Januar 2015 – „Da herrscht nur: Liebe oder Ablehnung“

von Experiment Ihme-Zentrum

Rudern, langsam

Die Hannoveranerin Ninia LaGrande schreibt Geschichten, tritt bei Poetry-Slams auf und bloggt über ihren Alltag, Feminismus, urbane Entwicklung, Popkultur. Für den Blog „Les Flâneurs“ hat sie über das Ihme-Zentrum einen schönen Artikel geschrieben und den Klotz das „brutale Erbstück“ genannt.

Du schreibst, das Ihme-Zentrum habe den Ruf eines Außenseiters und ein Opfers. Siehst du das genauso?
Ich halte das Ihme-Zentrum in jedem Fall für einen Außenseiter. Aber nicht im negativen Sinne. Es sticht völlig aus der restlichen Stadtarchitektur heraus und fällt auf. Ich mag das. Daher sehe ich das Zentrum auch nicht als Opfer. Höchstens als Opfer seiner eigenen Geschichte und der Stadtplaner. Es verfällt ja immer mehr, und niemand fühlt sich zuständig oder kann finanziell einen Zerfall aufhalten.

Ist das Zentrum für dich eine Metapher des Scheiterns?
Absolut. Ich stelle mir immer vor, mit was für einer Motivation und was für Visionen das Zentrum damals gebaut wurde, und dann hat einfach nichts von dem geklappt, was sich die Planer vorgestellt haben. Es gibt ja auch kaum jemanden in Hannover, der oder die keine Meinung zum Zentrum hat. Da herrscht nur: Liebe oder Ablehnung.

Meinst du, dass Zentrum hat auch einen schlechten Ruf, weil der Architekturstil Brutalismus heißt?
Bevor ich mich in das Thema einlas und anfing, mich für die Geschichte des Zentrums zu interessieren, wusste ich nicht mal, dass der Stil Brutalismus heißt. Andererseits: Welche Bezeichnung würde besser passen als diese?! Ich glaube, dass die meisten nicht wissen, wie der Architekturstil genau heißt. Unabhängig vom Namen fällt diese Architektur natürlich komplett auf – es ist ja auch nicht wirklich schön, sondern interessant. Ich muss immer ein bisschen an den Film „A Clockwork Orange“ denken, wenn ich an dem Gebäude vorbeigehe. Das ist natürlich nicht die positivste Assoziation. Ich vermute, viele hätten dort lieber ansehnlichere oder modernere Bauten stehen. Dabei ist der gerade dieser Bruch an der Stelle der Stadt so besonders.

Du schreibst, viele HannoveranerInnen würden sich ein stärkeres Engagement der Stadt wünschen. Du auch?
Ja, auf jeden Fall. Ich kenne einige BewohnerInnen aus dem Zentrum, und die lieben ihr Zentrum durchweg alle. Sie sind genervt von der ewigen Diskussion und wollen dort einfach leben. Es ist auf jeden Fall Aufgabe der Stadt, sich, neben den ganzen neuen Prestige- und modernen Wohnbauten, auch um das Ihme-Zentrum zu kümmern. Die BewohnerInnen werden mit dem Zerfall alleine gelassen und müssen immer mit der Angst leben, dass ein Investor irgendwann alles umbauen/abreißen wird. Es gibt viele tolle Engagements rund ums Zentrum – die müssten auf jeden Fall bekannter gemacht werden und unterstützt werden.

Für dich hat das Grobe des Zentrums Charme, wie du schreibst: Wie würdest du die Schönheit des Zentrums beschreiben?


Die Schönheit des Zentrums ist seine Unterschiedlichkeit. All seine BewohnerInnen, die Street-Art, irgendwie im Grünen gelegen, aber doch stadtnah, verwinkelte Ecken und riesige Ausblicke. Ich liebe das. Es wäre schade, wenn so ein Schmuckstück inmitten einer Stadt und inmitten eines tollen Viertels einfach stirbt.

Ninia LaGrandeDie Bloggerin und Autorin Ninia LaGrande.

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