März 2015 – „Der Betonberg ruft“

von Experiment Ihme-Zentrum

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Das Ihme-Zentrum ist ein Berg, ein faszinierender Spielplatz für Kinder. Der hannoversche Kulturschaffende Gunnar Gessner über seine Jugend im Schatten der Türme.

Das Ihme-Zentrum war immer ein Gebirge für mich. Linden überragend, immer da, immer latent in der Ferne, und wenn man ihm näher kam mit seinen Höhlen und Schluchten, Felsen und Vorsprüngen ein Abenteuerspielplatz sondergleichen. Als Lindener Kinder sind wir drin rumgetobt und haben uns wie die Kinder im Allgäu, in Tirol, im Spessart unsere Nischen gesucht.

Die Rolltreppen am Küchengarten und am Schwarzen Bär verkündeten von Stadtlandschaften als Utopie. Fliegende Autos gab es dann doch nicht, aber immerhin vollgesiffte Rolltreppen in freier Wildbahn. Wenn man in ein bestimmtes Haus eindrang und aus einem Fenster im Treppenhaus geklettert ist, konnte man über ein Kiesdach laufen, die Wasserpistole einsetzen oder den Leuten auf der Rolltreppe auf den Kopf spucken. Keine Chance für die empörten Rolltreppenreisenden.
Die Rolltreppe im HUMA-Supermarkt hingegen hatte eine andere Funktion. Hier rutschte man mit Einkaufswagen in die langweilige Lebensmittelabteilung hinunter und stieg dann wieder ohne Gefährt zu den Mengen von Lego und Playmobil hinauf. Irgendwer muss eine Menge Wagen umgeparkt haben.
Im Saturn war die Rolltreppe in der Mitte des Ladens. Das war dann schon die Teenierolltreppe und ein Moment zum Innehalten, wenn es in Richtung CD-Abteilung ging. Welche Platte nehme ich heute mit? Das war die Frage, während man über Föhne, Trockenhauben und Bügeleisen in Richtung des wahren Lebens schwebte.

Keine Rolltreppe, aber immerhin ein Fahrstuhl, war an der Flanke, der Brauer-Westwand, das Verkehrsspielzeug. Hier musste die Kindertruppe schon etwas größer sein, um genug Hüpfpower zu entwickeln, dass er in interessante Bewegungen geriet.
Mit einem Kinderrad, von allem Überfluss befreit, pink lackiert und als BMX-Rad benutzt, wurde jede mögliche und unmögliche Abfahrt im Betonklotz befahren. Und später, wenn es dunkel war, erste Tags (oder so etwas ähnliches) geschmiert. Der Restaurantbesitzer, dessen Paneele dran glauben mussten, hatte uns erwischt. Ein Tag mit Terpentin und Putzlappen war immerhin besser, als der ganze Nerv mit Eltern oder sogar Polizei. Zum Glück endete die kurze Karriere als bronx-inspirierter Nachwuchssprayer so.
Auf welche Dächer man kam, wo keine großen Anti-Selbstmord-Riegel vor den Türen waren, das wussten wir. Papierflieger flogen weit. Über die Ihme, manchmal so weit, dass wir sie nicht mehr sehen konnten. Hinein in den blauen Himmel und den Dunst der Stadt, die für uns Kinder Landschaft war.

Vielleicht sollte man das Ihme-Zentrum also als menschengemachtes Gebirge sehen. Beton ist Fels, bemooste Dächer sind eine Alm, die Zacken im Nachthimmel glühen romantisch und die Lichter künden von liebenswerten Bergbewohnern. Kletterwände, Dachgärten, dazwischen Tannenwäldchen und karger Fels, Schankwirtschaft am Gipfelkreuz, Skisprungschanze, Alphornblasen, angesiedelte Gamsböcke und Steinadler. So wie die Alpen ein menschengeprägter Naturraum sind, könnte das Ihme-Zentrum ein naturgeprägter Menschenraum sein, und die fehlende Romantik einer Techno-Utopie wird durch Naturromantik menschlicher gemacht.

Und dann kommt das Landkind und sagt: “Wie hässlich ist das denn? Sprengen.” Und dann kommt das Hipsterkind und sagt: “In Berlin gibt’s die Idee schon lange.” Und schließlich kommt das Stadtkind und sagt: “Unsere Landschaften sind von und für die Menschen da und müssen von diesen nach ihrem Willen und zu ihrem Nutzen nachhaltig gestaltet werden.”

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Gunnar Gessner, Kulturschaffender in Hannover, ist in Linden aufgewachsen.

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