Juni 2015 – „Und die Blätter leuchten golden…“

von Experiment Ihme-Zentrum

Die Kulturszene in Hannover wäre um einiges ärmer ohne sie: Claudia Pahl hat nicht nur jahrelang am Staatstheater gearbeitet, mit Feinkost Lampe führt sie auch einen der schönsten Klubs der Stadt. Und sie hat eine bunte, lebenslustige Vision für das Ihme-Zentrum.

Ich hole eine Freundin von der Haltestelle Küchengarten ab, und wir gehen, mit Badesachen beladen, zurück zum Ihme-Zentrum um bei dem schönen Frühsommerwetter am IZ-Strand abzuhängen. Entlang des gesamten Untergeschosses des grün-bunten Komplexes zieht sich seit zwei Jahren ein feiner Sandstrand samt entspannter kleiner Beach-Bars, Liegestühlen und Hängematten zwischen kunstvoll gestalteten Stahlpalmen.

Wie immer erfreue ich mich an dem sichtbaren Wandel, den dieser einst desolate Koloss genommen hat. Schon von Weiten weiß man gar nicht, wo man am liebsten hinschaut: auf die fast dschungelartig begrünten Dachflächen und Zwischenebenen, wo Urban-Gardening-Projekte für den Eigenbedarf der Bewohner*innen und für die tägliche Volksküche Gemüse und Obst anpflanzen. Oder lässt man sich von den vielfältigen Fassadenkünsten faszinieren, die dem einst grauem Waschbeton neue Strukturen, Farbgestaltungen und Konturen verleihen. Ein Großteil der ehemaligen Wohnungen in den Hochhaustürmen sind nun selbstbestimmte Wohnprojekte ganz unterschiedlicher Art.

Hier leben intergenerativ und im Sinne der Inklusion Künstler*innen, Flüchtlinge, Studis, Behinderte, Familien und alte Menschen zusammen. Fast jede Etage hat sich ihr eigenes Format des Miteinanders erdacht. Allen gemeinsam ist, dass sie aus diesem Ort ein bezahlbares Zuhause für kreative Menschen und Ideen geschaffen haben.

In den ehemaligen Geschäftsräumen zwischen und unter den Wohngebäuden findet man jetzt die künstlerischen Studiengänge der Hochschule samt Studiobühne, Ateliers, Probe- und Werkstatträumen. Daneben hat das Theater „Fenster zur Stadt“, die eigentlichen Pioniere, was die kulturelle Nutzung dieses Ortes angeht, eine alt-neue feste Heimat gefunden, und gegenüber residiert das „Orchester im Treppenhaus“ in einem licht gestalteten Konzerthaus, wo sie auch viele internationale zeitgenössische KomponistInnen präsentieren.

Auch das in Hannover bisher eher unterrepräsentierte Tanztheater hat hier endlich ein eigenes Zuhause gefunden. Unter der Leitung des Choreographen Felix Landerer und Tanztheaterfestivalchefin Christiane Winter ist hier ein international angesehenes Podium für modernen Tanz entstanden. Es gibt überhaupt viele „Artists in Residence“, die in den Studios mit angeschlossenen Gästewohnungen für einige Monate im IZ leben und arbeiten und ihre Werke hier präsentieren oder uraufführen. Daher schwirren im Inneren des IZ auch die Sprachen durcheinander, das es eine Freude ist. Die Hauptsprache ist hier zumeist Englisch, dann klappt’s am besten mit Nachbarin und Nachbar.

Für uns heißt es jetzt erstmal „be idle“ am IZ-Strand, kleinen Feierabenddrink und Sonnenbrand. Und dann unseren wöchentlichen Freiwilligendienst in der veganen VoKü. Um von Küchenchefin B.B. mal wieder ein paar sensationelle Geheimnisse für die eigenen Kochtöpfe zu lernen. Und für ein sehr leckeres Abendessen. Und dann noch auf die Vernissage von Studio Level 2. Und dann mal sehen, auf welchem Level wir noch landen!

Soweit unsere Pläne, als wir die kleine baumflankierte Allee erreichen, die ins Innere des Ihme-Zentrums führt und die Blätter leuchten, golden natürlich….

Claudia PahlClaudia Pahl betreibt den Klub Feinkost Lampe und
organisiert zahlreiche Kulturveranstaltungen in Hannover.

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