das Ihme-Zentrum ist ein kultureller Nicht-Ort. Obwohl hier mehr als 1.500 Menschen auf einem engen Ort leben, passiert hier keine Kultur, kein Stadtleben. Jeder kennt das Ihme-Zentrum, aber alle ignorieren es. Wir wollten die bestehenden negativen Stereotype und Stigmatisierung, die diesem Ort anhängen, brechen. Aus diesem Grund haben wir uns diesen Ort geschnappt und ihn für ein paar Stunden in etwas Schönes verwandelt. Wir haben die Tristesse des Brutalismus für einige Stunden in einen funkelnden, kommunikativen Ort verwandelt. Diese Magie war unvergleichlich und hat alle mitgerissen. Zusammengewürfelt und doch stimmig – dieser Abend passiert so nicht noch einmal.

Leib und Seele.

Wie lief der erste Abend im Ihme-Zentrum?
Nachdem wir beide an deinem Spaziergang durch den Betonklotz teilgenommen hatten und gegen Ende unsere Blicke über die Dächer Hannovers schweifen ließen, war uns beiden klar: Hier muss was passieren. Wir wollten diesen Ort der Stadt, der sonst nur negativ konnotiert ist, in etwas Positives verwandeln. Wir wollten Kultur und Kommunikation hineinbringen – und so entstand die Idee eines Pop-up-Dinners. Wir haben einige Bekannte, Freunde, aber auch Künstler und andere aktive Querdenker aus der Stadt kurzfristig zum gemeinsamen Essen eingeladen. Um die Tische, Dekoration und Schallplattenspieler haben wir uns gekümmert – die Gäste waren angehalten, jeder etwas zur kulinarischen Dinnertafel beizusteuern sowie ihren eigenen Stuhl als auch Besteck mitzubringen. Eingefunden haben sich dann eine illustre Truppe, ein opulent gedeckter Tisch und jede Menge interessanter Gesprächsthemen. Was zunächst nur für anderthalb Stunden angedacht war, entwickelte sich zu einem wunderbaren Abend inmitten von kaltem, grauen Beton. Doch wir haben dem Betonklotz an diesem Abend eine Identität & Charakter verliehen und wollen dies auf jeden Fall bald wiederholen.
Wann solch ein Pop-up-Dinner erneut ansteht, das wird wieder spontan über unsere Mailingliste bzw. die geheime Gruppe bekannt gegeben – zu groß soll das Event nämlich gar nicht werden.

Geselligkeit.

Wie beurteilt ihr generell das Potenzial des Ihme-Zentrums?
Als kreative und kulturell interessierte Einwohner Hannovers liegt uns das Schicksal des Ihme-Zentrums am Herzen. Wir haben in diesem Fall die kreative Stadtgestaltung in die eigenen Händen genommen und können andere nur ermuntern, uns gleichzutun: Das Ihme-Zentrum ist ein Ort, der aus dem Stadtbild nicht wieder verschwinden wird. Es obliegt uns, was wir daraus machen. Wir können es wie bisher weiter ignorieren und hoffen, dass irgendwann einmal ein Bagger diese Bausünde plattmachen wird. Oder wir akzeptieren es als einen eigenen Stadtteil, als Heimat für viele, viele Menschen – und machen was draus. Und zwar einen Leuchtturm für kreative und urbane Stadtgestaltung – der weit über die Grenzen Hannovers hinaus anregen soll, die Lebensqualität und das Maß an Eigeninitiative selbst in die Hand zu nehmen.

Sarah, Robin und Anet

Wer seid ihr?
Wir sind zwei junge Frauen, die zwar beide nicht in Hannover geboren wurden, aber die Leinemetropole trotz aller Vorbehalte („…da isses doch nur grau & langweilig“) schnell ins Herz geschlossen haben. Anet (auf dem Bild rechts) schreibt derzeit ihre Doktorarbeit, organisiert die FuckUp Night Hannover, bei der Gründer über ihr Scheitern berichten und verfolgt ihr eigenes Start-up beta-testr.

Sarah (auf dem Bild links) arbeitet in der Kulturkommunikation, ist Mitorganisatorin des Filmfestivals Utopianale und der Kunstaktion Papergirl, schreibt für den ersten Modeblog Hannovers „Hannover Fashion Weeks“ und leitet den Kulturmarketingstammtisch Hannover. Wir wollen beide etwas bewegen und lieben es, Menschen zusammenzubringen, die sich sonst nie begegnen würden.

Alle Fotos vom Pop-up-Dinner sind von Tobias Brabinski. Danke.

 

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