März 2015 – „Die Natur ist ein Teil des Zentrums“

von Experiment Ihme-Zentrum

Foto von Alisa Schafferschick

Von meinem Arbeitszimmer aus kann ich die Möwen über der Stadt sehen. Manchmal schwirren sie einfach nur in der Luft, lassen sich fallen und geben ihre Laute von sich. Oder sie kämpfen miteinander. Um Brot oder vielleicht auch um Aufmerksamkeit.

Unter meinem Fenster fließt die Ihme, dort quaken ab dem frühen Morgen die Enten. Am Anfang riss mich das Geräusch immer wieder aus dem Schlaf. Denn Enten quaken gerne am frühen Morgen. Seitdem führe ich eine Hassliebe mit ihnen.

Die Möwen leben das ganze Jahr über im oder am Ihme-Zentrum. Das hat mir der hannoversche Vogelkundler und Bieberexperte Golo Peters bei einem meiner kommentierten Spaziergänge erklärt. „Es sind übrigens Lachmöwen. Für sie ist aber in erster Regel der Fluss und nicht das Ihme-Zentrum relevant.“

Ich bin selbst immer wieder überrascht, dass ich wirklich direkt am Fluss lebe, keine zweihundert Meter von einem der tollsten Grünstreifen der Stadt entfernt: Der Leine-Ihme-Mündung mit der tollen Strandbar. Mitten in der Stadt habe ich ein Stück Natur vor dem Fenster. Menschen im Harz oder von der Nordsee würden mich sicherlich auslachen, wenn sie hörten, dass Hannover viel Natur hat. Doch so ist es ja.

Und die Natur erobert sich immer weiter Teile der Stadt zurück. Hannover war jahrzehntelang eine schmutzige, graue Stadt. Als das Ihme-Zentrum gebaut wurde, lag es beispielsweise mitten in einem ehemaligen Industriegebiet. Das Wasser in der Ihme war giftig. Dass eine Stadt wie Hannover nach einer langen Zeit wieder die Flüsse und Seen mitten in der Stadt entdeckt, in denen man inzwischen ohne Probleme baden kann, das schien während der Bauzeit des Zentrums undenkbar. Und deshalb ist das Gebäude auch komplett ohne Bezug zur Natur gebaut worden.

Am Wasser, in der Natur

Ein Architekt erklärte mir einmal, dass das Zentrum beispielsweise auf der falschen Seite des Flusses gebaut wurde – man guckt in den Wohnungen entweder nach Süden oder auf den Fluss. Und die Grünpflanzen, die auf den ursprünglichen Zeichnungen eine Rolle spielten – die fehlen komplett.

Dabei zeigen einzelne Bewohner, was möglich ist mit wenigen Quadratmetern Fläche. Ihnen gelingt es, dort mehr wachsen zu lassen als trostlose Stiefmütterchen. In manchen Dachgärten stehen sogar richtige Bäume. Und es gibt noch mehr Konzepte wie Urban Gardening, Urban Farming, Vertikale Gärten oder die Wiederentdeckung der Natur in der Stadt, die im Ihme-Zentrum eine Rolle spielen. Darüber werden hier auf dem Blog noch weitere Menschen tolle Geschichten erzählen. Wer jemanden kennt oder Vorschläge hat, kann mir auch gerne eine E-Mail schreiben.

Dass das Ihme-Zentrum von der Natur teilweise erobert wurde, wurde mir klar, als Vogelkundler Golo bei dem Rundgang zum ersten Mal in seiner Zeit in Hannover eine Bachstelze entdeckte: mitten im Zentrum. Für ihn ein Grund zur Freude. Denn aus Sicht des Naturschutzes und der Bevölkerung ist es natürlich super, wenn etwas seltenere Arten stadtnah brüten. „Wenn Kinder selten die Stadt verlassen, sind Vögel ja noch ein Stück Natur, das es zu entdecken gibt.“

Doch neben der Naturpädagogik gibt es aus städtebaulicher Sicht noch einen Vorteil, wenn sich Vögel wie Wanderfalken im Ihme-Zentrum ansiedeln würden: „Mehr Wanderfalken bedeutet weniger Tauben, die mit ihrem sauren Kot die Bausubstanz schädigen.“ Win-win nennt das wohl der Wirtschaftler.

Golo PetersGolo Peters ist Umweltwissenschaftler, Vogelexperte und Biberberater.

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