Januar 2015 – „Nicht immer praktisch, aber umso mehr mystisch“

von Experiment Ihme-Zentrum

Demir Cesar ist einer der bekanntesten DJs und Veranstalter in Hannover. Seine Jugend hat er direkt um die Ecke vom Ihme-Zentrum verbracht. Hier schreibt er darüber, welche Rolle der Klotz in seinem Leben gespielt hat und warum Hannover den Mythos des Zentrums braucht.

Den meisten meiner Freunde fällt es sicherlich schwer, dem Ihme-Zentrum etwas Positives abzugewinnen. Irgendwie auch nachvollziehbar, weil die meisten von ihnen nur jenen (aktuell) „aufgerissenen“ Zustand kennen. Für mich ist es jedoch immer noch ein Mythos, ein Ort, der in meiner Kindheit viele Geschichten zu erzählen wusste und mich bereits in frühester Jugend bei meinem Werdegang geprägt hat.

Es gehörte zum gemeinsamen samstäglichen Ritual mit meiner Mutter, dass man vom heimatlichen Linden-Süd ins Ihme-Zentrum fährt, um größere Einkäufe zu erledigen. Die Nahversorgung bestand zu diesem Zeitpunkt nur aus einem Kaisers in der Deisterstraße und kleineren Tante-Emma-Läden auf der Diagonale in Richtung des Ihme-Zentrums. In die andere Richtung wäre noch Plaza gewesen, ein anderer großer Supermarkt jener Zeit. Hier gab es jedoch nicht eine so Auswahl an Produkten und Geschäften. Außerdem gab es dort nicht die legendären Brathähnchen von Huma!

Demir organisiert am 24. September 2017 eine Plattenbörse in der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Ihmeplatz 7E. Hier gibt es mehr Infos.

Doch neben meinen ersten fortgeschrittenen Konsumerfahrungen lernte ich im Ihme-Zentrum auch das unbeschönigte Leben kennen. Oft hat sich irgendwer von einem der Hochhäuser runtergestürzt, was im jungen Alter bereits zu den ersten komplizierten Sinnfragen des Lebens führte. Man lernte verrückte Menschen kennen, wie z.B. den Tänzer vor dem Waffengeschäft direkt neben Huma (später allkauf). Nahezu komplett entblößt zu einer mir unbekannten Musik tanzte er vor seinem Ghettoblaster, unbeirrt von den vielen Passanten. Oder die Bombendrohungen im späteren allkauf, wo ich selber bereits ein Mal bei einer Evakuierungsaktion beteiligt war. Irgendwie, dachte ich mir, wollen da scheinbar irgendwelche Menschen nicht, dass das Ihme-Zentrum weiterhin so bestehen bleibt wie es ist.

Witzig waren die Parkautomaten zur Tiefgarage, wo es kleine Gutschein-Schnipsel am Parkschein für eine Tüte Pommes im benachbarten McDonald’s gab. Natürlich bediente man sich mit einer großen Schar Kumpels dieser Alternative bis zum Exzess, bis dieser mehrwertige Dienst (der natürlich für die Nutzer der Parkgarage vornehmlich gedacht war) wieder eingestellt wurde. Ich lernte somit auch, Lücken im System frühzeitig zu erkennen.

Die größte Liebe entwickelte ich jedoch im Jahr 1989 zur Vinylabteilung von Saturn Hansa. In den Jahren verscherbelte der Elektronikkonzern einen Großteil seiner Schallplatten, und so kam ich auf einen Haufen Acid– und 80ies-Platten für 10 Pfennig pro Stück. Es gab einen Guru in der Vinylabteilung, der ein sehr speziell aufgereihtes Regal verwaltete, wo eben nur ganz besondere Promo-Pressungen, Picture-Discs und Importe standen. Ich verstand das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Stattdessen kaufte ich über die Jahre alles amtliche, was ich in die Finger bekam: Red Hot Chili Peppers „Blood Sugar Sex Magik“, Nirvanas „Nevermind“ oder Pearl Jams „Ten“. In den Jahren 1991 und 1992 sollte eben auch die schmerzliche Trennung des Vinyl-Sortiments seine Vollendung finden: Nunmehr regierte die CD in den Regalen. Und einhergehend mit dieser gravierenden Veränderung wurde irgendwie auch alles schlechter im Ihme-Zentrum. Ein Ladengeschäft nach dem nächsten sollte schließen – allkauf und weitere Ankermieter verließen peu à peu das Ihme-Zentrum. Selbst der wirklich hart gesottene Second-Hand-Laden kurz vor der nun abgerissenen Ihme-Brücke verließ das sinkende Schiff.

Irgendwann in den späten 2000er-Jahren legte ich dann auch auf dem Ihme-Platz als DJ auf. Es sollte eine Art Get Together für die Anwohner werden, um das geplante Bauvorhaben des neuen Investors zu feiern. Dabei schaute ich in Blickrichtung zum (bereits geschlossenen) Saturn Hansa und wurde recht wehmütig. Es sollte der Startschuss für eine neue Zukunft werden. Entstehen hier bald wieder neue Eindrücke für die kommende Generation? Leider kam es wieder ganz anders: Es folgte der Ausstieg des Investors, und es wurde alles noch schlimmer.

Es wäre ein Herzenswunsch, dass diese Fläche einen Neuanfang erfährt, eine Renaissance wie die Schallplatte heutzutage! Nicht immer praktisch, aber umso mehr mystisch. Etwas, was Hannover nur zu gut gebrauchen kann.

Bald soll es für einen Bruchteil seines anberaumten Verkehrswertes versteigert werden. Alle Erfahrungen und Mythen zu diesem Ort fallen dann mit unter den sprichwörtlichen Hammer. Doch genau an dieser Stelle könnten evtl. innovative Lösungsansätze entstehen, die eine veränderte Blickrichtung auf das Areal einer neuen Generation gegenüber ermöglichen.

Demir Cesar

Demir Cesar, DJ, Veranstalter und Kulturschaffender.
Er ist Mitglied im Verein Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum.

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