Oktober 2014 – Der Trotz

von Experiment Ihme-Zentrum

Sonne.

Es scheint, um im Ihme-Zentrum zu leben braucht man vor allem eins: Trotz. So jedenfalls meine Erfahrung, wenn ich von meinem neuen Zuhause berichte, und anscheinend bin ich nicht allein mit dem Gefühl. „Ach, wissen Sie, ich bin einfach nur müde, über das Zentrum zu sprechen.“ Eine Nachbarin reagiert auf dem Flur erschöpft auf die Frage, ob sie Lust hat, mit mir über das Zentrum zu sprechen. „Seit Jahren müssen wir uns mit den Vorurteilen abfinden, gleichzeitig ermüdet dieser Stillstand.“ Sie wohnt seit Jahrzehnten im Zentrum, kennt in ihrem Haus alle, in den zahlreichen anderen Häusern ebenfalls viele Menschen und hat bislang alle Klischees über das Zentrum gehört. Doch sie fühlt sich wohl – trotzdem.

Stein.

„Viele Menschen wissen nicht, dass hier die meisten Menschen klassischer Mittelstand sind: Junge Familien, die sich hier eine Wohnung kaufen, weil die günstiger ist, als in den Altbau-Stadtteilen und sie keine Lust haben, in die Vorstädte zu ziehen. Ältere Menschen im Rollstuhl, für die große, ebenerdige Wohnungen und die Infrastruktur ideal ist. Überzeugte Akademiker, die an die alte Utopie der Stadt in der Stadt geglaubt haben und seit der Fertigstellung des Gebäudes gerne im Zentrum leben. „Wer hier lebt, braucht kein Auto, hat einen tollen Blick, und der Kontakt untereinander ist toll. Hier ist es weniger anonym, als in mancher Kleinstadt.“

Schatten.

Trotzdem ist sie es leid, die Geschichte immer und immer wieder aufzuwärmen. „Die Unternehmen und Behörden, die sich darüber beschweren, dass es hier so hässlich ist, waren meist auch die, die als ehemalige Besitzer hier alles verkommen ließen. Die meisten Mieter des Einkaufszentrums wollten damals gar nicht raus, die wollten ja verlängern. Doch die Besitzer der Gewerbeflächen ließen alle Verträge auslaufen, um das Ganze dann neu zu starten.“ (Dieses Kapitel wird an anderer Stelle noch behandelt, der Autor) Doch dann kam eben die Finanzkrise, und der Investor ging pleite.

Weg.

So wie mir meine Nachbarin routiniert die Fakten und Zahlen erklärt, die Besitzstände und welcher Lokalpolitiker im Zentrum was verbrochen hat, bekomme ich einen ganz neuen Einblick in die Verhältnisse. „Momentan haben wir große Angst, dass wir nach dem Auslaufen der Zwangsverwaltung auf den laufenden Kosten sitzen bleiben.“ Und die sind sehr hoch: Renovierungsarbeiten, Strom, Wasser – Kosten, die schnell in die Tausende pro Monat gehen. „Und trotzdem wohnen wir hier sehr gerne!“ Trotzdem, immer wieder eben.

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