September 2014 – Der Weg

von Experiment Ihme-Zentrum

Die Ihme

Die Ihme fließt entspannt am Nordende des Zentrums entlang. Im Westen fährt die Stadtbahnlinie 10, die das angesagte Linden mit der Innenstadt verbindet. Im Osten fährt die Linie 9, die die Lindener in die fertig entwickelte List bringt. Zwei Bus-Ringlinien halten direkt am Zentrum. Fünf Autominuten entfernt liegen mehrere Auffahrten zu den Schnellwegen, die Hannovers City umkreisen. Die landenden Flugzeuge kann man im Abendhimmel blinken sehen. Verkehrstechnisch liegt das Ihme-Zentrum ideal.

Im Westteil wurde die Parkgarage sogar so konzipiert, dass dort auch eine U-Bahn-Station gebaut werden könnte. Eine der vielen – falschen – urbanen Legenden des Zentrums besagt, dass diese Station fertig und verlassen daliegen würde. Doch nur anhand der Pfeiler in der Parkgarage unter der Erde lässt sich erkennen, welche Baumöglichkeite es hier gibt. Denn Gleise wurden hier nie gebaut. Dafür stimmt eine andere Legende: Es gab hier einmal ein Schwimmbad, ein paar Stockwerke darüber, doch wurde es zugeschüttet. Und auch einen Bootsanlegeplatz gibt es.

Es gibt viele Gerüchte und Legenden über das Zentrum. Manche stimmen, andere wiederum wurden in all den Jahren gedichtet, und da der Komplex so viel Raum für die Fantasie lässt und keinen Sprecher hat, bekamen die Geschichten über die Zeit ein Eigenleben.

Der Block

Ja, es gibt Selbstmörder, die sich vorwiegend aus einem bestimmten Hochhaus werfen. Innerhalb des Ihme-Zentrum-Personals werden sie Springer genannt.

Ja, es gibt hier immer mal wieder Wohnungen, in denen Frauen als Prostituierte arbeiten.

Ja, hier leben Menschen, die Drogen konsumieren, anderen und sich gegenseitig aufs Maul hauen, klauen und sonstige kriminelle Aktivitäten als Beruf oder Hobby betreiben.

Ja, jugendliche Gangs hängen in den Ecken ab, kiffen, dealen und hören lauten Hip-Hop.

Ja, als Frau würde ich zu bestimmten Uhrzeiten an bestimmten Ecken nicht alleine lang gehen.

Ja, das alles passiert in einer Großstadt, und das ist nicht auf das Ihme-Zentrum beschränkt. In all den Jahren, in denen ich als Journalist Polizeimeldungen in Hannover geschrieben habe, hatte ich nicht eine Meldung aus dem Ihme-Zentrum.

Meine Nachbarn haben – so erzählen sie mir – selbst nur wenig Erfahrung mit Kriminalität und Gewalt im Zentrum gemacht. Woher also die Angst?

„Am Schlimmsten finde ich, dass hier alles so verwinkelt ist“, erzählt mir eine Nachbarin. „Hier gibt es so viele Nischen, in denen man sich perfekt verstecken kann. Das finde ich unangenehm.“ Das Ihme-Zentrum entzieht sich einer klaren Struktur, es ist nahezu organisch und leicht unlogisch aufgebaut. Dieses vermeintliche Chaos im Inneren überfordert viele Menschen. Warum das so ist, werde ich bald mit einem Architektur-Psychologen besprechen.

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