Oktober 2014 – Die Neugier

von Experiment Ihme-Zentrum

Sonnenlicht.

„Erzähl mal, wie ist es im Ghetto?“ „Welches Ghetto?“ „Na, du wohnst doch jetzt im Ihme-Zentrum.“ „Ja, das stimmt. Aber das ist kein Ghetto oder Slum.“ „Ja, aber das ist schon abgefuckt da, oder?“ „Ne, da wo ich wohne, nicht.“ „Ja, aber es sieht doch schon richtig scheiße aus.“ „Ja, hübsch ist es im Erdgeschoss nicht, aber da wohne ich ja nicht.“ „Okay, dafür stehen da doch total viele Wohnungen leer.“ „Nein. Soweit ich weiß, sind nahezu alle Wohnungen belegt. Nur die Gewerbeflächen stehen leer.“ „Also ist das gar nicht so krass.“ „Nein, aber das schreibe ich doch immer wieder in meinem Blog.“ „Okay? Aber warum denken dass denn alle?“

Wasser.

So oder so ähnliche Gespräche führe ich seit meinem Umzug immer wieder. Das Ihme-Zentrum ist in den Augen der Hannoveraner entweder ein Schandfleck oder es ist der Beweis für Fehlplanung, Gewalt und Kriminalität in der Großstadt. Und weil Menschen gerne ihre eigenen Vorurteile bestätigt sehen, wird auch nur über die negativen Aspekte gesprochen. Oder man fragt die Bewohner nur darüber, wie „schrecklich“ es in dem Wohnkomplex ist.

Wald?

Ob in den Medien, auf Podiumsdiskussionen oder auf politischen Foren dürfen die Bewohner dann immer nur in einer Rolle auftreten: als Opfer. Wenn sie aber dann darüber berichten, wie lebenswert es im Zentrum ist, wie sehr sie ihre Wohnungen lieben und dass sie es sich nicht vorstellen können, woanders zu leben, werden sie komisch angeguckt. Dass sie aber vor allem wie Zootiere begutachtet werden, fällt den wenigsten auf. Dabei ist die Neugier nach Horrorgeschichten genau das: Eine Leidenschaft, Menschen, die in vermeintlich schlechten Zuständen leben müssen, als Opfer zu betrachten und ihnen vor allem Mitleid zu schenken.

Untergrund.

„Ich habe schon lange keine Lust mehr, über das Zentrum zu sprechen“, sagte mir neulich meine eine Nachbarin. Sie war es leid, sich immer für etwas rechtfertigen, dass andere Menschen in ihr Leben reininterpretieren und das so gar nicht der Wahrheit entspricht. Und genau das ist eines der Probleme des Ihme-Zentrums: Das seine Bewohner als Opfer gesehen werden, die hier leben „müssen“ und die es doch bestimmt woanders besser hätten. Solange die Stadtgesellschaft und die Medien nicht erkennen, dass das im überwiegenden Fall nicht der Wahrheit entspricht, solange wird sich am Ruf des Ihme-Zentrums auch nichts ändern.

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