Februar 2015 – Ihme Zentrum, 30449 – Die TV Serie

von Experiment Ihme-Zentrum

Winter, im Süden

Mirco Buchwitz ist Autor von tollen Büchern, Hörspielen und ein großer Filmliebhaber. Ich spreche mit ihm immer gerne über Kunst, Spiritualität und das Leben an sich. Für meinen Blog hat er einmal aufgeschrieben, welchen künstlerischen Wert er im Ihme-Zentrum sieht.

Als Geschichtenerzähler muss man lernen, das geeignete Format für eine Idee zu erkennen. Manche Ideen sind Kurzgeschichten, andere Romane und wieder andere Hörspiele, Filme oder Stand-up-Nummern. Einige wären schon als Facebook-Post zu lang. Auf Costas Frage, wie ich das Ihme-Zentrum erzählerisch sehe, hatte ich sofort eine Fernsehserie im Kopf. Dies ist der Versuch, einen groben Umriss dieser Serie zu geben. Die Betonung liegt auf grob. Es geht eher darum, einen Eindruck zu vermitteln, welche Art Serie ich mir vorstellen kann. Das ist alles eher oberflächlich, und ich bin nicht hundertprozentig sicher, inwieweit ich alles so ganz ernst meine. Egal. Weil ich deutsche Schauspieler scheiße finde, habe ich keinen blassen Schimmer, was die eventuelle Besetzung angeht. Hauptsache nicht die Riemann vorstellen oder irgendwen, der schonmal durch einen „Tatort“ gestolpert ist.

Getreu dem Erscheinungsbild des Ihme-Zentrums, darf natürlich auch bei der Serie nicht gekleckert werden; es muss geklotzt werden. Wir nehmen uns „The Wire“ und „House of Cards“ als Vorbilder. Die Serie wird wortkarg, verlässt sich auf eine klare Bildsprache, die die erdrückende Architektur des Ihme-Zentrums stimmungstechnisch zu nutzen weiß, und präsentiert sich grau in grau. Humor entsteht, wenn überhaupt, aus der absurden Tragik des jeweiligen Moments. Es gibt vier Staffeln. Pro Staffel wenigstens eine lesbische Sexszene, versprochen.

Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Staffel eins spielt einerseits Anfang der Siebziger (Zeitebene A), zum anderen 2006 (Zeitebene B), kurz vor Beginn des ersten Renovierungsversuchs, durch den Investor Engel. Auf Zeitebene A sind unsere Hauptfiguren Karl Schaetzke von der City Bau AG, und Ole Marquard von der Stadtverwaltung. Karl Schaetzke, gerade mal Ende zwanzig, versteht sich als Visionär, und mit dem Ihme-Zentrum will er sich als solcher etablieren – koste es was es wolle. Erzählt wird von den Intrigen, die gesponnen werden müssen und den Personen, die bestochen werden müssen, um das Projekt genehmigt zu bekommen. Wir bedienen uns größtmöglicher künstlerischer Freiheit, was den historischen Wahrheitsgehalt betrifft – nicht zuletzt, weil ich gerade zu faul zum Recherchieren bin.

Auf Zeitebene B begleiten wir Hausmeister Johann Düngling, den alle nur den stummen Johnny nennen. (Fuckyeah!) Johnny ist Anfang dreißig und alleinstehend. Anders als auf Zeitebene A, die eine zusammenhängende Geschichte erzählt, bleiben Johnnys Momente episodenhaft. Er ist unser Virgil, der uns durch die Höllenkreise des Ihme-Zentrums geleitet. Nur nach und nach erfahren wir mehr über ihn. Unter anderem lernen wir, dass er Ende der Neunziger Gitarrist in einer Rockband war, bevor er sich bei einem Unfall die linke Hand gebrochen hat, deren Finger er seitdem nur eingeschränkt bewegen kann. Der Name jener Band wird nie explizit erwähnt, aber es wird klar, dass sie sich als Mainstream-Act etabliert haben. Gelegentlich sehen wir Johnny schnaufend den Radiosender wechseln. Inzwischen hat er sich komplett aus der Szene zurückgezogen, lebt einsiedlerisch und verbringt den Großteil seiner freien Zeit in einer schmuddeligen Eckkneipe unten im Ihme-Zentrum.

Mirco Buchwitz: „Ihme-Zentrum Report“ (2006)

Der Clip war einer der Auslöser für mich, mit Mirco zu sprechen. Er zeigt die breite Interpretationsmöglichkeit des Zentrums.

Von Folge zu Folge begegnet er verschiedenen Bewohnern des Ihme-Zentrums, von denen manche auch in späteren Staffeln in Erscheinung treten. Bspw. Irina, die polnische Prostituierte aus Block eins, die von ihrem Zuhälter misshandelt wird, und in die Johnny unglücklich verliebt ist. Oder Frau Weinhold von enercity, die gerne über ihre Kunden lästert, wenn Johnny mit ihr Zigarettenpause macht. Oder Lisa, die Kunststudentin mit den Dreadlocks, die Johnny ständig mit Ideen für Ausstellungen, Partys und ähnlichen Aktionen vollquatscht. Oder Herr Paulsen, der in einer der Luxuswohnungen im obersten Stock lebt, Lehrer war, aber vor einigen Jahren aus nicht weiter erwähnten Gründen entlassen wurde, und nun als Schwerstalkoholiker vor sich hinvegetiert. Es gibt Gerüchte, dass er sich an minderjährige Schülerinnen herangeschmissen hat. Gelegentlich muss er von Johnny zurück in seine Wohnung geschafft werden, wenn er sich im Ihme-Zentrum verlaufen hat. Außerdem gibt es Mahmut, der mit seinem schmalen Gehalt Mutter und Schwester durchfüttern muss. Seine Freunde versuchen ihn zum Drogenverkaufen zu überreden, um die Kohle aufzubessern. Noch weigert er sich. (uswusf.)

