Dezember 2014 – „Der schlafende Drache“

von Experiment Ihme-Zentrum

nachts

Jan Fischer ist Journalist und Autor und hat einen tollen Artikel und eine Kurzgeschichte über das Ihme-Zentrum geschrieben. Ich habe mich mit ihm über die spannenden Seiten des Komplexes unterhalten. Ein Interview über gescheiterte Utopien, die Chancen durch Kultur und eine mögliche Zukunftsperspektive.

Jan, was macht das Ihme-Zentrum für dich als Journalisten und Autoren so spannend?
Es ist ein verdammt beeindruckendes Gebäude, in jeder Hinsicht. Ich finde das Zentrum faszinierend. Und jeder in Hannover kennt es und hat eine Geschichte oder Legende darüber zu erzählen. Es wirkt dabei wie in einer anderen Realität. Komplett anders als der Rest des Stadtteils drumherum.

Könntest du dir vorstellen, selbst da zu wohnen?
Ja. Als ich vor ein paar Jahren nach Hannover zog, habe ich mir sogar auch eine Wohnung angeschaut – sie war aber zu klein. Dafür hatte sie eine beheizbare Wanne – das war damals
modern.

Du wohnst in Linden-Nord. Welche Rolle spielt das Zentrum in deinem Alltag?
Ich fahre daran immer vorbei. Und ich habe mich dort öfter umgeschaut und mir den Verfall angesehen. Als ich im ehemaligen Einkaufszentrum stand, dachte ich, ich muss da etwas drüber machen.

Du hast ja auch eine Kurzgeschichte darüber geschrieben, die wirkt sogar ein wenig düster.
Ja, ich habe mich da sicher ein wenig von H. P. Lovecraft inspirieren lassen. Für mich ist das Ihme-Zentrum ein schlafender Drache. Man hat ein wenig Angst, dass er wach wird.

Die Geschichte des Zentrums ist ja komplex, wie hast du dich damals auf deine Reportage vorbereitet?
Ich habe mich viel mit der Stadtplanung beschäftigt. Hannover ist ja nach dem Zweiten Weltkrieg als „Autogerechte Stadt“ geplant worden, was klar in die Hose gegangen ist. Doch die Ideen hinter dem Zentrum waren damals super. Die Planer haben sich viele moderne Konzepte angeschaut – ein Einkaufszentrum unten, und darüber Wohnraum für Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten. Es hat niemand was richtig falsch gemacht damit. Doch dann wendete sich die Stimmung, und der Aufbruch in die Zukunft ist völlig schief gegangen. Das sieht man ja auch gut auf der Seite der Bürgerinitiative, wo man ja generell viele Informationen findet.

Wo siehst du denn das Potenzial für das Ihme-Zentrum?
Ich habe mich für den Artikel mit ein Künstler unterhalten, der meinte, dass man das Zentrum in ein autonomens, sich selbst versorgendes Stadtviertel umbauen sollte. Mit Gärten, Solarzellen und eigener Wasserversorgunf. Aber ich weiß nicht, ob sowas funktioniert. Und teuer wäre es ja auch.
Ich finde aber, dass man im jetzigen Zustand dort Theater oder einen Technoklub machen sollte. Einfach zwei Berghain-DJs einfliegen lassen, eine fette Anlage – und fertig. Die Ästhetik gibt das einfach her. Und der Platz ist ja da. In anderen Städten funktioniert so etwas ja auch!

Meinst du denn, dass sich auf lange Sicht etwas ändern wird?
Das muss es ja! Linden wird drumherum gerade so gentrifiziert, dass wir den Platz im Zentrum in absehbarer Zukunft brauchen werden. Und dann wäre es besser, wenn jemand mit Ideen das in die Hand nimmt. Und niemand, der nur schnell Geld verdienen will.

Jan Fischer

Jan Fischer schreibt einen Blog und twittert unter @nichtsneues.

 

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