September 2014 – Der Ausblick

von Experiment Ihme-Zentrum

Der Ausblick nach Norden

Um 23 Uhr geht die Leuchtschrift am Hochhaus der Allianz aus. Im 14. Stock des Uni-Hochhauses leuchtet einsam der Süßigkeitenautomat, den ich noch aus meinem Studium kenne. Auf der Brücke der Spinnereistraße fährt die Stadtbahn der Linie 10. Gegenüber in der Glocksee treffen so langsam die abendlichen Gestalten ein. Ein paar Menschen mit Hunden sind im Park auf der anderen Seite der Ihme unterwegs. Zwei Minuten auf meinem Balkon in Richtung Norden.

Wenn ich auf meinen Balkon im Süden steige, habe ich das Raumschiff vor Augen. Oder den Klotz, wie er von der RAF genannt wurde, die in den 1970er-Jahren hier eine konspirative Wohnung hatte. Das ehemalige Einkaufszentrum, die Ihmepassage, unter mir hat vor einigen Jahren ein neues Dach bekommen, die Büros gegenüber sind leer, die Wohnungen alle belebt. Der Hausmeister sagte mir beim Einzug, dass ich in einem der besseren Blöcke wohne, dort gebe es kein Problem mit Kriminalität oder den Bewohnern generell. „Aber von anderen Häusern könnte ich Ihnen Geschichten erzählen, da würden Sie staunen!“ Es sind die Legenden, die sich Hannover seit der Eröffnung erzählt: Gewalt, Drogen, Kriminalität, Prostitution. Alles stimmt irgendwie, alles ist aber für einen Wohnblock in der Großstadt nicht besonders. „Und den Puff gibt es auch nicht mehr. Den haben sie vor Kurzem geschlossen“, erzählt mir einer der Hausmeister. „Die Nachbarn hatten sich vor allem darüber beschwert, dass durch die ganzen Besucher die Nebenkosten vom Fahrstuhl etc hochgingen. Außerdem war das wohl eher das niedrige Segment der Dienstleistenden, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Ansonsten würde hier auch nicht mehr abgehen, als im Rest von Linden. „Nur unten im Parkdeck 2 treffen sich manchmal die Jungs mit den Kampfhunden. Da wäre ich vorsichtig!

Die Passage

Auf die Frage, welche Vision er für das Zentrum hat, blüht der Hausmeister auf. „Die Wohnungen sind ja nahezu belegt, da müsste nur mal investiert werden.“ Neue Wasserrohre, neue Elektrik, vielleicht mal ein bisschen Farbe an die Wände. Sonst sehe das aber gar nicht so schlecht aus. „Innen sind die meisten Wohnungen ja gut. Modern geschnitten, groß, mit tollem Ausblick.“ Das Problem sei der gewerbliche Teil. Und da hat er die gleiche Position wie die meisten Menschen, mit denen ich über das Zentrum gesprochen habe. „Wenn ich das Geld übrig hätte, würde ich den Mittelteil, die Passage abreißen und vor allem alles luftiger gestalten. Hier fehlt ein Empfangsbereich.“

Auch was die Bedürfnisse der Bewohner angeht hat er konkrete Ideen. „Die meisten Menschen hier sind älter. Denen fehlt das Einkaufen und vielleicht ein Café. Ich wüsste schon genau, was ich hier alles ändern würde. Ich befürchte nur, dass die zukünftigen Investoren das anders sehen werden.“ Die große Angst im Zentrum ist, dass ein neuer Investor einfach gar nichts macht. Die zugesicherte Miete der Stadtwerke und der städtischen Behörden einstreicht und danach das Ganze weiterverkauft. „Aber aufgeben würde ich das Zentrum nicht. Hier steckt doch ein wahnsinniges Potenzial drin.“

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