Staffel eins endet mit dem ersten Spatenstich. In der zweiten Staffel wird auf Zeitebene A die Geschichte vom eigentlichen Bau erzählt. Was genau ist geschehen, als das Ihme-Zentrum mit einem Mal viel größer wurde, als es ursprünglich geplant war? Weshalb hat die Stadt es widerspruchslos geduldet? Was haben Karl Schaetzke und Ole Marquardt in diesem Fall für krumme Dinger gedreht? Was genau ist mit der türkischen Familie vereinbart worden, deren Vater beim Bau in einen Schacht gestürzt ist, dort einbetoniert wurde, und dessen Leichnam aus Kostengründen kurzerhand dort belassen wurde?

Auf Zeitebene B begleiten wir weiterhin Johnny. Es ist 2007. Inzwischen ist Irina schwanger. Johnny ist nicht sicher, ob das Kind von ihm ist, oder ob sie ihn lediglich benutzt, denn er weiß, dass sie insgeheim noch immer mit ihrem Zuhälter verbandelt ist. Unglücklicherweise liebt er sie zu sehr, um auf einen Vaterschaftstest zu bestehen. Darüber hinaus gibt es mehr und mehr Verknüpfungen zwischen Figuren und Zeitebenen, u.a. erfahren wir, dass der oben erwähnte verunglückte Arbeiter Mahmuts Vater war. (uswusf.)

Winter, nach Norden

Staffel drei beginnt mit der feierlichen Eröffnung des Ihme-Zentrums und beschäftigt sich anschließend mit den Konflikten, die bei der Ansiedlung der Geschäftskunden entstehen. Insgesamt verlagert sich der Schwerpunkt der Geschichte auf Johnnys Leben. Die Zeit ab Mitte der Siebziger wird eher montagenhaft erzählt, die Fäden werden enger miteinander verknüpft, bis die Zeitsprünge in der vierten Staffel schließlich wegfallen. Karl und Johnny begegnen sich erstmals. Johnny lebt inzwischen unglücklich mit Irina zusammen und hat ihr Kind als seinen Sohn akzeptiert, obwohl er weiß, dass sie ihn nicht liebt. Karl ist pensioniert, aber als Berater im Rahmen der Revitalisierung des Ihme-Zentrums aktiv, weil er seinen Traum nicht aufgeben will. Das Ganze ist zur Besessenheit geworden. (Ja, ja, ja! Das muss nicht unbedingt alles Sinn ergeben, solange es erzählerisch funktioniert.)

Gegen Ende der vierten Staffel muss er sich schließlich eingestehen, dass sein Traum ebenso gescheitert ist wie sein Privatleben. Es ist 2008. Im Rahmen eines anderen Bauprojekts, hat er sich mit Langzeitfreund und engem Vertrauten Ole Marquard unwiderruflich zerstritten, der ihn daraufhin in den finanziellen Ruin und damit ins gesellschaftliche Abseits getrieben hat, woraufhin auch Karls Ehe zerbrochen ist.

Ein alter Bekannter, dem Karl einst günstige Eigentumswohnungen im Ihme-Zentrum zugeschustert hat (Staffel zwei), lässt ihn mietfrei in einer dieser Wohnungen unterkommen. Es ist die Wohnung von Herrn Paulsen, dem pensionierten Lehrer, der einige Folgen zuvor von Block eins gesprungen ist. Seitdem steht die Wohnung leer. Sie wurde nie ausgemistet. Auf dem Küchentisch stehen noch Bierflaschen und volle Aschenbecher, als Karl mit zwei Koffern in der Hand einzieht. Keine traurige Hintergrundmusik. Nur das dumpfe Surren der Neonröhren auf dem Flur, das durch die geschlossene Wohnungstür in den Raum dringt.

Die Serie endet an Karl Schaetzkes siebzigstem Geburtstag. Einsam auf dem Ihme-Zentrum stehend starrt er ausdruckslos in die Ferne. Offenbar überlegt er zu springen, als sich die Tür zum Dach öffnet. Es ist Johnny. Irina hat seine mageren Sparkonten geplündert und sich mit dem Kind ins Ausland abgesetzt. Schweigend rauchen Karl und Johnny eine Zigarette zusammen. Wir sehen die beiden von hinten. Von vorne. Die Kamera entfernt sich, fliegt über Linden hinweg stadtauswärts. Es endet mit einem Standbild der im Bau befindlichen Wasserstadt. Ende. Deutscher Fernsehpreis. Danke für eure Aufmerksamkeit.

Mirco Buchwitz

Mirco Buchwitz ist Autor und lebt in Hannover.

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